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2.3.2011 | Von:
Axel Börsch-Supan

Ökonomische Auswirkungen des demografischen Wandels

Der demografische Wandel ist eine Herausforderung für das ganze Wirtschaftssystem. Seine ökonomischen Auswirkungen sind jedoch kein Schicksal, sondern können mit Arbeitsmarkt- und Sozialversicherungsreformen zu Chancen umgewandelt werden.

Einleitung

Der demografische Wandel ist einer der "Megatrends" des 21. Jahrhunderts, der die politische, soziale und ökonomische Situation unseres Landes entscheidend verändern wird. In 25 Jahren wird jeder dritte Bürger Deutschlands über 60 Jahre alt sein. Anteilsmäßig sind dies mehr als doppelt so viele pro Kopf der 20- bis 60-Jährigen wie heute. Dies ist ein dramatischer Strukturwandel der deutschen Bevölkerung. Die Alterung unserer Gesellschaft hat daher tief greifende Auswirkungen auf die Alters- und Gesundheitsvorsorge. Sie ist zudem eine Herausforderung an unser gesamtes Wirtschaftssystem, an den Arbeitsmarkt, die Produktion und den Kapital- und Immobilienmarkt unseres Landes.

Wird unser Lebensstandard sinken, weil die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter zurückgeht? Oder wird der Produktivitätsfortschritt auch weiterhin für einen steigenden Lebensstandard sorgen? Könnte der bislang "natürliche" Produktivitätsfortschritt durch die Alterung vermindert oder gar gestoppt werden, weil den Alten die Ideen ausgehen? Oder gibt es einen entgegengesetzten Rückkopplungsprozess, nach dem die Gesellschaft unter dem Druck der (demografischen) Verhältnisse neue Produktivitätsreserven erschließt? Dies sind beispielhafte Fragen, die zeigen, wie fundamental der demografische Wandel unsere ökonomische Situation beeinflussen kann.

Leider hat sich in Deutschland eine eher pessimistische Sicht eingestellt. Der demografische Wandel wird von den meisten als Bedrohung, die gesetzliche Rente als Auslaufmodell und das deutsche Gesundheitssystem nur als Kostenfaktor gesehen. Ich halte dies für eine Fehleinschätzung. Ich sehe in unserer steigenden Lebenserwartung und der stetig besser werdenden Gesundheit eine Ressource, die eine längere Erwerbstätigkeit ohne größere Einbußen an Lebensqualität ermöglicht und das Bedrohungspotenzial des demografischen Wandels in eine große Chance für Jung und Alt wendet. Auch das beliebte Argument, dass ältere Menschen den jüngeren die Arbeitsplätze wegnehmen würden, ist nach aller Evidenz grundlos.

Ob der dramatische Strukturwandel unseren Lebensstandard und unseren Sozialstaat bedroht, ist daher keineswegs ausgemacht, sondern hängt von unseren künftigen wirtschafts-, sozial- und arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen und unserer Reaktion auf diese politischen Maßnahmen ab.

Dieser Beitrag umfasst also spannende, hoch politische und daher sehr kontroverse Themen.[1] Im folgenden Abschnitt werden zunächst die demografischen und ökonomischen Rahmendaten geschildert, um die Herausforderung des demografischen Wandels und mögliche Lösungsansätze zu charakterisieren. Anschließend werden die ökonomischen Auswirkungen detailliert dargestellt, um diesen dann Lösungsansätze gegenüberzustellen. Schließlich werde ich ein typisches Simulationsmodell der Volkswirtschaftslehre auf die Problematik des demografischen Wandels anwenden und zeigen, wie sich unser Lebensstandard entwickeln kann, je nachdem welche Lösungsansätze ergriffen oder nicht ergriffen werden.

Fußnoten

1.
Vgl. Wissenschaftlicher Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Alterung und Familienpolitik. Gutachten für das Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, Berlin 2005.

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Seit 2011 zählt die Welt 7 Milliarden Menschen. Die Bevölkerung wird weiter ansteigen - und ist damit auch Problem sowie Gestaltungsgegenstand der Politik.

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