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2.3.2011 | Von:
Thomas Bryant

Alterungsangst und Todesgefahr - der deutsche Demografie-Diskurs (1911-2011)

Seit Langem wird in Deutschland über den demografischen Wandel diskutiert. Publizistisch inszenierte Angst vor einer "Vergreisung" und dem "Aussterben" des "deutschen Volkes" gehört offenbar dazu.

Einleitung

Obwohl die Interpretation des "demografischen Wandels" im 20. Jahrhundert auch in vielen anderen (vornehmlich westeuropäischen) Ländern nicht immer nach rationalen Gesichtspunkten erfolgte, so war sie doch vor allem in Deutschland durch eine geradezu außergewöhnliche Dramatisierung gekennzeichnet. Die Reflexion über die möglichen Folgen jenes demografischen Veränderungsprozesses war stets überschattet von anti-malthusianischen Gefahrenszenarios und apokalyptischen Untergangsängsten. Viele Wissenschaftler, Politiker und sonstige Personen des öffentlichen Lebens machten die sinkenden Geburtenraten für die von ihnen publizistisch inszenierte "nationale Tragödie" verantwortlich und verwiesen dabei immer wieder auf die dreifache Gefahr der vermeintlichen Überalterung, Schrumpfung und letztlich gar Selbstauslöschung des deutschen Volkes. Aus diesem Grunde wurde die "demografische Transition" als ein gänzlich abnormes und nachgerade pathologisches Phänomen (also eine "Volks-Krankheit" im buchstäblichen Sinne) aufgefasst, welches es dringend zu korrigieren gelte.

Der demografische Diskurs durchlief in Deutschland vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine unheilvolle Entwicklung, die von Anfang an durch diskriminierende, segregierende und nicht zuletzt auch eliminatorische Überlegungen und Praktiken geprägt war. Seine zweifelsohne radikalste Ausprägung erreichte er innerhalb der pro- und antinatalistischen sowie genozidalen Bevölkerungspolitiken des "Dritten Reiches". Dabei markierte die angewandte Demografie während der NS-Zeit zwar den verhängnisvollen Höhepunkt, aber keineswegs das Ende der politischen Instrumentalisierung bevölkerungsstatistischer Expertisen, deren Prophezeiungen als hochgradig beängstigend erachtet wurden. Letzteres lag im Zuge einer disziplinären Selbstinstrumentalisierung zum Teil durchaus in deren Intention, um sich auf diese Weise möglichst großen Einfluss zu verschaffen.

Wie im Folgenden auf der Grundlage zeitgenössischer Quellen erörtert wird, offenbart der demografische Diskurs in Deutschland über die politischen Systemumbrüche der Jahre 1918, 1933, 1945/1949 und 1989/1990 hinweg eine gewisse Kontinuität. Daran zeigt sich, dass die "demografische Alterung" nicht nur eines der zentralen Themen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts war, sondern dass darüber hinaus im Falle Deutschlands auch von einer besonderen "demografischen Kultur" mit einem ebenso besonderen "demografischen Gefahrensinn" gesprochen werden kann, der letztlich bis heute wirkt.[1]

Fußnoten

1.
Vgl. Thomas Bryant, Von der "Vergreisung des Volkskörpers" zum "demographischen Wandel der Gesellschaft". Geschichte und Gegenwart des deutschen Alterungsdiskurses im 20. Jahrhundert, in: Tel Aviver Jahrbuch für deutsche Geschichte, (2007) 35, S. 110-127.

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