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21.2.2011 | Von:
Karin Mlodoch

Zwischen individueller Verarbeitung und gesamtgesellschaftlicher Versöhnung: Vergangenheits-
bewältigung im Irak

Der Beitrag behandelt die anhaltenden Auswirkungen der Gewalt des Baath-Regimes. Angesichts ausbleibender Unterstützung und Anerkennung sowie politischer Instrumentalisierung entfremden sich die Opfer vom politischen Prozess.

Einleitung

Acht Jahre nach der US-geführten Militärinvasion im Irak und dem Sturz des Baath-Regimes ist die irakische Gesellschaft tief gespalten. Die zunehmende Fragmentierung entlang religiöser und ethnisch-nationaler Trennungslinien ist nicht nur mit den Folgen des Krieges, der Besatzung und des Machtvakuums im Irak nach 2003 zu erklären. Sie spiegelt auch die lang anhaltende und zerstörerische Wirkung der massiven Gewalt wider, der weite Teile der irakischen Bevölkerung unter der Diktatur des Baath-Regimes über Jahrzehnte ausgesetzt waren und welche die sozialen Strukturen in allen Teilen des Irak zerstört hat. Zehntausende Überlebende von Folter und Verfolgung und Angehörige von Opfern aus allen Bevölkerungsgruppen und Regionen des Landes warten nach wie vor auf die Öffnung der zahlreichen Massengräber und fordern Gewissheit, Gerechtigkeit und Entschädigung. Aber die anhaltende Gewalt im Irak fordert täglich neue Opfer, darunter auch Angehörige der ehemaligen Tätergruppen.

Das Ringen um einen nationalen Kompromiss aller politischen Kräfte zur Beendigung der Gewalt hat die Debatte um einen institutionellen Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit von der politischen Tagesordnung verdrängt. Die Opfer des Baath-Regimes fühlen sich enttäuscht und marginalisiert und entfremden sich dem politischen Prozess im Irak.

Im Mittelpunkt dieses Beitrags stehen kurdische Frauen im Irak, welche die sogenannten Anfal-Operationen der irakischen Armee im Jahr 1988 überlebt haben. Ihr Beispiel zeigt die zerstörerische Wirkung massiver Gewalt und unterstreicht die zentrale Bedeutung gesellschaftlicher und politischer Anerkennung ihrer Gewalterfahrungen für die Entwicklung neuer Lebensperspektiven. Der Beitrag fasst einige bisherige Ergebnisse des Forschungsprojekts "Gewalt, Erinnerung und Aufarbeitung im Irak - Die Perspektive Anfal überlebender Frauen in Kurdistan" am Zentrum Moderner Orient in Berlin zusammen.[1] Er fußt zudem auf langjährigen Arbeitserfahrungen der Autorin in psychosozialen Projekten mit Anfal überlebenden Frauen, insbesondere im Rahmen des Projekts "Erinnerungsforum Anfal". Hier engagieren sich die Frauen für eine selbst gestaltete und verwaltete Gedenk- und Begegnungsstätte in der Stadt Rizgary.[2]

Fußnoten

1.
Das Forschungsprojekt beschäftigt sich mit den Erinnerungen, Narrativen und Handlungsmöglichkeiten Anfal überlebender Frauen in der Autonomen Region Kurdistan, deren Veränderung durch die politischen Umbrüche im Irak in den vergangenen 20 Jahren und mit der Frage, wie der zögerliche und konfliktreiche Prozess der Aufarbeitung der Vergangenheit auf die Überlebenden und ihre Möglichkeiten der Bearbeitung von Gewalt- und Verlusterfahrungen zurück wirkt. Es trägt bei zur psychologischen Forschung über die gesellschaftlichen Bedingungen für die Bewältigung von Traumata und zur politischen und sozialwissenschaftlichen Debatte um "Versöhnungsstrategien" und Erinnerungspolitik in Gesellschaften nach Gewalt und Konflikt. Vgl. online: www.zmo.de/forschung/projekte_2008/
mlodoch_memory_iraq_e.html (3.2.2011).
2.
Das Projekt wird von dem deutschen Verein Haukari e.V. unterstützt. Vgl. online: www.haukari.de/projekteKI/anfal_memorial.htm (3.2.2011).