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21.2.2011 | Von:
Ferhad Ibrahim

Droht eine Zerstörung der ethnischen und religiösen Vielfalt im Irak?

Angesichts der Anschläge verstärkt sich auch bei Angehörigen der kleineren Gemeinschaften der Wunsch nach neuen autonomen Regionen. Hinzu kommt eine verstärkte Auswanderungswelle von nichtmuslimischen Gruppen.

Einleitung

Anschläge gegen irakische Christen, gegen Siedlungen und Einrichtungen der Yeziden in den Regionen Sinjar und Shaykhan (Provinz Ninawa) sowie gegen Angehörige der kleineren religiösen Minderheiten (vor allem Schabak und Mandäer) haben in den vergangenen drei Jahren zugenommen. Wie bei den Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten spielt auch hier Al Qaida eine wichtige Rolle. Bislang scheiterte sie beim Versuch, einen landesweiten konfessionellen und ethnischen Bürgerkrieg anzuzetteln, weshalb immer mehr die militärisch wehrlosen nichtmuslimischen Minderheiten oder heterodoxen islamischen Gruppen ins Visier geraten.

Al Qaida geht es um die Schaffung und Aufrechterhaltung von Unruhe und Chaos im Land, die Vorführung der Unfähigkeit von irakischen Sicherheitskräften, für Sicherheit zu sorgen, und die Vertreibung der nichtmuslimischen Minderheiten aus dem Irak. In diesem Kontext sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass die überwiegenden Anschläge gegen islamische Einrichtungen gerichtet und die meisten Opfer der Gewalt Muslime sind.

Auf den ersten Blick eher paradox wirkt die Tatsache, dass die Eskalation der Gewalt gegen religiöse und ethnische Minderheiten in einer Zeit stattfindet, in welcher Ethnizität und Konfessionalismus in der irakischen Politik immer mehr relativiert werden. Ethnisch-konfessionelle Grenzziehungen verlieren als Bezugspunkte an Bedeutung, und eine politische Differenzierung innerhalb der einzelnen ethnischen und konfessionellen Gruppen tritt deutlicher zutage. Innerhalb der drei größten Bevölkerungsgruppen (Schiiten, Sunniten und Kurden) spalteten sich die politischen Blöcke und machten Raum für mehr politischen Pluralismus.[1] Doch wie verträgt sich die Verfolgung von religiösen und ethnischen Minderheiten mit dem Prozess der ethnisch-politischen Differenzierung?

Fußnoten

1.
Vgl. Adeed Dawisha, Iraq: A Vote Against Sectarianism, in: Journal of Democracy, 21 (2010) 3, S. 27-40; Ferhad Ibrahim, Kriza Siysi ya li Iraqe u Rola Kurdan (Die politische Krise im Irak und die Rolle der Kurden), in: Le Monde Diplomatique Kurdi, Dezember 2010.