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10.1.2011 | Von:
Helga Theunert

Aktuelle Herausforderungen für die Medienpädagogik

Mediatisierung der Gesellschaft

Kommunikation und öffentliche Artikulation in medialen Räumen ist vielfach in individuelle Leben, soziale Gefüge und gesellschaftliche Strukturen integriert. Diese Veralltäglichung medialer Kommunikation und ihre Verschränkung mit sozialen Handlungspraktiken und kultureller Sinnkonstitution ist im Konzept der Mediatisierung gefasst.[3] Kommunikation wird hier generell als soziales Handeln und aufs Engste mit Medien verwoben begriffen. Mediale Kommunikation wirkt entsprechend gestaltend in Lebensbereiche und das Handeln der Menschen hinein. Aus dieser Perspektive sind die Strukturen und Optionen der Medienwelt und das subjektive Medienhandeln wesentliche Größen, um soziales Handeln in seiner gesellschaftlichen Dimension zu fassen.

Für die Medienpädagogik, die von einem wechselseitigen Interaktionsverhältnis von Gesellschaft, Medien und Subjekt ausgeht,[4] erweist sich das Konzept der Mediatisierung vor allem unter zwei Aspekten als hilfreich: Erstens unterstreicht es die konstitutive Bedeutung, die den Kommunikationspraktiken der Menschen für medialen und gesellschaftlichen Wandel zugeschrieben wird, sowie die handlungs- und subjektorientierte Perspektive, die für die Medienpädagogik leitend ist.

Zweitens werden mediale Entwicklungen nicht aus technischer Perspektive betrachtet, sondern explizit als soziales Geschehen verortet. Das fügt sich in die für die Medienpädagogik zentrale Verbindung von sozialer Handlungsfähigkeit, kommunikativer Kompetenz und Medienkompetenz ein.

Ein bedeutender Komplex bleibt im Konzept der Mediatisierung allerdings vage: Das produktive Medienhandeln, das zwar in der Regel mit kommunikativen Absichten und Anschlusshandeln verbunden ist, aber darin nicht aufgeht. In der Medienpädagogik ist das produktive Arbeiten mit Medien seit Langem als ein Mittel öffentlicher Artikulation und Selbstreflexion verankert.[5] Aktuell animiert das social web Jugendliche zu medialer Artikulation und bietet zugleich Veröffentlichungsflächen. Für die produzierenden Jugendlichen bergen die Herstellungsprozesse und das häufig explizit eingeforderte Feedback eine breite Palette identitätsrelevanter persönlicher und sozialer Erfahrungen, die für ihre sozialen Handlungskonzepte in medialen wie realen Räumen Bedeutung haben.[6] Die entstandenen Kommunikate, vorrangig diejenigen, die über Kopien massenmedialer Vorlagen hinausgehen und eigenständige Werke repräsentieren, eröffnen oftmals Einblicke in persönliche, soziale und kulturelle Lebenswelten, in Sichtweisen, Werthaltungen und Gefühlslagen. Diese Kommunikate werden wiederum von Jugendlichen als Ergänzung des massenmedialen Marktes und als authentischer Ausdruck der eigenen Generation wahrgenommen. Insbesondere Letzteres verleiht ihnen orientierendes Gewicht.

Im produktiven Medienhandeln verzahnen Jugendliche reales und mediales Handeln in vielfacher Weise: Material wird aus unterschiedlichsten Quellen inner- und außerhalb des Internets geschöpft, soziale Erfahrungen und Kompetenzerleben in den Produktionsprozessen sind in reale wie in mediale Handlungskontexte eingebettet, Selbstwirksamkeit und öffentliches Feedback werden online und offline gleichermaßen erfahren. Diese Verzahnung birgt einerseits Ressourcen für partizipatives Handeln mit medialen Werkzeugen und auf medialen Wegen, was angesichts zunehmender Mediatisierung mehr denn je gesellschaftliche Handlungsfähigkeit mit begründet. Andererseits konturiert diese Verzahnung eine Reihe von Spannungsfeldern, die für Jugendliche zu Fallstricken werden und aus denen Probleme resultieren können, die auch gesellschaftliches Leben tangieren. Ein wichtiges Stichwort ist informationelle Selbstbestimmung, die von Jugendlichen im produktiven Medienhandeln vielfach verletzt wird und gleichzeitig durch kommerzielle und staatliche Datensammelwut insgesamt in Gefahr gerät. Die Möglichkeit, sich mit medialen Mitteln öffentlich zur Geltung zu bringen, stellt die Medienpädagogik vor Herausforderungen, die im Folgenden am Beispiel des informationsbezogenen Medienhandelns knapp illustriert werden sollen.

Fußnoten

3.
Vgl. Friedrich Krotz, Kultureller und gesellschaftlicher Wandel im Kontext des Wandels von Medien und Kommunikation, in: Tanja Thomas (Hrsg.), Medienkultur und soziales Handeln, Wiesbaden 2008.
4.
Vgl. Helga Theunert/Bernd Schorb, Sozialisation mit Medien: Interaktion von Gesellschaft - Medien - Subjekt, in: Dagmar Hoffmann/Hans Merkens, Jugendsoziologische Sozialisationstheorie. Impulse für die Jugendforschung, Weinheim-München 2004.
5.
Vgl. dazu zahlreiche Projekte und Publikationen aus der praktisch-pädagogischen Arbeit des JFF (www.jff.de).
6.
Vgl. Helga Theunert (Hrsg.), Jugend - Medien - Identität. Identitätsarbeit Jugendlicher mit und in Medien, München 2009.