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10.1.2011 | Von:
Helga Theunert

Aktuelle Herausforderungen für die Medienpädagogik

Umgang mit Information: Exklusion oder Partizipation

Medien sind zentrale Informationsquellen und als solche werden sie auch von Jugendlichen genutzt. Deren Informationsverständnis ist breit gefächert und schließt für die Allgemeinheit relevante politische und gesellschaftsbezogene Information ebenso ein wie ausschließlich persönlich als nützlich und interessant Erachtetes, worunter auch Hilfe zur Alltagsbewältigung oder Zukunftsträume fallen, die vorzugsweise von Angeboten des Boulevardjournalismus oder Unterhaltungsmedien bedient werden.[7] Das Internet fungiert für Jugendliche als Fundgrube für alle erdenklichen Wissens- und Informationsbereiche, von Nachrichtenportalen der Massenmedien über thematisch ausgerichtete Netzwerke bis hin zu social-web-Angeboten wie Wikis, Blogs, Videoportale oder Online-communities. Diese nicht näher spezifizierte und inhaltlich ebenso wie hinsichtlich der Quellen ausfransende Nutzung der Medienwelt zu informativen Zwecken ist bei Jugendlichen insgesamt zu finden.[8]

Milieuunterschiede und Exklusionsrisiken werden erkennbar, wenn die Art der Informationen und die Informationsquellen differenziert werden. Für die Allgemeinheit relevante Angebote mit politischer und gesellschaftlicher Akzentuierung sind Jugendlichen in allen Medien umso weniger zugänglich, je niedriger ihr eigenes und das Bildungsniveau ihres sozialen Umfeldes ist. Diese im Kontext von Fernsehinformation als "Informationskluft" nachgewiesene Differenz[9] scheint (systematische Befunde stehen aus) in der konvergenten Medienwelt fortgeschrieben und verstärkt zu werden.

Die vielfältigen, aber auch diffusen und undurchsichtigen Informationsangebote des Internets erhöhen die Anforderungen hinsichtlich der Selektion und Differenzierung der Quellen und hinsichtlich der Einschätzung der Herkunft und Glaubwürdigkeit der Informationen. Es ist schwieriger geworden, den Wahrheitsgehalt eines Angebots zu überprüfen, weil alle Quellen sich gleichermaßen "wichtig machen". Ihre Qualifizierung erfordert Kenntnisse über die Strukturen der Medienwelt und zugleich Einordnungswissen in Bezug auf die Inhalte und Quellen. Dadurch kann die mit dem Faktor Bildung gekoppelte Informationskluft verstärkt werden, und es besteht die Gefahr, dass bildungsbenachteiligte Jugendliche neben zweifelhaften massenmedialen Informationsangeboten beliebige Online-Informationen (bis hin zu von Privatpersonen propagierten Meinungen) zur Orientierung heranziehen und daran ihre Welt- und Menschenbilder ausformen.

Eine Vertiefung bzw. neue Ausprägung kann die Informationskluft insofern erfahren, als partizipative Möglichkeiten informationsbezogenen Medienhandelns im social web - so weit bisher Befunde vorliegen - weitgehend nur von gut gebildeten und in der Medienwelt agilen Jugendlichen realisiert werden. Sie nutzen sozial und politisch ausgerichtete Internetportale zur Orientierung und beteiligen sich aktiv an deren Bestückung, indem sie Informationen weiterverbreiten, kommentieren und selbst generieren. Der aktive und partizipative Gebrauch medialer Informationssysteme lässt sich in einer Stufenfolge systematisieren:[10] Auf einer ersten Stufe geht es darum, sich selbst zu positionieren, also um erkennbare Zuordnung oder Abgrenzung im Hinblick auf relevante Ereignisse, Themen oder Aktionen. Auf der nächsten Stufe steht im Vordergrund, sich in Diskurse einzubringen, also eigene Meinungen zu vertreten und zur Diskussion zu stellen. Die dritte und oberste Stufe erfordert Eigeninitiative, um andere davon zu überzeugen, die eigenen Perspektiven mitzutragen oder aktiv zu teilen.

Aus dem skizzierten Stufenmodell lassen sich Hinweise gewinnen, welche Voraussetzungen und Anstrengungen notwendig sind, um Jugendliche insgesamt, aber vor allem die Bildungsbenachteiligten, dazu anzuregen, sich den medialen Informationssystemen nicht nur rezeptiv zuzuwenden, sondern sich aktiv in sie einzubringen und sie unter Maßgabe ihrer Belange mitzugestalten. Angesichts der Mediatisierung des sozialen und gesellschaftlichen Lebens, für die mediale Informationssysteme von herausragender Bedeutung sind, ist dies zweifellos eine wesentliche Aufgabe der Medienpädagogik.

In diesem Kontext werden zwei weitere Aspekte virulent, die diejenigen Jugendlichen betreffen, die in den Informationssystemen einen aktiven Part übernehmen: Zur Durchsetzung der für sie wichtigen kulturellen, sozialen oder politischen Anliegen schöpfen sie zielgerichtet und teilweise im positiven Wortsinn raffiniert die medialen Möglichkeiten aus. Damit erlangen sie Informationsmacht. Die damit verbundene soziale und ethische Verantwortung explizit ins Bewusstsein zu heben, markiert eine erste Notwendigkeit. Des Weiteren verzahnen gerade engagierte und medial agile Jugendliche ihr Handeln in medialen und realen Räumen in vielfacher Weise mit dem Resultat, dass die medialen Erfahrungen weit mehr sind als mentale Spielmasse, sie werden direkt als Lebenserfahrung verbucht. Unterstützt durch allerlei Pseudo-Beteiligungsformen in der Mitmachwelt des social web kann die Auffassung begünstigt werden, das mediale Handeln sei der Endpunkt und es genüge, sich in medialen Räumen zu artikulieren. Partizipation aber ist an reale Wirksamkeit gebunden, an die aktive Mitgestaltung sozialer Gefüge bis hin zur gesellschaftlichen Realität. Dieses Verständnis von Partizipation aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass engagierte Jugendliche in medialen Spielwiesen gehalten werden, ist eine weitere neuartige Herausforderung für die Medienpädagogik.

Fußnoten

7.
Vgl. Bernd Schorb/Helga Theunert, "Ein bisschen wählen dürfen ..." Jugend - Politik - Fernsehen. Eine Untersuchung zur Rezeption von Fernsehinformation durch 12- bis 17-Jährige, München 2000.
8.
Vgl. hierzu und zum Folgenden: Helga Theunert/Ulrike Wagner (Hrsg.), Alles auf dem Schirm? Jugendliche in vernetzten Informationswelten, 2011 (i.E.).
9.
Vgl. B. Schorb/H. Theunert (Anm. 7).
10.
Diese Stufenfolge wurde anhand des Medienhandelns Jugendlicher in communities entwickelt. Vgl. U. Wagner et al. (Anm. 1).