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Gezielte Grenzverletzungen - Castingshows und Werteempfinden


10.1.2011
Provokationen jeglicher Art gehören mittlerweile zum festen Repertoire der Castingshows. Das Fernsehpublikum wird dadurch zum voyeuristischen Beobachter moralischer Grenzverletzungen. Verschieben sich die Tabugrenzen?

Einleitung



Castingshows erzielen vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 14 und 29 Jahren hohe Einschaltquoten. Der Erfolg der Sendungen ist eng mit deren Protagonisten, ihrer Machart und ihren Produktionsweisen verknüpft. Die "Normalität" der Protagonisten, ihrer Sprache und der verhandelten Themen rückt Formate des sogenannten Reality-TV an die Lebenswelt des jugendlichen Publikums heran wie kaum ein anderes Fernsehangebot. Dabei geht es um weit mehr als "nur" triviale Unterhaltung. Reality-TV-Angebote bieten Kommunikationsmöglichkeiten zur Interaktion mit anderen. Die Sendungen liefern Material für verschiedene normative Diskurse, und sie bieten Möglichkeiten zur Verortung der Zuschauenden in wesentlichen gesellschaftlichen und kulturellen (Identitäts-)Räumen von Nation, Klasse, Geschlecht oder Ethnie.[1] Dabei erhöhen polarisierende Charaktere, verbale Ausfälle, körperliche Übergriffe und sexualisierte Darstellungen von Nacktheit die Einschaltquoten und machen die Sendungen zum Gesprächsthema. Die Zuschauer und Zuschauerinnen können über das Gesehene lachen, mit den Kandidaten und Kandidatinnen mitfiebern und sich mit ihnen identifizieren.

Neben der Freude am Erfolg von Kandidaten spielt im Rezeptionsprozess von Jugendlichen jedoch auch Schadenfreude eine große Rolle.[2] Insbesondere in der Medienpädagogik werden diese Rezeptionsmuster kontrovers diskutiert. Vor allem die abwertende und erniedrigende Zurschaustellung von Menschen wird als Grenzüberschreitung wahrgenommen, die Sensationslust und Voyeurismus am Schicksal und (Fehl-)Verhalten der dargestellten Personen fördert. Auch die kommerzielle Ausbeutung menschlicher Selbstdarstellungen zu Unterhaltungszwecken wird kritisch bewertet. Castingshows werden mithin als Formate analysiert, die ein neoliberales Bild der Selbstoptimierung idealisieren. Die in ihnen vermittelten Erwartungen und Werte des sozialen Zusammenlebens wie Selbstvermarktung, Anpassungsbereitschaft um jeden Preis, Wille zur Selbstausbeutung oder Unterwerfung könnten - so die Befürchtung - negativen Einfluss auf die überwiegend jungen Zuschauer haben.[3] Darstellungen wehrloser, schutzbedürftiger Personen oder von Menschen, die für sie offensichtlich Ekel erregende und unangenehme Aufgaben erfüllen müssen, werden als Verletzung der Menschenwürde empfunden.

So äußerte die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) in Bezug auf die Castingshow "Deutschland sucht den Superstar" ("DSDS") bereits mehrfach Befürchtungen, die Präsentation beleidigender Äußerungen und antisozialen Verhaltens, die Häme und Herabwürdigung anderer als legitim darstelle, könne bei Kindern eine desorientierende Wirkung haben. Im Jahr 2008 hatte die KJM mehrere Folgen der fünften "DSDS"-Staffel beanstandet und ein Bußgeld in Höhe von 100000 Euro verhängt. Zwei Jahre später stellte die KJM erneut einen Verstoß gegen die Jugendschutzbestimmungen fest.[4]

Obwohl über Castingshows und deren Wirkungen auf Jugendliche und junge Erwachsene heftig diskutiert wird, mangelt es bislang an empirischen Daten. Fragen nach den individuellen Rezeptions- und Nutzungsweisen sowie Aneignungsmustern von Castingshows insbesondere durch Jugendliche und junge Erwachsene sind bisher wenig erforscht. Erst in den vergangenen Jahren wendet sich die Wissenschaft diesem Thema stärker zu. Im Folgenden wird beschrieben, welche Erkenntnisse zur Faszination und Rezeption von Castingshows durch Jugendliche und junge Erwachsene vorliegen. Dabei gehen wir detaillierter auf eigene Arbeiten ein, die im Kontext eines Forschungsprojekts zu Skandalisierungen im Reality-TV und deren Bedeutung für Jugendliche entstanden sind.[5]

Performatives Reality-TV als Format



Castingshows lassen sich dem "performativen Realitätsfernsehen" zuordnen. Bei Formaten dieser Art handelt es sich nicht um fiktive Erzählungen mit professionellen Darstellern, sondern um Sendungen, die in das Leben von "echten" Menschen eingreifen und es verändern. Performative Reality-TV-Formate geben somit ein Versprechen auf authentische Darstellungen. Sie haben zwar einen realen Hintergrund, stellen aber selbstverständlich eine medienspezifische, dramaturgische Konstruktion dar. Kandidatinnen und Kandidaten werden gezielt auf konflikthafte Polarisierung gecastet, Schnitt und Auswahl der gezeigten Szenen sind bewusst gewählt, um möglichst spannend, emotional und dramatisch zu erzählen. Daneben sollen gezielte Grenzüberschreitungen im Rahmen der Programme für öffentliche Aufmerksamkeit sorgen. Provokationen jeglicher Art gehören mittlerweile zum festen Repertoire der Castingshows. Das Fernsehpublikum wird dadurch zum voyeuristischen Beobachter moralischer Grenzverletzungen. Die ethischen Probleme der Sendeformate ergeben sich in diesem Fall aus einer doppelten Verantwortung: einerseits gegenüber den agierenden Protagonisten und deren möglicher seelischer Beschädigung, besonders, wenn es sich um Kinder und Jugendliche handelt, sowie andererseits gegenüber dem Fernsehpublikum.

Hohe Einschaltquoten verbunden mit kostengünstiger Produktion haben Reality-TV zu einem erfolgreichen Format vorrangig bei privat-kommerziellen Fernsehanbietern gemacht. Mittlerweile finden Ausstrahlungen auch zur abendlichen prime time statt. Dabei stellen insbesondere Castingshows in Bezug auf ihren Bekanntheitsgrad und ihre Einschaltquoten erfolgreiche Programme dar, die nicht nur werktags hohe Zuschauerzahlen erzielen, sondern zum Bestandteil der klassischen Samstagabendunterhaltung geworden sind. Nicht allein aufgrund ihrer Popularität, sondern auch wegen ihres Programmumfangs nehmen sie damit eine besondere Stellung ein.

Den Beginn eines Booms dieser neuen Castingshows kennzeichnete die Ausstrahlung von "Popstars" auf RTL2 im Jahr 2000. Die Show, in der eine Mädchenband gesucht wurde, erreichte insbesondere in der Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen hohe Marktanteile. 2002 folgte auch RTL der mittlerweile weltweiten Castingwelle und produzierte "Deutschland sucht den Superstar", das auf dem amerikanischen Vorbild "Pop Idol" beruht. Der Erfolg der Sendung zog die Ausstrahlung einer Reihe unterschiedlicher Castingshows nach sich: allgemeine Talentwettbewerbe wie zum Beispiel "Das Supertalent" (RTL) oder "Star Search" (ProSieben), Gesangswettbewerbe wie "Die deutsche Stimme" (ZDF) oder "Ich Tarzan, Du Jane" (Sat.1), Tanzwettbewerbe wie "DanceStar" (VIVA) oder "You can dance" (Sat.1), Modelwettbewerbe wie "Germany's Next Topmodel" (ProSieben) und Schauspielwettbewerbe wie "Bully sucht die starken Männer" (ProSieben) oder "Mission Hollywood" (RTL). Daneben drang das Castingprinzip auch in andere Fernsehsendungen ein. Es gab Castings für Mentalisten ("The next Uri Geller", ProSieben), für Politiker ("Ich kann Kanzler", ZDF), Azubis und Jobbewerber ("Deine Chance! Drei Bewerber, ein Job", ProSieben) oder für Ehe- und Beziehungspartner ("Guilia in Love", ProSieben).

In der Programmgeschichte des Fernsehens stellen Castingshows jedoch keine Revolution dar, sondern knüpfen an die Traditionslinie der Talentwettbewerbe an. Bereits in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren zeigten sowohl ARD und ZDF als auch das Fernsehen der DDR Unterhaltungsshows, in denen Kandidaten ihre Talente unter Beweis stellen konnten.[6] In den heutigen Castingshows treten nicht nur die Kandidaten mit ihren künstlerischen Darbietungen in Erscheinung, sondern auch ihre Konflikte mit den jeweiligen Jurymitgliedern und anderen Kandidaten, ihr persönliches Umfeld und ihre Entwicklung im Rahmen des Coachings werden thematisiert. Castingshows bieten durch eine Mixtur aus Comedy, Soap und Elementen des Musikfernsehens Unterhaltung für ein sehr breites und heterogenes Publikum.

Durch Telefonabstimmungen werden die Zuschauer in den Auswahlprozess der Kandidaten einbezogen. Dieses partizipative Moment stärkt die Rückbindung an die Fangemeinde. Zugleich ist es Bestandteil neuer Finanzierungsstrategien, die neben der crossmedialen Vermarktung der Sendungen über vielfältige Medienangebote (Zeitschriftenmagazine zur Sendung, Internetangebote, Verkauf der Musik-CDs) zum wirtschaftlichen Erfolg der Sendungen beitragen. Exponierte Sponsorings, umfangreiche PR-Arbeit und Berichterstattung in diversen Zeitungen stilisieren die heutigen Castingshows zu übergreifenden Medienereignissen.[7]

Rezeption der Castingshows



Die offensive Präsenz von Reality-TV in der Medienöffentlichkeit trägt maßgeblich dazu bei, dass die Sendungen Gesprächsthema auf dem Schulhof oder dem Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatz sind. In einer Befragung des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) gaben 75 Prozent der befragten regelmäßigen Seher von "Germany's Next Topmodel" und 82 Prozent der "DSDS"-Seher an, dass sie sich jeweils am Tag nach den Sendungen auf dem Schulhof darüber unterhalten. Inhaltlich geht es dabei fast immer darum, die Darbietungen und das Verhalten der Show-Teilnehmer zu bewerten und die Entscheidungen der letzten Sendungen zu diskutieren.[8] Damit dienen die Sendungen zur Verhandlung von Verhaltensweisen und eigenen Handlungsoptionen in Konflikten. Daneben werden die Sendungsinhalte häufig auch durch die Nutzung anderer Medien, etwa über Zeitungen und Zeitschriften, verarbeitet und angeeignet.[9]

Castingshows werden generell häufiger von Mädchen und jungen Frauen gesehen als von ihren männlichen Altersgenossen. Eine 2010 veröffentlichte Onlinebefragung unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ergab, dass 12- bis 13-jährige Mädchen die stärkste Bindung zu den Sendungen aufbauen.[10] Je älter die Zuschauerinnen werden, desto weniger interessieren sie sich für die Sendungen. Während 59 Prozent der 12- bis 13-Jährigen sich noch oft oder manchmal Castingshows ansehen, sind es bei den 16- bis 17-Jährigen nur noch 33 Prozent und bei den 21- bis 24-Jährigen nur noch 24 Prozent. Unabhängig von ihrem Bildungshintergrund ist "DSDS" vor allem bei jüngeren Jugendlichen beliebt.[11] Das Jurymitglied Dieter Bohlen wird dabei als polarisierend wahrgenommen, und genau darin besteht offenbar ein wesentlicher Teil der Attraktivität. Hier werden jedoch geschlechtsspezifische Unterschiede erkennbar: Ein Großteil der männlichen Befragten sieht sich "DSDS" gerade deswegen an, weil die harte Kritik des Jurors geschätzt wird, selbst wenn er Kandidaten dabei persönlich verletzt.[12]

Wenn sich Jugendliche Castingshows ansehen, stehen für sie Unterhaltung, Spannung, Spaß und Zeitvertreib im Vordergrund. Besonders wichtig ist ihnen das repräsentierte Wettkampfgeschehen. Vor allem weibliche Jugendliche sehen sich die Sendungen an, weil sie wissen wollen, "wer gewinnt", "wer alles rausfliegt" und "wie es weitergeht".[13] Die männlichen Jugendlichen interessieren sich stärker für das Verhalten der Teilnehmenden selbst und nutzen die Sendungen vor allem, "weil man sich über viele Kandidaten lustig machen kann" oder "um Langeweile zu überbrücken".[14] "Ablästern" über den Auftritt der Kandidaten nannten insgesamt 77 Prozent der 9- bis 19-Jährigen als häufigstes Rezeptionsmotiv.[15] Die Jugendlichen scheinen sich damit emotional von den zuweilen erniedrigenden Erlebnissen der Kandidaten abzugrenzen.

Bewertung von Skandalisierungen und Provokationen



Trotz der bislang vorliegenden Erkenntnisse ist nach wie vor offen, worüber sich die Jugendlichen lustig machen, und wie sie die damit verbundenen moralischen Konflikte bewerten. Im Rahmen einer qualitativen Studie der Autorinnen wurde daher untersucht, wie sich Jugendliche, junge Erwachsene und deren Eltern zu Aspekten der ethischen Zulässigkeit (z.B. verbale Erniedrigungen) oder der Fragwürdigkeit ausgewählter Elemente (z.B. Entblößung von Intimitäten) in Castingshows verhalten.

Anhand von Gruppendiskussionen, Inhaltsanalysen, Fallstudien, Werbezeitanalysen und Expertenbefragungen haben wir untersucht, welche Relevanz Tabubrüche, Provokationen und Skandalisierungen im Reality-TV als Strategie der Aufmerksamkeitsgenerierung haben.[16] Aus Publikumssicht interessieren dabei vor allem folgende Fragen: Welche Verhaltensweisen und Darstellungen sind für die Jugendlichen in Fernsehsendungen tabu? Welche moralischen Grenzen formulieren die Jugendlichen in Bezug auf Castingshows und andere Reality-TV Sendungen? Welche Konflikte entstehen in Familien, wenn Kinder und Jugendliche Sendungen sehen wollen, die ihre Eltern für sich und für die Kinder ablehnen?

In den Gruppendiskussionen mit insgesamt 32 Teilnehmerinnen und Teilnehmern haben wir zunächst ausgewählte Sequenzen aus aktuellen Castingshows gezeigt, in denen Provokationen und Tabubrüche sichtbar werden. Die Gespräche zeigten dabei im ersten Schritt, worüber die Jugendlichen und deren Eltern sprechen, wenn sie sich in der Schule oder im Beruf über Castingshows unterhalten. Vor allem bei den Jugendlichen geht es weniger um einen moralischen Diskurs, sondern vorrangig um Emotionen. Ausgetauscht wird, welche Kandidaten man favorisiert und welche Kandidaten weiterkommen könnten. Daneben spielen jedoch auch Sensationen und Skurrilitäten einzelner Charaktere eine Rolle.

Die offensive crossmediale Vermarktung besonders provokativer Szenen, die in sendereigenen Magazinen wiederholt und in Printmedien aufgegriffen werden, schafft erfolgreich hohe Aufmerksamkeit und macht die Sendungen zum alltäglichen Gesprächsthema. Die Anschlusskommunikation der Jugendlichen dient der Herstellung von Zugehörigkeit in der Gruppe der Gleichaltrigen (peer group) und trägt durch die Abgrenzung von den Kandidaten zugleich zur eigenen Statussicherung bei. Dazu einige Beispiele aus den Gruppendiskussionen auf die Frage, worüber denn gesprochen werde:

"Also, wer rausgeflogen ist, oder was da manchmal für Idioten rumhopsen." (Stan, 12 Jahre)

"Wer besser ist. Zum Beispiel waren ja jetzt Menowin und Mehrzad im Finale, und da hat jeder dann drüber geredet." (Nino, 15 Jahre)

"Naja, da ist es so: Nein, wie konnten die nur die rausfliegen lassen? (...) Das ist doch die Einzige, die was im Kopf hatte oder so. Also eigentlich Sachen, die uns vollkommen scheißegal sein könnten. Aber es ist trotzdem so, dass man dann sagt, wie dumm die doch alle sind." (Lillith, 12 Jahre)

Die Gleichzeitigkeit affirmativer Teilhabe und Konstruktion moralischer Überlegenheit als Form jugendlicher Identitätskonstruktion wird am letzten Beispiel deutlich erkennbar. Dabei steuert die Sendungsregie das empathische Mitfühlen mit den jeweiligen Favoriten und Autoritäten. Bedeutsam ist die Identifikation insbesondere mit den Jurymitgliedern ebenso wie die Abgrenzung von einzelnen Kandidaten.

Die öffentlich ausgestellten Provokationen werden im Rahmen der Alltagsgespräche über die Sendungen in den Bereich des Privaten überführt, der an die diskursive Struktur des Klatsches anschließt. So tragen die medial erzählten Grenzverletzungen der Castingshows dazu bei, dass sich Jugendliche der gemeinsamen Regeln und Normen vergewissern. Aber auch Erwachsene loten damit im eigenen sozialen Umfeld eine gemeinsame Basis moralischen Handelns aus: Was gilt als peinlich? Was ist gewagt und mutig? Diskurse des Reality-TV bieten den Raum zur beständigen Neuverhandlung gesellschaftlicher Normen und Werte.[17]

Mit Blick auf Provokationen und Grenzverletzungen im Reality-TV stellt sich die Frage, ob sich zwischen den Beurteilungen der Jugendlichen und deren Eltern Unterschiede finden lassen. Lässt sich hier eine Verschiebung der Tabugrenzen feststellen? Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Gemeinsamkeiten in der Bewertung moralischer Grenzen überwiegen. Eine Verschiebung der Tabugrenzen im Sinne einer Auflösung moralischer Grenzen durch vermehrte Rezeption von Castingshows und Reality-TV-Formaten ließ sich in den Gruppendiskussionen nicht ausmachen. Vielmehr formulierten die befragten Jugendlichen und Eltern einmütig absolute moralische Grenzen, deren Überschreitung abgelehnt wird: Einerseits wird die Darstellung von Gewalt - hier in Form einer Kindesmisshandlung (im Coaching-Format "Super Nanny") - einmütig missbilligt; andererseits wird die expressive Zurschaustellung von Trauer beim Tod eines Elternteils (in der Castingshow "Popstars") als unzulässiger Eingriff in die Intimsphäre zurückgewiesen.

Mit Blick auf beleidigende Äußerungen bestätigen unsere Gespräche bisherige Ergebnisse. So bereiten die diskriminierenden Kommentare der Jury den Jugendlichen ganz offenbar Vergnügen, bedienen sie doch eine jugendliche Sehnsucht nach Grenzverstößen. Zugleich sind sich die Jugendlichen der Amoralität öffentlich inszenierter, persönlicher Erniedrigung durchaus bewusst, wie die folgenden Aussagen exemplarisch belegen:

"Also, (...) die Castings finde ich eigentlich immer ganz lustig. Wenn der Bohlen einen zum Beispiel beleidigt, da lacht man ja auch mit." (Ronny, 14 Jahre)

"Ja, bei 'Deutschland sucht den Superstar' ist das ja alles sehr lustig am Anfang, wenn da welche hinkommen, die sehr schlecht sind." (Ennio, 15 Jahre)

"Ich gucke das auch wegen Dieter Bohlen, denn der sagt ja seine Meinung und pusht die Stimmung. Gut, manches ist zu hart ausgedrückt, aber ich finde ihn eigentlich okay." (Idris, 15 Jahre)

"Naja, manche, wenn sie jetzt nicht zu niveaulos werden, sind schon lustig. Aber wenn die zu persönlich werden und verletzend, dann ist es auch irgendwie nicht mehr so [prustend] lustig." (Daniela, 16 Jahre)

Zugleich versuchten die Befragten, die Aussagen der Jury zu rechtfertigen. Damit folgen sie der hegemonialen Ordnung, bei der in der Inszenierung der Sendung die Autorität und Integrität der Jurymitglieder stets unangetastet bleiben. Im Rahmen dieser filmischen Erzählung und des räumlich und zeitlich beschränkten Spiels mit festgelegten Regeln können Jugendliche bei der Rezeption von Castingshows und anschließender Alltagskommunikation die moralischen Grenzüberschreitungen ohne negative Konsequenzen genießen. Zusätzlich schafft die Belustigung über Herabwürdigungen und Beleidigungen sowie das "Ablästern" über Kandidaten eine Distanz, von der aus die dargestellten Provokationen die eigene Lebenswelt nicht bedrohen. Damit ist es für die Jugendlichen möglich, über Beleidigungen zu lachen und sich - im Bewusstsein der immanenten moralischen Grenzverletzung des Gezeigten - mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen.

Auch die befragten Erwachsenen verweisen darauf, dass solche Provokationen Teil des Inszenierungsmusters der Sender sind ("Das ist ja auch ein Privatsender und nicht die Moralinstanz." Jürgen, 48 Jahre). Die Beleidigungen werden vom Publikum als Teil der Inszenierungsstrategie betrachtet, die nicht mehr schockieren ("Das ist einfach das Format. Da geht es ganz genau darum und um nichts Anderes, tut mir Leid." Ulla, 43 Jahre).

Während Jugendliche also in stärkerem Maße die dominante Lesart des Medientextes übernehmen und die moralische Legitimität der Jury reproduzieren, verweisen Eltern verstärkt auf die ökonomischen und strukturellen Bedingungen des Formats und stellen sich damit in Opposition zum moralischen Diskurs des Medientextes.

Beurteilung physischer und emotionaler Enthüllungen



Formen der Sexualisierung, die teilweise ästhetisch auf pornografische Darstellungsmuster zurückgreifen, spielen eine wesentliche Rolle in Castingshows und anderen Formen des Reality-TV (z.B. in der Reality-Soap "Big Brother", RTL2). Die visuelle Darstellung von Nacktheit in Castingshows oder Reality-TV-Sendungen wird von den jugendlichen Befragten jedoch nicht prinzipiell als Tabubruch empfunden. Sie verweisen bei ihrer Bewertung immer wieder auf die Freiwilligkeit der Handlungen und folgen der Logik der Sendedramaturgie. So rechtfertigen sie die Aktaufnahmen im Rahmen eines Fotoshootings in "Germany's Next Topmodel" damit, dass solche Bilder zum Beruf eines Models dazugehören.

Demgegenüber formulieren einige der befragten Eltern deutliche Kritik. Das im Ausschnitt gezeigte Fotoshooting, bei dem der Schambereich der Kandidatinnen nur mit Rosenblättern bedeckt war, beschreiben sie als unwürdig, weil junge Mädchen im Rahmen eines Wettbewerbs zur Nacktaufnahme gedrängt würden. Außerdem thematisieren sie den durch die Inszenierung der Sendung ausgeübten Druck auf die Mädchen:

"Also, ich fand es auch schon unangenehm einfach zu sehen, wie deutlich der Druck da auch aufgebaut wird. Und auch von den Positionen. Die liegen alle auf dem Boden, auf dem Rücken und die anderen Leute stehen alle drüber und reden die ganze Zeit: 'Denk an dies, denk an das, denk an alles, an alles, was du dein Leben lang gelernt hast!' Aber andererseits ist es das Prinzip der ganzen Sendung, was dann bloß in dem Moment sehr drastisch dargestellt wird." (Cornelia, 45 Jahre)

Hier wird die hegemoniale Struktur der Erzählung, bei der junge Frauen als zu formendes "Körpermaterial" inszeniert werden, kritisch bilanziert. Diese Sichtweise der Eltern können die jungen Zuschauerinnen durchaus reproduzieren, der eigenständige Reiz der Sendung bleibt dennoch:

"Ja also, mein Vater redet mit mir ziemlich oft darüber, damit ich es nicht aus dem Blick verliere, wie schlimm es ist, und wie eine Frau sich dort unterordnen muss." (Lillith, 12 Jahre)

Die Kommentierung des Gesehenen innerhalb der Familie ist eine häufig genutzte Strategie der Eltern, um den Fernsehkonsum der Kinder zu beeinflussen. Dabei fokussieren die befragten Eltern zwei unterschiedliche Aspekte. Zum einen begleiten sie die Rezeption unerwünschter Sendungen mit abwertenden Kommentaren, zum anderen versuchen sie, im Anschluss an die Rezeption medienkritische Gespräche mit ihren Kindern zu führen. Dabei machen sie auf die Werbestrategien, die Inszenierungsmuster und die medial repräsentierten Rollenbilder aufmerksam. Außerdem hoffen die Eltern darauf, dass ihr eigenes ablehnendes Verhalten bei den Kindern eine Vorbildfunktion hat.

Die Enthüllung von Privatem und Persönlichem wird von Jugendlichen gleichfalls als weniger problematisch wahrgenommen als von den befragten Erwachsenen. Die emotionalen Entblößungen dienen den Jugendlichen als Mittel zur Authentifizierung, anhand derer zum einen die Echtheit der Darstellungen überprüft werden kann und die zum anderen den Zuschauern emotionale Beteiligung ermöglichen. Der 15-jährige Akai beschreibt diese Möglichkeit zur empathischen Einfühlung folgendermaßen:

"Ich denk mal, das ist echt 'ne traurige Szene. Aber ich würde [sie] trotzdem zeigen, weil: Man fühlt sich denen ein Stück näher, wenn man so mitfiebert (...). Dann weiß man, die sind nicht nur im Fernsehen und das sind nicht nur Produkte, sondern auch Menschen."

Hier zeigt sich, dass sich eigene emphatische Teilhabe und das Wissen um medienspezifische Inszenierungsstrategien und deren Einsatz zum Zweck der Emotionalisierung als wirksames Mittel der Publikumsbindung gegenseitig nicht ausschließen. Medienkompetenz als reflexives Vermögen medienspezifische Inszenierungsweisen zu durchschauen, kann also durchaus erfolgreich einhergehen mit dem Vergnügen an dessen Rezeption.

Die Darstellung von Tod und privater Trauer - darin waren sich alle Befragten einig - sollte nicht Gegenstand öffentlicher Beobachtung im Reality-TV sein. Als expliziter Tabubruch gilt für die Befragten, wenn - wie in einem gezeigten Ausschnitt aus einer Castingshow sichtbar - einer Kandidatin oder einem Kandidaten die Nachricht vom Tod eines Elternteils übermittelt wird. Vor allem für die befragten Jugendlichen stellt die voyeuristische Inszenierung weinender Menschen eine Grenzverletzung dar. Ausgehend von der Beobachtung, dass Szenen mit weinenden und zum Teil auch trauernden Menschen recht häufig in Castingshows zu sehen sind, lassen unsere Befunde die Aussage zu, dass von einem Gewöhnungs- oder gar Abstumpfungsprozess durch eine regelmäßige Nutzung von Castingshows nicht gesprochen werden kann.

Fazit



Die Gruppendiskussionen haben Hinweise gegeben auf die Wahrnehmung moralischer Grenzen im Reality-TV und die Positionierung, die von Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Eltern dazu eingenommen wird. Dabei ließen sich weder Gewöhnungen noch Abstumpfungsprozesse gegenüber Provokationen und Tabubrüche feststellen. Moralische Regeln sind keinesfalls statisch und Bewertungen über zulässige und nicht mehr zulässige Provokationen variieren bis zu einem gewissen Grad subjektiv.

Allerdings gibt es Bereiche, in denen Normverletzungen in Castingshows bei Jugendlichen wie Erwachsenen eindeutig abgelehnt werden. Dies betrifft beispielsweise die Zurschaustellung von Trauer oder Gewalt gegen Kinder. Bei der Darstellung von Nacktheit und verbalen Beleidigungen fallen die Bewertungen der Erwachsenen deutlich kritischer aus als die der Jugendlichen, die diese Ereignisse als Projektionsfläche eigener Sehnsüchte einsetzen. In Castingshows, allen voran "Deutschland sucht den Superstar", werden Provokationen von Jugendlichen bis zu einem gewissen Grad nicht nur toleriert, sondern mit Vergnügen verfolgt. Sie bieten ihnen einen diskursiven Raum, im dem die jugendliche Sehnsucht nach Grenzüberschreitungen gegenüber Konventionen der Erwachsenenwelt gefahrlos ausgelebt werden kann.

Die Programmproduzenten reagieren offenkundig auf eben dieses Nutzungsinteresse. Insbesondere bei "DSDS" finden sich Grenzüberschreitungen und Tabubrüche, die vor allem männliche Jugendliche dazu einladen, Regeln der Erwachsenenwelt gefahrlos zu brechen. Jugendliche artikulieren voyeuristische Sehlust, insbesondere an verbalen Entgleisungen im Rahmen von Castingshows. Sie folgen bei ihrer moralischen Bewertung der dramaturgischen Erzählstruktur der Formate, die Provokationen als konstitutiven Bestandteil rechtfertigen.

Wenn Provokationen und moralische Grenzverletzungen hierbei von den Jugendlichen als strategisches Kommunikationsereignis identifiziert und bewertet werden, verlieren sie einen Teil ihres bedrohlichen Potenzials. Das reflexive Vermögen, die Entstehungs- und Verwertungsbedingungen dieser Formate analytisch zu durchschauen, verhindert eine Übernahme der dargestellten sozialen Verhaltensweisen und schafft das Vermögen, Funktionsweisen von (Medien-)Öffentlichkeit kritisch zu erkennen.

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Fußnoten

1.
Vgl. Elisabeth Klaus/Barbara O'Connor, Aushandlungsprozess im Alltag: Jugendliche Fans von Castingshows, in: Jutta Röser/Tanja Thomas/Corinna Peil (Hrsg.), Alltag in den Medien - Medien im Alltag, Wiesbaden 2010.
2.
Vgl. Maya Götz/Johanna Gather, Wer bleibt drin, wer fliegt raus? Was Kinder und Jugendliche aus Deutschland sucht den Superstar und Germany's Next Topmodel mitnehmen, in: Televizion, 23 (2010) 1, S. 52-59; Achim Hackenberg/Daniel Hajok/Achim Lauber/Olaf Selg/Maren Würfel, Castingshows und Coachingsendungen im Fernsehen. Eine Untersuchung zur Nutzung und Bewertung durch Jugendliche und junge Erwachsene, in: tv diskurs, 14 (2010) 1, S. 58-71.
3.
Vgl. Tanja Thomas, "Mensch, burnen musst Du!" Castingshows als Werkstatt des neoliberalen Subjekts, in: Zeitschrift für Politische Psychologie, 12 (2004) 1-2, S. 191-208; dies., "An deiner Persönlichkeit musst du noch ein bisschen arbeiten." Plädoyer für eine gesellschaftskritische Analyse medialer Unterhaltungsangebote, in: tv diskurs, 9 (2005) 4, S. 38-43.
4.
Vgl. KJM, Pressemitteilungen vom 9.7.2008 und 21.1.2010.
5.
Das Forschungsprojekt "Skandalisierung und Provokationen als Quotenbringer in Zeiten rückläufiger Werbeeinnahmen? Analyse aktueller Castingshow- und Reality-Doku-Formate" wurde im Auftrag der Landesanstalt für Medien Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit der House of Research GmbH von Oktober 2009 bis August 2010 realisiert. Für die vollständigen Ergebnisse vgl. Margreth Lünenborg/Dirk Martens/Tobias Köhler/Claudia Töpper, Skandalisierung im Fernsehen. Strategien, Erscheinungsformen und Rezeption von Reality TV Formaten, Berlin 2011 (i.E.).
6.
Zum Beispiel "Toi Toi Toi - Der erste Schritt ins Rampenlicht" (ARD 1957), "Und Ihr Steckenpferd" (ZDF 1963) oder "Wer will der kann - Die Talentprobe für jedermann" (ARD 1964). In der DDR gab es "Die waren noch nie da" (DFF 1957) und "Herzklopfen kostenlos" (DFF 1958). Vgl. Tanja Thomas, Showtime für das "unternehmerische Selbst" - Reflexionen über Reality-TV als Vergesellschaftungsmodus, in: Lothar Mikos/Dagmar Hoffmann (Hrsg.), Mediennutzung, Identität und Identifikationen. Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen, Weinheim-München 2007.
7.
Vgl. Knut Hickethier, "'Bild' erklärt den Daniel" oder "Wo ist Küblböcks Brille?" - Medienkritik zur Fernsehshow "Deutschland sucht den Superstar" (2003), in: Ralph Weiß (Hrsg.), Zur Kritik der Medienkritik. Wie Zeitungen das Fernsehen beobachten, Berlin 2005, S. 339.
8.
Vgl. M. Götz/J. Gather (Anm. 2), S. 54. In der qualitativen Studie wurden vor allem Mädchen zwischen 12 und 21 Jahren befragt, die regelmäßige Seherinnen von "Germany's Next Topmodel" und/oder "DSDS" sind. An der offenen schriftlichen Befragung über "Germany's Next Topmodel" nahmen insgesamt 120 Jugendliche teil, davon 98 Mädchen und 22 Jungen, und an der Befragung über "DSDS"insgesamt 57 Heranwachsende, davon 53 Mädchen und 3 Jungen. Zusätzlich wurden 1166 repräsentativ ausgewählte Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 19 Jahren in standardisierten Interviews befragt und Videoaktionen und Gruppendiskussionen mit Schulklassen ausgewertet.
9.
Vgl. A. Hackenberg et al. (Anm. 2), S. 62.
10.
Vgl. ebd. In der quantitativen Onlinebefragung wurden 1165 Jugendliche im Alter von 12 bis 17 Jahren und 1484 junge Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren befragt (62 Prozent weiblich, 38 Prozent männlich).
11.
Vgl. ebd.
12.
Vgl. M. Götz/J. Gather (Anm. 2), S. 61.
13.
Vgl. ebd., S. 53.
14.
Vgl. A. Hackenberg et al. (Anm. 2), S. 61f.
15.
Vgl. M. Götz/J. Gather (Anm. 2), S. 57.
16.
Vgl. M. Lünenborg et al. (Anm. 5).
17.
Vgl. hierzu auch Annette Hill, Reality TV: audiences and popular factual television, London 2005.