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"Medienkompetenz" - Chimäre oder Universalkompetenz? - Essay


10.1.2011
Medienkompetenz ist zu einem gesellschaftlichen Leitbild avanciert. Doch der im eigentlichen Sinne medienkompetente Bürger ist von Politik, Industrie und Medien gar nicht erwünscht – gefragt ist der Konsument.

Einleitung



Der durch die mikroelektronische und digitale Revolution in den 1980er Jahren ausgelöste gesellschaftliche Wandel wird heute zu Recht als ein mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichbarer kulturrevolutionärer Umbruch begriffen. Von den Sozialwissenschaften als Transformation der Industriegesellschaft in eine Informations- und Wissensgesellschaft beschrieben, in der Produktions- und Kommunikationsprozesse zunehmend auf der Verarbeitung von Informationen und Wissen beruhen, hat er unseren Lebens- und Arbeitszusammenhang tiefgreifend verändert. Der softwarebasierte Technologieschub hat uns neue Produktions-, Informations- und Kommunikationsstrukturen beschert, durch die unsere diesbezüglichen Möglichkeiten erheblich erweitert worden sind.

Wir leben heute in einer von den neuen, digitalen Medien durchdrungenen und vermittelten Welt, in der die oder der Einzelne über das Internet und die audiovisuellen Massenmedien Zugang zu einem unüberschaubaren Informations-, Wissens- und Unterhaltungsangebot hat, das unsere Vorstellung und unser Wissen von der Welt und der Gesellschaft, in der wir leben, maßgeblich prägt. Die für den erfolgreichen Umgang mit den neuen Medien und den durch sie generierten Informations- und Kommunikationsstrukturen erforderlichen Fähigkeiten und Kenntnisse werden unter dem vielversprechenden Label Medienkompetenz gehandelt.

Lange Zeit ein wenig beachtetes und bisweilen auch belächeltes Konstrukt der Medienpädagogik, ist Medienkompetenz in den vergangenen beiden Jahrzehnten zu einem mehr oder weniger fraglos akzeptierten gesellschaftlichen Leitbild avanciert, das gleichermaßen von der Politik, der Wirtschaft, den Medien und der Medienpädagogik propagiert wird. Insbesondere die Politik wird nicht müde, sie gebetsmühlenartig als unabdingbare Basiskompetenz für eine angemessene politische, kulturelle und ökonomische Teilhabe des Einzelnen am gesellschaftlichen Leben und am Wohlstand der postindustriellen Informations- und Wissensgesellschaft zu beschwören. Sie wird den Bürgerinnen und Bürgern nicht nur als notwendige Voraussetzung für ihre Beschäftigungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt, ihre Teilhabe an der demokratischen Meinungs- und Willensbildung und die erfolgreiche Orientierung in dem durch das Internet aufgeschlossenen Informations- und Wissensuniversum verkauft, sondern auch als wirksamer Schutz vor den Fallstricken, Risiken und Gefahren der postmodernen Mediengesellschaft.

Wem es an Medienkompetenz mangelt, so die in zahlreichen medienpolitischen Papieren der Parteien, Ministerien und Wirtschaftsverbände unterschwellig mitlaufende Drohung, läuft Gefahr, den Anforderungen der Wissensgesellschaft nicht gewachsen zu sein und auf der Strecke zu bleiben.