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28.12.2010 | Von:
Petra Böhnke

Ungleiche Verteilung politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation

Soziale Ungleichheit und Polarisierung von Lebenslagen

Diese Entwicklungen sind erklärungsbedürftig. Wenn demokratische Prozesse und Wahlentscheidungen verstärkt durch Lobbyismus und eine zunehmende Machtkonzentration bei kapitalkräftigen Meinungsmachern unterhöhlt werden,[8] macht das eine zunehmende Politikverdrossenheit bei der breiten Masse der Bevölkerung mehr als verständlich. Einflussmöglichkeiten werden als gering eingeschätzt, wenn sich Macht und Meinungsherrschaft bei einigen wenigen konzentrieren. Bei sich ausdehnender sozialer Ungleichheit und einer verstärkten Polarisierung von Lebenslagen müsste sich das politische Engagement der Gesamtbevölkerung somit verringern. Der Teufelskreis ist dann schwer zu durchbrechen: Wenn benachteiligte Bevölkerungsgruppen seltener partizipieren und zur Wahl gehen, ist der Anreiz für Politiker gering, ihre Interessen zu vertreten. Umgekehrt ist der Anreiz zu wählen für Menschen gering, die ihre Interessen nicht vertreten sehen.[9]

Soziale Ungleichheit scheint in mehrfacher Hinsicht der Schlüssel für ein Verständnis des Problems zu sein: Neuere Beteiligungsformen setzen ein hohes Kompetenzniveau in Bezug auf Verhandlungsgeschick, strategisches Denken, Redegewandtheit, Selbstvertrauen voraus. Bildung bestimmt nicht umsonst dominant die politische und zivilgesellschaftliche Teilhabe.[10] Aber die Determinanten gehen über die individuelle Ressourcenausstattung hinaus. Nicht nur der persönliche Lebensstandard ist entscheidend, sondern auch die Lebens- und Verwirklichungschancen, die eine Gesellschaft als Ganzes zur Verfügung stellt - soziale Ungleichheit ist auch als Kontextfaktor relevant. Stark polarisierte Lebenschancen und ein weit verbreitetes Ungerechtigkeitsempfinden in einer Gesellschaft reduzieren das Vertrauen der Menschen untereinander, was zu einer geringeren Bereitschaft führt, sich für die Allgemeinheit zu engagieren.[11]

Vergleichsweise egalitäre und sichere Nationen weisen höhere Beteiligungsraten auf: Wo Einkommensungleichheit als moderat empfunden wird und das soziale Sicherheitsnetz mehrheitlich zugänglich und großzügig ist, sind Demokratiezufriedenheit, Vertrauen in die Institutionen und Partizipationsraten höher. Auch im Hinblick auf die Wahlbeteiligung konnte im Ländervergleich festgestellt werden, dass universelle sozialstaatliche Programme zur politischen Integration der Wahlbevölkerung beitragen und schichtspezifische Ungleichheiten in Grenzen halten.[12] Dieser Zusammenhang besteht ungeachtet der materiellen Versorgung und sozialen Integration des Einzelnen.[13]

Aus Sicht der Konflikttheorie sind diese Zusammenhänge allerdings nicht zwingend: Sollte man nicht eher annehmen, dass eine Polarisierung der Lebenschancen Auseinandersetzungen um Verteilungsfragen und sozialpolitische Reformen anheizt und infolge dessen sowohl das Interesse an Politik als auch die politischen Beteiligungsquoten steigen müssten?[14] Empirische Forschung bestätigt aber in erster Linie die ressourcentheoretischen Überlegungen: Politische Beteiligung steigt mit der Verfügbarkeit über Bildung, Einkommen und Kompetenzen. Nicht Protest und Engagement, sondern Resignation und Apathie gehen mit prekären Lebenslagen einher, wenn diese dem individualisierten Zeitgeist entsprechend als Schicksalsschläge persönlich verantwortet werden und immer weniger einer gesellschaftlichen und politischen Gestaltung zugänglich erscheinen.[15]

Fußnoten

8.
Vgl. Colin Crouch, Post-Democracy, Cambridge-Malden 2004.
9.
Vgl. Frances Fox Piven/Richard A. Cloward, Why Americans Don't Vote, New York 1988; Robert Goodin/John Dryzek, Rational participation: The politics of relative power, in: British Journal of Political Science, 10 (1980), S. 273-292.
10.
Vgl. Kay Lehman Schlozman/Benjamin I. Page/Sidney Verba/Morris P. Fiorina, Inequalities of political voice, in: Lawrence R. Jacobs/Theda Skocpol (eds.), Inequality and American democracy. What we know and what we need to learn, New York 2005, S. 19-87.
11.
Vgl. Eric M. Uslaner/Mitchell Brown, Inequality, trust, and civic engagement, in: American Politics Research, 33 (2005) 6, S. 868-894.
12.
Vgl. Jens Alber/Ulrich Kohler, Die Ungleichheit der Wahlbeteiligung in Europa und den USA und die politische Integrationskraft des Sozialstaats, in: Leviathan, 35 (2007) 4, S. 510-539.
13.
Vgl. Frederick Solt, Economic Inequality and Democratic Political Engagement, in: American Journal of Political Science, 51 (2008) 1, S. 48-60.
14.
Vgl. J. Eric Oliver, Democracy in Suburbia, Princeton/New Jersey 2001; Allan H. Meltzer/Scott F. Richard, A Rational Theory of the Size of Government, in: Journal of Political Economy, 89 (1981) 5, S. 914-924; Henry E. Brady, An Analytical Perspective on Participatory Inequality and Income Inequality, in: Kathryn M. Neckerman (ed.), Social Inequality, New York 2004, S. 667-702.
15.
Vgl. Petra Böhnke, Risiken sozialer Ausgrenzung, Opladen 2006, S. 151ff.