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28.12.2010 | Von:
Petra Böhnke

Ungleiche Verteilung politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation

Partizipation nach kritischen Lebensereignissen

Wenige Erkenntnisse gibt es bislang darüber, ob bestimmte Ereignisse im Verlaufe eines Lebens ausschlaggebend dafür sind, dass Engagement und politische Aktivität aufgegeben werden. Wenn Armut und Arbeitslosigkeit in enger Verbindung mit niedrigen Partizipationsraten stehen, muss man die Frage stellen, ob der Einkommens- oder Jobverlust unmittelbar mit dem Rückzug von Engagement und politischer Partizipation verbunden ist. Anomietheoretische Überlegungen, die von Entfremdung, Resignation und Ungerechtigkeitsempfinden in Folge sozialer Abstiege ausgehen, legen diesen Schluss nahe.[16]

Die meisten Studien, die einen Zusammenhang zwischen diesen Lebensrisiken und Partizipationsquoten feststellen, beruhen aber auf Querschnittserhebungen - einmalig durchgeführte Umfragen, die eine Momentaufnahme, aber keine Entwicklungen aufzeigen können. Damit kann man letztlich nicht feststellen, was zuerst da war - niedrige Partizipation oder eine prekäre Lebenslage. Um einer Lösung dieser Kausalitätsproblematik näher zu kommen, brauchen wir Informationen über Teilhabeverhalten vor und nach kritischen Lebensereignissen. Für Arbeitslosigkeit liegen hier einige wenige Ergebnisse vor, die andeuten, dass das Ehrenamt in Deutschland mit dem Eintritt in die Arbeitslosigkeit überdurchschnittlich oft aufgegeben wird.[17]

Es erscheint plausibel, dass altruistische Motive in den Hintergrund treten, wenn plötzlich die eigene Existenzsicherung auf dem Spiel steht. Dies würde die Aufgabe ehrenamtlichen Engagements in einer prekären Lebenssituation verständlich machen. Auch Scham und Stigmatisierung können für einen Rückzug ausschlaggebend sein, wenn sowohl der Lebensstandard als auch die Lebenserfahrung von Freunden und Bekannten nicht mehr selbstverständlich geteilt werden können.

Es gibt aber auch in Ergänzung zu den oben bereits beschriebenen Überlegungen Argumente, die für die Beibehaltung oder sogar Hinwendung zu politischem und ehrenamtlichen Engagement sprechen. Lebensrisiken wie Armut und Arbeitslosigkeit können in ihren Auswirkungen variieren, je nach Lebensphase (Alter, Familienstand, Gesundheitszustand) und gesellschaftlichem Kontext (soziales Sicherungsnetz, Werthaltungen, Ideologie), in denen sie auftreten.

Für einen jungen Menschen in Ausbildung beispielsweise ist ein niedriger Lebensstandard akzeptabler, weil er als Übergangsphase gedeutet wird. Zudem entscheidet die individuelle Ressourcenausstattung sowie die Einbettung in unterstützende Netzwerke mit darüber, wie sich der Umgang mit schwierigen Lebensereignissen gestaltet: Ein hoher Bildungsabschluss beispielsweise macht es sehr wahrscheinlich, dass die Phase der Arbeitslosigkeit kurz bleibt. Und wenn Freunde und Bekannte stark engagiert sind, sich möglicherweise sogar ein großer Teil des sozialen Netzwerks über Teilhabeaktivitäten gebildet hat, ist das Beibehalten des Engagements sehr wahrscheinlich, weil es zur Identitätsstabilisierung beiträgt.

Des Weiteren gibt es bislang wenige Erkenntnisse dazu, ob Partizipation und Solidarität Verhaltensweisen sind, die tatsächlich stark auf Situationsveränderungen reagieren und somit in erster Linie von sozialstrukturellen Rahmenbedingungen abhängig sind, oder ob sie nicht vielleicht eher auf stabilen Persönlichkeitsmerkmalen und individuellen psychischen Dispositionen beruhen.[18]

Abbildung 2 (sh. Abb. in der PDF-Version) zeigt, wie stark die Partizipationsformen in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen vertreten sind. Es wird unterschieden zwischen Personen, die im Beobachtungszeitraum nie arm waren, und Personen, die in diesem Zeitraum mindestens einmal arm wurden: Im Jahr vor der Verarmung und im Jahr, in dem der Abstieg in Armut erfolgt. Zusätzlich ausgewiesen sind die Partizipationsquoten der Langzeitarmen (mehr als drei aufeinanderfolgende Jahre in Armut).

Man sieht auf den ersten Blick, dass Partizipationschancen mit zunehmender Armutsnähe und -dauer geringer werden. Menschen, die keinem Armutsrisiko ausgesetzt sind, sind politisch und ehrenamtlich aktiver. Vor allem Personen, deren Armutslage sich verfestigt hat, machen von ihren Teilhaberechten kaum mehr Gebrauch. Die größten Unterschiede zeigen sich zwischen Personen, die keinerlei Armutserfahrungen machen und solchen, die einem Armutsrisiko ausgesetzt sind (sich kurz vor dem Abstieg befinden oder bereits verarmt sind).

Aber: Mit dem Abstieg in Armut scheinen nur geringe Veränderungen der politischen und zivilgesellschaftlichen Teilhabe einher zu gehen. "Noch-Nicht-Arme" unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Partizipationsquoten nur geringfügig von den neu Verarmten. Und auch komplexere statistische Berechnungen, die dem Prozesscharakter der Daten gerecht werden und andere eintretende Ereignisse und Eigenschaften der Personen berücksichtigen, bestätigen nur einen mäßigen negativen Effekt der Verarmung auf Partizipation: Mit dem Unterschreiten der Armutsgrenze sinkt das Partizipationsverhalten nur geringfügig.

Zwei Erklärungen sind dafür plausibel. Zum einen muss eine (erst) kurze Armutsperiode nicht das Aufzehren aller materiellen Ressourcen bedeuten und sofort jeglichen Optimismus, sich aus dieser Lebenslage wieder zu befreien, untergraben. Kurze Armutsperioden sind darüber hinaus bei Personen häufiger, deren Qualifikationsniveau höher ist und entsprechend sind es auch die Chancen, aus einer Armutslage wieder heraus zu gelangen. Auswirkungen auf das Freizeit- und Teilhabeverhalten treten erst verzögert ein und sind an längere Armutsperioden geknüpft.

Zum anderen handelt es sich um einen Selektionseffekt. Arme rekrutieren sich mehrheitlich aus armutsnahen Schichten. Ein Großteil der Verarmenden kommt aus Einkommenslagen, die nur unwesentlich über der Armutsgrenze liegen, das heißt die Lebensqualität der Betroffenen einschließlich ihrer Partizipationschancen sinken nicht auf ein wesentlich niedrigeres Niveau, weil sie sich auch schon vor dem Abstieg dort befunden haben.

Die entsprechenden Berechnungen für Arbeitslosigkeit sind hier nicht gesondert ausgewiesen, weil sie das eben beschriebene Muster reproduzieren. Negative Auswirkungen auf das Teilhabeverhalten, die mit dem Jobverlust einhergehen, sind gering. Zwar sind Arbeitslose nur in geringfügigem Maße am politischen und zivilgesellschaftlichen Leben beteiligt. Aber auch vor dem Jobverlust ist ihre Partizipationsquote nicht wesentlich höher, denn Arbeitslose kommen nicht aus allen Bevölkerungsschichten gleichermaßen, sondern weisen bestimmte Merkmale auf. Ausschlaggebend ist hier insbesondere mehrheitlich ein geringeres Bildungs- und Qualifikationsniveau, das sowohl eine erhöhte Wahrscheinlichkeit bedeutet, den Job zu verlieren, als auch eine größere Hürde für die Aufnahme von politischem und zivilgesellschaftlichem Engagement darstellt.

Fußnoten

16.
Vgl. Emile Durkheim, Der Selbstmord, Neuwied-Berlin 1973 [1897]; Robert K. Merton, Social Theory and Social Structure. Methods and Research, Free Press 1968 [1938], S. 174-199.
17.
Vgl. Marcel Erlinghagen, Arbeitslosigkeit und ehrenamtliche Tätigkeit im Zeitverlauf. Eine Längsschnittanalyse der westdeutschen Stichprobe des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Jahre 1992 und 1996, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 52 (2000), S. 291-310; Susanne Strauß, Volunteering and Social Inclusion. Interrelations between Unemployment and Civic Engagement in Germany and Great Britain, Wiesbaden 2007.
18.
Vgl. Siegfried Schumann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Harald Schön, Persönlichkeit. Eine vergessene Größe der empirischen Sozialforschung, Wiesbaden 2005; Beatrice Rammstedt, Welche Vorhersagekraft hat die individuelle Persönlichkeit für inhaltliche sozialwissenschaftliche Variablen?, Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen (ZUMA) Arbeitsbericht, (2007) 1.