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28.12.2010 | Von:
Petra Böhnke

Ungleiche Verteilung politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation

Politisches Interesse und Persönlichkeitsmerkmale

Am Beispiel des politischen Interesses soll einer weiteren Frage nachgegangen werden. Es hat sich gezeigt, dass das politische Interesse zwar schichtspezifisch verteilt ist, aber kaum direkt auf eintretende Armutserfahrungen reagiert. Dabei muss sicherlich in Rechnung gestellt werden, dass es sich bei politischem Interesse weniger um eine messbare Aktivität als um ein Einstellungsmerkmal handelt. Abschließend soll im Mittelpunkt stehen, welche Relevanz Persönlichkeitsmerkmale für die Ausprägung von politischem Interesse haben und in welchem Verhältnis sie dabei zu sozio-ökonomischen Merkmalen stehen. Eine Auswertung der SOEP-Daten aus dem Jahr 2005 erlaubt es, neben sozio-demografischen (Alter, Geschlecht, Bildung, Familienstand) und ökonomischen Faktoren (Einkommen, Erwerbsstatus) auch persönlichkeitsbezogene Merkmale in die Analyse zu integrieren.[19] Hierbei handelt es sich um Ausprägungen wie Gewissenhaftigkeit (gründlich, effizient), Neurotizismus (nervös, gestresst, sorgenvoll), Extraversion (kommunikativ, gesellig), Offenheit für Erfahrungen (phantasievoll, originell) und Verträglichkeit (rücksichtsvoll, freundlich, empathisch) - Eigenschaften, die als Big-Five-Faktoren bekannt sind und ein integratives Modell zur Erfassung von Persönlichkeitsmerkmalen darstellen.[20]

Bei den Berechnungen zeigt sich erneut, dass zwar Einkommensunterschiede, aber nicht die Verarmung als solche das politische Interesse maßgeblich prägen. Es ist in den höheren Einkommensgruppen stärker ausgeprägt als in den niedrigeren, aber der Unterschied zwischen der untersten und der darauffolgenden mittleren Einkommensgruppe ist minimal und im statistischen Sinne nicht signifikant: Mit einem Abstieg in Armut, der vornehmlich aus den armutsnahen unteren Einkommensgruppen erfolgt, wird sich also politisches Interesse nicht oder nur geringfügig verändern.

Insbesondere Bildungsunterschiede erweisen sich als starke Prädiktoren für politisches Interesse: Höhere Bildung geht mit stärkerem politischem Interesse einher. Darüber hinaus sind auch einige der einbezogenen Persönlichkeitsmerkmale entscheidend - Gewissenhaftigkeit, Offenheit für Erfahrungen und der Glaube an den Sinn von Einflussnahme und Gestaltbarkeit fördern das Interesse am politischen Geschehen. Dies ist so ungeachtet des Einkommensniveaus und gilt für Arme und Nicht-Arme gleichermaßen. Zusammen mit den einflussstarken Bildungs- und Altersunterschieden wird deutlich, dass politisches Interesse in hohem Maße auf gefestigten Einstellungen und sozialisationsspezifischen Prägungen basiert und eine nur auf lange Sicht veränderbare Eigenschaft ist. Es ist somit plausibel, dass es nicht auf Einkommensschwankungen reagiert, die zudem vornehmlich zwischen armutsnahen Lebenslagen und Armut stattfinden. Einmal mehr geraten damit die prägenden Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Freunde in den Fokus.

Fußnoten

19.
Vgl. Petra Böhnke, Abwärtsmobilität und ihre Folgen: Die Entwicklung von Wohlbefinden und Partizipation nach Verarmung, WZB Discussion Paper, Oktober 2009.
20.
Vgl. Jean-Yves Gerlitz/Jürgen Schupp, Zur Erhebung der Big Five basierten Persönlichkeitsmerkmale im SOEP, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Research Notes 2005-4, Berlin 2005.