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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Ein unvergessener Konflikt

Ein Blick in eine beliebige Buchhandlung in Washington, Chicago, New York oder Charleston bestätigt diesen Befund. Mehr noch als irgendeine andere Phase der eigenen Geschichte beschäftigt dieser blutige Konflikt die akademische und populärkulturelle Imagination des Landes. Nicht einmal die Amerikanische Revolution kann mit dem Bürgerkrieg mithalten, am ehesten noch der Vietnam-Krieg. Ob man aus der schieren Menge der Erinnerungen qualitativ auf ein nationales Trauma zurückschließen kann, darf jedoch bezweifelt werden. Zwar führten Sezession und Krieg der nordamerikanischen Union dramatisch ihr Scheitern vor Augen und ließ die Möglichkeit einer Wiederholung offen. Das Scheitern des Experimentes einer nach dem Willen der Gründerväter freien, großräumigen Republik, die sich anders und besser als einst die römische Republik vom Weg der Freiheit nicht würde abbringen lassen und der Welt als historisches Exempel eines Imperiums der Freiheit zu dienen vermochte, glich in diesem Verständnis nationaler Identität einem welthistorischen Versagen der gesamten Menschheit. Genau auf die, wenngleich eher vage Möglichkeit eines neuerlichen Scheiterns spielt James Davison Hunter in seiner umstrittenen Analyse der gegenwärtigen soziokulturellen und politischen Konfliktkonstellationen an, die er als "Kulturkriege" fasst.[3] Obendrein legt das Eingangszitat zumindest eine Mischung aus politisch instrumentalisierter, antiliberaler Dolchstoßlegende und tief verinnerlichten, durchaus traumatischen Niederlagen- und Demütigungserfahrungen nahe, die auf den Krieg, die anschließende Rekonstruktionsepoche[4] und die Phase der sogenannten zweiten Rekonstruktion, die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, zurückzuführen sind.

Dies aber sind lediglich Traumata weißer Sezessionisten. Schwarze Amerikaner werden diese Geschichte aus ihrer Perspektive anders erzählen, ebenso Nordstaatler. Damit wird freilich bereits vorab eines deutlich: Die kollektive Erinnerung an den Bürgerkrieg ist in den USA nie vereinheitlicht worden. Zu viele divergierende Erinnerungen, die allesamt identitätsstiftend wirksam waren, rivalisierten um Hegemonie, gingen sachlich wie chronologisch nebeneinander her oder überformten und überlagerten einander. Wie im Krieg selbst waren auch in der Kriegserinnerung mannigfaltige, facettenreiche Faktoren für eine hochfragmentierte Form sedimentierter Kriegserfahrung verantwortlich.[5] Es spielte durchaus eine Rolle, ob Individuen, Milieus, Gruppen, Parteien oder soziale Formationen den Krieg und seine Folgen als Männer oder Frauen, Katholiken oder Protestanten, Angehöriger der Ober-, Mittel- oder Unterklassen, als Deutscher, Ire oder Angelsachse, Republikaner oder Demokrat erlebten. Weder im Bürgerkrieg noch danach war die bloße sektionale Zugehörigkeit entscheidend für die Stellungnahme zum Geschehen selbst. Vielfach, aber nicht ausschließlich, wurden dabei Vorkriegsentwicklungen fortgeschrieben und partiell radikalisiert.[6] Der Historiker Stuart McConnell spricht in diesem Zusammenhang von einer regelrechten "Geografie der Erinnerungen".[7] Im Folgenden wird es darum gehen, diese Vielfalt historisch zumindest skizzenhaft auszuloten.

Fußnoten

3.
James D. Hunter, Culture Wars. The Struggle to Define America, New York 1991.
4.
Immer noch maßgeblich ist hierzu Eric Foner, Reconstruction. America's Unfinished Revolution, 1863-1877, New York 1988.
5.
Der hier verwendete Begriff der Kriegserfahrung orientiert sich an Nikolaus Buschmann/Horst Carl (Hrsg.), Die Erfahrung des Krieges, Paderborn 2001.
6.
Vgl. Elisabeth Fox-Genovese/Eugene D. Genovese, The Mind of the Master Class, New York 2005.
7.
Stuart McConnell, The Geography of Memory, in: Alice Fahs/Joan Waugh (eds.), The Memory of the Civil War in American Culture, Chapel Hill 2004, S. 258-266.