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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Voraussetzungen der Kriegserinnerung

Die Vielfalt der Erinnerungen an den Krieg entsprach der komplexen Interessen- und Ideenkonstellation, die zuvörderst in den Sezessionskrieg hineingeführt hatte. Keine der beiden Seiten war nämlich einheitlich strukturiert. Dabei teilte man ein umfangreiches Erbe. Der Norden hatte gewiss von jeher die Tendenz, sich als genuiner Ort der Freiheit, der nationalen Einheit, progressiver Urbanität und industriellen Wachstums zu definieren und damit den Süden als das Andere, Fremde, Exotische zu konstruieren.[8] Und im Süden fanden sich genug Stimmen, die für die Sektion eine Art Sonderweg in der amerikanischen Union in Anspruch nahmen, in deren Mittelpunkt eine semifeudale, auf Sklaverei und Plantagenwirtschaft basierende Gesellschaft mitsamt entsprechendem kulturellen Eigensinn standen. Neben der Pflege der peculiar institution, der Sklaverei, stand das Beharren auf einem spezifisch aristokratischen Ehrbegriff im Vordergrund dieser südlichen Selbstperzeption.[9] Aber diese Unterschiede konnten nicht überdecken, wie nahe man in vielen Dingen beieinander war. In beiden Sektionen drehten sich die politisch-gesellschaftlichen Diskurse darum, das Erbe der - meist aus dem Süden stammenden - Gründerväter in rechter Weise zu wahren, insbesondere die Verfassung und die Union sowie, in allererster Linie, die Idee der Freiheit zumindest für weiße Männer.

Nicht die Ideale unterschieden sich, sondern die Modi ihrer Auslegung - und dies nicht nur zwischen den Sektionen Norden, Süden und Westen, sondern jeweils auch intern. So durchzog den Süden beispielsweise eine tiefe sozioökonomische und kulturelle Kluft zwischen den großagrarischen Sklavenhaltern an den Küstenstreifen und den überwiegend nicht auf Sklaverei angewiesenen Kleinbauern in den gebirgigen Piedmontregionen des Hinterlandes. Dem entsprachen im Norden ausgeprägte konfessionelle Gegensätze, Klassendifferenzen in den Städten und eine Rivalität zwischen Stadt und Land, die im Süden eher selten war. Idealtypisch gesprochen lehnten weiße urbane Radikale aus den unteren Mittelschichten, dem Kleinbürgertum, die Sklaverei ebenso ab wie viele Kleinbauern; aber sie alle teilten rassistische Vorbehalte gegenüber den Schwarzen. Katholiken waren eher antiabolitionistisch (gegen die Abschaffung der Sklaverei), aber nicht notwendig für die Sklaverei,[10] und viele Kaufleute in New York, Boston und Philadelphia sympathisierten offen mit dem Süden. Selbst in den Kriegszielen war man sich nicht einig. Viele Südstaatler wollten nicht aus der Union austreten. Das bergige West-Virginia etwa verließ 1863 Virginia und schloss sich in einer eigenen Sezession der Union an. Im Norden wiederum lehnten die Friedensdemokraten den Bürgerkrieg grundsätzlich ab, während ihre kriegsdemokratischen Parteifreunde zwar für den Erhalt von Union und Konstitution, keinesfalls aber gegen die Sklaverei kämpfen wollten. Mit derartigen Vorstellungen rivalisierten wiederum höchst unterschiedliche Kriegsziele von freien und versklavten Schwarzen sowie der ethnischen Minderheiten, unter denen zum Beispiel die irischen Katholiken gleichermaßen ihre Loyalität gegenüber Union oder Konföderation beweisen und ihre militärische Tauglichkeit für den Freiheitskampf gegen die britische Kolonialmacht verbessern wollten.

Mit dem Ende des Bürgerkrieges 1865 kam Bewegung in diese Konstellationen. Einerseits war der Kriegsverlauf selbst für sämtliche Beteiligten ein Schock gewesen. Nicht eine heroische Schlacht hatte die Entscheidung gebracht, sondern ein blutiger, grausamer, hinhaltender Abnutzungskrieg, in dem sich die industrielle Überlegenheit des Nordens voll entfaltet hatte. Über 630000 Menschen starben, ein unerwartet hoher Blutzoll für ein vormodernes Staatswesen. Dadurch bekam die Frage nach dem Sinn des massenhaften Sterbens für die Teilnehmer und Nachgeborenen eine besondere und anhaltende Relevanz.

Gleichzeitig aber - und für die unmittelbare Nachkriegszeit wie für die folgenden Jahrzehnte kaum weniger wichtig - endete die Sklaverei. Insbesondere südstaatliche Sklavenhalter hatten es tatsächlich als kollektives Trauma erlebt. Sie waren mindestens bis zur Emanzipationserklärung im Januar 1863, meist aber weit darüber hinaus davon überzeugt gewesen, eine besonders humane, paternalistische Form der Sklaverei zu praktizieren und glaubten, die Schwarzen würden ihnen dafür Dankbarkeit und Loyalität schulden. Es existierten wohl Ängste vor einem großen Aufstand, wie er etwa auf Santo Domingo 1791 stattgefunden hatte, aber es wäre falsch anzunehmen, die Sklavenhalter hätten vor dem Krieg in permanenter Angst gelebt. Umso größer war 1864/65 ihre Überraschung, als bei den ersten Nachrichten vom Nahen der Unionstruppen gerade viele Haussklaven, die als besonders treu galten und oft mit ihren Herrschaften in einem vertrauten Verhältnis gelebt hatten, nunmehr Flucht und Freiheit dem Sklavendasein vorzogen. Die weißen Herren reagierten mit Hass und Bitterkeit. Obwohl die ehemaligen Sklaven sich zu keinerlei umfänglichen Gewaltakten hinreißen ließen, sondern eher darauf bedacht waren, ihre Familien zu sammeln, Bildung zu erwerben und am politischen Geschehen der Nachkriegszeit zu partizipieren, wurde das stereotype Bild vom "schwarzen Monster", dem Mörder und Vergewaltiger weißer Frauen, zu einem der klassischen politischen Instrumente des Kampfes um weiße Vorherrschaft im Süden.[11]

Mit der Übernahme politischer Macht auch durch Schwarze in der Rekonstruktions- und Fusionsära zwischen 1865 und 1877 beziehungsweise 1902, steigerte sich der Hass der Weißen bis hin zu terroristischer Gewalt. Allein im Jahr 1868 brachte der Ku-Klux-Klan über 1200 Menschen um, zwischen 1890 und 1920 folgten über 3200 öffentlich und rituell zelebrierte Lynchings an Schwarzen.[12] Kaum etwas wurde als derart demütigend empfunden wie die Herrschaft einstiger Sklaven über ihre Herren. Obendrein erlaubte es der neue Rassenhass, den es in dieser Form zu Zeiten sozialer Stabilität entlang der Rassenlinie in der Sklaverei nicht gegeben hatte, eine Koalition zwischen Großgrundbesitzern, urbanen Mittelklassen und weißer Unterklasse im Süden zu formen, die, analog zur Vorkriegssklaverei, die Gleichheit weißer Männer vor allem über ihre Superiorität gegenüber der Masse der Schwarzen definierte.[13] Insofern brachte das Ende der Sklaverei eine über das Kriegsende hinausgehende Traumatisierung der weißen Sklavenhalter, die freilich binnen zweier Jahrzehnte dialektisch in ein neuerliches Trauma der schwarzen Minderheit umschlug: Diese büßte zwischen 1877 und 1902 praktisch all ihre eben erst gewonnenen Rechte ein und musste dabei erleben, selbst von treuen politischen Verbündeten wie den Republikanern oder den nordstaatlichen Veteranenverbänden im Stich gelassen zu werden. Diese wechselseitige Erinnerung an echten oder imaginierten Verrat blieb für den Süden bis weit in die 1960er Jahre konstitutiv und konnte gerade von Weißen in den Auseinandersetzungen um die Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre problemlos abgerufen werden.

So entwickelten sich gerade in der Erinnerung an den Bürgerkrieg rivalisierende nationale Paradigmen.[14] Das Sterben bekam in der Retrospektive eine nationale Sinngebung, die allerdings pluralistisch genug blieb, um sämtliche Differenzen in sich aufzuheben. In immer neuen Anläufen wurden die medialen und politisch-gesellschaftlichen Bedeutungen der verschiedenen Narrative ausgehandelt, was einem beständigen Ringen um die Deutungshoheit über den Bürgerkrieg gleichkam. Der amerikanische Historiker Gary W. Gallagher hat ein vereinfachtes, aber hinreichend komplexes Modell dieser rivalisierenden Deutungsdiskurse vorgelegt, das auch hier Anwendung finden soll.[15] Er unterscheidet vier Erzählungen beziehungsweise Causes: den Lost Cause, den Union Cause, den Emancipation Cause und den Reconciliation Cause, die allesamt aus dem Krieg heraus bereits 1865 präsent waren und im Kern heute noch maßgebend sind, deren Bedeutung aber im Laufe der Zeit stark variiert hat, wie überhaupt das kollektive Gedenken an den Krieg Zyklen unterlag.

Fußnoten

8.
Wirkmächtig wird diese Position immer noch vertreten von Carl Degler, Out of Our Past. The Forces that Shaped Modern America, New York 1986, S. 148-205. Vgl. auch James B. Cobb, Away Down South: A History of Southern Identity, New York 2005, S. 4.
9.
Vgl. John Beck/Wendy Frandsen/Aaron Randall (eds.), Southern Culture, Durham 2007; Waldemar Zacharasiewicz (ed.), The Many Souths, Tübingen 2003; Bertram Wyatt-Brown, The Shaping of Southern Culture, Chapel Hill 2001.
10.
Vgl. Michael Hochgeschwender, Wahrheit, Einheit, Ordnung. Die Sklavenfrage und der amerikanische Katholizismus, 1835-1870, Paderborn 2006.
11.
Vgl. Steven Hahn, A Nation Under Our Feet, Cambridge, MA 2003.
12.
Vgl. James G. Hollandsworth, An Absolute Massacre, Baton Rouge 2001; Grace Elisabeth Hale, Making Whiteness, New York 1998.
13.
Vgl. J. William Harris (ed.), The New South, New York 2008; John David Smith, An Old Creed for the New South, Athens 1991.
14.
Vgl. David W. Blight, Beyond the Battlefield, Amherst 2002; Melinda Lawson, Patriot Fires, Lawrence 2002.
15.
Vgl. Gary W. Gallagher, Causes Won, Lost, and Forgotten, Chapel Hill 2008, S. 2.