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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Erinnerung und Lost Cause

Die wohl bekannteste Meistererzählung über den Bürgerkrieg firmiert unter dem Namen des Lost Cause. Ihre sozialen Träger waren vor allem im Süden, dem Gebiet der Konföderation, lange Zeit breit gestreut, nicht zuletzt aufgrund ihres hohen Organisationsgrades. Veteranenverbände, wie die United Confederate Veterans (UCV), die Sons of Confederate Veterans (SCV) und seit dem Ende des 19. Jahrhunderts vorrangig die United Daughters of the Confederacy (UDC)[16] wachten eifersüchtig über das ideelle Erbe des untergegangenen Staatswesens. Hinzu kamen südstaatliche Studentenverbindungen, etwa Kappa Alpha, die neben den UDC maßgeblich am Kult um die Kriegsfahne der Konföderation beteiligt waren. All diese Organisationen waren seit den 1890er Jahren daran beteiligt, einen konföderierten Memorial Day durchzusetzen,[17] sie waren die Träger des Personenkultes um den Südstaaten-General Robert E. Lee und bemühten sich darum, ihre militärischen Helden durch Denkmäler sichtbar im öffentlichen Raum zu verankern.[18] Bis hin in die Diskussion um die Benennung des Bürgerkrieges übten die Lost-Cause-Organisationen Einfluss aus. So war bis weit in die 1980er Jahre in weiten Teilen der USA nicht vom Civil War die Rede, sondern vom War Between the States. Interessanterweise wurde dieses Narrativ im ausgehenden 19. Jahrhundert, im Zuge der Annäherung zwischen Nord und Süd, allmählich auch für Yankees aus dem Norden interessant - ein Trend, der sich mit der zunehmend rassistischen Aufladung des Lost Cause um 1910 und dann seit 1940 weiter verstärkte.

Dank dieser anhaltend starken Stellung hat der Lost Cause bis weit in die 1930er Jahre die mediale Darstellung des Bürgerkrieges wohl nicht beherrscht, aber aktiv mitgestaltet. Ein Film wie "Birth of a Nation" (1915) war ganz eindeutig vom Lost-Cause-Gedankengut durchzogen.[19] Dies aber hob vor allem auf einen zentralen Punkt ab: Der Süden habe tapfer für eine gerechte Sache - die Freiheit und die überlieferte Verfassungstradition - gekämpft und sei dann einer Übermacht aus dem Norden unterlegen. Niemand müsse sich für seinen Einsatz im Krieg schämen; es sei wichtig, sich des Krieges und der braven konföderierten Soldaten stets in Würde zu erinnern. Demgegenüber trat die Sklaverei als Thema im Laufe des frühen 20. Jahrhunderts deutlich zurück, obwohl die frühen Lost-Cause-Propagandisten ihre zentrale Bedeutung für den Kriegsausbruch durchaus noch offen würdigten.[20] An die Stelle der Sklaverei trat, angesichts der veränderten sozialen Position der Schwarzen, ein Loblied auf die white supremacy. Vor allem am äußersten rechten Rand, dem Umfeld des Ku-Klux-Klan und anderer Geheimgesellschaften, war dieses klar rassistische Motiv gewalttätig aufgeladen. Im Zentrum jedoch standen die Betonung weißer, ritterlicher Männlichkeit und Ehre sowie - nicht frei von inneren Widersprüchen - die Vorstellung, der besiegte Süden gliche einer schutzlosen Frau und bedürfe der Rettung vor den bedrohlichen, barbarischen Horden freier Schwarzer und Ausbeuter aus dem Norden.[21]

Bei allem Rassismus und der Larmoyanz, die der Lost-Cause-Erzählung innewohnten, war sie weniger von Traumata geprägt, sondern eher elegisch-gemütvoll ausgerichtet. In ihrer offiziösen, moderaten Variante war sie zudem für Nordstaatler anschlussfähig, die sich damit bestätigen konnten, gegen einen tapferen und ehrenhaften Feind gewonnen zu haben, wie es Ulysses S. Grant, der Oberbefehlshaber der Nordstaaten, und Robert E. Lee bereits bei der Kapitulation von Appomattox Court House festgehalten hatten.[22] Damit konnte sie rekonziliatorische, sektionsübergreifende Züge annehmen und auf der nationalen Ebene populärkulturell stilbildend wirken. National blieb das Lost-Cause-Narrativ bis weit in die 1960er/70er Jahre im Süden dominant und im Norden akzeptabel, ehe es von anderen Meistererzählungen verdrängt wurde.

Allerdings war der Lost Cause auch im Süden nie konkurrenzlos. Bereits in den 1880er Jahren kam mit der Idee des New South ein rekonziliatorisches Narrativ auf, das primär von urbanen Geschäftsleuten und Journalisten getragen wurde. Diese verlangten eine Abkehr von der selbstgerechten Statik und Weinerlichkeit des beständigen Erinnerns an die Helden vergangener Tage, um dem Süden eine neue, dynamische, fortschrittlich-industrielle Identität zu verpassen, ohne gleichzeitig die weiße Vorherrschaft anzutasten.[23] Allerdings fehlte es dem Ideal des New South vor dem Zweiten Weltkrieg schlicht an einer soliden soziokulturellen Grundlage, weswegen es durchweg minoritär und randständig blieb. Vergleichbare Gedanken kamen erst mit dem wirtschaftlichen Aufschwung des Südens im Zuge der keynesianischen Strukturmaßnahmen des New Deal wieder auf, vor allem aber auch seit den 1970er Jahren. Dagegen hatten sich bereits in den 1920er Jahren konservative Kritiker zu Wort gemeldet, die Nashville Agrarians, deren Weltanschauung dann in der Auseinandersetzung mit der schwarzen Bürgerrechtsbewegung[24] von den eingangs erwähnten Neokonföderierten aufgenommen wurde.[25]

Mit dem ökonomischen Aufschwung des Südens am Ende des 20. Jahrhunderts,[26] der sogenannten southernization der USA,[27] gewannen die Neokonföderierten in republikanischen, konservativen und libertären Kreisen an Bedeutung. Die konservative Wende in den 1980er Jahren unter Ronald Reagan trug zu ihrem Siegeszug bei. Vom Lost Cause unterschieden sie sich durch ihr akademisches Gepräge (fast sämtliche Vordenker waren Universitätsprofessoren), durch die Radikalität des Affektes gegen den Zentralstaat und vor allem durch die totale Leugnung jeglicher Relevanz der Sklavenfrage für den Bürgerkrieg, der unversehens zu einem Konflikt über unterschiedliche ökonomische Prioritäten und Einzelstaatenrechte mutierte. Der Bürgerkrieg war in diesem Verständnis ein War of Northern Aggression oder, analog zur Revolution von 1776, ein gerechtfertigter War of Southern Independence freiheitlich-konservativer Südstaatler gegen zentralistisch-liberal-säkulare Yankee-Tyrannen, was den Beitrag evangelikal Erweckter zur Sache des Nordens schlicht unterschlug. Auf diese Weise entwickelten sich manche Neokonföderierte zu Stichwortgebern einer nationalen, konservativen Bewegung gegen den starken Staat, das heißt, sie blieben, wie die Lost-Cause-Anhänger, amerikanische Nationalisten mit einer doppelten Loyalität. Nur eine Minderheit plädiert heute noch für einen neuerlichen Austritt aus der Union. Im Kern aber handelt es sich um eine intellektuelle Bewegung, die insbesondere populärkulturell bislang über wenig Einfluss verfügt.

Fußnoten

16.
Vgl. Karen L. Cox, Dixie's Daughters, Gainesville 2003; Caroline E. Janney, Burying the Dead But Not the Past, Chapel Hill 2008. Eine humorvolle Darstellung der konföderierten Gedenkkultur findet sich bei Tony Horwitz, Confederates in the Attic, New York 1998.
17.
Vgl. William Blair, Cities of the Dead. Contesting the Memory of the Civil War in the South, 1865-1914, Chapel Hill 2004.
18.
Zur Denkmalkultur des 19. Jahrhunderts vgl. Kirk Savage, Standing Soldiers, Kneeling Slaves, Princeton 1997.
19.
Zur populärkulturellen Deutung des Bürgerkrieges vgl. David B. Sachsman et al. (eds.), Memory and Myth. The Civil War in Fiction and Film from Uncle Tom's Cabin to Cold Mountain, West Lafayette 2007.
20.
Zu den Debatten über Sklaverei vgl. Robert Louis Paquette/Louis A. Ferleger (eds.), Slavery, Secession, and Southern History, Charlottesville 2000.
21.
Zu den Gender-Aspekten der Kriegserinnerung vgl. Tara McPherson, Reconstructing Dixie. Race, Gender, and Nostalgia in the Imagined South, Durham 2003.
22.
Vgl. Michael Hochgeschwender, Ehre und Geschlecht. Strategien bei der Konstruktion nationaler Einheit nach dem Bürgerkrieg, in: Hort Carl et al. (Hrsg.), Kriegsniederlagen. Erfahrungen und Erinnerungen, Berlin 2004, S. 313-327.
23.
Vgl. C. Vann Woodward, Origins of the New South, Baton Rouge 1967; Edward L. Ayers, The Promise of the New South. Life after Reconstruction, New York 1992; Dewey W. Graham, The South in Modern America, New York 1994.
24.
Vgl. Pete Daniel, Lost Revolutions. The South in the 1950s, Chapel Hill 2000.
25.
Zum Kontext vgl. Eugene D. Genovese, The Southern Front. History and Politics in the Cultural War, Columbia 1995.
26.
Vgl. Bethany Moreton, To Serve God and Wal-Mart. The Making of Christian Free Enterprise, Cambridge, MA 2009; Bruce J. Schulman, From Cotton Belt to Sunbelt. Federal Projects, Economic Development, and the Transformation of the South, 1938-1980, Durham 2007; Numan V. Bartley, The New South. 1945-1980, The Story of the South's Modernization, Baton Rouge 1995.
27.
Vgl. Peter Applebome, Dixie Rising. How the South is Shaping American Values, Politics, and Culture, San Diego 1997; John Egerton, The Americanization of Dixie. The Southernization of America, New York 1974.