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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Erinnerung und Union Cause

Das Gegenstück zum Lost Cause war der Union Cause.[28] Anfänglich war er die bevorzugte Position der Kriegsdemokraten, der moderaten Republikaner und vieler Katholiken. Heute kann man wohl davon ausgehen, dass er immer noch von vielen weißen Amerikanern eher unbewusst geteilt wird. Demnach galt der Bürgerkrieg als gerechter Kampf gegen sezessionistische Rebellen, die zusätzlich durch die Sklaverei diskreditiert waren, ohne dies jedoch in den Vordergrund zu rücken. Viel wichtiger waren der Rekurs auf die Verfassung und die Unteilbarkeit der Union. Nun, nach dem Krieg, gelte es die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stärke des wiedervereinigten Landes voranzutreiben und zum Wohle aller freiheitsliebenden Menschen einzusetzen. Amerika sei der Ort der großen Menschheitshoffnungen. Insofern hatte der Union Cause einen stark patriotischen Zug, der nicht zuletzt im Kampf gegen den Nationalsozialismus, den Faschismus und den Bolschewismus antitotalitär instrumentalisierbar war. Im Kern handelte es sich um einen universalistischen, liberaldemokratischen Nationalismus[29] mit unspezifischen Opferzuschreibungen und einem ganz der Zukunft zugewandten Blick, der jegliche Form traumatischer Kriegserinnerung ausblendete.

Aufgrund dieser mangelnden Spezifik war diese Form des Kriegsdiskurses populärkulturell-medial weniger einsetzbar, schwang aber in sämtlichen Varianten der Kriegspropaganda (auch der des Kalten Krieges) mindestens unterschwellig mit. Vor allem aber brachte er den nationalen Kult um den 1865 ermordeten Präsidenten Abraham Lincoln als Märtyrer der Union mit sich. In zahllosen Monumenten, Bildern, Devotionalien, in Fernsehproduktionen und Spielfilmen[30] spielte "Honest Abe" ebenso eine zentrale Rolle wie in der historischen Forschung, die inzwischen Tausende von Monographien zu Lincoln hervorgebracht hat.[31] Außerdem diente er als rasseübergreifende, seit dem 20. Jahrhundert auch übersektionale Identifikationsfigur.[32] Vielen Schwarzen aus dem Umfeld der black churches galt er sogar als neuer Moses, der die befreiten Sklaven als neues Volk Israel ins gelobte Land der Freiheit geführt habe.[33] In dieser Gestalt war Lincoln auch für den Emancipation Cause instrumentalisierbar. Gleichzeitig konnte er wegen seiner moderaten Pläne für die Reintegration des Südens in der Nachkriegszeit rekonziliatorischen Interessen dienen, da nur die Neokonföderierten an der alten Sicht von Lincoln als Feind der Freiheit festhielten. Die Polyvalenz des Lincoln-Gedenkens erschwert freilich eine eindeutige Zuordnung. So bleibt unklar, ob die Enthüllung eines Lincoln-Denkmals 2003 ausgerechnet in Richmond, der einstigen Hauptstadt der Konföderation, eher rekonziliatorisch, unionistisch oder als emanzipatorischer Triumphalismus gelesen werden soll.

Fußnoten

28.
Vgl. G.W. Gallagher (Anm. 15), S. 25-29.
29.
Vgl. Cecilia Elisabeth O'Leary, To Die For. The Paradox of American Patriotism, Princeton 1999.
30.
Vgl. Hans-Jürgen Grabbe (ed.), Lincoln's Legacy. Nation Building, Democracy, and the Question of Race and Civil Rights, History and Literature in Film, Halle/S. 2010.
31.
Für eine gute Aufarbeitung des Forschungsstandes vgl. Jörg Nagler, Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident, München 2009; Michael Burlingame, Abraham Lincoln. A Life, Baltimore 2008.
32.
Vgl. Barry Schwartz, Abraham Lincoln and the Forge of National Memory, Chicago 2000; ders., Abraham Lincoln in the Post-Heroic Era. History and Memory in Late Twentieth-Century America, Chicago 2008; Merrill D. Peterson, Lincoln in American Memory, New York 1994.
33.
Vgl. Curtis J. Evans, The Burden of Black Religion, New York 2008.