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12.12.2011 | Von:
Michael Hochgeschwender

Der Amerikanische Bürgerkrieg in der öffentlichen Erinnerung - ein nationales Trauma?

Trauma bis heute?

Mit den 1980er Jahren setzten jene sozioökonomischen Prozesse ein, die zur gegenwärtigen und beständig wachsenden ideologischen Kluft zwischen dem roten, republikanisch-konservativ-suburbanen, weißen Mittelklasseamerika auf der einen und dem blauen, liberal-urbanen, ethnisch und sozial diversen Amerika auf der anderen Seite führten. Die marktradikalen Deregulierungsmaßnahmen der Reagan-Administration sorgten zusätzlich für weitere gesellschaftliche Fragmentierungen, die sich in einer tieferen weltanschaulichen Kluft als im vorangegangenen Konsenszeitalter niederschlugen. Zusätzlich verloren die USA mit dem Zusammenbruch der UdSSR ihren Hauptfeind aus dem Kalten Krieg, der bis dahin durch seinen Außendruck, seine schiere Existenz die gesellschaftliche Kohäsion maßgeblich beeinflusst hatte.

Die daraus resultierenden weltanschaulichen Grabenkämpfe wirkten sich notwendig auch auf die kollektive Erinnerung an den Bürgerkrieg aus, die zunehmend gespalten war. Was den Liberalen der Emancipation Cause, war den Konservativen die Sache der Neokonföderierten, insofern sie nicht weiterhin den Idealen der Rekonziliation anhingen. Das Gedenken an den Bürgerkrieg wurde zum Schlachtfeld nationalidentitärer Weltanschauungskonflikte. Doch nicht der Bürgerkrieg ist heute das Trauma der USA, sondern die sozialen und kulturellen Fragmentierungen der Gegenwart.