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Antikommunismus, Angst und Kalter Krieg. Versuch einer erneuten Annäherung - Essay


12.12.2011
Mit dem McCarthyismus wurde die längste Phase politischer Repression in den USA eingeleitet. Zugleich wurde ein emotionaler Ausnahmezustand inszeniert, dessen Schleifspuren heute noch deutlich erkennbar sind.

Einleitung



Weil Antikommunismus so alt wie der Kommunismus ist, mutet sein Auftreten im Kalten Krieg auf den ersten Blick wie ein Déjà-vu an. Im Grunde sind die einschlägigen Parolen noch älteren Datums. Ob Deutschland zur Zeit der Sozialistengesetze oder die USA während der Anarchistenbewegung der 1880er Jahre, die Stereotype sind austauschbar, sieht man von wenigen landestypischen Einsprengseln ab. Erst recht trifft diese Beobachtung auf die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu, als der sogenannte red scare - die Furcht vor der "Roten Flut" - diesseits wie jenseits des Atlantiks den öffentlichen Raum überschwemmte. Angst-Machen und Angst-Haben, Selbsthysterisierung und Selbstmobilisierung treten an unterschiedlichen Orten und zu verschiedenen Zeiten als Signatur verstörter Seelenlandschaften auf.

Stets ist dabei zu beobachten, wie die öffentliche Kommunikation das subjektive oder kollektive Empfinden von Angst verändern und am Ende Ängste ganz neuer Art oder anderen Umfangs generieren kann. Scheinbar nichtige Anlässe wie Gerüchte reichen mitunter aus, um unspezifische Befürchtungen in angsterfüllte Hysterie und Wut gegen deutlich identifizierbare Sündenböcke zu verwandeln. Sozialpsychologen sprechen von "sozialen Kaskaden" und "Gruppenpolarisierung", von einer infektiösen Dynamik, die durch soziale Interaktion befördert wird. In den Worten des Rechtsphilosophen Cass Sunstein: "Es ist gut belegt, dass Mitglieder von Gruppen, in denen ein Austausch über ein Problem stattfindet, verglichen mit ihren vorherigen Neigungen letztlich oft eine extremere Position einnehmen. Gruppen sind deshalb unter Umständen weitaus ängstlicher, als ihre Mitglieder es vor der Beratschlagung waren." Die Rede ist also von "moralischer Panik" und ihren weithin geläufigen Synonymen: Denunziation, Nachbarschaftskontrolle, Bespitzelung oder Hexenjagd. Ob Feinde real präsent sind oder letztlich nur imaginiert werden, ist im Grunde von nachrangiger Bedeutung. Der wehrhafte Ausnahmezustand ist - wie am Beispiel des Antisemitismus, der Lynchjustiz oder eben des Antikommunismus unschwer zu erkennen - auf vielfältige und im Zweifel auch konträre Weise begründbar. Seine eigentliche Pointe aber liegt in der Kraft des Rituals: Sich als Einzelner an der Selbstreinigung zu beteiligen, heißt, auf demonstrative Art und Weise der Verantwortung für das Gemeinwohl gerecht zu werden. In diesem Sinne lenkte der irische Staatsphilosoph Edmund Burke bereits Ende des 18. Jahrhunderts den Blick auf Angst als emotionale Ressource von Politik: "Es ist nicht so sehr das tatsächliche Vorhandensein einer Bedrohung als vielmehr die Vorstellung dieser Bedrohung, die der Erneuerung oder Restauration dient." Womit im Vorbeigehen gesagt ist, wovon Ängste zu guter Letzt auch handeln - von Erweckungserlebnissen und Erlösungsphantasien.

Wann aber, so ließe sich mit gutem Grund einwenden, hat es je angstfreie Epochen in der Menschheitsgeschichte gegeben, Zeiten ohne Angst vor Schmerz, Sterben und Tod, vor Gott, der Hölle und dem Teufel, vor natürlichen oder vom Menschen gemachten Katastrophen, ohne Angst vor Krankheit, Verbrechen, Verarmung, vor einer ungewissen Zukunft, vor Neuem und Unbekanntem? Angst ist bekanntlich das ursprünglichste, in der Bibel vor allen anderen Emotionen genannte Gefühl. Und Angst ist, wie die Historikerin Joanna Bourke bemerkt, eine in Zeit und Raum vagabundierende Emotion, weitläufiger und intensiver als andere Emotionen. "Angst würfelt Individuen auf ganz unterschiedliche Weise zusammen. Es ist die demokratischste aller Emotionen und betrifft jeden, der über das Risiko seines eigenen Todes nachdenkt." Was wäre, so gesehen, an der Geschichte des Antikommunismus erstaunlich, aufregend und bedenkenswert? Fügen sich die in dieser Zeit aktivierten Emotionen nicht nahtlos in eine universelle Geschichte der Angst? Oder, um die Frage zuzuspitzen: Erscheint vor diesem Hintergrund eine Beschäftigung mit dem Antikommunismus überhaupt sinnvoll? Kann man sich Einsichten jenseits des Erwartbaren erhoffen? Bekanntlich ist es methodisch nicht nur zulässig, sondern bisweilen geradezu zwingend, nach der Normalität im Extrem zu fragen. In anderen Worten: Aus der Analyse des Außeralltäglichen Hinweise auf die Funktionsweisen des Alltags zu gewinnen. Dass der amerikanische Antikommunismus zur Zeit des Kalten Krieges als besonders extreme Variante eines internationalen Phänomens aus dem Rahmen fällt, liegt auf der Hand. Mit dem McCarthyismus wurde nicht nur die längste Phase politischer Repression in den USA eingeleitet, sondern auch ein emotionaler Ausnahmezustand inszeniert, dessen Schleifspuren auch nach Jahrzehnten noch deutlich erkennbar sind. Die Rede ist von einer ideologischen Totalmobilmachung, deren absurde Verstiegenheit für sich selbst spricht. Beispielsweise mussten Hobbyangler, die Mitte der 1950er Jahre im Staat New York ihre Lizenz zum Fischen in regionalen Gewässern beantragten, eine Treueerklärung auf die Verfassung unterschreiben - und damit vermeintlich dokumentieren, dass sie nicht vorhatten, die Brunnen zum Zweck des gesellschaftlichen Umsturzes zu vergiften. Dergleichen Beispiele sind Legion. Sie fügen sich zum Signum eines nervösen Zeitalters, in dem Angst weit mehr war als ein steinerner Gast. Angst und die Suche nach Mitteln zu ihrer Einhegung okkupierten die politische Vorstellungswelt. Kurz: "There was more of it during the Cold War." Wie aber dechiffriert man als Historiker eine Emotion, wie kommt man den Ängsten von Individuen, Gruppen oder gar Kollektiven auf die Spur? Wie erklären wir uns die besondere Verkoppelung von Angst und Antikommunismus im Kalten Krieg? Und was sagt uns das amerikanische Extrem über die vergleichsweise normalen Erscheinungsweisen des Antikommunismus andernorts?