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30.11.2011 | Von:
Stefan Creuzberger

Stalinismus und Erinnerungskultur

20 Jahre nach dem Ende der UdSSR genießt Stalin bei großen Teilen der postsowjetischen Elite und in breiten Bevölkerungskreisen immer noch einen respektablen Ruf.

Einleitung

Stalin soll heilig werden",[1] titelte die "Süddeutsche Zeitung" im Juli 2008. Sie berief sich auf Vorgänge innerhalb Russlands, die bei Lesern mit einer annähernden Vorstellungskraft vom Ausmaß des stalinistischen Terror- und Gewaltregimes nur verständnisloses Kopfschütteln auslösen mochten. Was war geschehen? In St. Petersburg hatten die dortigen Kommunisten eine Initiative ergriffen und von der Russisch-Orthodoxen Kirche die Kanonisierung des früheren sowjetischen Diktators gefordert. Im Moskauer Patriarchat löste dieser ungeheuerliche Vorstoß eine eindeutige Reaktion aus - er wurde kurzerhand abgelehnt.

Man mag diese für ein Kuriositätenkabinett geeignete Begebenheit im ersten Moment als eine Entgleisung jener Ewiggestrigen abtun, die nach wie vor nicht damit zurechtkommen, dass die Sowjetunion und der Stalinismus ein längst vergangenes Kapitel der russischen Zeitgeschichte darstellen. Doch wie ist in diesem Zusammenhang die Tatsache zu beurteilen, die im Herbst 2008 eine Online-Umfrage des russischen Fernsehkanals "Rossija" ergeben hat? Aufgefordert, sich an der Wahl von Russlands wichtigsten historischen Persönlichkeiten zu beteiligen, votierten über zehn Prozent der rund 4,5 Millionen Befragten für Josef Stalin. Sie kürten ihn zur drittpopulärsten Figur der russischen Geschichte. Stalin lieferte sich in der Gunst der befragten Russen nicht nur ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem zarischen Reformer Pjotr A. Stolypin (Platz 2) und dem mittelalterlichen Nationalheiligen, Fürst Alexander Newski (Platz 1); der sowjetische Despot rangierte sogar vor Russlands Nationaldichter Alexander Puschkin, der erst an vierter Stelle genannt wurde, gefolgt von Zar Peter dem Großen und Wladimir Iljitsch Lenin, dem bolschewistischen Berufsrevolutionär und Begründer der Sowjetunion.[2]

20 Jahre nach dem Ende der UdSSR besitzt Stalin nicht nur bei erheblichen Teilen der postsowjetischen Elite, sondern auch in breiten Bevölkerungskreisen immer noch den Ruf einer starken, respektablen Führerpersönlichkeit. Angesichts solcher Befunde liegt es nahe, auf die Leistungen der jüngsten russischen Geschichts- und Erinnerungskultur zurückzublicken. Wie steht es in Russlands Staat und Gesellschaft um die historische Aufarbeitung des Stalinismus? Wie haben sich die dortigen postkommunistischen Präsidenten - von Boris Jelzin über Wladimir Putin bis hin zu Dmitri Medwedew - gegenüber jener totalitären Diktatur positioniert, die zusammen mit dem Nationalsozialismus am nachhaltigsten die Geschichte des 20. Jahrhunderts geprägt hat? Vor diesem Hintergrund wird die offizielle staatliche Geschichtspolitik für die vergangenen zwei Jahrzehnte analysiert und der geschichtspolitischen Arbeit von russischen Nichtregierungsorganisationen gegenübergestellt.

Fußnoten

1.
Stalin soll heilig werden, in: Süddeutsche Zeitung vom 22.7.2008.
2.
Vgl. Imja Rossija. Istorieskij vybor 2008, online: www.nameofrussia.ru (31.10.2011).