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24.11.2011 | Von:
Jörn Fischer

Freiwilligendienste und ihre Wirkung - vom Nutzen des Engagements

Freiwilligendienste erfreuen sich wachsender Beliebtheit und steigender politischer Aufmerksamkeit. Damit einher geht die Frage nach dem Nutzen der Dienste, die mittels eines Wirkungsmodells und empirischer Befunde beantwortet wird.

Einleitung

Zwei politische Entscheidungen haben dazu geführt, dass Freiwilligendienste in den vergangenen Jahren stärker in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt sind: Erstens die Einführung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts im Jahr 2008 durch die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD). Zweitens die Aussetzung der Wehrpflicht und das damit verknüpfte Ende des Zivildienstes. Diese Entscheidungen wurden begleitet von zwei zentralen Debatten: Eine kreiste um die Frage, ob Freiwilligendienste den Wegfall des Zivildienstes kompensieren sollen beziehungsweise können.[1] Und im Kontext des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes - ausgestattet mit einem Etat von 30 Millionen Euro - wurde die Frage nach dem Nutzen dieser Engagementform diskutiert. Wer profitiert eigentlich davon, wenn deutsche Jugendliche, die zumeist über keinerlei berufliche Qualifikationen verfügen, in sogenannte Entwicklungsländer entsandt werden?

Die Frage nach dem Nutzen des Engagements steht im Zentrum dieses Artikels, wobei sowohl grenzüberschreitende als auch nationale Freiwilligendienste betrachtet werden. Zunächst vermittelt dieser Beitrag Basiswissen zu Freiwilligendiensten. Es folgen einige theoretische Grundlagen der Wirkungsorientierung und eine Skizze der Wirkungsdebatte in Bezug auf Freiwilligendienste, bevor ausgewählte Forschungsergebnisse zur Wirkung der deutschen Freiwilligendienstprogramme im In- und Ausland diskutiert werden.

Freiwilligendienste

Freiwilligendienste sind eine besondere Form des bürgerschaftlichen Engagements, das sich vom klassischen Ehrenamt durch einige spezifische Merkmale abgrenzt. Dazu gehören unter anderem verbindliche, formal geregelte Rahmenbedingungen, eine Dienstdauer von mindestens drei Monaten, ein wöchentlicher Arbeitsumfang von mindestens 50 Prozent der tariflichen Wochenarbeitszeit, eine pädagogische Begleitung der Freiwilligen und klassischerweise eine Trennung zwischen dem verantwortlichen Träger (beziehungsweise bei internationalen Diensten der sogenannten Entsendeorganisation) des Dienstes und der Einsatzstelle, in der der Dienst geleistet wird.

Für die nationalen Dienste (Freiwillige aus Deutschland leisten Dienst in Deutschland) bestehen im Gegensatz zu den internationalen Diensten (Freiwillige gehen ins Ausland) seit 1964 einheitliche gesetzliche (Förder-)Regelungen, die, mehrfach weiterentwickelt und 2008 in das Jugendfreiwilligendienstegesetz gegossen, mit wenigen Ausnahmen einen adäquaten rechtlichen und nicht zuletzt finanziellen Rahmen gaben und noch immer geben.

Neben der Unterscheidung national/international gibt es ein weiteres Distinktionsmerkmal, das sich ableitet aus dem inhaltlichen Schwerpunkt der Einsatzstelle. Handelt es sich um ein soziales, ökologisches, kulturelles oder entwicklungspolitisches Projekt? Diese Unterscheidung ist häufig auch namensstiftend: Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ), das FSJ Kultur, das FSJ im Sport, das FSJ Politik, das Freiwillige Jahr in der Denkmalpflege (FJD) sind Dienstformen, die alle unter dem rechtlichen Dach des Jugendfreiwilligendienstegesetzes geleistet werden. Sie werden vom Bund finanziell bezuschusst; die Anerkennung der Träger obliegt hingegen den Landesbehörden. Diese Dienste finden ganz überwiegend in Deutschland statt, obwohl sie theoretisch auch als internationaler Dienst möglich sind. Ein weiterer nationaler Dienst, der durch eine sogenannte Incoming-Komponente (Freiwillige aus dem Ausland kommen nach Deutschland) aber auch zum grenzüberschreitenden Dienst werden kann, ist der Bundesfreiwilligendienst. Im Gegensatz zu den genannten Jugendfreiwilligendiensten besteht hier keine Altersbeschränkung nach oben. Dieses neue Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ist im Kontext der Aussetzung des Zivildienstes entstanden.

Während die nationalen Freiwilligendienste also über Jahrzehnte hinweg in einem einheitlichen Rahmen einen stetigen förderpolitischen und inhaltlichen Reifeprozess durchliefen, entwickelten sich die internationalen Dienste ganz anders: Mangels passender gesetzlicher Rahmenbedingungen ist hier ein kreativer Wildwuchs entstanden, der zu einem zwar sympathischen Sammelsurium ganz unterschiedlicher Programme und Bezeichnungen geführt hat, sich jedoch für Interessenten als ein nahezu undurchschaubarer Angebotsdschungel erweist. Erst mit der Einführung der Programme Weltwärts (2008) und Kulturweit (2009) hat das jahrzehntelange (förder-)politische Schattendasein der internationalen Dienste ein Ende gefunden. Das Programm Weltwärts wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziell gefördert und politisch gesteuert; die Durchführung obliegt über 200 - zumeist zivilgesellschaftlichen - Entsendeorganisationen.

Das Programm ermöglicht den Einsatz von jährlich rund 3500 jungen Menschen im Alter von 18 bis 28 Jahren in Afrika, Lateinamerika, Asien und (Süd-)Osteuropa in unterschiedlichen entwicklungspolitischen Projekten und folgt dabei einem sehr breiten Verständnis von "entwicklungspolitisch". Der Anspruch von Weltwärts ist es, nicht nur im sogenannten Partnerland Wirkung zu erzeugen, sondern durch das Engagement der zurückgekehrten Freiwilligen auch in Deutschland. Damit ist Weltwärts eher ein Instrument der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit als ein Instrument der personellen Entwicklungszusammenarbeit (verstanden als die Entsendung von Fachkräften ins Ausland). Kulturweit ist ein vom Auswärtigen Amt finanziertes und von der Deutschen UNESCO-Kommission durchgeführtes Programm, das in etwa so kulturell ist wie Weltwärts entwicklungspolitisch. Die in diesem Programm eingesetzten Freiwilligen sind überwiegend tätig in Einrichtungen der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik, wie deutsche Schulen im Ausland oder Goethe-Institute. Und schließlich wurde auch das BMFSFJ, eigentlich originärer policy maker im Feld der Jugendfreiwilligendienste, tätig und legte mit dem "Internationalen Jugendfreiwilligendienst" ein eigenes Förderprogramm auf. Daneben gibt es mit dem Europäischen Freiwilligendienst schon seit vielen Jahren ein von der Europäischen Union gefördertes Programm, das mit dem Boom von Weltwärts und Kulturweit allerdings an Bedeutung verlor.

Wirkung in Freiwilligendiensten - die Theorie

Mit Weltwärts schwappen nicht nur Millionen Euro, sondern auch Terminologien, Trends und Instrumente der Entwicklungszusammenarbeit in ein Politik- und Arbeitsfeld, das historisch eher der Jugendpolitik zugehörig ist. Einer dieser Trends ist die wirkungsorientierte Planung, Durchführung und Evaluation von (entwicklungs-)politischen Maßnahmen. Die Freiwilligendienstszene hat sich rasch an den mit Weltwärts verbundenen Geldsegen gewöhnt, Teile von ihr fremdeln jedoch noch etwas mit den damit verbundenen Rechenschaftspflichten und der Debatte um die Wirksamkeit ihres Handelns.

Wirkung soll hier gängig definiert werden als die Veränderung eines Zustandes oder einer Verhaltensweise aufgrund einer Intervention. Dabei muss ein ursächlicher, zumindest aber plausibler Zusammenhang zwischen der Veränderung und der Intervention herstellbar sein. Doch vor der Wirkung stehen Input und Output, veranschaulicht am Beispiel eines Freiwilligendienstes: Input sind die materiellen und personellen Ressourcen, die dafür zur Verfügung gestellt werden, wie finanzielle Förderung, organisatorische und pädagogische Infrastruktur von Trägern und Einsatzstellen und nicht zuletzt die Arbeitskraft der Freiwilligen. Der Output besteht beispielsweise in der Anzahl der durch den Freiwilligen in einem Gesundheitsprojekt behandelten Kranken. Doch damit ist noch nichts über die Qualität der Behandlung, also der Intervention, gesagt. Das entscheidende Qualitätsmerkmal besteht vielmehr darin, ob und in welchem Ausmaß die intendierten Wirkungen erzielt werden.[2] In diesem Beispiel bestünde die Wirkung in einem verbesserten Gesundheitszustand der behandelten Patienten.

Dieses Schema - auf Input folgt Output folgt Wirkung - ist konzeptionelle Grundlage unzähliger Evaluationen und Policy-Analysen in unterschiedlichen Politikfeldern. Das genannte Beispiel stellt jedoch nur einen Ausschnitt der im Rahmen von Freiwilligendiensten ablaufenden Wirkungsprozesse dar - die Realität ist komplexer und vielfältiger. Aus dem Verständnis des Freiwilligendienstes als Lerndienst erwächst hinsichtlich des Wirkungsmechanismus eine Dyade aus Bewirken und Bewirkt-Werden als besonderes Charakteristikum und gleichzeitig konstituierendes Merkmal von Freiwilligendiensten: Einerseits sollen natürlich die Einsatzstellen beziehungsweise deren Klienten oder "Endbegünstigte" aus der Tätigkeit der Freiwilligen einen Nutzen ziehen; im Beispiel oben also das Gesundheitsprojekt beziehungsweise die Patienten. Andererseits stehen, insbesondere bei den internationalen Diensten, die Freiwilligen selbst im Mittelpunkt der Wirkungsbemühungen. Daraus ergibt sich die kuriose Situation, dass sich in der Person der Freiwilligen zugleich Efficiens (das Bewirkende) und Efficiendum (das zu Bewirkende) vereinigen, ihr Handeln ist - je nach Perspektive - Input und Output zugleich. Für die internationalen Dienste kommt hinzu, so zumindest explizit im Fall Weltwärts, dass die Freiwilligen nach ihrer Rückkehr auch in Deutschland "ihre Auslandserfahrungen aktiv in der Gesellschaft einbringen"[3] sollen. Damit stehen die Freiwilligen im Zentrum eines dreistufigen Wirkungsmodells (siehe Abbildung der PDF-Version).

Die Stufen 1 und 2 verlaufen synchron: Die Freiwilligen wirken durch ihre Tätigkeit in der Einsatzstelle und veranlassen durch ihre pure Anwesenheit informelle Lernprozesse in ihrem gesellschaftlichen Mikroumfeld (Stufe 1). Gleichzeitig durchlaufen sie selbst Lernerfahrungen, die zurückzuführen sind auf ihre Tätigkeit und auf die Interaktion mit ihrem Mikroumfeld (Stufe 2). Die Gesamtheit der während des Dienstes gemachten Erfahrungen wiederum wirkt als Motivator und Katalysator für ein Engagement auch nach dem Dienst (Stufe 3).

Die synchrone Dyade aus aktiv Bewirken und passiv Bewirkt-Werden, oft noch zusätzlich verbunden mit dem Ziel eines zeitlich nachgelagerten Engagements, ist charakteristisch für Freiwilligendienste. Seine theoretische Fundierung erfährt dieses Modell durch die Sozialtheorie der Reziprozität, die auf die Theorie der Gabe des französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss zurückgeht.[4] Demnach ist jedes Geben mit einer Gegengabe verknüpft, wodurch soziale Beziehungen entstehen und die klassische Dichotomie aus Altruismus und Egoismus aufgehoben wird.

Wirkung in Freiwilligendiensten - die Empirie

Die Wirkungsdiskussion wurde lange Zeit gar nicht, und wenn, dann überwiegend akademisch und recht abgekoppelt von der Praxis geführt. Zaghafte Annäherungen an die praktische Arbeit erfuhr die Wirkungsdebatte durch Überlegungen, im Rahmen von Qualitätsmanagement-Instrumenten wie dem QUIFD-Gütesiegelverfahren[5] neben Struktur- und Prozess- auch Ergebnisqualität, also Wirkungen, ins Visier zu nehmen, sowie durch den bereits skizzierten Spillover-Effekt aus der Entwicklungszusammenarbeit, ausgelöst durch die Einführung von Weltwärts. Die Wirkungsdebatte wurde von den Praktikern zunächst eher verhalten aufgenommen; heute schwankt die Szene zwischen Überzeugungstätern auf der einen und offener Ablehnung auf der anderen Seite. Die meisten werden eine Haltung zwischen diesen beiden Polen einnehmen. Kritiker der Wirkungsorientierung befürchten Tendenzen, Engagement zu ökonomisieren und utilitarisieren, führen normativ-methodische Gründe ins Feld ("Menschen kann man nicht messen") oder interpretieren den staatlichen Ruf nach Wirkung als unzulässige Einmischung in die zivilgesellschaftliche Durchführungshoheit der Dienste.

Wenn sich in diesem Abschnitt die Befunde eher auf der Output- und weniger auf der Wirkungsebene befinden sollten, ist dies nicht dem Konzept Input-Output-Wirkung anzulasten. Es veranschaulicht vielmehr den Entwicklungsbedarf, den Freiwilligendienste bezüglich Evaluation und Wirkungsorientierung teilweise noch aufweisen. Und es ist ein Indikator für die Komplexität und den Aufwand, der mit der Durchführung von wirkungsorientierten Evaluationen verbunden ist.[6] Das ganze Dilemma verdeutlicht eine Meta-Studie über die bisherige Wirkungsforschung zu Freiwilligendiensten in Europa. Das traurige Fazit nach der Analyse von 40 Veröffentlichungen: "Stop wasting money on traditional evaluation approaches which provide at best anecdotal evidence of voluntary service impact."[7] Teil der Problematik ist die fehlende Wissenschaftlichkeit der Studien: Nur wenige der 40 näher untersuchten Arbeiten halten den wissenschaftlichen Ansprüchen an ein akzeptables Forschungsdesigns stand.[8] Freiwilligendienste sind nur in Ausnahmefällen ein Studienobjekt unabhängiger, etwa universitärer, Forschung. Die meisten Erkenntnisse stammen aus grauer Literatur oder Evaluationen, die entweder durch die jeweiligen Förderer oder Programmverantwortlichen in Auftrag gegeben oder sogar selbst von ihnen durchgeführt wurden. Neben mangelnden finanziellen und fachlichen Ressourcen sowie forschungspraktischen Herausforderungen in der Erfüllung sozialwissenschaftlicher Standards besteht das Hauptproblem der Wirkungsforschung in Freiwilligendiensten in einem mangelnden oder eindimensionalen Methodenverständnis vieler relevanter Akteure. Gepaart mit den genannten Schwierigkeiten führt dies zu Problemen wie fehlende Kontrollgruppen (kein Vergleich mit Nicht-Freiwilligen möglich); dem Vorherrschen von Querschnitt- über Längsschnittdesigns (kein Vorher-Nachher-Vergleich möglich); zur Vernachlässigung quantitativer Methoden, die über rein deskriptive Statistik hinausgehen, sowie im Bereich der internationalen Dienste zu einem Evaluationsverständnis, das sich zu oft mit anekdotischer Evidenz zufrieden gibt. Die Aussagen vieler Studien sind daher leider mit einer gewissen Vorsicht zu genießen. Eines hingegen macht Hoffnung: "You get the impact you program for."[9] Das heißt: Wirkung ist nicht nur ex post rekonstruierbar, sondern auch ex ante steuerbar. Eine Botschaft, die sich die Akteure, die für die Steuerung von Freiwilligendiensten verantwortlich sind, sowohl auf politischer als auch auf Durchführungsebene zu Herzen nehmen sollten.

Wirkung auf die Freiwilligen

Die Freiwilligen als das zu Bewirkende, das Efficiendum, stehen im Mittelpunkt des Interesses von Wissenschaft und Praxis,[10] eine logische Folge des Verständnisses von Freiwilligendiensten als Lerndienste. Doch wer sind diese Freiwilligen überhaupt? Die meisten haben gerade ihre Schulzeit beendet und leisten ihren Freiwilligendienst in nahezu direktem Anschluss daran.[11] Stellvertretend für alle Freiwilligendienste gilt die Aussage, dass weder die Bewerberstruktur noch die tatsächliche Zusammensetzung der Freiwilligen "die bundesrepublikanische Realität der Jugendlichen widerspiegelt".[12] Im Vergleich zur Wohnbevölkerung in Deutschland haben Freiwillige überproportional oft das Abitur oder eine andere Hochschulzugangsberechtigung erworben, stammen überproportional oft aus höheren sozialen Schichten mit gutem materiellen Lebensstandard, haben häufiger die deutsche Staatsangehörigkeit, kommen (im Fall Weltwärts) häufiger aus den westdeutschen Bundesländern und sind häufiger weiblich.[13] Das heißt im Umkehrschluss: Ehemalige Haupt- und Realschüler, Jugendliche aus niedrigeren sozialen Milieus, Jugendliche mit Migrationshintergrund, Ostdeutsche und Männer sind unterrepräsentiert. Letzteres lässt sich noch teilweise erklären mit der Wehrpflicht, die zum Zeitpunkt aller zitierten Erhebungen noch in Kraft war und vielen Männern den Zivil- oder Wehrdienst als Pflichtdienst bescherte.

Die Hintergründe dieser ungleichen Teilnehmerstruktur können hier weder tiefer analysiert noch bewertet werden. Aus den Freiwilligensurveys wissen wir, dass Engagementverhalten größtenteils mit den in der erstgenannten Auflistung erwähnten Attributen positiv korreliert (Ausnahme: Frauen).[14] Beispiel Schulabschluss: Jugendliche mit Abitur interessieren sich eher für Freiwilligendienste als Hauptschüler und bewerben sich daher häufiger (Selbstselektion). Diese Verzerrung scheint verstärkt zu werden durch die Auswahlprozesse vieler Träger (Fremdselektion). Methodisch ist dies nicht ganz einfach zu erfassen, aber in einem Fall ist es empirisch belegt: Das Auswahlverfahren wirkt als Katalysator, um die ohnehin schon hohe Abiturientenquote bei den Bewerbern in eine noch höhere Abiturientenquote bei den tatsächlich ausgewählten Freiwilligen zu verwandeln.[15] Auch im Fall von Weltwärts ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der Abiturientenanteil von 97 Prozent die Bewerberstruktur exakt widerspiegelt, was zumindest im Aggregat eine ähnliche Abiturientenaffinität auch der Weltwärts-Entsendeorganisationen nahe legt.

Zurück zu den Wirkungen: Freiwilligendienste sind keine Lernorte der formalen, sondern der informellen beziehungsweise nicht-formalen Bildung. In diesem Kontext manifestiert sich Lernen (und auch Wirkung) als Veränderung in Wissen, Verhalten und Einstellung. Der Kompetenzerwerb der Freiwilligen beginnt mit der Aneignung von Qualifikationen, die für die Durchführung der täglichen Arbeit in der Einsatzstelle wichtig sind. Im Gegensatz zu schulischem Lernen sind nun die Lernprozesse "auf inhaltlich und zeitlich enge Verknüpfung zwischen Lernen und Handeln hin angelegt".[16] Für viele Freiwillige ist der Beginn des Dienstes auch gleichbedeutend mit dem erstmaligen intensiveren Kontakt zur Berufswelt, womit auch die soziale, kommunikative und verbindliche Zuordnung in Mitarbeiter- und Teamstrukturen einhergeht - ein Neuland, das folglich Lern- und Orientierungsprozesse auslöst.[17] Neben dem konkreten, nicht nur für die aktuelle Tätigkeit, sondern gegebenenfalls auch für die weitere berufliche Laufbahn wichtigen berufsqualifizierenden Wissen steht bei den Freiwilligen die Persönlichkeitsentwicklung ganz weit oben auf der Liste der Wirkungen, und zwar sowohl bei den nationalen als auch bei den internationalen Diensten.

Im FSJ beispielsweise sehen die Freiwilligen die Auswirkungen auf die persönliche Entwicklung vor allem darin, dass sie selbstständiger in der Arbeit geworden sind, selbstsicherer in ihrem Auftreten und dass sie eher bereit sind, für andere Verantwortung zu übernehmen.[18] Ähnlich schätzen die FSJ Kultur-Freiwilligen den Kompetenzerwerb in den Dimensionen Eigenverantwortung, Kommunikationsfähigkeit und Verantwortungsbewusstsein am höchsten ein.[19] Im Europäischen Freiwilligendienst wurde die Kompetenz, sich in unsicheren und neuen Situationen zurechtfinden zu können, von den Freiwilligen als wichtigste Lernerfahrung eingestuft.[20] In ähnlicher Weise berichtet die Weltwärts-Evaluation, versehen mit dem methodischen Plus einer zumindest approximativen Längsschnittstudie, von gestiegener Handlungskompetenz der Freiwilligen genauso wie von einem gewachsenen Selbstbewusstsein, höherer Selbstständigkeit und größerem Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Interessanterweise attribuieren dabei nicht alle Befragten diesen Kompetenzgewinn direkt ihrer Projektarbeit, sondern machen dafür auch das selbstständige Wohnen und Reisen im Land verantwortlich.[21] "Mehr Selbsterkenntnis" als "Voraussetzung für interkulturelles, globales und persönlichkeitsbezogenes Lernen" fasst eine Studie die Wirkungen auf Weltwärts-Freiwillige in Südafrika zusammen.[22] Im FSJ Kultur wird insgesamt von den Freiwilligen der Erwerb von "personalen" Kompetenzen im Rückblick etwas wichtiger bewertet als der Zuwachs an Sozialkompetenzen und viel wichtiger als die neu erworbenen Methodenkompetenzen.[23] Gerade im Bereich Persönlichkeitsentwicklung gilt es jedoch zu bedenken: Ob mit oder ohne Freiwilligendienst - es ist relativ schwierig, sich in diesem jugendlichen Alter über einen Zeitraum von einem Jahr nicht persönlich weiterzuentwickeln.

Ein weiteres wichtiges Lernfeld betrifft den Bereich der Berufsorientierung. Die Erwartung, während des Dienstes ein neues Berufsfeld kennenzulernen, erfüllt sich für nahezu alle Freiwilligen (stellvertretend: 96 Prozent im FSJ, 91 Prozent im FÖJ) und bewirkt in allen Dienstarten eine Klärung des eigenen Berufsziels, das heißt, das ursprüngliche Berufsbild wird entweder bestärkt oder verworfen; der Dienst hat aber in jedem Fall einen "maßgeblichen Einfluss" darauf.[24] Dies kann sich auch darin äußern, dass am Ende eine bewusste Entscheidung gegen das im Dienst kennengelernte Berufsfeld getroffen wird: So sinkt beispielsweise bei den Weltwärts-Freiwilligen das grundsätzliche Interesse an einer Tätigkeit in der Entwicklungszusammenarbeit von 91 Prozent vor dem Dienst auf 84 Prozent danach.[25] Ein immer noch hoher Wert, den das Entwicklungsministerium als Geldgeber, das den Dienst auch als "Nachwuchsförderung im entwicklungspolitischen Berufsfeld"[26] verstanden wissen will, wohl eher in der Rubrik "nicht-intendierte Wirkungen" verbucht. Neben der Berufsorientierung erwarten manche Freiwillige, dass sich durch den Dienst ihre Zugangschancen zu Ausbildung und Beruf erhöhen; eine Erwartung, die sich in ihrer eigenen Wahrnehmung erfüllt.[27]

Aufgrund der Tätigkeit im Ausland sind einige Wirkungen den internationalen Freiwilligendiensten vorbehalten. Die Verbesserung der Fremdsprachenkenntnisse ist wichtiger Teil der Motivationslage der Freiwilligen für einen solchen Dienst, und es ist wenig überraschend, dass der Zuwachs an Sprachkompetenz empirisch auch eintritt.[28] Etwas abstrakter sind die interkulturellen Kompetenzen, die erworben und der Lerndimension "Einstellung" zugeordnet werden. Dazu gehört unter anderem die Fähigkeit, "sich verstehend und kooperierend auf andere Orientierungen und Deutungsmuster des Gastlandes einzulassen und gegebenenfalls die eigenen zu relativieren und zu hinterfragen".[29] In dem Zusammenhang werden manche Freiwillige regelrecht zum Fan ihres Gastlandes, gewinnen gleichzeitig Verständnis für die Schwierigkeiten in Deutschland lebender Ausländer oder lernen auch das eigene Heimatland stärker schätzen.[30] Auch Weltwärts-Freiwillige entwickeln während des Dienstes ein Bewusstsein für kulturelle Unterschiede und vorhandene Vorurteile.[31] Im Fall der "Bereitschaft zur Perspektivübernahme" (verstanden als Bereitschaft, Perspektiven anderer Personen einzunehmen beziehungsweise Fragen von unterschiedlichen Seiten zu betrachten) ging die persönliche Entwicklung der Freiwilligen sogar so weit, dass sich ihr Referenzrahmen während des Dienstes stark verschob: Der Anteil derer, die hier eine hohe Selbsteinschätzung vornahmen, sank von 71 Prozent vor dem Dienst auf 41 Prozent danach. Dies wird interpretiert als eine Korrektur der naiv überhöhten Selbsteinschätzung vor dem Dienst, "die in der Auseinandersetzung mit anderen Kulturen und Lebensumständen auf ein realistischeres Niveau gebracht"[32] wurde. Auch die Untersuchungen zum Nord-Süd-Verständnis, etwa bezüglich der ungleichen Verteilung von Armut und Reichtum, zeigen, dass die Freiwilligen hier eine dynamische und komplexe Entwicklung durchmachen, gespeist durch eine intensive Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten vor Ort.[33]

Wirkung in den Einsatzstellen

Die Stufe 2 im Wirkungsmodell bezeichnet die Wirkungen der Freiwilligen auf die Einsatzstellen. Aus Sicht der Wohlfahrtsverbände sind die FSJ-Freiwilligen "in ihrer Hilfe- und Unterstützungsfunktion für unsere Dienste und Einrichtungen, für deren Mitarbeiter(innen) aber auch für deren Kund(in)nen wichtig. Durch sie sind eine Entlastung der Fachkräfte, zusätzliche Angebote und damit mehr Zeit für persönliche Ansprache und Zuwendung möglich. Die FSJ-Freiwilligen bringen eine zusätzliche Qualität ein, als junge Menschen, mit dem Blick von außen, mit frischem Elan. Und das ist eine Bereicherung für jede Einrichtung."[34] Diese Charakterisierung darf als stellvertretend für viele Einsatzstellen im Inland gelten. Die FSJ/FÖJ-Evaluation zeigt, dass es Einsatzstellen auch um Kostenreduzierung und um Arbeitsentlastung geht, Freiwillige aber auch zur Verbesserung des Arbeitsklimas beitragen. Im FSJ Kultur benennen Einsatzstellen ebenfalls vorrangig die inhaltlichen Nutzenargumente von Freiwilligen, "die letztlich Einfluss auf die internen operativen Prozesse haben":[35] qualitätsvolle Arbeitsunterstützung, positive Arbeitsatmosphäre, zielgruppennahe Perspektive und neue Impulse.

Daneben wird von den Einsatzstellen ein weiterer Aspekt erstaunlich oft genannt: Personalgewinnung. Für FSJ- und FÖJ-Einsatzstellen ist dieser Aspekt sogar am wichtigsten,[36] da gute Freiwillige immer auch gute potentielle Mitarbeiter sind. Dabei muss sich die Rekrutierungsfunktion des Dienstes nicht auf hauptamtliche Mitarbeiter beschränken. Ehemalige Freiwillige werden auch identifiziert als potentielle Ehrenamtliche, Spender, Befürworter von Investitionen im sozialen Bereich und nicht zuletzt als Wähler(!).[37] Das Urteil der Einsatzstellen bezüglich der besseren Versorgung der jeweiligen Zielgruppe, also letztlich der Endbegünstigten, erscheint zwiespältig: 46 (FSJ) beziehungsweise 49 Prozent (FÖJ) beurteilen den Nutzen in dieser Hinsicht (eher) groß, mehr als die Hälfte jedoch als (eher) gering.[38]

Im entwicklungspolitischen Freiwilligendienst Weltwärts werden die Startbedingungen für eine sachliche Wirkungsdebatte schon allein dadurch erschwert, dass die Mittel für den Dienst aus dem Etat des Entwicklungsministeriums stammen. Die breite Öffentlichkeit und Teile der Fachöffentlichkeit leiten daraus einen Wirkungsanspruch an Weltwärts ab, der sich mindestens zu messen habe mit dem anderer Instrumente der sogenannten personellen Zusammenarbeit. Das ist in Anbetracht des jugendlichen Alters und der Qualifikationen der meisten Weltwärts-Freiwilligen unangemessen. Problematischer ist jedoch, so eine Weltwärts-Studie zu Südafrika, dass die Freiwilligen diese Erwartungshaltung oft annehmen und mit sich in die Einsatzstellen tragen, die wiederum mit soviel Wirkungs- und Tatendrang auch überfordert sein können.[39]

Ein weiterer elementarer Unterschied zu den nationalen Diensten besteht darin, dass die Einsatzstellen im Ausland eine enorme Integrations- und Betreuungsarbeit leisten, die insbesondere zu Beginn des Dienstes Ressourcen wie Zeit und Nerven kostet. Aus Sicht der Einsatzstellen schmälert dies zumindest vordergründig den Netto-Nutzen des Dienstes. Dass dieser grundsätzlich negativ sei, wie gelegentlich behauptet wird,[40] ist hingegen nicht nur reziprozitätstheoretisch nicht haltbar, sondern vor allem empirisch nirgends belegt. Im Gegenteil, Befragungen von Einsatzstellen ergeben, "dass diese einen weitaus stärkeren Nutzen von den Freiwilligen verspüren, als die Freiwilligen bisweilen glauben".[41] Kulturweit-Einsatzstellen attribuieren den Freiwilligen jedenfalls nahezu unisono einen (nicht näher definierten) Mehrwert.[42] Auf Ebene der Stärkung der Handlungskompetenz der Einsatzstellen kann der Nutzen darin bestehen, dass die Freiwilligen Wissen und Kompetenzen, beispielsweise Kenntnisse im IT-Bereich oder in Unterrichtsmethoden, in die Projekte einbringen. "Hierbei werden bestehende Abläufe und Praktiken hinterfragt und aus einer anderen kulturellen Perspektive betrachtet, wie beispielsweise Unterrichtsformen, Gewalt gegenüber Kindern oder den Umgang mit HIV-Infizierten. Dieser durch informellen interkulturellen Austausch erzeugte Wissenstransfer führt vereinzelt dazu, dass Abläufe in der Einsatzstelle angepasst werden. Beispielsweise werden Unterrichtssätze verändert, Hygienemaßnahmen intensiviert oder Organisationsstrukturen innerhalb der Einsatzstelle optimiert."[43] Auf einer anderen Ebene befinden sich solche Wirkungen, nach denen die Anwesenheit der Freiwilligen für die Einsatzstellen mit einem Zugewinn an Sichtbarkeit, Reputation und Bedeutung verbunden ist, der sich nützlich erweisen kann etwa im Umgang mit Behörden.[44]

Eine weitere Wirkung der Kategorie Symbolik kehrt das Bild der Hilfe um: Einsatzstellen erfahren sich nicht nur als Hilfeempfänger, sondern auch als Hilfeleister. "Gerade die emotionale Unterstützung und informelle Ausbildung, die viele Mitglieder der Einsatzstellen den Freiwilligen anbieten, wirkt sich positiv auf das Selbstverständnis solcher Organisationen aus. Die Verkehrserfahrung, einem reichen, technologisch hoch entwickelten Land wie Deutschland über die Ausbildung seiner Jugend Hilfe zukommen zu lassen, leistet einen nachhaltigen Beitrag für das Selbstbewusstsein der lokalen Organisationen."[45]

Systematische Untersuchungen hinsichtlich der Wirkung der Freiwilligen auf die Endbegünstigten sind mir nicht bekannt. Immerhin geben 89 Prozent der befragten Weltwärts-Einsatzstellen an, dass deren jeweilige Zielgruppe vom Einsatz der Weltwärts-Freiwilligen profitiere.[46] Anekdoten berichten von Fällen wie dem in Indien, wo das von Freiwilligen eingeführte "Schulbesuchsdokumentationssystem" (eine simple Strichliste) die Anwesenheit der Schüler im Unterricht deutlich und dauerhaft erhöht hat. Den Freiwilligen ist es damit gelungen, einen Punkt in der Wirkungs-Königsdisziplin zu erzielen: eine Verhaltensänderung der Zielgruppe. Es steht zu vermuten, dass es in anderen Weltwärts-Einsatzstellen zu ähnlichen Effekten kommt, die niemals dokumentiert werden. Letztlich können es auch die kleinen, zwischenmenschlichen Begegnungen zwischen Freiwilligen und Endbegünstigten sein, die eine besondere Wirkung entfalten.[47]

Wirkung nach dem Dienst

Die dritte Wirkungsstufe betrifft das Engagement nach dem Engagement - schließlich endet auch in den Augen vieler, insbesondere internationaler Freiwilliger ein Freiwilligendienst nicht mit dem letzten Tag in der Einsatzstelle. Die Haltung, dass gerade entwicklungspolitische Freiwilligendienste vornehmlich eine Saat sind, die erst nach dem eigentlichen Dienst aufgeht, ist weit verbreitet. Das Gesamtbild der Forschungsergebnisse zum nachgelagerten Engagement insbesondere der Freiwilligen, die ihren Dienst in Deutschland geleistet haben, ist uneindeutig. Hinzu kommt, dass es schwierig ist, das Engagement ursächlich dem Freiwilligendienst zu attribuieren. Wer sich vor dem Dienst engagiert hat, tut dies womöglich auch nach dem Dienst.

"Engagement" ist zwar eigentlich der Wirkungsdimension "Verhalten" zugeordnet, doch manche Studien begnügen sich damit, die Einstellung oder zukünftige Intentionen zu Engagement abzufragen, so in einer Studie zum FSJ Kultur: "The majority of answers provided by adolescents regarding the program's impact on their attitude towards volunteering and civic service showed a positive tendency. The program actually had a sustainable impact on the volunteers' attitude towards civic service and volunteering, and it also influenced their future intentions to provide further voluntary support."[48] Die gleiche Studie gewinnt jedoch durch eine Vergleichsgruppe, die zeigt, dass die Engagementbereitschaft der FSJ Kultur-Freiwilligen deutlich höher ist als bei Schülern oder Studenten.

Geht es um konkretes Handeln, setzen ehemalige FSJ-Freiwillige ihre Engagementbereitschaft zwar häufiger in die Tat um als Befragte repräsentativer Untersuchungen; allerdings gehen laut zweier FSJ-Studien die tatsächlichen Engagementquoten im Vorher-Nachher-Vergleich sogar etwas zurück.[49] Dies muss jedoch auch vor dem Hintergrund der besonderen biografischen Umbruchsituation der ehemaligen Freiwilligen interpretiert werden (Umzug, Studium, Ausbildung). Besondere Erwähnung verdient die Tatsache, dass die Engagement-Veränderung (nicht notwendigerweise die absoluten Zahlen) bei ehemaligen Hauptschülern größer ist als bei Realschülern und dort wiederum größer als bei Abiturienten.[50] Demnach entfalten Freiwilligendienste genau bei der Gruppe die größte Wirkung, die einen extrem erschwerten Zugang zu Freiwilligendiensten hat und nur einen kleinen Teil der Freiwilligen stellt.

Der Einfluss eines Dienstes im Ausland auf gesellschaftliches Engagement scheint grundsätzlich etwas größer zu sein als bei Inlandsdiensten.[51] Das Engagement der ehemaligen Auslandsfreiwilligen zeichnet sich aus durch eine große Vielfalt[52] und durch den Wunsch nach Autonomie: Ehemalige internationale Freiwillige möchten eher etwas Eigenes auf die Beine stellen, statt sich in bestehenden Strukturen zu engagieren. Die tatsächliche Engagementquote bei den Weltwärts-Rückkehrern ist mit 64 Prozent beträchtlich; die Engagementbereitschaft der noch nicht Engagierten liegt sogar bei 84 Prozent.[53] Die Studie zeigt auch, dass das Engagement mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Dienst sogar leicht ansteigt. Im Europäischen Freiwilligendienst sind bei etwa 50 Prozent der Befragten "durch den EFD induzierte Wirkungen, sich sozial, kulturell oder politisch zu engagieren, vorhanden";[54] 90 Prozent der Kulturweit-Rückkehrer geben an, sie werden sich auch nach dem Dienst weiter engagieren.[55]

Fazit

Die Wirkungsdebatte rund um Freiwilligendienste steht erst am Anfang. Doch sie deutet schon jetzt in zweierlei Hinsicht Potential an: Die bisherigen Forschungsergebnisse lassen das Wirkungspotential der Freiwilligendienste bereits schemenhaft erkennen. Um es jedoch in vollem Umfang sichtbar zu machen, muss die freiwilligendienstbezogene Wirkungsforschung erst ihr eigenes Potential heben. Dazu gehört erstens die Entwicklung eines Wirkungsverständnisses, das sich originär an Freiwilligendiensten und deren spezifischen Zielen orientiert, und zweitens die Stärkung sozialwissenschaftlicher Standards in der Konzeption und Durchführung von Wirkungsforschung. Beides ist gemeinsame Aufgabe von Staat, Zivilgesellschaft und Wissenschaft.
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Fußnoten

1.
Vgl. dazu den Beitrag von Holger Backhaus-Maul in dieser Ausgabe.
2.
Vgl. Reinhard Stockmann, Evaluation und Qualitätsentwicklung. Eine Grundlage für wirkungsorientiertes Qualitätsmanagement, Münster u.a. 2006, S. 101.
3.
Vgl. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Hrsg.), Richtlinie zur Umsetzung des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes "weltwärts", Bonn 2007, S. 6.
4.
Vgl. Alain Caillé, Anthropologie der Gabe, Frankfurt/M.-New York 2008; Frank Adloff/Steffen Mau, Vom Geben und Nehmen: Zur Soziologie der Reziprozität, Frankfurt/M.-New York 2005; Marcel Mauss, Die Gabe - Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften, Frankfurt/M. 1990.
5.
Qualität in Freiwilligendiensten, online: www.quifd.de (24.10.2011).
6.
Vgl. Gloria Possart, Wirkungen von Freiwilligendiensten. Ein Beitrag zur Qualifizierung der Praxis, Masterthesis an der Alice Salomon Fachhochschule Berlin, 2006, S. 56.
7.
Steve Powell/Esad Bratovi, The impact of long-term youth voluntary service in Europe: A review of published and unpublished research studies, Brüssel 2007, S. 7.
8.
Vgl. ebd., S. 22-24.
9.
Ebd., S. 42.
10.
Vgl. G. Possart (Anm. 6), S. 37.
11.
Vgl. Andrea Rahrbach/Werner Wüstendörfer/Thomas Arnold, Untersuchung zum Freiwilligen Sozialen Jahr, Stuttgart u.a. 1998, S. 76; Roland Becker et al., Lern- und Bildungsprozesse im europäischen Freiwilligendienst. Band 1: Jugend für Europa - Deutsche Agentur Jugend, Bonn 2000, S. 10; Dietrich Engels/Martina Leucht/Gerhard Machalowski, Evaluation des freiwilligen sozialen Jahres und des freiwilligen ökologischen Jahres, Wiesbaden 2008, S. 139; BMZ (Hrsg.), Evaluierung "Entwicklungspolitischer Freiwilligendienst Weltwärts". Hauptbericht, Hamburg 2011, S. 37. (Der Verfasser dieses Artikels war bis März 2011 in seiner ehemaligen Funktion als Mitarbeiter des Weltwärts-Sekretariat Mitglied der Referenzgruppe zur Begleitung der Weltwärts-Evaluierung)
12.
Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) (Hrsg.), EngagementPLUSTatkraft. Empirische Ergebnisse aus dem Engagementfeld Kultur, Berlin-Remscheid 2007, S. 10.
13.
Die Anteile variieren nach Dienstart und Stichprobe; die Abiturientenquote etwa zwischen 47 und 97 Prozent. Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11); Jürgen E. Schwab/Michael Stegmann, Das freiwillige Engagement im FSJ aus Sicht von Teilnehmer(inne)n, in: Marianne Schmidle/Uwe Slüter (Hrsg.), Das Freiwillige Soziale Jahr zeigt Wirkung, Düsseldorf 2010; A. Rahrbach et al. 1998 (Anm. 11); R. Becker et al. (Anm. 11); BKJ (Anm. 12); BMZ (Anm. 11).
14.
Vgl. BMFSFJ (Hrsg.), Hauptbericht des Freiwilligensurveys 2009. Zusammenfassung, München 2010, S. 4.
15.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 13-14.
16.
J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 22.
17.
Vgl. ebd., S. 23.
18.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 169.
19.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 20.
20.
Vgl. R. Becker et. al. (Anm. 11), S. 32.
21.
Vgl. BMZ 2011 (Anm. 11), S. 41.
22.
Brigitte Schwinge, Verkehrte Welten: Über die Umkehrung der Verhältnisse von Geben und Nehmen. Der Weltwärts-Freiwilligendienst als Selbstbehandlung im Kulturkontakt zwischen Deutschland und Südafrika, Bonn 2011, S. 7.
23.
Vgl. BKJ (Anm. 12), S. 19.
24.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 164, S. 166.
25.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 38.
26.
BMZ (Anm. 3), S. 4.
27.
Vgl. J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 43.
28.
Vgl. R. Becker et al. (Anm. 11), S. 28; A. Rahrbach et al. 1998 (Anm. 11), S. 293; BMZ (Anm. 11), S. 33; Deutsche Unesco-Kommission (Hrsg.), Erster "Kulturweit"-Bericht 2009-2010, Berlin 2011, S. 22.
29.
R. Becker et al. (Anm. 11), S. 40.
30.
Vgl. ebd., S. 40-41.
31.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 36.
32.
Ebd., S. 35.
33.
Ebd., S. 37.
34.
Theresia Wunderlich, Was erwarten die Wohlfahrtsverbände vom Freiwilligen Sozialen Jahr?, in: M. Schmidle/U. Slüter (Anm. 13), S. 64.
35.
BKJ (Anm. 12).
36.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 158.
37.
Vgl. T. Wunderlich (Anm. 34), S. 68.
38.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 158.
39.
Vgl. B. Schwinge (Anm. 22), S. 9, S. 117.
40.
Vgl. Jana Rosenboom, Weltwärts - Lernen für die Weltgesellschaft, in: Zeitschrift für internationale Bildungsforschung und Entwicklungspädagogik, 32 (2009) 1, S. 31-33, hier: S. 33.
41.
B. Schwinge (Anm. 22), S. 10.
42.
Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 20.
43.
BMZ (Anm. 11), S. 54.
44.
Vgl. ebd., S. 62; Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 22.
45.
B. Schwinge (Anm. 22), S. 10.
46.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 51.
47.
Vgl. B. Schwinge (Anm. 22), S. 114.
48.
Gesa Birnkraut, The Voluntary Cultural Year in Germany: Views of Youth who Participate and Those who do Not, in: Amanda Moore McBride (ed.), Youth Service in Comparative Perspective, St. Louis 2009, S. 35.
49.
Vgl. Angela Eberhard, Engagement für andere und Orientierung für sich selbst. Gestalt, Geschichte und Wirkungen des freiwilligen sozialen Jahres, München 2002, S. 291, S. 259; J.E. Schwab/M. Stegmann (Anm. 13), S. 37-38.
50.
Vgl. D. Engels et al. (Anm. 11), S. 163.
51.
Vgl. A. Rahrbach et al. (Anm. 11), S. 284.
52.
Vgl. Katja Christ/Jörn Fischer, Internationale Freiwilligendienste. Lernen und Helfen im Ausland, Freiburg 20113, S. 167-175.
53.
Vgl. BMZ (Anm. 11), S. 71.
54.
R. Becker et al. (Anm. 11), S. 48.
55.
Vgl. Deutsche UNESCO-Kommission (Anm. 28), S. 23.