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10.11.2011 | Von:
Ortwin Renn

Wissen und Moral - Stadien der Risikowahrnehmung - Essay

Zäsur von 1986

Moderne Großtechnologien wie die Nutzung der Kernkraft genossen bis in die 1970er Jahre starken öffentlichen Rückhalt, und die Vertreter der technischen Elite hatten maßgeblichen Einfluss auf die Politik.[2] Die Risikoabschätzungen der Experten lieferten ausreichenden Rückhalt dafür, dass die intuitive Wahrnehmung andauernder Bedrohungen, die in vielen Risikowahrnehmungsstudien zum Ausdruck kamen,[3] als ungerechtfertigt erschien. Trotz einer großen Anzahl von Bewegungen gegen die höchst unpopuläre Kernenergie, trotz andauerndem Protest gegen den Bau neuer chemischer Fabriken oder die Erweiterungen von Flughäfen, trotz Alternativbewegungen, die überall in Europa und den USA aufkamen, waren die Vertreter der Technikeliten in der Lage, konservative, liberale und sozialdemokratische Parteien in allen westlichen Ländern von ihren Ideen und Plänen zu überzeugen. In Deutschland wurden Kernkraftwerke gebaut und in Betrieb genommen, in der Schweiz liefen alle Volksentscheide bis 1986 darauf hinaus, Kernkraftwerke in Betrieb zu behalten. In Schweden bestimmte 1980 ein Volksentscheid, die bestehenden Kernkraftwerke in begrenztem Rahmen bis zu einer vorbestimmten Laufzeit im Betrieb zu halten.

Dieses Bild änderte sich dramatisch nach den drei Katastrophen von 1986: der Explosion der US-Raumfähre "Challenger" (Januar), dem Reaktorunglück im Kernkraftwerk Tschernobyl (April) und dem Großbrand in einem Chemiewerk in Schweizerhalle bei Basel (November).[4] Unterstützer von Großtechnologien gerieten nunmehr in die Defensive, während die Skeptiker damit begannen, ein neues Denken über Risiken in Politik und Gesellschaft zu verankern. Jetzt wurden die Experten nicht nur für mangelnde Moralität, sondern darüber hinaus auch für mangelnde Rationalität ihres Fachwissens zur Verantwortung gezogen. Nahezu alle europäischen Länder bis auf Frankreich setzten die Entwicklung der Kernenergie aus. In Deutschland wurde nach langen und erbitterten Auseinandersetzungen das Projekt zur Wiederaufbereitung von Nuklearabfällen aufgegeben. Später entschied die neue Regierung unter Gerhard Schröder, aus der Kernenergie ganz auszusteigen.

Die Kernkraft war aber nicht die einzige Technologie, die nach gründlicher Infragestellung durch Gegenexperten und Bürgerinitiativen in Misskredit geriet. Es gab eine überbordende Stimmung der Ablehnung gegen die chemische Industrie, Wiederaufbereitungsanlagen von Abfällen, Straßenbauplänen, Flughafenerweiterungen und schließlich auch der Inbetriebnahme erster Labors und Produktionsanlagen zur Anwendung von Gentechnik.[5] Die magischen Begriffe der späten 1980er Jahre waren "Dezentralisation", "verbrauchernahe Versorgung", "erneuerbare Energien", "ökologische Landwirtschaft", "Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel" und "technische Entwicklung auf Grundlage sanfter Technologien". Diese neue Sichtweise von Risiko fand ihren Niederschlag auch in der Durchsetzung härterer Sicherheitskriterien und der strengen Anwendung des Vorsorgeprinzips.[6]

Fußnoten

2.
Die folgenden Ausführungen sind zum Teil meinem Aufsatz entnommen: Ortwin Renn, Abschied von der "Risiko-Gesellschaft"?, in: Jens Aderhold/Olaf Kranz (Hrsg.), Intention und Funktion. Problem der Vermittlung psychischer und sozialer Systeme, Wiesbaden 2007, S. 230-251.
3.
Vgl. Ortwin Renn, Risikowahrnehmung der Kernenergie, Frankfurt/M. 1984.
4.
Vgl. ders., Risk Governance. Coping with Uncertainty in a Complex World, London 2008, S. 53ff.
5.
Vgl. Lennart Sjöberg et al., Risk Perception in Commemoration of Chernobyl: A Cross-National Study, Rhizikon: Risk Research Report No. 33, Stockholm 2000.
6.
Vgl. Peter Sand, The Precautionary Principle: A European Perspective, in: Human and Ecological Risk Assessment, 6 (2000) 3, S. 445-458; Ortwin Renn et al. (eds.), Precautionary Risk Appraisal and Management. An Orientation for Meeting the Precautionary Principle in the European Union, Bremen 2009.

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