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10.11.2011 | Von:
Ortwin Renn

Wissen und Moral - Stadien der Risikowahrnehmung - Essay

Das Imperium schlägt zurück: Die Rache der technischen Elite

Im ersten Jahrzehnt nach den Ereignissen von 1986 wurde die technische Risikoelite in eine Verteidigungshaltung gedrängt. Doch nach 1996 drehte sich der Wind von neuem. Die in der Nach-Tschernobyl-Zeit verschmähte Logik der Experten wurde rehabilitiert, als bekannt wurde, dass die Katastrophen von 1986 so katastrophal, wie zu Anfang befürchtet, gar nicht waren. Der Rhein hatte sich von dem Unfall in Schweizerhalle sehr viel schneller erholt, als selbst die Optimisten es zu prognostizieren gewagt hätten. Die "Challenger"-Katastrophe blieb bis auf ein weiteres Ereignis die Ausnahme bei der Erkundung des Weltraums. Gemäß dem Urteil der meisten Toxikologen und Strahlenforscher hatte sogar der große Reaktorunfall von Tschernobyl wesentlich weniger Opfer hervorgerufen, als es in der Öffentlichkeit dargestellt worden war.

Von daher entpuppten sich nach Ansicht der Experten die scheinbar apokalyptischen Ereignisse des Jahres 1986 lediglich als eine Episode in der Folge von tragischen, aber letztlich unvermeidbaren Vorfällen - wie Dammbrüche, Hurrikane, Fluten, Erdbeben und anderem. War damit das Ende der "Risikogesellschaft" eingeläutet? In der Tat kehrten viele Experten zum alten Stil zurück. Risikoabschätzung und -bewertung sollten sich wieder an der Produktformel von Wahrscheinlichkeit und Ausmaß orientieren und als Grundlage der staatlichen Risikobewertung dienen. Vor allem kritisierten Risikoanalytiker die Regulierungsbehörden und mit ihnen die Politik, sie würde ihre Entscheidungen statt auf Basis der harten, wissenschaftlichen Daten auf Basis der in der Regel verzerrten Risikowahrnehmungen der betroffenen Menschen treffen. Denn dadurch würden mehr Menschen in Gefahr gebracht als bei nüchterner Abwägung der Risiken.[7]

Am Ende des Jahres 1990 schien das Pendel zurück zu schwingen zu einer neuen Ära, in der Experten wieder das Zepter in der Risikoabschätzung und -bewertung in der Hand trugen. Zur gleichen Zeit warnten jedoch viele Analytiker aus den Sozialwissenschaften davor, dass die Missachtung öffentlicher Wahrnehmung ihren Preis fordern würde.[8] Man würde diejenigen von der Politik entfremden, die sich als aktive Staatsbürger um politische Steuerungsfragen kümmern wollten. Zudem würde mit einer einseitigen Abstützung auf Expertenurteile auch der potenzielle Beitrag unterschätzt, den die Öffentlichkeit bei der Entscheidungsfindung im Risikomanagement liefern könne. Die vielen Bürgerproteste, die sich in den Folgejahren entwickelten, legen Zeugnis davon ab, dass die Entscheidungsträger zwar stärker auf Expertenurteile zurückgriffen, die breite Öffentlichkeit aber weiterhin dem eher postmodernen Gedanken an eine Pluralität von Wahrheiten und dem Egalitätsprinzip von Rechtfertigungen anhing.

Fußnoten

7.
Vgl. Frank B. Cross, Facts and Values in Risk Assessment, in: Reliability Engineering and Systems Safety, (1998) 59, S. 27-45; David Okrent, Risk Perception and Risk Management: On Knowledge, Resource Allocation and Equity, in: Reliability Engineering and Systems Safety, (1998) 59, S. 17-25.
8.
Vgl. Sheila Jasanoff, The Songlines of Risk, in: Environmental Values, 8 (1999) 2, S. 135-152.

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