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10.11.2011 | Von:
Hardo Bruhns
Martin Keilhacker

"Energiewende": Wohin führt der Weg?

Energiebedarf und Sparpotenzial

Der deutsche Anteil am Weltprimärenergieverbrauch liegt bei 3,5 Prozent und beträgt rund 4000 Terawattstunden (TWh). Deutschland (mit etwa 1,2 Prozent der Weltbevölkerung) hat gegenwärtig einen jährlichen Pro-Kopf-Verbrauch von gut vier Tonnen Öläquivalent (toe). Das ist etwa die Hälfte des Pro-Kopf-Verbrauchs der Spitzengruppe (unter anderem Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate, USA, Kanada), aber deutlich mehr als das Doppelte des Weltdurchschnitts, der unter zwei toe pro Kopf liegt.

Etwa 35 Prozent der benötigten Primärenergie gehen in unserem Energieversorgungssystem verloren. Verluste bei der Stromerzeugung sind daran wesentlich beteiligt. Bei der Nutzung der verbleibenden Endenergie stehen mechanische Energie in Industrie und Transport (37 Prozent) sowie Raumwärme und Warmwasser (35 Prozent) an den ersten Stellen. Bei den privaten Haushalten macht die Wärmebereitstellung sogar fast 90 Prozent des Endenergieverbrauchs aus. Beleuchtung, wegen des Glühlampenverbots viel diskutiert, benötigt gerade einmal knapp drei Prozent.

Damit müssen Verbesserungen der Umwandlungseffizienz in Kraftwerken, Raffinerien und Antriebsaggregaten sowie wesentlich wirksamere Wärmeisolierung von Gebäuden im Vordergrund der Energiesparbemühungen stehen. In vielen Bereichen hat sich die Energieeffizienz über die vergangenen Jahrzehnte bereits erheblich verbessert, allerdings wirken Komfort- und Leistungsansprüche Einsparungen entgegen. Es muss also ein Umdenken bewirkt werden, wenn tatsächlich deutliche Einsparungen erreicht werden sollen - der Energiepreis wird das wesentliche Stimulans dafür sein.

Bei der Wärmedämmung zeigt sich, dass Verbesserungen bei Neubauten gut zu erzielen sind, wenngleich durchaus mögliche Ziele von 40 bis 60 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr (kWh/m2a) und weniger noch viel zu selten erreicht werden. Ein Großteil der Altbauten kann aber kaum bzw. nur mit großem finanziellen Aufwand und auch Einbußen bei Wohnqualität und Fassadenoptik auf Niedrigenergiestandards saniert werden. Für Heizungen ist besonders bei gut gedämmtem Wohnraum Einsparpotenzial vorhanden. Gerade bei für Einzelhäuser typischen Anlagegrößen könnten statt Brennwertkesseln oder Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) noch vorteilhafter Wärmepumpen eingesetzt werden.[2]

Der oft prognostizierten Senkung des Stromverbrauchs (2010 lag er in Deutschland brutto bei 606 TWh) steht eine Flut neuer elektrischer Anwendungen entgegen (Elektrifizierung nahezu aller Funktionen im Haushalt, im Handel und in der Industrie, Informations- und Kommunikationstechnologien, Elektrofahrzeuge). Auch liefern Wind- und Wasserkraft wie auch Photovoltaik von vornherein Energie in Form von Strom, der sich damit zunehmend auch für Anwendungen anbietet, die heute mit fossilen Brennstoffen arbeiten. So könnten sich auf Dauer zum Beispiel elektrische Speicherheizungen wieder durchsetzen, die mit CO2-frei erzeugter Elektrizität unter Klimaschutzaspekten jeder Erdgasheizung vorzuziehen wären. Insgesamt wäre die Politik gut beraten, sich auf die Fortsetzung von Steigerungen beim Stromverbrauch und einen Bruttostrombedarf im Jahr 2050 von mindestens 700 TWh einzustellen.[3]

Wie viel Primärenergie kann in Deutschland tatsächlich eingespart werden? In den meisten Szenarien wird von 20 Prozent bis 45 Prozent über die nächsten 40 Jahre ausgegangen.[4] Das wird beachtliche Anstrengungen erfordern. Deswegen sollte so effizient und kostengünstig wie möglich vorgegangen werden.

Fußnoten

2.
Vgl. Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG), Elektrizität: Schlüssel zu einem nachhaltigen und klimaverträglichen Energiesystem, Bad Honnef 2010, S. 73ff.
3.
Vgl. zum Beispiel Studien des Verbands der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (2008) und der DPG (2010).
4.
Vgl. Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, Energietechnologien 2050 - Schwerpunkte für Forschung und Entwicklung, Karlsruhe 2010; "Leitstudie 2010" im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Berlin, Dezember 2010; EWI/Prognos-Studie, Die Entwicklung der Energiemärkte bis zum Jahr 2030 (Energiereport IV), im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit, Berlin 2005.

Dossier

Energiepolitik

Die Energiewende stellt Deutschland vor große Herausforderungen. Schrittweise sollen Atomenergie und fossile Kraftstoffe durch erneuerbare Energie ersetzt werden. Dazu sind riesige Investitionen erforderlich. Gleichzeitig befindet sich der globale Energiemarkt im Umbruch: Während in Europa schrittweise mehr Wettbewerb eingeführt wird, konzentriert sich die Kontrolle über die weltweiten Öl- und Gasreserven zunehmend in der Hand von wenigen Staatsfirmen. Das Dossier ist Bestandsaufnahme der aktuellen Energiemärkte und bietet einen Ausblick auf Chancen und Risiken zukünftiger Energiepolitik.

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