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10.11.2011 | Von:
Rafaela Hillerbrand

Von Risikoabschätzungen zum "guten Leben" - oder umgekehrt?

Die Debatte um eine sichere Energieversorgung ist in erster Linie ein Risikodiskurs. Es bedarf sowohl einer ethischen Bewertung, die künftige Generationen einbezieht, als auch einer Besinnung darauf, was wir unter "gutem Leben" verstehen.

Einleitung

Moderne Techniken bestimmen heute unseren Alltag und sichern nicht nur unseren Wohlstand, sondern auch unser Überleben als Gattung "Mensch". Auch in Zukunft macht insbesondere eine steigende Weltbevölkerung technologischen Fortschritt unabdingbar. Nur so können in den Industrieländern Lebensstandard, Lebenserwartung und Gesundheit erhalten und in Schwellen- und Entwicklungsländern vergleichbare Standards erreicht werden. So unstrittig es ist, dass Technik zur Lösung vieler Probleme in der Vergangenheit beigetragen hat und in Zukunft beitragen wird, ist ebenso unstrittig, dass Technik nicht nur Segen bringt. Alle Techniken sind nicht nur mit Nutzen und Chancen verknüpft, sondern auch mit Risiken. Der Unfall in den Kernreaktoren von Fukushima oder die prognostizierte Erderwärmung als Folge der Verbrennung fossiler Rohstoffe zeigen dies überdeutlich und haben dazu geführt, dass insbesondere in der deutschen Öffentlichkeit das Risiko einiger technologischer Entwicklungen eher hoch, der mit ihnen verbundene Nutzen dagegen eher niedrig eingeschätzt wird.[1]

Aber es ist nicht allein das hohe Gefährdungspotenzial, das der Akzeptanz bestimmter Techniken entgegensteht; erschwerend kommt hinzu, dass der Einzelne hier kaum Einfluss auf eine Entscheidung hat und sich auf die Risikoabwägung von Staat und Recht verlassen muss. Die Risiken vieler Techniken etwa im Bereich der Stromerzeugung tragen allerdings nicht allein diejenigen, die deren Nutzung zustimmen und von deren Chancen profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft - heute wie in Zukunft.

Dabei ist die Risikoeinschätzung von Individuen sehr unterschiedlich, sie reicht von risikoavers bis zu hochgradig riskant. Der Eine geht einer risikoreichen Sportart nach, der Andere nicht. Bei großtechnischen Anlagen kann individuelles Risikoverhalten aber nicht berücksichtigt werden; der Einzelne muss sich auf die politischen Entscheidungsträger verlassen, dass diese in seinem Interesse die Abwägung von potenziellem Schaden und Nutzen nach gewissen objektiven Kriterien vorgenommen haben. Aber kann es denn überhaupt eine objektive Risikobewertung geben? Die Auslagerung des politischen Diskurses auf Expertendebatten gerade dort, wo es um durch Technik geschaffene Risiken geht, scheint dies zumindest nahezulegen.[2]

Aber wer sind denn angesichts komplexer technischer Entscheidungssituationen überhaupt die relevanten Experten? Nicht zuletzt die Besetzung der Ethikkommission für sichere Energieversorgung, die nach den Unfällen in Fukushima ins Leben gerufen wurde, warf diese Frage auf. Und wo bleiben die individuellen Risikopräferenzen und die demokratische Beteiligung des Individuums bei all diesen Entscheidungen? Diesen Fragen soll im Folgenden am Beispiel der Energieversorgung nachgegangen werden.

Fußnoten

1.
Die Nanotechnologie stellt eine der wenigen Ausnahmen dar, bei der Fachleute die Risiken höher einschätzen als die breite Bevölkerung.
2.
Die Einbeziehung der Exekutive in technik- und umweltrechtliche Fragen, die wiederum externe Berater heranzieht, wird diskutiert in: Liv Jaeckel, Risiko-Signaturen im Recht, in: Juristen Zeitung, 66 (2011) 3, S. 116-124.

Dossier

Energiepolitik

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