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10.11.2011 | Von:
Philipp Gassert

Popularität der Apokalypse: Zur Nuklearangst seit 1945

Die Angst vor "der Bombe" hat in Romanen, Filmen und in der Musik breiten kulturellen Niederschlag gefunden. Die Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie wurden dagegen vergleichsweise wenig thematisiert. Sie taugen nicht zum Drama.

Einleitung

Schon die Beobachter des ersten erfolgreichen Kernwaffentests in Alamogordo in der Wüste von New Mexico am 16. Juli 1945 fassten ihre Eindrücke in Superlative: "Es war wie ein Sonnenaufgang, wie die Welt ihn nie zuvor gesehen hatte, eine große grüne, an Kraft alles überstrahlende Sonne." Während die einen den nuklearen Lichtblitz mit dem biblischen Schöpfungsakt verglichen, sahen andere "eine Warnung vor dem Jüngsten Tag". Die an der Spitze des Manhattan-Projekts stehenden Physiker wurden als "Geburtshelfer eines neuen Zeitalters" gefeiert. Atomenergie schien "die Verwirklichung der Träume aller Zeitalter in Reichweite des Menschen" zu bringen.[1]

Rief "die Bombe" auch bald Skepsis hervor und weckte soziale Ängste vor Vernichtung und Tod, so wurden im Kontrast hierzu lange Zeit kaum Zweifel an den megalomanen Visionen eines mit ziviler Nuklearkraft betriebenen modernen Garten Eden laut. Bis in die 1970er Jahre priesen auch Kritiker der atomaren Hochrüstung das "friedliche Atom". Als 18 führende deutsche Kernforscher 1957 mit dem "Göttinger Manifest" gegen Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr protestierten, betonten sie gleichzeitig, es sei äußerst wichtig, "die friedliche Verwendung der Atomenergie mit allen Mitteln zu fördern."[2]

Kernkraftwerke haben im Vergleich zu Atombombenexplosionen in der Kulturgeschichte nur wenige Spuren hinterlassen. Der düsteren Nuklearsatire "Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb" von Stanley Kubrick (1964) fehlt das zivile Pendant, jedenfalls was Qualität und Wirkung betrifft. Dieses Ungleichgewicht dauert an, trotz der Unfälle in den Kernkraftwerken von Windscale (1957), Harrisburg (1979), Tschernobyl (1986) und jüngst Fukushima (2011). Hollywood nahm sich seit den späten 1970er Jahren gelegentlich der Gefahren der zivilen Nutzung der Kernenergie an. Doch neben der visuellen Gewalt zeitgleich produzierter militärnuklearer disaster movies wirken "The China Syndrome" (1979) und "Silkwood" (1983) zahm. Auch Japan, mit seiner hoch entwickelten nuklearen Populärkultur hat mit "Träume" (1990) nur einen signifikanten Film hervorgebracht, der einen zivilen Störfall visualisiert. Das durch Atombomben auferweckte Urzeitmonster "Godzilla" darf dagegen in inzwischen 28 Filmen Angst und Schrecken verbreiten.

Warum ist das so? Ich kann darüber nur spekulieren, weil es an historischen Forschungen noch fehlt: Ein Grund dürfte in dem lokalen Zuschnitt der Anti-AKW-Bewegung liegen. Erst mit dem GAU von Tschernobyl wurden zivilnukleare Angstszenarien von breiteren literarischen Strömungen aufgegriffen (mit "Störfall" von Christa Wolf, "Die Wolke" von Gudrun Pausewang und "Die Rättin" von Günter Grass), obwohl die politische Debatte über "Die Angst des Bürgers vor dem Atom" seit Mitte der 1970er Jahre breite Kreise zog.[3] Diese Diskrepanz weist auf unterschiedliche gesellschaftliche Wahrnehmungen militärischer und zivilnuklearer Gefährdungen hin. Letztere haben, ungeachtet der dagegen gerichteten Proteste, eine gewisse Alltagsnormalität.

Ein zweiter Grund dürfte im gesellschaftlichen Kontext und in der Erinnerungskultur liegen, die vor allem im Kalten Krieg Ängste aufgrund von internationalen Konflikten kulturell höher bewertete als solche aufgrund von Alltagsrisiken.[4] Die Debatte über Nuklearwaffen war stets mit kollektiven Reminiszenzen an den Zweiten Weltkrieg verknüpft. Sie ist integraler Bestandteil der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dadurch in einen identitätsstiftenden Diskurs integriert. In Debatten über Nuklearrüstung liefen, oft auch ohne explizite Nennung, Bilder von Hiroshima und Dresden mit ab. Daher ist "die Bombe" in ihrem emotionalen Potenzial nicht zu schlagen, auch wenn das "friedliche Atom" für die Bevölkerung mit höheren Risiken verknüpft ist. Auch schienen nukleare "Angstmacher" den außen- und sicherheitspolitischen Konsens der Bundesrepublik aufzukündigen.[5]

Ein dritter Grund für die unterschiedliche Resonanz ziviler und militärischer nuklearer Katastrophenszenarien liegt in der "Dramaturgie der Furcht." Diese ist jeweils eine andere. Ein ziviler Störfall kündigt sich schleichend, nachgerade heimlich und ohne das explosive Donnergrollen der dramatisch aufsteigenden Atompilze an. In unserer auf visuelle Codes getrimmten Kultur bietet selbst ein Super-GAU wie Tschernobyl nur beschränkte Möglichkeiten der theatralischen Inszenierung. In Atomkonflikten stehen sich klar definierte Lager gegenüber, die personalisiert werden können. Das Drama-Potenzial der Atomkraftwerke bleibt dahinter deutlich zurück. Auch ist bisher niemand auf die Idee gekommen, ein Kernkraftwerk zu einer fiktionalen Waffe umzufunktionieren.

Ein vierter Grund liegt in dem durch die Kulturgeschichte und ihre Traditionen gesteckten Rahmen. Apokalyptische Szenarien gehören zum gesunkenen Kulturgut westlicher Gesellschaften. Sie sind selbst unter nicht bibelfesten Zeitgenossen jederzeit kulturell abrufbar. Nur ein Atomkrieg bietet das Szenario einer massenhaften Vernichtung menschlichen Lebens mit entsprechender postapokalyptischer Katharsis. Nukleare Weltuntergänge eröffnen weite Felder für utopische Zukunftsentwürfe, während imaginierte Störfälle in Kernkraftwerken an die Komplexität der gegenwärtigen Probleme erinnern, mit schwierigen Abwägungsfragen und geordneten politischen Prozessen. Auch katastrophalste Reaktorunfälle (siehe Fukushima) scheinen nicht das Potenzial zur fiktionalen Apokalypse zu haben.

Dieser Beitrag ist ein Versuch, Schneisen in die Kulturgeschichte der deutschen Nuklearangst in ihrer internationalen Verflechtung zu schlagen. Er konzentriert sich auf kulturelle Produktion im engeren Sinne, auf Romane, Gedichte, die bildenden Künste, Musik und Film. Die hier manifest werdenden Beschreibungen des "atomaren Todes" greifen, gerade in ihren populären Formen, zentrale gesellschaftliche Problemstellungen auf. Sie sind für eine Politik- und Sozialgeschichte der beiden deutschen Staaten essenziell. Das gilt besonders für die in diesen Quellen kommunizierten Ängste, die stets als Chiffre für die Beschäftigung mit der Zukunft dienen. Sie spiegeln gesellschaftliche Befindlichkeiten wider, wirken aber auch als Antrieb in politischen Entscheidungssituationen.

Fußnoten

1.
Zitate nach: William L. Laurence, Dämmerung über Punkt Null. Die Geschichte der Atombombe, München-Leipzig 1948; Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher, Stuttgart 1956, S. 207.
2.
Vgl. Joachim Radkau, Aufstieg und Krise der deutschen Atomwirtschaft 1945-1975. Verdrängte Alternativen in der Kerntechnik und der Ursprung der nuklearen Kontroverse, Reinbek 1983, S. 96f.
3.
Wolfgang Barthel et al., Der Unsichtbare Tod. Die Angst des Bürgers vorm Atom, Hamburg 1979.
4.
Vgl. Bernd Greiner et al. (Hrsg.), Angst im Kalten Krieg, Hamburg 2009.
5.
Vgl. die Beiträge von Holger Löttel und Judith Michel in: Patrick Bormann et al. (Hrsg.), Angst in den internationalen Beziehungen, Bonn 2010; Eckart Conze, Modernitätsskepsis und die Utopie der Sicherheit. NATO-Nachrüstung und Friedensbewegung in der Geschichte der Bundesrepublik, in: Zeithistorische Forschungen, (2010) 7, S. 220-239.

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