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26.10.2011 | Von:
Christiane Bender
Elmar Wiesendahl

"Ehernes Gesetz der Oligarchie": Ist Demokratie möglich?

Soziologie des Parteiwesens

Vor hundert Jahren erschien eine Studie, die bald "zu einem der einflussreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts" (Seymour Lipset) avancieren sollte: Robert Michels' "Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens". Der Autor befasst sich mit dem Zusammenhang zwischen Demokratie, Parteien und Eliten, insbesondere am Beispiel der Sozialdemokratie. Er untersucht vor allem das Innenleben dieser Partei und fragt, inwieweit es ihr gelingt, die hohen Erwartungen an Demokratie in die Praxis der Organisation umzusetzen.

Das Ausgangsszenario seines Werkes ist die Situation in den europäischen Kernländern mit absolutistischen Traditionen im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das moderne Parteienwesen ist bereits voll entfaltet, doch noch immer beherrscht der Adel in Deutschland den Staat. Das Bürgertum, wie Michels schreibt, "feudalisiert": Statt die Aristokratie abzulösen und sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen, orientiert es sich am Adel, lässt sich von ihm "aufsaugen" und bildet mit ihm zusammen eine Oligarchie, welche die Macht im Staat unter sich aufteilt. Andere soziale Schichten, insbesondere die Arbeitermassen, sind ausgeschlossen und für sich genommen unfähig, sich aus dem Joch der ökonomischen und gesellschaftlichen Unterdrückung zu befreien. Von allen Beteiligten, vor allem aber von der Arbeiterklasse, verlangen die Bedingungen des politischen Kampfes, sich zu organisieren und schlagkräftige Parteien zu bilden, um ihre Interessen zu vertreten. Organisation ist das Mittel im Zeitalter der Industrialisierung, um der politischen Ohnmacht zu entkommen.[5] Besonders die unterdrückten Klassen und Schichten, so Michels, benötigen starke Organisationen, um ihren Emanzipationsanspruch durchsetzen zu können. Starke Organisationen erfordern starke Führung. Mit der Gründung von Parteiorganisationen setzt aber ein unaufhaltsamer Prozess der Oligarchisierung ein, der von Michels als "soziologisches Gesetz" auf folgende einprägsame Formel gebracht wurde: "Wer Organisation sagt, sagt Tendenz zur Oligarchie. Im Wesen der Organisation liegt ein tief aristokratischer Zug."[6] Nicht mehr die Basis beherrsche die Führung, sondern die Führer beherrschten die Basis: "(D)ie Organisation ist die Mutter der Herrschaft der Gewählten über die Wähler, der Beauftragten über die Auftraggeber, der Delegierten über die Delegierenden."

Die Oligarchietendenz wiege gerade in den linken Parteien wie der SPD schwer: Statt die Revolution zu verwirklichen, wandele sich die Partei unter der Herrschaft einer Oligarchie vom Mittel zum Selbstzweck. Denn die Parteioligarchie präge ein "Eigeninteresse, ein Interesse an sich selbst und für sich selbst". Sie werde strukturkonservativ; die verselbstständigte Parteibürokratie erschöpfe ihre Energie im selbsterhaltenden Organisationsritualismus, und die persönlich arrivierten Parteiführer arrangierten sich parlamentarisch mit den herrschenden Verhältnissen. Die Umkehrung des demokratischen Prinzips bestimme die Partei. Welche Ursachen sind nach Michels für die Asymmetrie und Umkehrung der Macht zwischen den Führern und ihrer Basis verantwortlich?

  1. "Reine" Demokratie als Selbstregierung der Massen sei schon wegen der großen Zahl mechanisch und technisch unausführbar. Das moderne Parteienwesen präge den politischen Kampf, bei dem die Partei als "Waffe der Schwachen im Kampf mit den Starken" nur als "Kampforganisation" bestehen könne. Hieraus resultiere ein unüberbrückbarer Gegensatz zwischen Demokratie und organisatorischer Effizienz (Schlagkraft, Beweglichkeit, Arbeitsteilung, Spezialisierung, Hierarchie und Zentralisation). Moderne Parteiorganisationen entwickelten sich mit zunehmendem Wachstum zu riesigen Bürokratien, unüberschaubar für die Mitglieder, beherrscht von "Parteibeamten".[7]

  2. Die Professionalisierung der Führungsschicht verhindere demokratische Kontrolle. Hinzu komme ihre funktionale Unentbehrlichkeit, weil sie sich zur Aufrechterhaltung der Organisation als Spezialisten des Parteiapparates und des politischen Kampfes auf der Basis von Expertise, Dienstwissen und Routine berufsmäßig etablierten. Die von Michels beschriebene Professionalisierung der Parteifunktionäre bedeute für diese beruflichen Aufstieg, der sie von ihrer Herkunft entfremde. Die verbürokratisierte Sozialdemokratie fungiere für sie insofern als "Klassenerhöhungsmaschine". Das Positionsinteresse der Führer bestehe vor allem darin, ihre Macht auszubauen.
  3. Den Parteiführern sei das Streben inhärent, ihre Machtstellung innerparteilich zu festigen und ihren Volksvertreterstatus zu verewigen. Hierzu schotteten sich die Führungszirkel nach außen durch Kartellbildung ab und ergänzten sich durch Kooptation statt durch Wahl. Machtkämpfe zwischen alten und neuen Eliten beförderten nicht deren Zirkulation, sondern endeten in der Amalgamierung der etablierten mit den nachrückenden Kräften. Einmal an der Macht, wandelten sich die Revolutionäre zu "Reaktionären". Aufgrund ihrer Machtposition verfügten sie über die kulturellen Ressourcen, ihren Ruhm als öffentliche Mandatsträger zu sichern, sich persönlich unantastbar zu machen, ihre Haltung als "Gesamtinteresse" auszugeben und Gegenströmungen zu disziplinieren.
Erkennt Michels Chancen, dass die Mitglieder gegen die Oligarchen aufbegehren? Nein, denn er betrachtet die Parteibasis zumeist als initiativlose und inkompetente Masse, autoritätsgläubig und bereit, sich leiten zu lassen, und dankbar gegenüber der Führung. Die Masse nehme ihre zunehmende Entmachtung willenlos hin. Dabei greift er auf die Sozialpsychologie von Gustave Le Bon zurück, dessen pessimistische Theorien um die vorletzte Jahrhundertwende äußerst einflussreich waren. Das industrielle Zeitalter bringe kein souveränes Volk, sondern entindividualisierte Massen hervor, die zur vernunftgesteuerten politischen Willensbildung nicht in der Lage seien. Le Bon konzipiert die Figur eines charismatischen Führers, der die Massen durch die Beherrschung ihrer unbewussten Affekte zur Gefolgschaft veranlasst.

Michels war ein kosmopolitischer, vielgereister Gelehrter großbürgerlicher Herkunft, der 1876 in Köln geboren wurde und 1936 in Rom starb. Eine brennende Sehnsucht trieb ihn an, seinen Platz in revolutionären Bewegungen zur Überwindung der alten Gesellschaft des Fin de Siècle zu finden. Schon während seiner Studienzeit in Paris, München, Leipzig und Halle schloss er sich syndikalistischen und sozialistischen Bewegungen an, von 1903 bis 1907 war er aktives SPD-Mitglied (Ortsverein Marburg), mit besten Kontakten zu den linken Führern. Seine Kandidatur zum Reichstag blieb ohne Erfolg. Aus politischen Gründen an einer akademischen Karriere in Deutschland gehindert, verließ er das Land und wurde 1913 italienischer Staatsbürger. Zunächst 1907 in Turin und dann auch in Basel lehrend, trat er aus allen Parteien aus. Vor dem Hintergrund seiner Rezeption der Elitetheorien von Vilfredo Pareto und Gaetano Mosca veröffentlichte er 1911 von Turin aus "Zur Soziologie des Parteiwesens", sein Hauptwerk. Nach Benito Mussolinis Marsch auf Rom 1922 bekannte er sich zur faschistischen Bewegung. Er unterrichtete in Chicago, bis ihn im Jahr 1928 der Duce auf eine Professur an der faschistischen Hochschule in Perugia berief. In seinen Schriften kommt das tiefe Krisenbewusstsein der Intellektuellen vor und nach dem Ersten Weltkrieg zum Ausdruck.

Im Kern hielt Michels, Jean-Jacques Rousseau auf spezifische Weise auslegend, die Verwirklichung von Demokratie für unmöglich. Die Artikulation des politischen Willens erfordere Parteien; diese werden nicht vom Volk, sondern von Oligarchien beherrscht.[8] In seiner syndikalistischen Vergangenheit huldigte er einem Verständnis von unmittelbarer Demokratie, die ihren Ausdruck in losen Organisationsformen, spontanen Aktionen und in permanenter Agitation findet: Gerade dabei, so lautet jedoch seine spätere Einsicht, bildeten sich unter der Hand autoritäre Strukturen und Persönlichkeiten heraus, die der Bewegung zwar die notwendige Ausrichtung verliehen, die es aber Minderheiten erschwerten, ihre Stimme zu erheben und zu partizipieren. Es ist kein Zufall, dass sich Michels, einst ein enthusiastischer Syndikalist, Mussolini anschließt, der seine politische Karriere ebenfalls als Syndikalist begonnen hatte.

Fußnoten

5.
Diese These inspirierte den politik- und sozialwissenschaftlichen Blick auf Deutschland. Bis zur neoliberalen Wende wurden die Chancen, soziale Interessen durchzusetzen, in Abhängigkeit von festgefügter Organisationsmacht, sei es von Gewerkschaften, von Kirchen oder von Wohlfahrtsverbänden, gesehen. Die vielen einflussreichen Organisationen, die in Deutschland etwa den Non-Profit-Sektor beherrschen, bringen einerseits die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Interessen zum Ausdruck, aber sie machen es Newcomern besonders schwer, sich durchzusetzen.
6.
Wir zitieren im Text nach: Robert Michels, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, 4., erg. Aufl. mit einer Einführung von Frank R. Pfetsch, Stuttgart 1989, hier: S. 19 (Hervorhebungen im Original).
7.
Robert Michels und Max Weber waren bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs befreundet. Beide erforschten Prozesse der Bürokratisierung in weltanschaulich inspirierten Parteien als unausweichlich und erkannten die Herrschaft der Bürokraten, die von der Politik und nicht für sie lebten. Beide verneinten die Frage, ob Sozialismus als Demokratie möglich ist. Ähnlich in der Wortwahl wie Michels spricht Weber von der Bürokratie als "stahlhartem Gehäuse der Hörigkeit".
8.
In einer umfangreichen Gesamtschau des Werks von Michels betont Timm Genett (Der Fremde im Kriege, Berlin 2008), Michels sei es zunächst darum gegangen, über "Tendenzen" in Organisationen aufzuklären, die "der Verwirklichung der Demokratie" und der Emanzipation des Individuums entgegenstehen. Tatsächlich klagt Michels, dass Minderheiten in den Parteien nicht gehört werden. Im Laufe seiner späteren Entwicklung als Befürworter der Diktatur verliert er dafür jeglichen Sinn.