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26.10.2011 | Von:
Markus Klein
Tim Spier

Parteibeitritt und Parteimitgliedschaft im Wandel

Die Motive für die Mitgliedschaft in politischen Parteien verändern sich. Prozesse des sozialen Wandels geraten ebenso in den Blick wie Veränderungen im Verlauf der Mitgliedschaft.

Einleitung

Die politischen Parteien in Deutschland haben in den vergangenen Jahren einen deutlichen Mitgliederrückgang erfahren. Ende 2010 waren in den sechs im Bundestag vertretenen Parteien insgesamt knapp 1,4 Millionen Menschen organisiert; 20 Jahre zuvor hatte die entsprechende Zahl noch 2,4 Millionen betragen[1] - ein Rückgang von mehr als 40 Prozent in einem Zeitraum von nur zwei Jahrzehnten. Auch wenn die Geschwindigkeit des Mitgliederschwunds von Partei zu Partei variiert und Bündnis 90/Die Grünen im genannten Zeitraum sogar Mitglieder hinzu gewinnen konnten, erlebt die Bundesrepublik Deutschland doch zweifellos eine deutlich rückläufige gesellschaftliche Integrationskraft ihres Parteiensystems.

Diese Entwicklung wirft eine Reihe von weit reichenden Fragen auf, die nicht alle an dieser Stelle diskutiert werden können. Wir wollen uns vielmehr der Frage zuwenden, ob die rückläufigen Mitgliederzahlen durch einen Wandel der individuellen Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft begleitet, wenn nicht gar verursacht werden. Wir betrachten dabei zwei Arten von Wandlungsprozessen: Zum einen gehen wir von der Annahme aus, dass sich die Anreize des Individuums für einen Parteibeitritt im Zuge des sozialen Wandels gravierend verändert haben. Wir halten es dabei insbesondere für plausibel, dass in den vergangenen Jahren verstärkt solche Menschen in politische Parteien eingetreten sind, die sich dort auch aktiv beteiligen wollen. Reine Unterstützungs- und Bekenntnismitgliedschaften hingegen verlieren an Bedeutung, in der Folge sinkt die Zahl der Parteibeitritte.

Darüber hinaus richten wir den Blick aber auch auf den Wandel von Mitgliedschaftsmotiven im Laufe der Parteimitgliedschaft selbst. Während die Entscheidung über einen Parteibeitritt letztlich auf Vermutungen über die mit der Parteimitgliedschaft verbundenen Vor- und Nachteile basiert, können diese nach dem Beitritt auf der Grundlage eigener Erfahrungen realistisch eingeschätzt werden. Hieraus können im Einzelfall Enttäuschungen resultieren, die einen Parteiaustritt nach sich ziehen.

Klassifikation der Motive

Die Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft sind von Person zu Person verschieden, können allerdings auf der Grundlage theoretischer Überlegungen systematisiert werden. Der in der Parteimitgliederforschung einflussreichste Systematisierungsvorschlag stammt von den beiden englischen Forschern Patrick Seyd und Paul Whiteley.[2] Im Rahmen ihres sogenannten General-Incentives-Modells versuchen sie, alle Anreize zur Partizipation in politischen Parteien zu erfassen. In dem Moment, in dem sich Menschen von diesen Anreizen in ihrem Verhalten leiten lassen, entstehen entsprechende individuelle Beitritts- und Mitgliedschaftsmotive.

Man kann im Rahmen des General-Incentives-Modells in einer ersten Annäherung zwischen harten und weichen Anreizen unterscheiden.[3] Die harten Anreize
sind dadurch gekennzeichnet, dass es sich um persönliche, dem Mitglied unmittelbar zufließende Vorteile aus der Parteimitgliedschaft handelt. Diese Anreize werden als selektiv bezeichnet. Man kann sie weiterhin unterscheiden in ergebnis- und prozessbezogene Anreize. Selektive ergebnisbezogene Anreize sind Belohnungen, die dem Mitglied als Konsequenz seines innerparteilichen Engagements unmittelbar zufließen können. Dies sind beispielsweise Ämter und Mandate oder aber berufliche Perspektiven innerhalb und außerhalb der Partei. Selektive prozessbezogene Anreize hingegen sind Belohnungen, die aus der innerparteilichen Aktivität selbst erwachsen. Dies können der Spaß an der politischen Arbeit, das Erleben von Gemeinschaft innerhalb der Partei sowie freundschaftliche Beziehungen zu anderen Parteimitgliedern sein. Gemeinsam ist diesen harten Anreizen, dass sie in der Regel ein aktives innerparteiliches Engagement voraussetzen, um wirksam werden zu können.

Weiche Anreize
einer Parteimitgliedschaft hingegen können auch dann wirksam werden, wenn keine aktive innerparteiliche Beteiligung gegeben ist. Sie können folglich bereits mit der bloßen Mitgliedschaft verbunden sein. Das General-Incentives-Modell kennt insgesamt fünf solcher weichen Anreize. Kollektive politische Anreize sind dann gegeben, wenn das Mitglied glaubt, durch seine Mitgliedschaft zur Durchsetzung politischer Inhalte und Maßnahmen beizutragen, die von dem Mitglied für wünschenswert gehalten werden. Normative Anreize hingegen bestehen in der Erfüllung bestimmter Erwartungen des sozialen Umfelds. Altruistische Anreize liegen dann vor, wenn das Mitglied glaubt, durch seine Mitgliedschaft einen Beitrag zum Funktionieren der Demokratie zu leisten. Von ideologischen Anreizen wird gesprochen, wenn sich Mitglieder durch ihre Mitgliedschaft zu bestimmten ideologischen Prinzipien bekennen wollen. Expressive Anreize schließlich bestehen in der Bekundung von Unterstützung für die Partei und ihre Politiker durch die Mitgliedschaft.

Die verschiedenen Arten von Anreizen schließen einander nicht aus, sondern können in unterschiedlichen Kombinationen und Gewichtungen gleichzeitig das Verhalten der Menschen bestimmen. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass das General-Incentives-Modell auch negative Anreize einer Parteimitgliedschaft umfasst, die hier aber nicht detailliert analysiert werden. Es handelt sich dabei im Wesentlichen um die Opportunitätskosten, also die für die Partei aufgewendete Zeit und Energie, die für andere Zwecke nicht mehr zur Verfügung stehen. Darüber hinaus wird das aus der Mitarbeit in Gremien und ehrenamtlichen Diensten potentiell erwachsende Arbeitsleid genannt. Schließlich und endlich sind mit einer Parteimitgliedschaft monetäre Kosten in Gestalt der Mitgliedsbeiträge verbunden.

Mitgliedschaftsmotive im Wandel

Wir gehen von der Annahme aus, dass sich die Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft im Zuge des sozialen Wandels sukzessive von den weichen hin zu den harten Anreizen verlagern. Den Hintergrund dieser Entwicklung bilden unserer Auffassung nach die gesellschaftlichen Prozesse der Individualisierung, des Wertewandels, der Entideologisierung sowie der Auflösung traditioneller sozialer Milieus. Wir gehen davon aus, dass im Zuge dieser Prozesse die Bindung des Individuums an gesellschaftliche Großgruppen, ideologische Weltdeutungen und politische Parteien sinkt. Gleichzeitig lässt die Empfänglichkeit des Einzelnen für die Erwartungen des sozialen Umfelds nach, während die Orientierung an den jeweils eigenen Bedürfnissen und Wünschen zunimmt. Vor diesem Hintergrund scheint dann die inaktive Mitgliedschaft in einer politischen Partei, die naturgemäß nicht mit selektiven Anreizen verbunden sein kann, immer weniger wahrscheinlich. Zu früheren Zeitpunkten hingegen konnte eine solche passive Parteimitgliedschaft durchaus emotionale und soziale Belohnungen versprechen. Nachwachsende Generationseinheiten hingegen sollten die Mitgliedschaft in politischen Parteien maßgeblich unter dem Aspekt selektiver Anreize bewerten. Erscheinen diese als nicht gegeben oder nicht als erstrebenswert, dann ist eine Parteimitgliedschaft auch wenig wahrscheinlich.

Die Motive des Mitglieds können sich aber auch im Verlauf der Mitgliedschaft in Abhängigkeit von den je konkreten Erfahrungen mit der eigenen Partei verändern. Wie einleitend bereits angedeutet, basiert die Entscheidung zum Beitritt letztlich auf subjektiven Erwartungen bezüglich des Nutzens einer Parteimitgliedschaft. Erst während der Mitgliedschaft können der tatsächliche Nutzen sowie die tatsächlichen Kosten eingeschätzt werden. Nun mag es vorkommen, dass bestimmte Nutzenerwartungen der Parteimitglieder enttäuscht werden. So können sich beispielsweise der Einfluss auf konkrete politische Entscheidungen vor Ort oder die eigenen Karrierechancen als deutlich geringer erweisen, als dies beim Eintritt erhofft worden ist. Die korrespondierenden Motive, die für die Entscheidung zum Parteibeitritt noch wichtig gewesen sein mögen, werden dann vermutlich für die Mitgliedschaft an Bedeutung verlieren, da sie nicht hinreichend befriedigt wurden. Die Analyse der Veränderung von Mitgliedschaftsmotiven im Laufe der Mitgliedschaft kann daher Auskunft geben über mögliche Störungen im Verhältnis der Mitglieder zu ihrer Partei.

Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft

Den im Folgenden berichteten empirischen Analysen liegen die Daten der Potsdamer Parteimitgliederstudie des Jahres 1998 sowie der Deutschen Parteimitgliederstudie 2009[4] zu Grunde. Bei diesen beiden Studien handelt es sich um bundesweit repräsentative Befragungen der Mitglieder aller sechs im Deutschen Bundestag vertretenen Parteien mit 10300 bzw. 9400 Befragten.[5] Beide Befragungen erfolgten postalisch mit einem Kern identischer Fragen, um die Vergleichbarkeit über die Zeit zu gewährleisten. Einen Schwerpunkt dieses identischen Teils der beiden Befragungen bildete die detaillierte Erfassung der Motive des Parteibeitritts sowie der Gründe der heutigen Parteimitgliedschaft. Dabei wurde versucht, die im Rahmen des General-Incentives-Modells theoretisch unterschiedenen Anreize durch das Befragungsinstrument vollständig zu erfassen.[6]

Die empirische Auswertung dieses Fragekomplexes findet sich in Tabelle 1 (siehe Tabelle 1 der PDF-Version). Ausgewiesen ist dabei jeweils der Prozentanteil der Befragten, der die verschiedenen Motive als "sehr wichtig" oder "wichtig" bezeichnet hat. In der ersten Hauptspalte der Tabelle findet sich dabei die Wichtigkeit für den Parteibeitritt, in der zweiten Spalte die Wichtigkeit für die heutige Parteimitgliedschaft sowie in der dritten Spalte die Prozentpunktdifferenz zwischen der Häufigkeit der Nennung als wichtigster Mitgliedschaftsgrund und der Häufigkeit der Nennung als wichtigem Beitrittsgrund. Diese letzte Spalte gibt Auskunft über die Veränderung der Wichtigkeit der verschiedenen Motive im Verlaufe der individuellen Parteimitgliedschaft.

Die drei Hauptspalten sind außerdem nochmals weiter differenziert in zwei Unterspalten für die Jahre 1998 und 2009. Der Vergleich dieser beiden Jahre ist allerdings nur bedingt aussagekräftig, da zwei Drittel der im Jahr 2009 befragten Mitglieder bereits 1998 Parteimitglieder waren. Die veränderten Motive von Neumitgliedern treten daher im Rahmen eines Vergleichs der Ergebnisse der beiden Parteimitgliederstudien nicht in der nötigen Klarheit zu Tage. In einer dritten Unterspalte sind daher außerdem diejenigen im Jahr 2009 befragten Mitglieder ausgewiesen, die erst nach 1998 in ihre jeweilige Partei eingetreten sind (2009 neu). An dieser Gruppe sollte sich ein etwaiger Wandel von Beitrittsmotiven über die Zeit am deutlichsten beobachten lassen. Der Vergleich der Wichtigkeit der verschiedenen Mitgliedschaftsgründe über die drei Unterspalten hinweg gibt folglich Auskunft über die Veränderung der Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft im Verlaufe des sozialen Wandels.

Bevor wir uns dem Wandel der Mitgliedschaftsmotive zuwenden, soll kurz auf die relative Wichtigkeit der verschiedenen Gründe für den Beitritt in eine Partei eingegangen werden. Als mit Abstand am wichtigsten erweisen sich dabei die kollektiven politischen Anreize, gefolgt von den altruistischen und expressiven Anreizen. Dahinter rangieren die ideologischen sowie die selektiven prozessbezogenen Anreize. Von eher geringer Bedeutung sind schließlich die normativen sowie die selektiven ergebnisbezogenen Anreize. Allerdings darf im Hinblick auf die letztgenannte Anreizsorte nicht außer Acht gelassen werden, dass hier aller Wahrscheinlichkeit nach auch Effekte der sozialen Erwünschtheit eine Rolle spielen: Es kann vermutet werden, dass nicht alle Parteimitglieder diese Motive in einer Befragung offen eingestehen. Dies gilt insbesondere in Bezug auf die Erlangung beruflicher Vorteile. Umgekehrt mag gelten, dass kollektiv-politische und altruistische Anreize besonders häufig genannt werden, da dies sozial weithin akzeptierte Motive für die Mitgliedschaft in politischen Parteien sind.

Wenden wir uns nun dem Wandel der Mitgliedschaftsmotive nach dem Parteibeitritt zu. Hier ist zunächst festzustellen, dass einige Mitgliedschaftsgründe deutlich an Bedeutung verlieren, sobald die Schwelle des Parteibeitritts übertreten ist. Dies gilt zunächst für die beeindruckenden Persönlichkeiten an der Parteispitze sowie für den Einfluss von Familie und Freunden. Dass diese Einflussgrößen eher bei der Entscheidung zum Parteibeitritt von Bedeutung sind als während der Mitgliedschaft selbst, ist nicht überraschend und auch nicht problematisch. Dass hingegen der Spaß an der politischen Arbeit im Hinblick auf die heutige Mitgliedschaft deutlich seltener als Mitgliedschaftsmotiv genannt wird als in Bezug auf die Entscheidung zum Parteibeitritt, scheint auf mögliche Defizite der innerparteilichen Demokratie hinzudeuten. Offensichtlich erleben viele Parteimitglieder ihr innerparteiliches Engagement als wenig erfreulich und sehen sich in ihren Erwartungen enttäuscht. Diese Enttäuschung könnte auch erklären, warum das Motiv, sich für die Ziele der Partei einzusetzen, deutlich seltener als Grund der heutigen Mitgliedschaft genannt wird als in Bezug auf den Beitritt. All dies zusammengenommen mag letztendlich auch die Bereitschaft zum Parteiaustritt erhöhen.

Im Hinblick auf die zweite hier untersuchte Dimension des Wandels fällt zunächst ein hohes Maß an Stabilität ins Auge: Die Wichtigkeit kollektiver politischer Anreize hat sich zwischen 1998 und 2009 nicht systematisch verändert, und zwar sowohl im Hinblick auf den Parteibeitritt als auch für die heutige Mitgliedschaft. Gleiches gilt für die normativen, ideologischen, altruistischen und expressiven Anreize. Auch die Betrachtung der Neumitglieder aus der Befragung des Jahres 2009 liefert im Hinblick auf diese fünf Motivkomplexe keine eindeutigen Indizien für einen grundlegenden Wandel. Anders verhält es sich hingegen bei den selektiven Anreizen: In Bezug auf die ergebnisbezogenen Anreize kann ein leichter Bedeutungsgewinn beobachtet werden, der sich vor allem bei den Neumitgliedern der Befragung aus dem Jahr 2009 zeigt. Bei den prozessbezogenen Anreizen ist zumindest beim Spaß an der politischen Arbeit sowie beim Zusammenkommen mit netten Leuten ein erkennbarer Wichtigkeitszuwachs zu beobachten. Wir werten dies als einen ersten empirischen Beleg für unsere theoretisch begründete Erwartung, dass selektive Anreize für eine Parteimitgliedschaft im Zeitverlauf an Bedeutung gewinnen.

Motive der Parteimitgliedschaft in Abhängigkeit vom Lebensalter

Die von uns als Ursachen für den Wandel von Mitgliedschaftsmotiven angeführten sozialen Prozesse sollten ihre Wirkungen vor allem in den noch wenig vorgeprägten nachwachsenden Generationseinheiten entfaltet haben. Eine differenzierte Auswertung der Mitgliedschaftsgründe nach dem Alter sollte daher bei solchen Motiven, die dem sozialen Wandel unterliegen, klare altersspezifische Muster zu Tage treten lassen.

Tabelle 2 (siehe Tabelle 2 der PDF-Version) zeigt die heutigen Mitgliedschaftsgründe in Abhängigkeit vom Lebensalter sowohl für das Jahr 1998 als auch für das Jahr 2009.[7] Klare Alterseffekte zeigen sich bei den selektiven ergebnisbezogenen Anreizen. So bekundeten im Jahr 2009 34 Prozent der 18- bis 24-jährigen Parteimitglieder, dass sie aus Interesse an einem öffentlichen Mandat Mitglied in ihrer Partei seien. Über die verschiedenen höheren Altersgruppen hinweg sinkt dieser Prozentsatz dann stetig bis auf 8 Prozent in der Gruppe der über 65-jährigen Parteimitglieder. Solch klare Altersmuster finden sich zu beiden Untersuchungszeitpunkten bei allen drei untersuchten selektiven ergebnisbezogenen Anreizen. Ein ähnlicher Alterseffekt lässt sich darüber hinaus auch beim Spaß an der politischen Arbeit beobachten. Die anderen beiden selektiven prozessbezogenen Anreize werden von der Gruppe der jüngsten Parteimitglieder deutlich häufiger genannt, ohne dass das Altersmuster aber die gleiche stetige Struktur aufweisen würde wie in den vorgenannten Fällen. Ein Alterseffekt ist darüber hinaus auch bei den altruistischen Anreizen zu erkennen. Diese werden von jüngeren Parteimitgliedern seltener angegeben als von älteren.

Nun ist bei Alterseffekten nicht von vorneherein klar, ob diese wirklich generationale oder nicht doch eher lebenszyklische Wandlungsmuster reflektieren. Verfügt man nur über Daten eines einzigen Erhebungszeitpunktes, so lässt sich diese Frage nicht eindeutig entscheiden. Da wir aber über Daten aus zwei Erhebungszeitpunkten mit einem Abstand von immerhin elf Jahren verfügen, können wir zumindest in der Tendenz Aussagen darüber treffen, welches der beiden genannten Wandlungsmuster in unserem Fall das maßgebliche ist. Wäre ein lebenszyklisches Muster gegeben, also zum Beispiel die Situation, dass junge Menschen mit ambitionierten Karriereerwartungen in die politischen Parteien eintreten, diese im weiteren Lebensverlauf dann aber wieder zurückfahren, so müsste sich der Alterseffekt in den Jahren 1998 und 2009 jeweils ungefähr gleich darstellen. Liegt hingegen ein generationales Muster vor, so sollte im Jahr 2009 die Bedeutung selektiv ergebnis- und prozessbezogener Anreize in den gehobenen Altersgruppen im Vergleich zu 1998 erkennbar zugenommen haben. Dies deshalb, weil sich die nachwachsenden Generationen mit einer höheren Orientierung an harten Anreizen gewissermaßen langsam durch die Alterspyramide nach oben schieben. Genau dies können wir in Tabelle 2 (siehe Tabelle 2 der PDF-Version) beobachten.[8]

Die altersspezifische Analyse stützt also unsere Annahme, dass "harte" Anreize der Parteimitgliedschaft im Prozess des sozialen Wandels vermittelt über die Generationensukzession an Bedeutung gewinnen. Ein entsprechender Bedeutungsverlust der "weichen" Anreize ist - mit Ausnahme der altruistischen Motive - aber nicht zu konstatieren. Dies mag sich daraus erklären, dass selektive Motive durchaus von kollektiv-politischen, ideologischen, normativen und expressiven Mitgliedschaftsmotiven "umkränzt" sein können - und sei es nur zur Verschleierung der eigentlichen Motivlage.

Zusammenfassung und Ausblick

Die deutschen Parteien haben dramatische Mitgliederverluste erlitten. Eine mögliche Ursache für diese Verluste sind die sich wandelnden individuellen Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft. Die Quellen dieses Motivwandels liegen innerhalb und außerhalb der politischen Parteien. Werden die Erwartungen, die der Entscheidung zum Parteibeitritt zu Grunde gelegen haben, im Verlauf der Mitgliedschaft enttäuscht, werden die Parteien selbst zur Ursache sich wandelnder Mitgliedschaftsmotive. Nach den Ergebnissen unserer Analysen erodieren unter dem Eindruck der Realität der innerparteilichen Demokratie insbesondere die selektiv-prozessbezogenen als auch die kollektiv-politischen Motive der Mitglieder. Gleichzeitig sehen sich die politischen Parteien aus ihrer gesellschaftlichen Umwelt mit der Entwicklung konfrontiert, dass nachwachsende Generationen stärker auf ihre ganz persönlichen Vorteile aus der Mitarbeit in einer Partei achten. Die weichen Motive des Parteibeitritts und der Parteimitgliedschaft werden im Zuge dieses Prozesses zwar nicht vollständig verdrängt. Sie reichen aber immer seltener alleine aus, um Menschen eine Parteimitgliedschaft attraktiv erscheinen zu lassen.

Die politischen Parteien in Deutschland stehen vor der Herausforderung, ihre Arbeit künftig mit einer deutlich kleineren Mitgliederbasis gestalten zu müssen. Daraus muss nicht notwendigerweise folgen, dass künftig zu wenige Aktive zur Verfügung stehen werden, um die Parteiarbeit zu leisten und die innerparteiliche Demokratie am Leben zu erhalten. Da die nachwachsende Generation der Parteimitglieder eine starke Orientierung an selektiven Anreizen aufweist, wird sie auch ein hohes Maß an innerparteilichem Engagement entfalten müssen, um diese Anreize für sich realisieren zu können. Allerdings werden die politischen Parteien nach unseren Befunden verstärkt darauf achten müssen, dass diesen neuen Mitgliedern im Laufe ihrer Mitgliedschaft der Spaß an der politischen Arbeit nicht wieder vergeht. Die Ausweitung innerparteilicher Mitsprache- und Mitbestimmungsmöglichkeiten sowie grundlegende Reformen der Parteiarbeit scheinen uns vor diesem Hintergrund geboten.
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Fußnoten

1.
Vgl. Oskar Niedermayer, Parteimitgliedschaften im Jahr 2010, in: Zeitschrift für Parlamentsfragen, 42 (2011) 2, S. 365-383.
2.
Vgl. u.a. Patrick Seyd/Paul F. Whiteley, Labour's Grass Roots. The Politics of Party Membership, London 1992.
3.
Die Darstellung des General-Incentives-Modells orientiert sich an der Interpretation in Markus Klein, Partizipation in politischen Parteien. Eine empirische Analyse des Mobilisierungspotentials politischer Parteien sowie der Struktur innerparteilicher Partizipation in Deutschland, in: Politische Vierteljahresschrift, 47 (2006) 1, S. 35-61.
4.
Die Deutsche Parteimitgliederstudie 2009 wurde unter der Leitung von Ulrich von Alemann und Markus Klein durchgeführt und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziell gefördert.
5.
Für eine detaillierte Beschreibung der beiden Erhebungen siehe Markus Klein, Was wissen wir über die Mitglieder der Parteien?, in: Tim Spier et al. (Hrsg.), Parteimitglieder in Deutschland, Wiesbaden 2011.
6.
Der Fragewortlaut ist in Tabelle 1 dokumentiert.
7.
Auf die Analyse der Parteibeitrittsmotive wurde an dieser Stelle aus Platzgründen verzichtet. Die altersspezifische Differenzierung liefert aber auch in diesem Fall im Kern die gleichen Ergebnisse.
8.
Nun können die hier vorgelegten einfachen empirischen Analysen eine solche Interpretation natürlich nur ansatzweise stützen. Parallel durchgeführte multivariate statistische Analysen unter Einbezug der Variablen Alter, Kohortenzugehörigkeit und Erhebungszeitpunkt stützen diese Interpretation aber ebenfalls. Vgl. hierzu Yvonne Lüdecke, Junge Parteimitglieder in deutschen Parteien im Wandel der Zeit. Unveröffentlichte Masterarbeit im Studiengang Politikwissenschaft, Hannover 2011.