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Neuer Politischer Autoritarismus


26.10.2011
Vergleichend wurden in Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn je 1000 Personen hinsichtlich ihrer autoritären Einstellungen befragt. Diese lassen sich nicht nur als aggressive Dimensionen nachweisen.

Einleitung



In einem vergleichenden Forschungsprojekt wurden im November und Dezember 2007 in Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn je 1000 Personen ab dem 18. Lebensjahr hinsichtlich ihrer individuellen autoritären Einstellungen befragt.[1] "Autoritarismus" wird in diesem Zusammenhang als eine Disposition des Individuums definiert, die über Ausprägungen wie "autoritäre Aggression" und "autoritäre Unterwürfigkeit" nachweisbar ist. Diese Differenzierung beruht vor allem auf neueren Forschungen zum Autoritarismus.

Unter autoritärer Persönlichkeit [2] versteht die sozialwissenschaftliche Autoritarismusforschung einen Typus, der sich anhand mehrerer Einstellungsmuster folgendermaßen beschreiben lässt:

Normenkonventionalismus: Gehorsam und absoluter Respekt gegenüber Autoritäten stehen im Vordergrund, wobei strenge Bestrafung bei Normverletzungen Teil dieses Faktors ist. Dazu gehört ein starkes formalistisches Rechtsstaatlichkeitsdenken. Bedeutsam sind auch eine repressive Sexualmoral und der Glaube an die Bedeutung von materiellem Reichtum. Immer wieder entzündet sich Normenkonventionalismus an der Auseinandersetzung über moderne Kunst. Übertriebener Nationalismus ist ebenfalls stark ausgeprägt.

Wunsch nach Macht und Stärke und Ablehnung/Verachtung des Schwachen: Dazu gehören der Ruf nach einem "starken Mann", nach einem "Führer", sowie die Suche nach Sündenböcken und Feindbildern (Juden, Fremde, Ausländer ...), sowie Antisemitismus und Verklärung des Zweiten Weltkriegs. Kennzeichnend ist überdies ein starker Irrationalismus, symbolisiert durch den Glauben an Astrologie oder unsichtbare Mächte. Sozialdarwinismus ("der Tüchtige setzt sich durch") gedeiht in einer derartigen Umwelt ebenso wie ausgeprägter Militarismus, die beide auch den Alltag und die sozialen Beziehungen prägen.

Methodischer Ausgangspunkt aller Studien zum Autoritarismus ist eine bahnbrechende sozialwissenschaftliche Studie aus dem Jahr 1950, entwickelt von einer Gruppe deutscher und österreichischer Exilanten und Exilantinnen, darunter Max Horkheimer und Else Frenkel-Brunswik,[3] und den US-Amerikanern Daniel Levinson und Nevitt Sanford. Unter der Leitung von Theodor W. Adorno entwickelten sie gemeinsam an der University of California in Berkeley ein Analyse- und Fragebogenmodell.[4] Heute haben wissenschaftshistorische Arbeiten gezeigt, dass Adornos Anteil geringer war als beispielsweise die theoretisch-methodischen Vorarbeiten von Erich Fromm in Berlin, die Entwicklung der F(aschismus)-Skala von Sanford oder der Fragebogen sowie die tiefenpsychologische Expertise von Frenkel-Brunswik. Adorno hielt nicht viel von dem empirischen Teil der Studie.

Bisher basierten Autoritarismusstudien primär auf soziologischen, psychologischen und psychoanalytischen Fragestellungen. Bei unserem Zugang sind erstmals Geschichtsbilder (als Teil von Geschichtspolitik) als zusätzliche Indikatoren für autoritäres bzw. demokratisches Potential relevant. Überdies halten wir historisches Kontextwissen über Rahmenbedingungen für andere Indikatoren des autoritären Potentials ebenso für wesentlich, wenn es um Interpretationen von Veränderungen beziehungsweise Beharrungstendenzen von Einstellungen zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie sowie Demokratiefeindlichkeit geht. Ich bin mir bewusst, dass die Autoritarismustheorie nach Adorno seit Altemeyer[5] und Oesterreich[6] immer wieder in Frage gestellt worden ist; für unseren Ansatz hingegen ist sie durchaus valide, auch wenn wir den Fokus deutlich in Richtung Anomie und Neuen Politischen Autoritarismus verschoben haben.

In diesem Beitrag wird ein spezifischer Aspekt autoritärer Einstellungen hervorgehoben, der in den traditionellen Autoritarismusstudien nur eine marginale Rolle spielt. Während diese vor allem die aggressiven oder unterwerfenden Dimensionen autoritärer Einstellung analysiert haben, wurde in unserer Untersuchung aufgrund der Entwicklungen in Zentraleuropa besonderes Schwergewicht auf "Anomie" gelegt; es wurden vor allem die Subdimension "Orientierungslosigkeit" und Gefühle "politischer Machtlosigkeit" gemessen.

Es ist bemerkenswert, wenngleich nicht von der Literatur reflektiert, dass der französische Soziologe Émile Durkheim[7] diesen Begriff bereits im Zusammenhang mit der "Ersten Globalisierung" (ab 1850 bis zum Ersten Weltkrieg) entwickelt und diskutiert hat. Ähnlich wie heute wirbelte auch vor 1900 ein rascher gesellschaftlicher Wandel die Gesellschaften Europas und der USA durcheinander - mit globalen Folgewirkungen. Traditionelle soziale, politische und kulturelle sowie religiöse Ordnungen zeigten starke Desintegrationswirkungen aufgrund der raschen Abfolge von radikalen sozioökonomischen und kulturellen Veränderungen, die auch aufgrund der Geschwindigkeit nicht verarbeitet werden können.[8] In weiterer Folge können sich die Individuen nicht mehr an den überlieferten Normen orientieren und werden zunehmend von Ängsten und Selbstzweifeln geprägt, die im Extremfall zum Selbstmord führen können. Wirtschaftliche Krisen und die Zweifel am Funktionieren des kapitalistischen Systems sowie steigende soziale Desintegration verstärken nach Durkheim den Trend in Richtung Suizid.[9] Noch früher als Durkheim thematisierte der spätere tschechoslowakische Staatspräsident Tomas G. Masaryk 1879 in seiner Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien[10] diese extremen Folgewirkungen von Formen der Anomie.

1998 haben die Wiener Soziologin Hilde Weiss und ihr Kollege Christoph Reinprecht Anomie als Analysemuster für Autoritarismus und Identitätsmuster in Ostmitteleuropa verwendet.[11] Sie reflektieren einen breiten Ansatz von Anomie als Form von Bindungs- und Orientierungslosigkeit mangels akzeptierter Normensysteme: "Solche negative Reaktionen äußern sich in mangelndem Vertrauen in Demokratie ebenso wie in der Suche nach simplifizierenden Ideologien (wie sie z.B. Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit repräsentieren) und Überidentifikation mit Gruppenstilen bzw. Orientierungsangeboten, die ein Gemeinschaftserleben herbeizuführen vermögen."[12]

Weiss und Reinprecht zeigen in ihrer Analyse zu demokratischem Patriotismus oder ethnischem Nationalismus in Ostmitteleuropa einen signifikanten Effekt von subjektiver Orientierungslosigkeit auf nationalistische Einstellungen (positiver Zusammenhang) und Demokratieunterstützung (negativer Zusammenhang) für zwei der vier untersuchten Länder auf, insbesondere für die Slowakei und Ungarn. Mit zunehmender subjektiver Desorientierung und Unzufriedenheit korreliert überdies ein unkritisches Geschichtsbewusstsein, eine Art Mythisierung der Vergangenheit. Das Autorenteam kommt zum Schluss, dass ethnische Intoleranz selten nur eine Folge der "Transformationsanomie" ist, sondern "eine historisch tief verwurzelte Tradition, die daher wohl leicht aktivierbar und politisch instrumentalisierbar und nur durch intensive Bildungs- und Aufklärungsanstrengungen revidierbar ist".[13] Bereits zum Zeitpunkt dieser Erhebung, zwischen November 1994 und Februar 1996, zeigte sich ein deutlicher Trend in Richtung Pessimismus und negativer Zukunftsperspektiven bei Ungarn und Slowaken, wohingegen Tschechen und in weiterer Folge Polen deutlich optimistischer eingestellt waren.[14]

In der von dem Autor und Günther Ogris geleiteten Erhebung Ende 2007 wurde das sozialpsychologische Konstrukt Anomie mit den Dimensionen "Orientierungslosigkeit" und "politische Machtlosigkeit" gemessen (siehe Grafik 1 der PDF-Version). Zur besseren Einordnung folgt eine kurze Zusammenfassung der übrigen abgefragten Items. Ausgehend von den historischen Erfahrungen der Berkeley-Gruppe um Adorno wurde mit dem Konstrukt der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die Tendenz zur autoritären Aggression gegen Personengruppen, die im weitesten Sinn als "Andere" bezeichnet werden könnten, untersucht. Überdies haben wir mögliche Eingriffe in zentrale Bürgerrechte als eine Form des Neuen Politischen Autoritarismus reflektiert. Durch die Integration dieses Konstrukts in unser theoretisches Modell und in unsere Analysen tragen wir der aktuellen Entwicklung Rechnung. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem von den USA in der Folge geführten war on terror hat diese Thematik rasch in den europäischen politischen Diskurs Einzug gehalten. Diskussionen über Beschneidungen von Bürgerrechten werden im Rahmen der Debatte um die Terrorismusbekämpfung geführt.

Das Konzept der Demokratie wurde anhand dreier Dimensionen erfasst: 1. konkretes eigenes politisches Verhalten; 2. Vertrauen in demokratische Institutionen; 3. Zufriedenheit mit der aktuellen Demokratie. Mit Hilfe dieses Konstrukts sollen die Einstellungen zur Demokratie bzw. zu autoritären Regierungsformen (Rückkehr zum Kommunismus, Militärdiktatur, Herrschaft eines starken/autoritären Führers) gemessen werden.


Fußnoten

1.
Vgl. Oliver Rathkolb/Günter Ogris (eds.), Authoritarianism, History and Democratic Dispositions in Austria, Poland, Hungary and the Czech Republic, Innsbruck-Wien-Bozen 2010.
2.
Vgl. zur Auseinandersetzung mit diesem sozialpsychologischen Ansatz: Susanne Rippl (Hrsg.), Autoritarismus, Opladen 2000; Detlef Oesterreich, Flucht in die Sicherheit, Opladen 1996; Anton Perzy, Dimensionen des autoritären Charakters, phil. Diss. Univ. Wien 1993.
3.
Siehe dazu Else Frenkel-Brunswik, Studien zur autoritären Persönlichkeit: ausgewählte Schriften, hrsg. und eingeleitet von Dietmar Paier, Graz-Wien 1996.
4.
Vgl. The Authoritarian Personality, New York 19662, dt.: Theodor W. Adorno, Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt/M. 2001. Die Erstausgabe, die keineswegs alle Forschungsergebnisse bearbeitete: Theodor W[iesengrund] Adorno/Else Frenkel-Brunswik/Daniel J[acob] Levinson/R[obert] Nevitt Sanford in collaboration with Betty Aron, Maria Hertz Levinson, and William Morrow, The Authoritarian Personality, New York 1950. Kritisch zur Ausblendung politischer und sozioökonomischer Faktoren vgl. u.a.T.S. Pettigrew, Personality and sociocultural factors in intergroup comparison, in: Journal of Conflict Resolution, 2 (1958), S. 29-42.
5.
Vgl. Robert Altemeyer, The Authoritarian Specter, Cambridge, MA 1996.
6.
Vgl. Detlef Oesterreich, Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung, Weinheim 1993; ders., Flight into Security: A New Approach and Measure of the Authoritarian Personality, in: Political Psychology, 26 (2005) 2, S. 275-297.
7.
Vgl. Émile Durkheim, Der Selbstmord, Frankfurt/M. 1995 (Orig. 1897).
8.
Vgl. Andrea Herrmann, Ethnozentrismus in Deutschland zwischen Gesellschaft und Individuum, Opladen 2001, S. 85. Vgl. auch Rüdiger Ortmann, Abweichendes Verhalten und Anomie, Freiburg/Br. 2000.
9.
Vgl. A. Herrmann (ebd.), S. 86.
10.
Vgl. Tomas G. Masaryk, Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der Gegenwart (1881).
11.
Vgl. Hilde Weiss/Christoph Reinprecht, Demokratischer Patriotismus oder ethnischer Nationalismus in Ost-Mitteleuropa?, Wien-Köln-Weimar 1998, S. 109-114.
12.
Ebd., S. 110.
13.
Ebd., S. 127.
14.
Vgl. ebd., S. 114.