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Neuer Politischer Autoritarismus


26.10.2011
Vergleichend wurden in Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn je 1000 Personen hinsichtlich ihrer autoritären Einstellungen befragt. Diese lassen sich nicht nur als aggressive Dimensionen nachweisen.

Einleitung



In einem vergleichenden Forschungsprojekt wurden im November und Dezember 2007 in Österreich, Polen, Tschechien und Ungarn je 1000 Personen ab dem 18. Lebensjahr hinsichtlich ihrer individuellen autoritären Einstellungen befragt.[1] "Autoritarismus" wird in diesem Zusammenhang als eine Disposition des Individuums definiert, die über Ausprägungen wie "autoritäre Aggression" und "autoritäre Unterwürfigkeit" nachweisbar ist. Diese Differenzierung beruht vor allem auf neueren Forschungen zum Autoritarismus.

Unter autoritärer Persönlichkeit [2] versteht die sozialwissenschaftliche Autoritarismusforschung einen Typus, der sich anhand mehrerer Einstellungsmuster folgendermaßen beschreiben lässt:

Normenkonventionalismus: Gehorsam und absoluter Respekt gegenüber Autoritäten stehen im Vordergrund, wobei strenge Bestrafung bei Normverletzungen Teil dieses Faktors ist. Dazu gehört ein starkes formalistisches Rechtsstaatlichkeitsdenken. Bedeutsam sind auch eine repressive Sexualmoral und der Glaube an die Bedeutung von materiellem Reichtum. Immer wieder entzündet sich Normenkonventionalismus an der Auseinandersetzung über moderne Kunst. Übertriebener Nationalismus ist ebenfalls stark ausgeprägt.

Wunsch nach Macht und Stärke und Ablehnung/Verachtung des Schwachen: Dazu gehören der Ruf nach einem "starken Mann", nach einem "Führer", sowie die Suche nach Sündenböcken und Feindbildern (Juden, Fremde, Ausländer ...), sowie Antisemitismus und Verklärung des Zweiten Weltkriegs. Kennzeichnend ist überdies ein starker Irrationalismus, symbolisiert durch den Glauben an Astrologie oder unsichtbare Mächte. Sozialdarwinismus ("der Tüchtige setzt sich durch") gedeiht in einer derartigen Umwelt ebenso wie ausgeprägter Militarismus, die beide auch den Alltag und die sozialen Beziehungen prägen.

Methodischer Ausgangspunkt aller Studien zum Autoritarismus ist eine bahnbrechende sozialwissenschaftliche Studie aus dem Jahr 1950, entwickelt von einer Gruppe deutscher und österreichischer Exilanten und Exilantinnen, darunter Max Horkheimer und Else Frenkel-Brunswik,[3] und den US-Amerikanern Daniel Levinson und Nevitt Sanford. Unter der Leitung von Theodor W. Adorno entwickelten sie gemeinsam an der University of California in Berkeley ein Analyse- und Fragebogenmodell.[4] Heute haben wissenschaftshistorische Arbeiten gezeigt, dass Adornos Anteil geringer war als beispielsweise die theoretisch-methodischen Vorarbeiten von Erich Fromm in Berlin, die Entwicklung der F(aschismus)-Skala von Sanford oder der Fragebogen sowie die tiefenpsychologische Expertise von Frenkel-Brunswik. Adorno hielt nicht viel von dem empirischen Teil der Studie.

Bisher basierten Autoritarismusstudien primär auf soziologischen, psychologischen und psychoanalytischen Fragestellungen. Bei unserem Zugang sind erstmals Geschichtsbilder (als Teil von Geschichtspolitik) als zusätzliche Indikatoren für autoritäres bzw. demokratisches Potential relevant. Überdies halten wir historisches Kontextwissen über Rahmenbedingungen für andere Indikatoren des autoritären Potentials ebenso für wesentlich, wenn es um Interpretationen von Veränderungen beziehungsweise Beharrungstendenzen von Einstellungen zu Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie sowie Demokratiefeindlichkeit geht. Ich bin mir bewusst, dass die Autoritarismustheorie nach Adorno seit Altemeyer[5] und Oesterreich[6] immer wieder in Frage gestellt worden ist; für unseren Ansatz hingegen ist sie durchaus valide, auch wenn wir den Fokus deutlich in Richtung Anomie und Neuen Politischen Autoritarismus verschoben haben.

In diesem Beitrag wird ein spezifischer Aspekt autoritärer Einstellungen hervorgehoben, der in den traditionellen Autoritarismusstudien nur eine marginale Rolle spielt. Während diese vor allem die aggressiven oder unterwerfenden Dimensionen autoritärer Einstellung analysiert haben, wurde in unserer Untersuchung aufgrund der Entwicklungen in Zentraleuropa besonderes Schwergewicht auf "Anomie" gelegt; es wurden vor allem die Subdimension "Orientierungslosigkeit" und Gefühle "politischer Machtlosigkeit" gemessen.

Es ist bemerkenswert, wenngleich nicht von der Literatur reflektiert, dass der französische Soziologe Émile Durkheim[7] diesen Begriff bereits im Zusammenhang mit der "Ersten Globalisierung" (ab 1850 bis zum Ersten Weltkrieg) entwickelt und diskutiert hat. Ähnlich wie heute wirbelte auch vor 1900 ein rascher gesellschaftlicher Wandel die Gesellschaften Europas und der USA durcheinander - mit globalen Folgewirkungen. Traditionelle soziale, politische und kulturelle sowie religiöse Ordnungen zeigten starke Desintegrationswirkungen aufgrund der raschen Abfolge von radikalen sozioökonomischen und kulturellen Veränderungen, die auch aufgrund der Geschwindigkeit nicht verarbeitet werden können.[8] In weiterer Folge können sich die Individuen nicht mehr an den überlieferten Normen orientieren und werden zunehmend von Ängsten und Selbstzweifeln geprägt, die im Extremfall zum Selbstmord führen können. Wirtschaftliche Krisen und die Zweifel am Funktionieren des kapitalistischen Systems sowie steigende soziale Desintegration verstärken nach Durkheim den Trend in Richtung Suizid.[9] Noch früher als Durkheim thematisierte der spätere tschechoslowakische Staatspräsident Tomas G. Masaryk 1879 in seiner Habilitation an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien[10] diese extremen Folgewirkungen von Formen der Anomie.

1998 haben die Wiener Soziologin Hilde Weiss und ihr Kollege Christoph Reinprecht Anomie als Analysemuster für Autoritarismus und Identitätsmuster in Ostmitteleuropa verwendet.[11] Sie reflektieren einen breiten Ansatz von Anomie als Form von Bindungs- und Orientierungslosigkeit mangels akzeptierter Normensysteme: "Solche negative Reaktionen äußern sich in mangelndem Vertrauen in Demokratie ebenso wie in der Suche nach simplifizierenden Ideologien (wie sie z.B. Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit repräsentieren) und Überidentifikation mit Gruppenstilen bzw. Orientierungsangeboten, die ein Gemeinschaftserleben herbeizuführen vermögen."[12]

Weiss und Reinprecht zeigen in ihrer Analyse zu demokratischem Patriotismus oder ethnischem Nationalismus in Ostmitteleuropa einen signifikanten Effekt von subjektiver Orientierungslosigkeit auf nationalistische Einstellungen (positiver Zusammenhang) und Demokratieunterstützung (negativer Zusammenhang) für zwei der vier untersuchten Länder auf, insbesondere für die Slowakei und Ungarn. Mit zunehmender subjektiver Desorientierung und Unzufriedenheit korreliert überdies ein unkritisches Geschichtsbewusstsein, eine Art Mythisierung der Vergangenheit. Das Autorenteam kommt zum Schluss, dass ethnische Intoleranz selten nur eine Folge der "Transformationsanomie" ist, sondern "eine historisch tief verwurzelte Tradition, die daher wohl leicht aktivierbar und politisch instrumentalisierbar und nur durch intensive Bildungs- und Aufklärungsanstrengungen revidierbar ist".[13] Bereits zum Zeitpunkt dieser Erhebung, zwischen November 1994 und Februar 1996, zeigte sich ein deutlicher Trend in Richtung Pessimismus und negativer Zukunftsperspektiven bei Ungarn und Slowaken, wohingegen Tschechen und in weiterer Folge Polen deutlich optimistischer eingestellt waren.[14]

In der von dem Autor und Günther Ogris geleiteten Erhebung Ende 2007 wurde das sozialpsychologische Konstrukt Anomie mit den Dimensionen "Orientierungslosigkeit" und "politische Machtlosigkeit" gemessen (siehe Grafik 1 der PDF-Version). Zur besseren Einordnung folgt eine kurze Zusammenfassung der übrigen abgefragten Items. Ausgehend von den historischen Erfahrungen der Berkeley-Gruppe um Adorno wurde mit dem Konstrukt der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit die Tendenz zur autoritären Aggression gegen Personengruppen, die im weitesten Sinn als "Andere" bezeichnet werden könnten, untersucht. Überdies haben wir mögliche Eingriffe in zentrale Bürgerrechte als eine Form des Neuen Politischen Autoritarismus reflektiert. Durch die Integration dieses Konstrukts in unser theoretisches Modell und in unsere Analysen tragen wir der aktuellen Entwicklung Rechnung. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem von den USA in der Folge geführten war on terror hat diese Thematik rasch in den europäischen politischen Diskurs Einzug gehalten. Diskussionen über Beschneidungen von Bürgerrechten werden im Rahmen der Debatte um die Terrorismusbekämpfung geführt.

Das Konzept der Demokratie wurde anhand dreier Dimensionen erfasst: 1. konkretes eigenes politisches Verhalten; 2. Vertrauen in demokratische Institutionen; 3. Zufriedenheit mit der aktuellen Demokratie. Mit Hilfe dieses Konstrukts sollen die Einstellungen zur Demokratie bzw. zu autoritären Regierungsformen (Rückkehr zum Kommunismus, Militärdiktatur, Herrschaft eines starken/autoritären Führers) gemessen werden.

Umfrageergebnisse mit Schwergewicht auf Anomie



Ungarn.
Deutlich wurde in den empirischen Ergebnissen für Ungarn, dass vor allem zwei Schlüsselereignisse das Opfernarrativ der Gesellschaft dominieren - der Friedensvertrag von Trianon aus dem Jahr 1920, durch den Ungarn zwei Drittel seines Territoriums verloren hatte, und die blutige Niederschlagung der ungarischen Revolution durch die Sowjetunion 1956. Árpád von Klimo stellt fest, dass es trotz dieser starken historischen Referenzpunkte im historischen Bewusstsein der ungarischen Gesellschaft kaum direkte Korrelationen zwischen aktuellen autoritären Einstellungen und revisionistischen Geschichtsbildern gibt.[15] Grundsätzlich lassen sich zwei Milieus zusammenstellen: 1. das "post-kommunistische Milieu". Hier sind auch die stärksten Wechselwirkungen mit autoritären Einstellungen feststellbar, so bei der direkten Korrelation zwischen Anomie und den negativen Einschätzungen der Entwicklungen seit 1989. Auch die Kollaboration mit dem Nationalsozialismus wird von dieser Gruppe stärker verneint, wie auch Minderheitenrechte abgelehnt und der Widerstand gegen den Nationalsozialismus überhöht erinnert werden. 2. das "linksliberale Milieu". Rund ein Drittel der Befragten tendiert stärker zu einer kritischen Aufarbeitung der Kollaboration mit dem NS-Regime und ist auch minderheitenfreundlicher eingestellt.

In Ungarn ist die Einstellung besonders stark vertreten, dass es keine Möglichkeiten gibt, den politischen Prozess zu beeinflussen. Rund 60% zeigen sich desillusioniert, und dieses stark von Anomie geleitete Einstellungsmuster wirkt sich negativ auf die funktionstüchtige Demokratieeinstellung aus, mit knapp 16% Zustimmung verglichen mit noch 32% im Jahre 1991. Insgesamt lassen sich ein vergleichsweise niedriger politischer Aktivismus und ein extrem hohes Misstrauen gegenüber politischen Parteien und dem Parlament nachweisen. Dieser Trend verstärkt sich mit einer pessimistischen Lebenseinstellung, was die persönliche Zufriedenheit betrifft. Grundsätzlich unterstreichen zahlreiche Ergebnisse im Falle Ungarns eine starke Krise des demokratischen politischen Systems und eine extrem hohe Unzufriedenheit mit den klassischen demokratischen Institutionen und den Parteien.

Die relativ hohen Werte an Anomie lassen sich durchaus vor dem Hintergrund der Transformationsprobleme bei der Etablierung neuer sozioökonomischer und politischer Strukturen nach 1989 und 1990 interpretieren. Dazu kommt ein europaweiter Trend der politischen Apathie als Folge von Globalisierungseffekten und politischen Entscheidungsmechanismen, die vielen Menschen als nicht mehr nachvollziehbar und transparent erscheinen. Durch die Weltwirtschafts- und Finanzkrise wird dieser Effekt noch verstärkt. Zunehmend werden die in Ost- und Westeuropa im Kalten Krieg relativ stabilen Lebensplanungen in Frage gestellt.

Tschechische Republik.
Das von Muriel Blaive ausgewertete tschechische Ergebnis[16] ist insofern paradox, als Grundpfeiler einer etwaigen autoritären Einstellung wie Gehorsam und Werte im Familienbereich sehr stark ausgeprägt sind, anderseits aber Kategorien, die ein lebendiges demokratisches bis nichtautoritäres System umschreiben, ebenfalls überdurchschnittlich stark zu Tage treten. Sehr deutlich werden nichtautoritäre Wertesysteme bei den Fragen zur Umschreibung des Neuen Politischen Autoritarismus, wo es extreme Ablehnungsmuster gibt. Gleichzeitig dominiert durchaus Anomie, übrigens eine Grundsatzeinstellungen in vielen postkommunistischen Staaten aufgrund der radikalen und raschen Änderungen von Wertesystemen und teilweise prekarisierten Lebenssituationen bzw. Zukunftsentwürfen.

Ein Vergleich mit Österreich zeigt klare Unterschiede und auch in der Tschechischen Republik einen deutlichen Trend in Richtung Anomie und Apathie. Auf die Frage "Es ist heute alles so in Unordnung geraten, dass niemand mehr weiß, wo man eigentlich steht" stimmten beispielsweise in Tschechien 49,6% zu, in Österreich 32,6%.[17] Ebenso wie in Ungarn dominiert auch in Tschechien die Vorstellung, nichts an der nationalen politischen Ebene ändern oder mit beeinflussen zu können. In diesem Sinne ist die Gesellschaft gespalten, bei sinkender Zustimmung zu demokratischem Engagement in der Zivilgesellschaft. Während die tschechische Gesellschaft im Vergleich zu Polen und Ungarn sowie Österreich einen niedrigeren Grad von Antisemitismus aufweist, sind Einstellungen zu Ausländern und Minderheiten deutlich negativer - insbesondere vor dem Hintergrund der vorurteilsgeladenen Perzeption von Roma. Insgesamt wird die demokratische Entwicklung seit 1989 bejaht, wenn auch die soziale Sicherheit des kommunistischen Systems - ohne dessen Rückkehr zu wünschen - vermisst wird.

Polen.
Piotr Buras konnte bei der Auswertung und beim Vergleich der Umfrageergebnisse feststellen,[18] dass in Polen trotz Kritik an den Folgen der Transformation für die Gesellschaft eine kompromisslose Haltung zum demokratischen System bestehen bleibt, das über 70% eindeutig der kommunistischen Vergangenheit vorziehen. Der harte autoritäre Kern in Polen umfasste 2008 rund 13% der Befragten, wobei aber bis zu 20% und vereinzelt auch 30% durchaus punktuelle Affinitäten zu einzelnen autoritären Einstellungen aufwiesen. Die klare prodemokratische Mehrheit schwindet aber, sobald nicht der Reizvergleich mit dem Kommunismus angestellt wird, sondern als Alternative eine Expertenregierung zur Wahl gestellt wird, die 61% Zustimmung erhält. Ebenfalls 61% der Polen konnten sich auch eine Präferenz für einen starken Führer vorstellen. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass rund 55% der Befragten deutliche Indikatoren von Anomie und politischer Apathie aufweisen, ist dies eine demokratiepolitisch höchst unbefriedigende Situation, da in Polen Demokratie vor allem als Antithese zum Kommunismus uneingeschränkt unterstützt wird. In den oben angeführten eigenen Forschungen zeigt sich, dass der Autoritarismus auch in Österreich - trotz Rückgangs seit 1978 - nach wie vor bis zu 20% der Wählerschaft in Form eines antiparlamentarischen Systems mit einer Ein-Mann-Diktatur anspricht.

Vor dem Hintergrund der autoritären Vergangenheit Polens in der Zwischenkriegszeit überrascht das Faktum, dass es keine direkte Korrelation zwischen autoritären Einstellungen und der hohen Pisudski-Verehrung besteht. Jozef Pisudskis Staatsstreich 1926 wird von seiner Funktion als Staatsgründer losgelöst. Hingegen besteht beispielsweise eine solche Verbindung in Österreich: Bewunderer von Bundeskanzler Engelbert Dollfuß, der 1933 nach einer Geschäftsordnungskrise das Parlament aufgelöst und den Bürgerkrieg des Februars 1934 mitzuverantworten hatte, wiesen eine stärkere Tendenz zu submissiver autoritärer Einstellung auf. Im Gegenzug sahen jene, die für Minderheitenrechte eintraten, Dollfuß eher als Zerstörer der Demokratie. Jene, die Dollfuß als Märtyrer einstuften, votierten wiederum deutlicher gegen Minderheitenrechte.[19]

Auseinandersetzung mit dem Holocaust



Beim Vergleich der Auswertung der Antworten zur Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust durch Christian Gerbel und Rosalina Latcheva fällt in allen vier Ländern die hohe Rate an Nicht-Antworten auf - von 40,2% in Polen bis zu 47,7% in Österreich. Bezüglich der Frage nach einem gemeinsamen Zugang zur Akzeptanz einer Mitverantwortung für den Holocaust zeigen sich deutliche Unterschiede - mit einer relativ hohen Bereitschaft in Österreich, politische Mitverantwortung zu zeigen, einer deutlichen Zurückweisung dieser Vorstellung in Polen und einer starken Tendenz in Ungarn, dieser Frage auszuweichen. In Tschechien dominiert der polnische Zugang, trotz stärkerer Bereitschaft, eine teilweise Mitverantwortung für den Holocaust zu thematisieren.

Erstmals wurde ein direkter Zusammenhang zwischen Tendenzen, die Rolle der eigenen nationalen Gesellschaft im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust zu überhöhen und die Kollaboration zu verdrängen, und antisemitischen Grundeinstellungen nachgewiesen. In der Tschechischen Republik gibt es diese Korrelation nur bei jenen, die einen hohen Anteil an Hilfe für Juden vermuten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass es zu dem in allen vier Ländern erlebten Krieg und dem Holocaust keine gemeinsame europäische Perzeption gibt, dass sich aber in beiden Fällen zumindest clusterartige gemeinsame europäische Entwicklungen abzeichnen. Bezüglich der Reflexion über die NS-Verbrechen tendiert Österreich stärker in Richtung der Geschichtspolitik in Deutschland, während die drei postkommunistischen Staaten ähnliche Zurückhaltung bezüglich einer "Mitverantwortung" üben. Polen und Tschechien und in einem geringeren Grad Ungarn signalisieren dabei die klare Priorität des eigenen Opferstatus, trotz Pogromen wie "Jedwabne" oder der aktiven Kollaboration bei der Vernichtung der ungarischen Juden gegen Kriegsende durch das Pfeilkreuzler-Regime von Ferenc Szálasi.

Neuer Politischer Autoritarismus



Ralf Dahrendorf hat 2006 die Folgen der Attentate vom 11. September 2001 auf die bürgerlichen Rechte vor dem Hintergrund massiver staatlicher Eingriffe zur Terrorbekämpfung diskutiert.[20] Er sah darin einen "Neuen Politischen Autoritarismus", wobei mit Sicherheitsargumenten die individuellen Freiheiten eingeschränkt und durch die These "Sicherheit gleich Freiheit" ersetzt werden.

Bemerkenswert ist, dass das bisher nachgewiesene, typische postkommunistische Muster hier nicht auftritt - ganz im Gegenteil, in Polen, Tschechien und Ungarn ist die Abwehrhaltung gegen eine Online-Durchsuchung von Computern oder gegen die Überwachung von Telefongesprächen größer als in Österreich (siehe Grafik 2 der PDF-Version). Dies kann durchaus auf die jüngere Diktaturerfahrung zurückgeführt werden. Überdies zeigt sich, dass umfassendere Bildung vor allem in Ungarn und Polen Tendenzen zur Akzeptanz des Neuen Politischen Autoritarismus zurückdrängt, weniger in Österreich. In der Tschechischen Republik gibt es einen derartigen Bildungseffekt überhaupt nicht.

Der starke Trend Richtung politischer Apathie und Anzeichen von Anomie wirkt auch in den Einschätzungen der Bedeutung der geo- und gesellschaftspolitischen Veränderungen 1989/1991 nach, und es dominieren höchst unterschiedliche Vorstellungen.[21] Während in der Tschechischen Republik und in Polen der Systemwechsel 1989 zur Demokratie positiv gesehen wird, gibt es in Ungarn keineswegs eindeutige Positionen. Offensichtlich überlagert dort die aktuelle politische und sozioökonomische Krise die grundsätzliche Bereitschaft, 1989 als positiven Wandel anzuerkennen. Hinzu kommt, dass das Kádár-Regime nach der brutalen Niederschlagung der Ungarischen Revolution 1956 relativ milde regiert hatte und manche individuellen Freiheiten wie kleine Privatwirtschaftsbetriebe oder zuletzt sogar Reisefreiheit zuließ.

Ein interessantes Ergebnis der Studie ist, dass in den drei postkommunistischen Staaten Frauen, welche die schwierigen Lebensumstände in vielen Fällen im Alltag und in der Familie zu spüren bekommen und aufzufangen versuchen, eher zurückhaltend und nicht so klar positiv wie Männer auf die "Wende" reagieren. Aber auch in Österreich, jenem Land, das bis 1989 die Existenz des Eisernen Vorhanges heftig beklagt und als negativ für die ökonomische und politische Entwicklung dargestellt hat, ist die Rezeption von 1989 in der Gegenwart höchst ambivalent. Nur knapp unter 50% der Befragten sehen einen Vorteil in der Öffnung der Grenzen, und auch hier sind Frauen skeptischer als Männer.

Conclusio



Autoritäre Einstellungen lassen sich nicht nur als aggressive oder unterwerfende Dimensionen nachweisen, sondern auch in Form von "Anomie", d.h. Orientierungslosigkeit und Gefühle politischer Machtlosigkeit. In allen vier Ländern zeigte sich,[22] dass der Indikator "autoritäre Unterwürfigkeit" die Orientierungslosigkeit der Befragten verstärkt. Überdies tendieren diese Personen auch dazu, eher spezifische Formen des Neuen Politischen Autoritarismus (z.B. Streikverbote) zu akzeptieren. Gleichzeitig suchen jene, die sich orientierungs- und machtlos fühlen, "Sündenböcke" für ihre Situation und finden diese beispielsweise bei Minderheiten, deren Rechte ihrer Meinung nach eingeschränkt werden sollten.

Im Vergleich mit den anderen drei Ländern sind diese Dispositionen in Österreich seltener anzutreffen. Generell zeigen die Umfrageanalysen,[23] dass das Alter zur wichtigen Interpretationskategorie für autoritäre Einstellungen geworden ist: Je jünger die Befragten, desto weniger Tendenzen für autoritäre Einstellungen sind messbar. Dabei ist bemerkenswert, dass der Bildungsgrad keine Rolle spielt. Hingegen spielt der Bildungsgrad innerhalb der Generationskohorten sehr wohl eine essentielle Rolle: Je gebildeter, desto geringer ist die Tendenz zu autoritären Einstellungen innerhalb einer Altersgruppe. Sowohl Alter als auch Bildung sind in Österreich und Polen wichtige Erklärungsfaktoren für geringere autoritäre Tendenzen als in Tschechien und Ungarn.

Die empirisch gut belegte Faustformel "je jünger und je besser ausgebildet, desto geringere autoritäre Einstellungen" gilt auch für die Anomie. In allen vier Ländern zeigen jene, die hohe Zustimmung bei den Fragen zu autoritärer Unterwürfigkeit signalisieren, starke Tendenzen in Richtung Orientierungslosigkeit im aktuellen sozialen Transformationsprozess. In Österreich, Polen und Tschechen hängen Gefühle der politischen Machtlosigkeit mit einer Law-and-Order-Mentalität zusammen. Politische Machtlosigkeit geht häufig mit Tendenzen einher, Minderheitenrechte abzulehnen und diese Gruppen als "Sündenböcke" zu stigmatisieren - so beispielsweise in Tschechien vor allem die Roma. Dieser Effekt ist auch in Österreich und Polen vorhanden.

Nach wie vor kann aber - wie bereits bei der Studie Adornos und seines Teams - durch die Analyse autoritärer Persönlichkeitsmerkmale und Anomie nicht automatisch erklärt werden, wann diese individuellen Einstellungen zu Diktaturen oder faschistischen Regimes funktionalisiert werden können. Es gilt die historische Erfahrung, dass ausgleichende und gesellschaftlich nicht spaltende sozioökonomische Entwicklungen und ein breites und hohes Bildungsniveau mittelfristig die sicherste Strategie gegen neue und permanente autoritäre Regime sind.

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Fußnoten

1.
Vgl. Oliver Rathkolb/Günter Ogris (eds.), Authoritarianism, History and Democratic Dispositions in Austria, Poland, Hungary and the Czech Republic, Innsbruck-Wien-Bozen 2010.
2.
Vgl. zur Auseinandersetzung mit diesem sozialpsychologischen Ansatz: Susanne Rippl (Hrsg.), Autoritarismus, Opladen 2000; Detlef Oesterreich, Flucht in die Sicherheit, Opladen 1996; Anton Perzy, Dimensionen des autoritären Charakters, phil. Diss. Univ. Wien 1993.
3.
Siehe dazu Else Frenkel-Brunswik, Studien zur autoritären Persönlichkeit: ausgewählte Schriften, hrsg. und eingeleitet von Dietmar Paier, Graz-Wien 1996.
4.
Vgl. The Authoritarian Personality, New York 19662, dt.: Theodor W. Adorno, Studien zum autoritären Charakter, Frankfurt/M. 2001. Die Erstausgabe, die keineswegs alle Forschungsergebnisse bearbeitete: Theodor W[iesengrund] Adorno/Else Frenkel-Brunswik/Daniel J[acob] Levinson/R[obert] Nevitt Sanford in collaboration with Betty Aron, Maria Hertz Levinson, and William Morrow, The Authoritarian Personality, New York 1950. Kritisch zur Ausblendung politischer und sozioökonomischer Faktoren vgl. u.a.T.S. Pettigrew, Personality and sociocultural factors in intergroup comparison, in: Journal of Conflict Resolution, 2 (1958), S. 29-42.
5.
Vgl. Robert Altemeyer, The Authoritarian Specter, Cambridge, MA 1996.
6.
Vgl. Detlef Oesterreich, Autoritäre Persönlichkeit und Gesellschaftsordnung, Weinheim 1993; ders., Flight into Security: A New Approach and Measure of the Authoritarian Personality, in: Political Psychology, 26 (2005) 2, S. 275-297.
7.
Vgl. Émile Durkheim, Der Selbstmord, Frankfurt/M. 1995 (Orig. 1897).
8.
Vgl. Andrea Herrmann, Ethnozentrismus in Deutschland zwischen Gesellschaft und Individuum, Opladen 2001, S. 85. Vgl. auch Rüdiger Ortmann, Abweichendes Verhalten und Anomie, Freiburg/Br. 2000.
9.
Vgl. A. Herrmann (ebd.), S. 86.
10.
Vgl. Tomas G. Masaryk, Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der Gegenwart (1881).
11.
Vgl. Hilde Weiss/Christoph Reinprecht, Demokratischer Patriotismus oder ethnischer Nationalismus in Ost-Mitteleuropa?, Wien-Köln-Weimar 1998, S. 109-114.
12.
Ebd., S. 110.
13.
Ebd., S. 127.
14.
Vgl. ebd., S. 114.
15.
Vgl. Árpád von Klimo, Ungarn, in: O. Rathkolb/G. Ogris (Anm. 1), S. 79-90.
16.
Vgl. Muriel Blaive, The Czech Republic, in: ebd., S. 91-106.
17.
Vgl. ebd., S. 96.
18.
Vgl. Piotr Buras, Polen, in: ebd., S. 61-78.
19.
Vgl. ebd., S. 137 und S. 49.
20.
Vgl. Ralf Dahrendorf, Der 11. September und der neue Autoritarismus, online: www.project-syndicate.org/commentary/dahrendorf54/
German (21.9.2011).
21.
Vgl. Oliver Rathkolb, Historical perceptions concerning the changes of 1989 and authoritarian disposition, in: ders./G. Ogris (Anm. 1), S. 127-134.
22.
Vgl. ebd., S. 27.
23.
Vgl. ebd., S. 25.