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18.10.2011 | Von:
Christoph Reinprecht

Verwundbarkeit des Alterns in der Migration. Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung

Familialismus und transnationale Lebensführung, Randständigkeit und Mehrfachzugehörigkeit, Rückzug und soziales Teilhabebedürfnis: Lebensrealitäten der türkeistämmigen älteren Bevölkerung entziehen sich gängigen Klischeebildern.

Einleitung

In "Zurückkehren" erzählt Tahar Ben Jelloun über die Verwundbarkeit des Alterns in der Migration.[1] Mit der Pensionierung, nach 40 Jahren Fließbandarbeit bei Renault, gerät für Mohammed, den Romanhelden, das gesamte Leben aus den Fugen. Das Ausscheiden aus dem Produktionsprozess destabilisiert und löst Ängste aus: vor dem Verlust an Struktur, Sinn, Anerkennung und einem Zukunftshorizont voller Ungewissheit. Mohammed realisiert schmerzhaft die existenzielle Fragilität und Ausgesetztheit des migrantischen Daseins: Ein Leben bestimmt durch die Anforderungen und den Rhythmus der harten Fabrikarbeit; Kinder, die sich von Herkunft und Traditionen lossagen; ein kaum erschlossenes und zunehmend verwahrlosendes Lebens- und Wohnumfeld. Dann das Alter: nicht vorhergesehen, eine Art Leerstelle im Projekt der Migration. Mohammed kehrt überstürzt in sein Heimatdorf zurück, mit dem Plan, ein Haus zu bauen: Ein Haus des Glücks und Friedens, für die wieder vereinte Familie, in dem selbst die Narben verheilen können.

Migration und Exil, Entfremdung und Nostalgie, Leiden und Erlösung. Wie in vielen von Ben Jellouns Büchern behandelt auch "Zurückkehren" die Erfahrung einer doppelten Abwesenheit. Nach Abdelmalek Sayad, von dem dieser Begriff stammt,[2] lebt die erste Generation der Arbeitsmigranten nicht zwischen, sondern in zwei Welten, aber sie ist dort, wo sie anwesend ist, zugleich abwesend: Innerlich anwesend, aber körperlich abwesend im Herkunftsland, das verklärt wird, während es sich gleichzeitig wirtschaftlich und kulturell vom imaginierten Idealbild entfernt; körperlich anwesend, aber innerlich abwesend im Aufnahmeland, das fremd und unvertraut bleibt und sich doch, unmerklich, stetig in das Leben einschreibt. Die Leidenserfahrung der Migration erzeugt Depression, Erschöpfung, aber auch spezifische Formen der Bewältigung und eigensinniger Lebensführung: idealisierte Erinnerungen und Rückkehrträume, sozialräumliche und ethnische Inselbildung, Überhöhung von Traditionen und Familienleben.

In "Zurückkehren" mobilisiert Mohammed all seine Kraft und Ressourcen, um sein Projekt zu realisieren. Das Haus entsteht: überdimensioniert, großzügig, phantastisch, eine Art Trutzburg, am Rande des Dorfes gelegen und weithin sichtbar, das ebenso spektakulär wie die Architektur sein Ziel verfehlt. Das Projekt beruht auf Realitätsverweigerung, einem Akt des Widerstands, getrieben von Phantasiebildern, die ihn taub machen für die Argumente seiner Kinder, die ihn noch am Telefon wachzurütteln versuchen: Die Wirklichkeit lässt sich auf diese Weise nicht überschreiten, sozialer Wandel und Generationswechsel nicht aufhalten, die idealisierte Welt der einstigen Heimat und eigenen Jugend nicht wiederherstellen. Mohammed wartet umsonst. Die Kinder kommen nicht. Er zerbricht, flüchtet in den Tod.

Doppel-, aber nicht unzugehörig?

Die Lebensrealität der älteren türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland folgt dieser pessimistischen Sichtweise des Älterwerdens in der Migration nur in Ausnahmefällen. Gefühle der Unzugehörigkeit, so die Ergebnisse eigener mehrjähriger Forschungen, bestimmen das Lebensgefühl der vor Jahrzehnten aus der Türkei eingewanderten Arbeitskräfte nur selten.[3] Die Mehrheit der älteren Migrantinnen und Migranten aus der Türkei lebt in positivem Bezug zu Deutschland. Für viele geht diese Gefühlslage mit einer ebenso positiven Bindung an die Türkei beziehungsweise an ihre Herkunftsregion einher. Nur ein (kleinerer) Teil der Älteren fühlt sich vorwiegend zur alten Heimat hingezogen, ohne eine positive Bindung zu Deutschland zu haben.

Aufenthaltsdauer, materielle Lage, Dichte der Kontakte in Deutschland und in der Türkei, Familiensituation, Grad der Sprachkenntnisse, Stellenwert von Traditionen und Religiosität sowie das Ausmaß subjektiv wahrgenommener Diskriminierung lassen sich als Faktoren identifizieren, die über die Ausrichtung der Bindungsgefühle entscheiden. Zusammengefasst lässt sich sagen: Wer sich sowohl der Türkei als auch Deutschland zugehörig fühlt, verfügt über Ressourcen wie ein ausreichendes Einkommen und soziale Kontaktnetze in beiden Ländern, über kulturelle Kompetenzen (Sprachkenntnisse und Orientierungswissen in beiden Gesellschaften) und eine Sympathie für die Pflege von Traditionen. Wer sich vorwiegend an Deutschland orientiert, zentriert die Kontaktkreise in Deutschland, fühlt sich hier weitgehend wohl und anerkannt, verfügt über recht gute Sprachkenntnisse, während den traditionellen Werten im Leben ein geringerer Stellenwert zugewiesen wird. Jene, die vorwiegend an der Herkunftsgesellschaft orientiert sind, empfinden Deutschland häufig als fremdes und abweisendes Land, leiden unter sozialer Zurücksetzung und Ausgrenzung, oftmals auch in benachteiligtem Wohnumfeld mit hoher sozialer Segregation, soziale Binnen- und Traditionsorientierungen sind ausgeprägt.

Jeder Versuch, die Lebenslagen der aus der Türkei stammenden älteren Migrantinnen und Migranten zu typisieren, kann selbstverständlich nur andeutungsweise der komplexen Lebenssituation dieser Bevölkerungsgruppe gerecht werden. Die vorliegenden Forschungen zeigen, dass die türkeistämmigen Älteren in vielerlei Hinsicht die allgemeinen Erfahrungen des Älterwerdens in Deutschland teilen, sei es in Bezug auf die mit der Statuspassage verbundenen Anforderungen während des Übergangs vom Erwerbsleben in die Rente, die alternsbedingten Veränderungen der körperlichen und intellektuellen Funktionsfähigkeiten oder das Verhältnis zwischen den Generationen. Ihre Lebenslage ist mit der von sozioökonomisch ähnlichen Gruppen vergleichbar.[4] Zudem hat das Pensionssicherungssystem eine inkludierende, harmonisierende Funktion.

Gleichwohl strukturiert das Migrations- und Integrationsgeschehen die Lebenssituation und Lebensführung im Alter nachhaltig. Prägend wirken der Kontext der Wanderung (Anwerbung, Familiennachzug, politisches Exil), die rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder das Ausmaß der sozialrechtlichen und bürgerschaftlichen Einbindung (bis hin zur Einbürgerung). Für das Verständnis von Alternsprozessen in der Migration sind aber auch herkunftsbezogene Aspekte bedeutsam: Wertvorstellungen oder Altersbilder, die auf eine spezifische Sozialisation verweisen (Stadt-Land-Herkunft, Klassen- und Milieulage, Ethnizität) und die im Lebensverlauf teilweise konserviert, teilweise aber auch modifiziert, stärker akzentuiert oder abgeschliffen wurden. Diese vielfältigen, mitunter ambivalenten und hybriden kulturellen Referenzsysteme helfen, den Prozess des Alterns zu rahmen und ihm Gestalt zu verleihen.

Die öffentliche Debatte in Deutschland oszilliert oftmals zwischen stereotypen Bildern der Verelendung (extreme Armut, sozialer Ausschluss) und ethnischer Segmentierung (völlige Orientierung an der ethnischen Bezugsgruppe). Diese Bilder verabsolutieren einseitig die lebenslange instabile Einbindung in Arbeitsmarkt und Gesellschaft, die sich im Alter in verschärfter multipler Benachteiligung (Einkommensarmut, gesundheitliche Beeinträchtigungen, schlechte Wohnversorgung) wie auch im Bedürfnis nach sozialer und kultureller Abschließung (gegenüber einer fremd gebliebenen Umwelt) kristallisiert. Doch weder das Bild der "Parallelgesellschaft" noch des "Altersdramas" sind generalisierbar. Die Lebenslage der türkeistämmigen älteren Bevölkerung ist vielschichtiger und widersprüchlicher - auf objektiver und subjektiver Ebene.

Quellen von Lebensqualität

Forschungen zur Lebensqualität zeigen, dass türkeistämmige Ältere trotz ihrer vielfach prekären materiellen Lebensbedingungen über spezifische Ressourcen verfügen, die für die Erzeugung von Lebensqualität mobilisiert werden können. Auf den ersten Blick ist das Wohlbefinden unter der türkeistämmigen älteren Bevölkerung unterdurchschnittlich ausgeprägt. Das Niveau der Lebensqualität liegt deutlich unter jenem der deutschen Älteren, aber auch anderer nationaler und ethnischer Gruppen.[5] Bei näherer Betrachtung ist der Befund jedoch weniger eindeutig. Die Ergebnisse dokumentieren zwar ausgesprochen niedrige Werte für die Dimensionen Gesundheit und Umwelt, während für die psychische und soziale Dimension der Lebensqualität insgesamt höhere Werte und geringere Differenzen zu den Vergleichsgruppen verzeichnet werden.[6] Diese kontrastierte Befindlichkeit - positives psychisches Wohlbefinden und Zufriedenheit mit Sozialkontakten versus kritische Bewertung der Gesundheit und der Umweltbedingungen - bildet ein wichtiges Merkmal der Lebensrealität älterer türkeistämmiger Personen.

In den geringen Zufriedenheitswerten für Gesundheit und Umweltbedingungen schreibt sich eine lebenslange Randstellung in Gesellschaft und Arbeitmarkt fort. Wie andere Gruppen der ersten Generation der Arbeitsmigration zählt auch die ältere türkeistämmige Bevölkerung zur Arbeiterschaft in Produktionsbereichen mit überaus belastenden Arbeitsbedingungen wie schwerer körperlicher Tätigkeit, hohem Unfall- und Verschleißrisiko oder Akkord-, Schicht- und Nachtarbeit. Aufgrund dieser Belastungen, verstärkt durch ungesunde Wohnverhältnisse, aber auch psychosoziale Stressfaktoren aufgrund der Erfahrung von Fremdheit und sozialer Zurückweisung, setzt der Alternsprozess subjektiv frühzeitig ein. Gleichzeitig erhöhen sich die Risiken gesundheitlicher Beeinträchtigung.[7] Charakteristische Krankheitsbilder betreffen, als Konsequenz der beruflichen Tätigkeit, in erster Linie den Stütz- und Bewegungsapparat. Verbreitet sind chronische Erschöpfung und Müdigkeit sowie Magenkrankheiten. Der gesundheitliche Verschleiß bewirkt überdurchschnittliche Krankenhausaufenthalte, überhöhten Medikamentenkonsum (der allerdings auch durch die "Medikalisierung psychosozialer Probleme"[8] indiziert wird), sowie eine große Zahl an berufsunfähigen Personen.

Am stärksten ausgeprägt ist die niedrige Lebensqualität in der Bewertung der materiellen Lebens- und Umweltbedingungen. In diesem markant geäußerten Unzufriedenheitsempfinden kristallisieren sich die prekären Einkommens- und Wohnverhältnisse, welche die alltägliche Lebensführung erschweren.[9] Dazu kommen Gefühle der Unsicherheit hinsichtlich des Zugangs zur Umwelt, insbesondere im Zusammenhang mit öffentlichen Infrastrukturen. Nicht ausreichend orientiert fühlen sich viele vor allem in Bezug auf die pensionsrechtliche Situation und sozialrechtliche Absicherung, die als unübersichtlich erlebt werden. Unzureichend informiert fühlen sich viele aber auch im Hinblick auf das Angebot an sozialen Diensten und Einrichtungen der Altenarbeit. Zudem wird der Umgang mit Behörden und Einrichtungen als belastend erlebt, sei es aufgrund (sprachlicher oder sozialer) Ressourcendefizite oder von Diskriminierung. Armutslage, Informationsmangel und Unsicherheit verstärken den Eindruck, die Lebens- und Umweltbedingungen nicht ausreichend kontrollieren zu können. Dieses Empfinden wiegt so schwer, dass es unter allen Einzeldimensionen der Lebensqualität das allgemeine Wohlbefinden am stärksten beeinflusst. (Unter der älteren einheimischen Bevölkerung reagiert das allgemeine Wohlbefinden am sensibelsten auf Änderungen in der psychosozialen Befindlichkeit.)

Die vergleichsweise hohe Zufriedenheit in Bezug auf die psychische und soziale Dimension von Lebensqualität, die tendenziell mit einer insgesamt positiven Bewertung des Migrationsprojekts einhergeht, stützt sich auf die Existenz familiärer und verwandtschaftlicher Ressourcen (diese gelten als Quelle sozialer und emotionaler Unterstützung), auf das Vorhandensein ethnischer Vereine und religiöser Institutionen, die für soziale Einbindung, Zugehörigkeit und Identitätsbildung förderlich sind, sowie auf spezifische Handlungsräume und Aktivitätsressourcen, die eine transnationale Lebensführung eröffnen. Je mehr auf diese Bindungs- und Aktivitätsressourcen zurückgegriffen werden kann, desto eher können die den Migrationsprojekten zugrunde liegenden Lebensziele (Streben nach einem guten Leben, Wohlergehen, Sicherheit, Lebenschancen für die Kinder und Autonomie) verwirklicht werden.

Für die Lebensführung älterer türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten ist ein ausgeprägter Familienbezug bezeichnend. Trotz eines häufig unterschätzten und im Zeitverlauf zunehmenden Anteils an Einpersonenhaushalten (etwa ein Viertel dieser Bevölkerungsgruppe lebt allein), überwiegt der Anteil der Mehrpersonen- und Mehrgenerationenhaushalte. Für die Lebensqualität im Alter ist das Vorhandensein eigener Kinder essenziell. Studien zeigen ein ausgeprägtes und stabiles intergenerationelles Solidarpotenzial.[10] Eine wichtige Funktion übernehmen neben familiären Netzwerkbeziehungen auch außerfamiliäre Kontakte im Wohnumfeld. Die Nähe zu Verwandtschaft und ethnischen peers bildet gerade im Alter ein Reservoir für Hilfe und Beistand, insbesondere bei Notfällen,[11] sie ist aber auch funktional für empowerment und Eingliederungsprozesse.[12]

Das Alltagsleben der älteren türkeistämmigen Bevölkerung zeichnet sich schließlich durch das dichte Geflecht an ethnischen und religiösen Vereinen und Einrichtungen aus. Diese sind sowohl im Hinblick auf die kulturelle Integration als auch in Bezug auf die Versorgung mit sozialen Diensten relevant. Diese unterschiedlichen "Solidaritätsfelder"[13] erfüllen jeweils spezifische Schutz- und Solidarfunktionen: Indem sie Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln, fördern sie die Entwicklung und Wahrung von Identität und psychischer Widerstandsfähigkeit. Von Bedeutung ist zudem, dass diese Solidaritätsfelder häufig transnational aufgespannt sind. Damit ist gemeint, dass die Beziehungszusammenhänge, sei es von Familie, Nachbarschaft oder Organisation, nicht lokal, regional oder national begrenzt sind, sondern Kontakte in der Türkei oder auch in anderen Ländern, in denen migrantische türkeistämmige Minderheiten leben, einschließt.

Viele türkeistämmige Ältere verfügen über solche Kontaktmöglichkeiten. Neue Informations- und Kommunikationstechnologien begünstigen diese transnationale Vernetzung. Für türkeistämmige ältere Menschen gilt somit ein Paradoxon: Sie leben einerseits in Deutschland sozialräumlich häufig isoliert mit einem auf die lokalen Bedingungen beschränkten Aktionsradius und andererseits in transnationalen Zusammenhängen mit erweiterten Handlungsfeldern. Wenn die soziale Dimension und die räumliche Dimension auseinanderdriften (wenn man sich beispielsweise nicht jenem sozialen Umfeld zugehörig fühlt, in dem man räumlich lebt), wird der reale Ort des Älterwerdens durch einen vorgestellten, imaginierten Raum ersetzt.

Handlungsräume für Mobilität und soziale Teilhabe

Transnationalität beeinflusst auf unterschiedliche Weise die Lebenswirklichkeit: Sie erlaubt die Verknüpfung von Lebenswelten in Deutschland und der Türkei. Dies bezieht soziale Kontakte aus Gegenwart und Vergangenheit ebenso ein wie sich überlappende oder auch übereinandergeschichtete Orte, Erfahrungs- und Werthorizonte. Zu den Besonderheiten von transnationalen Kontexten zählt, dass Kontakte, Werte, Güter, aber auch die Individuen selbst zirkulieren können. Innerhalb der türkeistämmigen älteren Bevölkerung lassen sich zunehmend Formen transnationaler Mobilität beobachten, die von unterschiedlicher Intensität und Ausprägung sind und im Alter eine Quelle von Lebensqualität bilden.

Da sich diese Mobilität innerhalb der verwandtschaftlichen oder ethnischen Netzwerke entfaltet, bleibt sie für die Mehrheitsgesellschaft meist unsichtbar.[14] Die häufigste Form der mobilen Lebensführung ist das Pendeln, das der vielfach gefühlten Doppelzugehörigkeit entspricht und durch bestehende Opportunitäten und Ressourcen in beiden Ländern sowie daraus resultierende Aufgaben und Bedürfnisse (wie Übernahme von Sorgepflichten in der Verwandtschaft, Nutzung und Erhaltung von materiellem Besitz) motiviert wird. Pendeln kann dauerhaft erfolgen oder eine Übergangslösung darstellen, auch im Sinne einer "fortwährenden Remigration".[15] Aufenthalts-, sozial- und pensionsrechtliche Gegebenheiten schränken die Möglichkeit dieser Form der Transmigration ein. Grenzen gesetzt sind dieser Lebensform auch durch die erforderlichen Ressourcen (ein bestimmtes Maß an Gesundheit, finanzielle Mittel, stabile Netzwerke) sowie bei Hochaltrigkeit. Formen des imaginierten Pendelns lassen sich bei Ressourcenmangel beobachten. Ähnlich wie im Falle des Remigrationswunsches transformieren sich dann die Mobilitätswünsche zu einer Art "Illusion".

Für die Mehrheitsgesellschaft weitgehend unsichtbar sind auch viele Formen der Aktivität, denen ältere türkeistämmige Personen im Rahmen der Nachbarschaft, von Vereinen und religiösen Einrichtungen nachgehen. Diese im Alter ausgeprägte Orientierung an migrantischen und ethnischen Strukturen wird oft als Rückzug in Gegenwelten ("Parallelgesellschaften") gedeutet. Sie ist jedoch eine mögliche Voraussetzung für soziale Integration und gesellschaftliche Teilhabe. Die Einbindung in ethnische Milieus ist förderlich für Soziabilität und die Realisierung von Aktivitätsbedürfnissen. Neuere Forschungen unterstreichen die Bedeutung der Mitwirkung in Vereinen und anderen Formen der Selbstorganisation.[16]

Es existieren verschiedene Varianten der Freiwilligenarbeit, die nicht nur Zugehörigkeit und Anerkennung stiften, sondern die für die beteiligten Individuen konkret nützlich sind, etwa indem sie neue Kontakte knüpfen oder wichtige Informationen und Orientierungswissen erwerben können. Das ist vor allem für Personen mit geringem Bildungskapital unmittelbar bedeutsam. Die Anbindung an ethnische und religiöse Organisationen schafft Zugang zu sozialer Unterstützung oder zu sozialen Diensten, die andernfalls nur schwer erreichbar sind. Durch die Freiwilligenarbeit wird darüber hinaus Sozialkapital erzeugt, wenn auch in durchaus ambivalenter Hinsicht: in Form von Vertrauen als auch von sozialer Kontrolle. Besonders für Frauen, die nicht erwerbstätig waren, sondern ihre traditionelle Familienrolle gelebt haben, und für alleinstehende Frauen können sich mit der aktiven Teilhabe Chancen auf Anerkennung und Selbstständigkeit eröffnen.[17]

Ambivalente Alterserwartungen

Wie für die ältere Bevölkerung generell gilt auch für die türkeistämmige Minderheit, dass das Bedürfnis nach selbstständiger und teilhabender Lebensführung durch Verwundbarkeitsrisiken konterkariert wird. Der Ausdruck Verwundbarkeit verweist dabei auf eine Störanfälligkeit des physischen und psychischen Wohlbefindens (wie bei chronischer Erkrankung, Überbelastung und Stress aufgrund materieller Armut, Ausgrenzung und Fremdheitserfahrung), wodurch die Fähigkeit zur Autonomie beeinträchtigt wird.

Für die potenzielle Verwundbarkeit der älteren türkeistämmigen Bevölkerung sind widersprüchliche Empfindungen und Alterserwartungen repräsentativ. Der Ausdruck prekäres Altern bezieht sich in diesem Zusammenhang auf ein Spannungsfeld aus konkurrierenden Altersbildern, die nur teilweise als legitim angesehen werden. Die in Deutschland dominanten Normen des aktiven, autonomen oder produktiven Alterns können aus der Perspektive des migrantischen Alterns fremd anmuten und im Widerspruch zu den innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung zirkulierenden Altersvorstellungen stehen. Wenn sich beispielsweise türkeistämmige Migrantinnen und Migranten im Alter nach einem überaus anstrengenden Erwerbsleben einfach zur Ruhe setzen wollen, folgen sie vielfach auch einem tradierten Rollenkonzept von Seniorität, welches mit dem dominierenden, auf die Befriedigung von Selbstverwirklichungsbedürfnissen abzielenden Altersbild nicht vereinbar ist.

Während der "Ruherückzug" durch entsprechende Altersnormen der Herkunftsgruppe, aber auch durch Lebensrealitäten wie beengte Wohnverhältnisse (die das Bedürfnis nach Ruhe erhöhen), familiäre Arbeitsteilung und traditionelle Autoritätsordnung legitimiert ist, tendiert die Mehrheitsgesellschaft dazu, daraus ein soziales Problem zu konstruieren: Rückzug wird als Zurückweisung von Angeboten (auch im Sinne von Integrationsangeboten) bewertet. Doch aus der Sicht der Betroffenen können sich dadurch Handlungsressourcen eröffnen. So manchem als abweichend diagnostizierten Merkmal migrantischer Lebensentwürfe im Alter (Rückkehrillusion, imaginierte Pendelmigration) haftet ein Moment an Eigensinn und Widerständigkeit gegen von außen herangetragene Assimilationserwartungen an.

Auch in der empirischen Forschung lässt sich für die türkeistämmige ältere Bevölkerung ein Bedürfnis nach Rückzug im Alter feststellen. Dieses Bedürfnis geht mit einer positiven Bewertung der Rente einher. Das Ende der Erwerbsarbeit wird als entlastend erlebt, insbesondere aufgrund der wegfallenden körperlichen Anstrengung, aber auch der Erwerbszwänge an sich. Die restriktive materielle Realität des nachberuflichen Lebens, die sich in niedrigen Pensionseinkommen und einem hohen Armutsrisiko bemerkbar macht, verbindet die Pensionierung jedoch mit erheblichen Sorgen. Dies zwingt viele dazu, auch nach dem Ausscheiden aus dem Erwerbsprozess Einkommen zu generieren. Aus diesem Grund wird das Alter, im Unterschied zur Mehrheit der älteren Deutschen, zumeist auch nicht als eine Lebensphase gesehen, die frei von Verpflichtungen ist.

Sorge vor Abhängigkeit im Kontext familiärer Fürsorge

Die Verwundbarkeit des Alters äußert sich für türkeistämmige ältere Menschen häufig in einer unspezifischen Besorgnis vor dem Älterwerden sowie vor allem in den Ängsten vor Abhängigkeit und dem Angewiesensein auf andere Personen. Dieser Befund steht im Widerspruch zur allgemeinen Ansicht, wonach gerade die türkeistämmige Bevölkerung im Alter durch die soziale und ethnische Einbettung über stabilisierende und kompensatorische Ressourcen verfügt. Wie bereits ausgeführt, sind diese Ressourcen in der Tat meist vorhanden, und sie entfalten dann auch eine unterstützende Wirkung. Sie erzeugen jedoch gleichermaßen unerwünschte und bedrückende Abhängigkeit. Diese Sorge vor Abhängigkeit ist universell und steigt generell mit höherem Alter an. Sie ist aber in der türkeistämmigen Bevölkerung besonders ausgeprägt, als Folge ihrer gesellschaftlichen Randstellung, die sie auf ihre informellen Netzwerke zurückwirft.

Im höheren Alter wiegt dieses Dilemma auch deshalb umso mehr, da die alternativen Lebensstrategien wie zum Beispiel das Pendeln nicht mehr möglich sind, während der Zugang und die Inanspruchnahme der institutionalisierten Formen der Fürsorge als problematisch erlebt werden. Diese Sorge gründet nicht so sehr in einer brüchigen familiären Solidarität, sondern in ungenügendem und ungesichertem Wissen, aber auch tief verankerten Vorbehalten gegenüber den Einrichtungen und Angeboten von Pflege und Altenarbeit in Deutschland.

Auch innerhalb der türkeistämmigen Bevölkerung wird die Pflegearbeit nahezu ausschließlich von Familienmitgliedern, vor allem von Frauen, vielfach im Generationenverbund, getragen.[18] Der Wunsch, im Alter und bei Pflegebedarf zu Hause von Familienmitgliedern versorgt zu werden, ist stark verbreitet und einer der Ursachen für die oben beschriebene Angst, im Alter auf andere angewiesen zu sein. Die Bedingungen für häusliche Betreuung und Pflege werden aufgrund der eingeschränkten Wohnraumressourcen häufig als problematisch eingestuft. Gleichzeitig ist die Akzeptanz und Nutzung der öffentlichen sozialen Dienste, welche die häusliche Pflege ergänzen und entlasten, aber auch von Tageszentren sowie insbesondere von Senioren- und Pflegeheimen wenig ausgeprägt.[19] Verantwortlich dafür sind zum einen grundlegende Erfahrungs- und Informationsmängel und Skepsis seitens der Migrantinnen und Migranten, zum anderen institutionelle Benachteiligungen und eine noch ungenügend an die Bedürfnisse angepasste Angebotsstruktur. Dies betrifft etwa die Essensgewohnheiten, die Gestaltung der Nasszellen oder die Berücksichtigung religiöser und kultureller Praktiken.

In den vergangenen Jahren haben Anbieter von sozialen Diensten und Pflegeleistungen vermehrt begonnen, ihre Angebote zielgruppenspezifisch zu reorganisieren und interkulturell zu öffnen. Die Zurückhaltung der türkeistämmigen Älteren wird voraussichtlich jedoch erst langfristig nachlassen. Zum einen wirkt die gesellschaftliche Marginalisierung nach. Zum anderen existieren Normalitätsvorstellungen von Fürsorge, die nicht-familiäre Formen bislang eher ausschließen. Darüber hinaus werden die damit verknüpften Anforderungen als weitere Anpassungsleistung an die Mehrheitsgesellschaft interpretiert.

Türkeistämmige Ältere können zunehmend auf soziale Dienste zurückgreifen, die von ethnischen oder religiösen Vereinen und Einrichtungen organisiert werden. Diese Angebote werden verstärkt auf professioneller Basis entwickelt und treten in Wettbewerb mit etablierten Anbietern sozialer Dienstleistungen. In Zukunft, mit steigender Zahl der Älteren in der türkeistämmigen Minderheit, stehen somit breit gefächerte Betreuungs- und Pflegeangebote zur Wahl, teils herkunftshomogen oder auch durchmischt. Die Diversität der Angebote korrespondiert dann mit der Heterogenität der Nachfrage.
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Fußnoten

1.
Vgl. Tahar Ben Jelloun, Zurückkehren, Berlin 2010.
2.
Vgl. Abdelmalek Sayad, La double absence, Paris 1999.
3.
Vgl. Christoph Reinprecht, Nach der Gastarbeit. Prekäres Altern in der Einwanderungsgesellschaft, Wien 2006.
4.
Vgl. Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hrsg.), Lebenssituation und Gesundheit älterer Migranten in Deutschland. Expertisen zum Fünften Altenbericht der Bundesregierung, Bd. 6, Münster 2006.
5.
Vgl. Helen Baykara-Krumme/Andreas Hoff, Die Lebenssituation älterer Ausländerinnen und Ausländer in Deutschland, in: Clemens Tesch-Römer/Herbert Engstler/Susanne Wurm (Hrsg.), Altwerden in Deutschland, Wiesbaden 2006.
6.
Vgl. Ch. Reinprecht (Anm. 3).
7.
Vgl. Veysel Özcan/Wolfgang Seifert, Lebenslage älterer Migrantinnen und Migranten in Deutschland, in: Deutsches Zentrum für Altersfragen (Anm. 4).
8.
Norbert Schmacke, Migration und Gesundheit, in: Gesundheitswesen, (2002) 64, S. 554-559.
9.
Berechnungen finden sich in V. Özcan/W. Seifert (Anm. 7).
10.
Vgl. Helen Baykara-Krumme, Immigrant Families in Germany, Berlin 2008.
11.
Vgl. Maria Dietzel-Papkyriakou, Potentiale älterer Migrantinnen und Migranten, in: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie, 38 (2005) 6, S. 396-406.
12.
Vgl. Kathleen Valtonen, The ethnic neighborhood, in: International Social Work, 45 (2002) 3, S. 315-323; Bernhard Nauck/Annette Kohlmann, Verwandtschaft als soziales Kapital, in: Michael Wagner/Yvonne Schütze (Hrsg.), Verwandtschaft, Stuttgart 1998, S. 203-235.
13.
Vgl. M. Dietzel-Papkyriakou (Anm. 11).
14.
Zuverlässige Angaben zum quantitativen Ausmaß der Pendelmigration und Remigration liegen nicht vor. Die Auswertungen des Deutschen Alterssurveys lassen darauf schließen, dass Personen im Rentenalter für längere Zeitspannen in die Türkei pendeln und der Anteil der Transmigranten insgesamt zunimmt. Vgl. H. Baykara-Krumme/A. Hoff (Anm. 5).
15.
Helen Krumme, Fortwährende Migration, in: Zeitschrift für Soziologie, 33 (2004), S. 138-153.
16.
Vgl. Dirk Halm/Martina Sauer, Freiwilliges Engagement von Türkinnen und Türken in Deutschland, Essen 2005. Demnach beteiligen sich zwei Drittel der befragten Türkeistämmigen aktiv in Selbstorganisationen.
17.
Die Bedeutung ethnischer Gemeinschaften für alleinstehende Frauen wird in der Literatur auch differenziert eingeschätzt. Vgl. Ingrid Matthäi, Die vergessenen Frauen aus der Zuwanderergeneration, Wiesbaden 2005.
18.
Vgl. Helen Baykara-Krumme, Gar nicht so anders, Berlin 2007. Seriöse Schätzungen zum Pflegebedarf der türkeistämmigen Älteren liegen noch nicht vor.
19.
Vgl. Petra-Karin Okken/Jakob Spallek/Oliver Razum, Pflege türkischer Migranten, in: Ulrich Bauer/Andreas Büscher (Hrsg.), Soziale Ungleichheit und Pflege, Wiesbaden 2008.

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