Der israelische Historiker und Publizist Moshe Zimmermann spricht am Dienstag (22.02.2011) in Erfurt während einer Pressekonferenz. Zimmermann ist einer der vier Autoren und Herausgeber des Buchs "Das Amt und die Vergangenheit" über die NS-Verstrickungen des Auswärtigen Amtes. Am gleichen Tag will Moshe Zimmermann aus diesem Buch lesen. Foto: Martin Schutt dpa/lth
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Vergnügen in der Zeitgeschichte


23.12.2011
In der zeitgeschichtlichen Forschung sollte auch der historische Wandel der modernen Vergnügungskultur berücksichtigt werden. In der konsequenten Historisierung liegt die spezifische Aufgabe einer Zeitgeschichte des Vergnügens.

Einleitung



Als Hans Rothfels im Jahre 1953 den Begriff der Zeitgeschichte als Epoche der Mitlebenden und deren wissenschaftliche Behandlung definierte, hatte er gewiss nicht das Vergnügen im Sinn.[1] Der Gründungsfigur der westdeutschen Zeitgeschichtsschreibung ging es vielmehr um das persönliche Betroffensein von den großen politischen Umwälzungen eines universalen Zeitalters, das für ihn im Jahr 1917 begonnen hatte. Wenn wir Zeitgeschichte hingegen mit Thomas Lindenberger gleichsam als Epoche der Mithörenden und Mitsehenden verstehen, dann müssen wir auch die Vergnügungskultur in den Blick nehmen.[2] Denn im audiovisuellen Zeitalter, das etwa zeitgleich mit Rothfels' Epochenzäsur eingesetzt hat, dienen die neuen Massenmedien nicht nur der Vermittlung und Verstärkung politischer Ereignisse und Entwicklungen, sondern vor allem auch der Unterhaltung und dem Vergnügen.

In der Tat erinnern viele Zeitgenossen die jüngere Geschichte vor dem Hintergrund ihrer eigenen popkulturellen Sozialisation. Der gegenwärtige Retrotrend ist insofern mehr als nur eine geschickte Vermarktungsstrategie zur Wiederverwertung früherer Moden und Ausdrucksformen.[3] Er reagiert auch darauf, dass viele Menschen ihre "Zeitheimat" nicht allein an politischen Erfahrungen oder sozialen Errungenschaften festmachen, sondern auch an prägenden Unterhaltungsangeboten, an denen sie zum Teil ihr Leben lang festhalten.[4] Dies gilt in besonderem Maße für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der die moderne Massen- und Vergnügungskultur ihren Durchbruch errang und den Alltag der meisten Menschen nachhaltig prägte. Es ist daher wichtig, dass sich auch die zeithistorische Forschung, nachdem sie sich aus gutem Grund lange vorrangig mit den Schattenseiten der deutschen Geschichte beschäftigt hat, dem Thema Vergnügen zuwendet, das zuvor eher in anderen Disziplinen wie der Kulturanthropologie, der Medien- und Literaturwissenschaft und den Cultural Studies untersucht wurde.[5]

Die Etablierung des Forschungsfeldes Vergnügen in der Zeitgeschichte ist indes mit einigen Schwierigkeiten verbunden. So handelt es sich beim Begriff "Vergnügen" zunächst um eine affektive subjektive Rezeptionshaltung,[6] also um ein eher flüchtiges Moment, dem mit den gängigen geschichtswissenschaftlichen Methoden nur schwer beizukommen ist. Vergnügen ist ein aktiver Prozess, der am besten in der reflexiven Verbform "sich vergnügen" zum Ausdruck kommt. Dies gilt gleichermaßen für ein ganzes semantisches Feld von verwandten Begriffen, die alle mehr oder weniger das Gleiche meinen können: unterhalten, feiern, amüsieren, entspannen. Das Problem an diesen Tätigkeits- und Gefühlsumschreibungen ist jedoch, dass sie auf den ersten Blick eine anthropologische Unveränderlichkeit suggerieren. Eine geschichtswissenschaftliche Untersuchung des Vergnügens in der Zeitgeschichte zielt jedoch vor allem auf den Wandel des Vergnügens, das einer Historisierung bedarf. Ergänzend zum Begriff des "Vergnügens" soll im Folgenden daher auch von Vergnügungskultur die Rede sein, um so den jeweiligen historischen Ort des Vergnügens genauer zu bestimmen.

Doch auch im Hinblick auf den Begriff "Vergnügungskultur" gibt es mehrere Bezeichnungen, die häufig synonym gebraucht werden.[7] Der Begriff der "Freizeitkultur" betont eine wichtige Voraussetzung, um sich jenseits der Arbeitswelt zu vergnügen, klammert jedoch aus, dass Vergnügen für viele Anbieter auch Arbeit bedeutete. "Massenkultur" akzentuiert die enorme Verbreitung der Vergnügungsangebote im 20. Jahrhundert, schleppt jedoch in gewisser Hinsicht immer noch den "Schund"-Diskurs mit sich, den die bürgerlichen Eliten zur Delegitimierung der "Massendemokratie" führten.[8] "Populärkultur" wird meist ähnlich verwendet und bezeichnet nach Kaspar Maase die "verbreitete und im Gegensatz zur Hochkultur eingeordnete kommerzielle Kunst und Unterhaltung".[9] In dieser Abgrenzung zur so genannten "ernsthaften" Kunst liegt das Problem, dass der Begriff der "Populärkultur" wie derjenige der "Unterhaltung" eine binäre Kategorie darstellt, die den konstruierten Gegensatz von "U- und E-Kultur" ungewollt perpetuiert. Demgegenüber ist "Vergnügungskultur" ein offenerer Begriff, der zudem nicht nur die leichter fassbare Angebotsseite betont, sondern auch die Praktiken und die Rezeption des Vergnügens in den Blick nimmt.

Vergnügungskultur wird hier als die Summe dessen verstanden, was zu einer bestimmten Zeit als Vergnügen angeboten, praktiziert und wahrgenommen wurde. Dabei zielte die Vergnügungskultur meist auf kommerziellen Erfolg und richtete sich an ein breites Publikum, das sich die unterhaltsamen Angebote auf eigensinnige Weise aneignete. Vergnügungskultur war in der Regel öffentlich zugänglich, umfassend verfügbar und häufig Gegenstand politischer Vereinnahmung, Kontrolle oder Ablehnung.[10] Im Folgenden sollen einige Perspektiven auf die öffentliche, private und politische Dimension des Vergnügens vorgestellt werden, die in jüngeren Arbeiten zur Vergnügungskultur entstanden sind und Anknüpfungspunkte für die zeithistorische Forschung bieten können.


Fußnoten

1.
Vgl. Hans Rothfels, Zeitgeschichte als Aufgabe, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1 (1953) 1, S. 1-8.
2.
Vgl. Thomas Lindenberger, Vergangenes Hören und Sehen. Zeitgeschichte und ihre Herausforderung durch die audiovisuellen Medien, in: Zeithistorische Forschungen, 1 (2004) 1, S. 72-85.
3.
Vgl. Simon Reynolds, Retromania. Pop Culture's Addiction to its Own Past, London 2011.
4.
Der Begriff der "Zeitheimat" bildete einen zentralen Diskussionsgegenstand auf der wissenschaftlichen Konferenz "Pop-History. Perspektiven einer Zeitgeschichte des Populären", die vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Verbindung mit dem Arbeitskreis Popgeschichte veranstaltet wurde und vom 3. bis 5.11.2011 in Berlin stattfand.
5.
Für die kulturanthropologische Forschung siehe v.a. Kaspar Maase, Grenzenloses Vergnügen. Der Aufstieg der Massenkultur 1850-1970, Frankfurt/M. 1997. Einführend zu den Cultural Studies siehe Jan Engelmann (Hrsg.), Die kleinen Unterschiede. Der Cultural Studies-Reader, Frankfurt/M.-New York 1999.
6.
Vgl. Richard Dyer, Only Entertainment, London-New York 20022, S. 1-9.
7.
Zum Begriffsfeld vgl. Hans-Otto Hügel (Hrsg.), Handbuch Populäre Kultur. Begriffe, Theorien und Diskussionen, Stuttgart-Weimar 2003, bes. S. 23-90.
8.
Vgl. Kaspar Maase, Was macht Populärkultur politisch?, Wiesbaden 2010, S. 79-111.
9.
Ebd., S. 79.
10.
Diese Definition basiert auf Tobias Becker/Johanna Niedbalski, Die Metropole der tausend Freuden. Stadt und Vergnügungskultur um 1900, in: Tobias Becker/Anna Littmann/Johanna Niedbalski (Hrsg.), Die tausend Freuden der Metropole. Vergnügungskultur um 1900, Bielefeld 2011, S. 7-20, hier: S. 13-15.