Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Andreas Ufen

Politischer Islam in Indonesien seit 1998

Intensivierung transnationaler Einflüsse und Pluralisierung des Islams

Im vorkolonialen Indonesien verbanden sich verschiedene islamische Lehren mit den schon bestehenden indigenen Ideensystemen, die selbst von hinduistischen und buddhistischen Vorstellungen geprägt waren. Dieser Synkretismus gilt vielen als typisch für Südostasien. Schon in den ersten Jahrhunderten der Ausbreitung des Islams ergaben sich also Idiosynkrasien (identitäre Eigenheiten), die man heute als transnationale oder als Globalisierungsphänomene analysieren würde. Auch danach gelangten islamische Staats-, Rechts- und Gesellschaftsmodelle aus dem Nahen Osten, zum Teil über Südasien, nach Südostasien.[8] Azyumardi Azra[9] hat zum Beispiel die Verbindungen indonesischer ulama (muslimische Gelehrte) in den damaligen Nahen Osten im 17. und 18. Jahrhundert nachgezeichnet. Ein weiteres Beispiel ist die Entstehung der Padri-Bewegung in Sumatra[10] im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, die zu einem jahrzehntelangen Krieg führte, in dem Puristen und Traditionalisten gegeneinander kämpften.

Als politische Ideologie wurde der Islam von den niederländischen Kolonialherren unterdrückt, vor allem als sich Anfang des 20. Jahrhunderts, insbesondere unter arabischem Einfluss, neue Strömungen herausbildeten und islamische Organisationen formierten. 1912 bildete sich die von reformistischen Ideen inspirierte, modernistische Muhammadiyah, deren Gründung wiederum einer der auslösenden Faktoren für die Entstehung eines traditionalistischen Pendants war, der Nahdatul Ulama im Jahre 1926. Die koloniale Schwächung des politischen Islams hatte zur Folge, dass sich zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit im Jahre 1945 moderate Muslime und Angehörige religiöser Minderheiten gegen Islamisten, die in einem Verfassungszusatz die Befolgung der Scharia zur Pflicht aller Muslime machen wollten, durchsetzen konnten. 1957 war dieser Konflikt, der in der Verfassunggebenden Versammlung wieder aufflammte, einer der Gründe für die Einführung der sogenannten gelenkten Demokratie durch Präsident Sukarno.[11] Die Machthaber der nachfolgenden "Neuen Ordnung" (1966-1998), einem vom Militär unter Suharto autoritär geführten Modernisierungsregime, setzten den im Wesentlichen säkularen Kurs fort und sorgten dafür, dass der politische Islam sich nicht entfalten konnte, wenngleich der Islam als unpolitisch definierte Kultur gefördert wurde - ähnlich wie es schon die Niederländer getan hatten.

Trotz der Kontrolle der Islamisten durch das Regime haben die transnationalen Verflechtungen in ihrer Intensität besonders seit den 1970er Jahren aufgrund der sich beschleunigenden Globalisierung zugenommen. So ist zum Beispiel die vor ein paar Jahren gegründete Partai Keadilan Sejahtera (PKS, Wohlfahrts- und Gerechtigkeitspartei)[12] nach dem programmatischen und organisatorischen Vorbild der ägyptischen Muslimbrüder entstanden. Die Ursprünge der Partei liegen in der sogenannten dakwah-Bewegung[13] der 1970er Jahre, die von der Salman-Moschee der Technischen Universität in Bandung ausging. Diese Salman-Aktivisten waren wie die Muslimbrüder in Zellen organisiert. Eine verwandte tarbiyah-Bewegung (Ausbildungsbewegung) breitete sich in den frühen 1980er Jahren aus.

Auch die vielleicht bedeutendste missionarische Bewegung in Indonesien ist von Ideen der Muslimbrüder geprägt. Hizbut Tahrir Indonesia (HTI, Partei der Befreiung Indonesiens) wurde in den frühen 1950er Jahren von dem Palästinenser Taqiuddin an-Nabhani in Ost-Jerusalem gegründet. Die Organisation, die sehr stark von außen kontrolliert wird, ist seit Anfang der 1980er Jahre in Indonesien präsent und will dort einen Islamstaat errichten, der als Vorstufe zu einem Kalifat betrachtet wird. Trotz dieser radikalen, antidemokratischen Ziele lehnt HTI Gewalt ab.[14] An den nationalen Kongressen von HTI 2007 und 2011 sollen jeweils rund 100000 Anhänger teilgenommen haben. HTI setzt sich seit Jahren für ein Verbot der Ahmadiyya-Sekte ein und hat gute Verbindungen zur Machtelite bis hin zu Ministern und Generälen. Ein weiteres Beispiel für eine solche islamische missionarische Bewegung ist die Jama'ah Tabligh (Gemeinschaft der Verkündigung und Mission), die 1927 in Indien gegründet wurde, weltweit vielleicht die größte ihrer Art ist und sich auch in Indonesien ausbreitet.

Islamistische Gruppierungen wie HTI sind in Indonesien durchaus keine Randerscheinungen mehr. Es gibt daneben aber auch einflussreiche liberale Strömungen, die zum Teil schon unter Suharto entstanden waren. Sogenannte Neomodernisten wie Nurcholish Majid oder Abdurrahman Wahid forderten eine "Säkularisierung" des Islams - einen Rückzug aus der Politik sowie eine kulturelle Transformation der Gesellschaft. Diese neomodernistische Linie, die etwa Ende der 1960er Jahre entstand und auch stark von westlichen Konzepten geprägt ist, vereint sowohl traditionalistische als auch modernistische Elemente in sich.[15] Ihre Vertreter legen die religiösen Lehren nicht buchstabengläubig aus. Die Trennung zwischen Weltlichem und Außerweltlichem ist dabei nicht mit einer unpolitischen Haltung verbunden, wohl aber mit der Vorstellung, dass politische Probleme nicht unter Berufung auf den Koran gelöst werden sollten. Der Islam muss aus ihrer Sicht nicht nur den Bedingungen der Moderne, sondern auch den spezifisch indonesischen Verhältnissen angepasst werden.

In der Nachfolge von Abdurrahman Wahid und Nurcholish Majid ist in Indonesien nach dem Sturz Suhartos ein "Netzwerk liberaler Islam" (Jaringan Islam Liberal, JIL) entstanden, das versucht, ein "unorthodoxes" Islamverständnis zu verbreiten. Gerade unter Intellektuellen, etwa im Sektor der Nichtregierungsorganisationen, in den Medien oder an Universitäten, sind solche Interpretationen weit verbreitet.[16] Das bedeutet, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche neue Strömungen herausgebildet haben, die zum Teil westlich, zum Teil von anderen Importen geprägt sind, was zu einer Pluralisierung geführt hat.

Fußnoten

8.
Vgl. Eric Tagliacozzo (ed.), Southeast Asia and the Middle East: Islam, Movement, and the Longue Durée, Stanford 2009.
9.
Vgl. Azyumardi Azra, The Origins of Islamic Reformism in Southeast Asia: Networks of Malay-Indonesian and Middle Eastern 'Ulamâ' in the seventeenth and eighteenth centuries, Honolulu 2004.
10.
Vgl. Christine Dobbin, Islamic Revivalism in a Changing Peasant Economy: Central Sumatra, 1784-1847, London 1983.
11.
In der Verfassung werden heute mit der Pancasila ("Fünf Säulen") sechs als monotheistisch definierte Religionen anerkannt (Islam, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus). Islamisches Recht wird bei Muslimen bei Eheschließung, Scheidung und Erbschaft angewandt.
12.
Vgl. Ahmad Norma Permata, Islamist Party and Democratic Participation: Prosperous Justice Party (PKS) in Indonesia, 1998-2006, Diss., Universität Münster 2008; Yon Machmudi, Islamising Indonesia. The Rise of the Jemaah Tarbiyah and the Prosperous Justice Party (PKS), PhD Diss., Australian National University Canberra 2006.
13.
Dakwah: "Ruf" zum Islam, also Mission im Sinne der Bekehrung oder der Intensivierung des Glaubens.
14.
Vgl. Ken Ward, Non-violent extremists? Hizbut Tahrir Indonesia, in: Australian Journal of International Affairs, 63 (2009) 2, S. 149-164.
15.
Vgl. Greg Barton, The Origins of Islamic Liberalism in Indonesia and Its Contribution to Democratisation, in: Michele Schmiegelow(ed.), Democracy in Asia, New York, 1997, S. 427-451.
16.
Zum demokratisch orientierten Islam vgl. Robert W. Hefner, Civil Islam: Muslims and democratization in Indonesia, Princeton, NJ 2000; Luthfi Assyaukanie, Islam and the Secular State in Indonesia, Singapur, 2009.

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