Anlässlich des 68. Unabhängigkeitstages Indonesiens am 17. August 2013 wird eine riesige Flagge über den Begawan Solo River gespannt.

5.3.2012 | Von:
Andreas Ufen

Politischer Islam in Indonesien seit 1998

Erscheinungsformen des gewaltbereiten Islamismus

Auch die bekanntesten gewaltbereiten Organisationen, also die inzwischen aufgelösten Laskar Jihad (LJ, "Dschihad-Krieger"), die Front Pembela Islam (FPI, "Front der Verteidiger des Islams"), die unter anderem durch "Aktionen gegen die Sünde" (also Überfälle auf Bars und Diskotheken) während des Fastenmonats von sich reden machte, und das heute ebenfalls wohl nur noch rudimentär existierende terroristische Netzwerk Jemaah Islamiyah (JI, "Islamische Gemeinschaft"), sind stark von transnationalen Einflüssen geprägt.[17] Bezeichnenderweise sind viele radikale Muslime in Indonesien, die sich an einem puristischen, arabisierten Islam orientieren, arabischer Abstammung - so auch die (zum Teil ehemaligen) Anführer Habib Rizieq Shihab (FPI), Abu Bakar Ba'asyir (JI) oder Ja'far Umar Thalib (LJ).[18] Unabhängig von zum Teil erheblichen ideologischen Differenzen wenden sich alle Radikalen gegen eine Verwestlichung, die sie mit Dekadenz und Morallosigkeit gleichsetzen, und gegen Tendenzen, Frauen größere Freiheiten einzuräumen. Sie legen die Offenbarungstexte skriptualistisch, also tendenziell wortwörtlich aus und streben die Errichtung eines islamischen Staates an. Laskar Jihad wurde im Januar 2000 in Yogyakarta gegründet, um - so die LJ-Version - die Errichtung eines christlichen Staates in den Molukken zu verhindern. Mehrere Tausend Dschihadisten wurden beim Bürgerkrieg in den Molukken eingesetzt, bevor sich die Gruppierung kurz nach den Terroranschlägen von Bali im Oktober 2002 auflöste. Jemaah Islamiyah, das unter anderem für diese Anschläge verantwortlich gemacht wird, entstand bereits in den 1980er Jahren und wird seit 2002 wirksam von den indonesischen Sicherheitskräften bekämpft. Die FPI, die viele junge Arbeitslose in den Städten rekrutiert, ist gegenwärtig am aktivsten und in den Medien dauerhaft präsent. Erst vor Kurzem hat sich aber eine zivilgesellschaftliche Bewegung gebildet (Indonesien Tanpa FPI, "Indonesien ohne FPI"), die mit Demonstrationen gegen die Gewalt auf sich aufmerksam macht.

Die Szenerie des gewaltbereiten Islamismus ist jedoch so unübersichtlich, dass selbst eine sehr gut informierte Nichtregierungsorganisationen wie die International Crisis Group (ICG) in immer neuen Berichten nur Momentaufnahmen machen und flüchtige Situationsbeschreibungen veröffentlichen kann. Laut ICG gibt es heute drei terroristische, dschihadistische Gruppierungen in Indonesien: die JI, deren Gewaltbereitschaft nachgelassen hat, die Anhänger des inzwischen getöteten Noordin Top, die durch Bombenanschläge den "Feind" systematisch schwächen wollen, und eine neue Gruppe, die Anfang 2010 in Aceh aufgeflogen ist und nun von woanders aus gezielt Anschläge verüben will.[19] Die radikalsten islamistischen Gruppierungen verübten mehrfach Terroranschläge, etwa auf Bali 2002 und 2005 und zuletzt im Juli 2009 in Jakarta. Heute sollen sich einige JI-Mitglieder in einer neuen Organisation (Jemaah Ansharut Tauhid)[20] zusammengefunden haben.

Es sind allerdings nur bestimmte Formen religiös motivierter Gewalt, die sich ausbreiten und häufiger geduldet werden: Der islamistische Terrorismus, dessen Hochphase etwa von 2001 bis 2005 war, ist heute geschwächt, und auch andere Formen eines kriegerischen Islamismus wie in den Molukken zwischen 1999 und 2002 treten heute nur noch sporadisch auf. Diese Gewaltformen sind von einem immer häufiger auftretenden Vigilantismus abgelöst worden, einer Art religiöser Selbstjustiz gegen Andersgläubige. Bei einigen kleinen Gruppen gehen zudem Vigilantismus und Terrorismus ineinander über.[21] Da Vigilantismus bis in die höchsten politischen, wirtschaftlichen und administrativen Kreise hinein häufig geduldet, akzeptiert oder sogar unterstützt wird, ist eine solche Strategie gegenwärtig wohl am erfolgreichsten. Die Dezentralisierung und Lokalisierung politischer Machtkämpfe hat das Entstehen Hunderter solcher Gruppierungen erleichtert. Gerade auch muslimische Laien fühlen sich - ausgerüstet mit allen denkbaren Pamphleten aus dem Internet - berufen, im Namen religiöser Gewissheit für radikale politische Ziele zu kämpfen.

Fußnoten

17.
Vgl. Noorhaidi Hasan, Transnational Islam in Indonesia, in: The National Bureau of Asian Research (ed.), Transnational Islam in South and Southeast Asia: Movements, Networks, and Conflict Dynamics, Seattle 2009, S. 121-140; Anthony Bubalo/Greg Fealy, Joining the Caravan? The Middle East, Islamism and Indonesia, Lowy Institute Paper 05, Sydney 2005; zur FPI siehe: Chaider S. Bamualim, Islamic Militancy and Resentment against Hadhramis in Post-Suharto Indonesia: A Case Study of Habib Rizieq Syihab and His Islamic Defenders Front, in: Comparative Studies of South Asia, Africa and the Middle East, 31 (2011) 2, S. 267-281.
18.
Ja'far besuchte das aus Saudi-Arabien finanzierte Institut für Islamische und Arabische Studien in Jakarta, studierte 1986 mit einem Stipendium in Saudi-Arabien, hielt sich am Maududi-Institut in Lahore (Pakistan) auf und schloss sich 1988/89 in Afghanistan den Mudschaheddin im Kampf gegen sowjetische Truppen an. Abu Bakar rief in den 1980er Jahren die sogenannte usroh-Bewegung ins Leben und bezog sich unter anderem auf Schriften Hasan al-Bannas, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft. Kurz bevor er ins Gefängnis hätte gehen müssen, flüchtete er nach Malaysia. 1998 kehrte er in sein Heimatland zurück und gründete mit anderen im August 2000 den Mudschaheddinrat Indonesien (Majelis Mujahidin Indonesia, MMI). Habib Rizieq Shihab studierte in Saudi-Arabien und Malaysia, gründete 1998 die FPI und wurde 2008 zu einer 18-monatigen Haftstrafe verurteilt.
19.
Zu jüngsten Entwicklungen vgl. ICG, Indonesian Jihadism: Small Groups, Big Plans, Asia Report 204, Jakarta-Brüssel 2011.
20.
Im Englischen manchmal übersetzt mit Partisans of the Oneness of God.
21.
Vgl. dies., Indonesia: From Vigilantism to Terrorism in Cirebon, Asia Briefing 132, Jakarta-Brüssel 2012.

Dossier Innerstaatliche Konflikte

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