A man cleans the red carpet before the arrival of Pope Benedict XVI at Tegel airport in Berlin, September 22, 2011. The head of the Roman Catholic Church is visiting Germany from 22-25 September 2011. Foto: Maurizio Gambarini dpa/lbn

1.3.2012 | Von:
Ulrike Guérot

Eine deutsche Versuchung: östliche Horizonte?

Deutschland verhandelt sein Verhältnis zwischen Ost und West – zwischen Europa und der "großen Welt" – neu. Die vermeintliche Strategielosigkeit deutscher Außenpolitik sorgt im Ausland für Nervosität, Unverständnis und Vorwürfe und löst im Inland Strategiedebatten aus.

Einleitung

Es ist mittlerweile ein Gemeinplatz, dass sich die Welt derzeit rasant verändert und man seit Beginn des neuen Jahrtausends eine dramatische Verschiebung des globalen Machtgefüges von West nach Ost beobachten kann. Außenpolitisch scheinen diese Veränderungen dem Zeitraum zwischen den Jahren 1900 und 1914 zu ähneln, der sämtliche Machtverschiebungen und Bruchlinien des 20. Jahrhunderts schon in sich trug, bevor sich diese als geschichtsmächtige Kräfte einen konvulsiven Ausbruch suchten: den zweiten 30-jährigen Krieg Europas.[1] Die Geschichtslinien der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts bergen aus Sicht des Westens - und damit auch für Deutschland - erneut erhebliche Krümmungen: gleich zu Beginn, am 11. September 2001, durch die Anschläge auf das World Trade Center in New York, durch den Ausbruch der Weltfinanzkrise im Oktober 2008 und schließlich durch die Aufstände und Revolutionen im Nahen Osten und Nordafrika seit Januar 2011. Wenn es eines weiteren Beweises bedurft hätte, dass die Zeiten des Kalten Kriegs und damit der politischen, militärischen, wirtschaftlichen und normativen Vormachtstellungen des "Westens", zu dem auch Deutschland gehört, endgültig vorbei sind, so müssten die letzten Zweifel nun zerstoben sein: Rund 60 Jahre nach ihrer Gründung ist die Bundesrepublik Deutschland in jener "dritten Generation" angekommen, für welche die traumatischen Ereignisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht mehr die Grundlage beziehungsweise das Motiv ihres Handelns sind.

Man könnte sagen, dass die "Berliner Republik", die zweite deutsche Republik seit Weimar, zwar verfassungsrechtlich in der Kontinuität der "Bonner Republik" steht, aber - im Hinblick auf die Außenpolitik - als eine "dritte deutsche Republik" vielleicht neue Wege sucht.[2] Berlin scheint mittlerweile aus dem Doppelbett der Nato und der EU herauszufallen. Das Korsett des Kalten Kriegs ist aufgeschnürt, Berlin atmet die Luft einer neuen Geschichte. Sowohl die Jalta- als auch die Maastricht-Ordnung scheinen auf dem Prüfstand, wenn nicht gar auf dem Spiel zu stehen.[3] Berlin verwässert das Paradigma der Bonner Außenpolitik, europäische Integration und transatlantische Beziehungen als zwei Seiten derselben Medaille zu verstehen. Zumindest bringt Berlin außenpolitisch neue Münzen in Umlauf, die mit russischen und chinesischen Schriftzeichen versehen sind und in den vergangenen Jahren eine unübersehbare Wertsteigerung erfahren haben.[4]

Fußnoten

1.
Vgl. Phillip Blom, Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914, München 2009, S. 319.
2.
Vgl. Johannes Gross, Begründung der Berliner Republik, Stuttgart 1995, S. 42.
3.
Vgl. Ulrike Guérot/Mark Leonard, Die neue deutsche Frage: Welches Deutschland braucht Europa?, Policy Brief, ECFR, April 2011.
4.
Vgl. Thomas Kleine-Brockhoff/Hanns W. Maull, Der überforderte Hegemon, in: Internationale Politik (IP), (2011) 6, S. 50ff. Die Autoren bezeichnen den "Sowohl-als-auch"-Ansatz in der deutschen Außenpolitik als "bündnispolitischen Traditionalismus plus aufgesattelten Bilateralismus" (S. 60).