In einem Labor der Gewebebank des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Adipositaserkranungen (IFL) an der Universität Leipzig beobachtet Tierpflegerin Eva Böge eine adipöse Maus mit einem Gewicht von 52 Gramm (l) und eine normale Maus mit 20 Gramm, aufgenommen am 06.01.2012. Die Labormäuse gehören zu einem großen Forschungsprogramm der Wissenschaftler am IFL, die hier unter anderem auch auf der Suche nach der ultimativen Schlankheitspille ohne Nebenwirkungen sind. Helfen sollen dabei Untersuchungen des Fettgewebes von adipösen Patienten und bei Tieren. In einer bundesweiten Gewebebank, die gegenwärtig weiter ausgebaut wird, lagert bereits Material von rund 800 Patienten. Foto: Waltraud Grubitzsch dpa/lsn (zu dpa-Korr vom 08.01.2012)
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Bedeutung des Tieres für unsere Gesellschaft


14.2.2012
Tiere sind in fast allen gesellschaftlichen Bereichen präsent. Der dem Tier zuge­ordnete ökonomische und kulturelle Stellenwert bestimmt auch die Haltung der Gesellschaft gegenüber dem Leben des einzelnen Tieres und seiner Art.

Einleitung



Wir leben in einer Gesellschaft mit einer Vielzahl von Heim-, Nutz- und Wildtieren: allein 8,2 Millionen Katzen und 5,3 Millionen Hunde in Deutschland,[1] knapp 90 Millionen Rinder und 150 Millionen Schweine in Europa.[2] Der gemeinsame Lebensraum Natur und ethische Grundsätze verpflichten uns zu einem stetigen Abwägen der Verwirklichung eigener Interessen und dem altruistischen Handeln zur Sicherung nachhaltiger Ressourcen.

Auf welcher kulturellen Grundlage handeln wir mit Tieren? Wie verändert sich das Tierbild und welche ökonomische, ökologische und soziale Relevanz besitzt die Mensch-Tier-Beziehung für unsere Gesellschaft? Der vorliegende Beitrag gibt einen Einblick in die Vielfalt der Korrelation menschlichen und tierlichen[3] Lebens in unserer Gesellschaft.

Unser Bild vom Tier



Der Wandel der gesellschaftlichen Stellung des Tieres sowie seine Nutzung sind von der sozialen und kulturellen Entwicklung des Menschen stark beeinflusst. Der von der Gesellschaft dem Tier zugeordnete ökonomische und kulturelle Stellenwert bestimmt auch die Haltung dieser Gesellschaft gegenüber dem Leben des einzelnen Tieres und seiner Art. Darüber hinaus ist es aber vor allem die menschliche Vorstellung vom Wesen des Tieres, welche die emotionale Grundlage der Mensch-Tier-Beziehung innerhalb einer geschichtlichen Epoche sichtbar werden lässt. Die Mensch-Tier-Beziehung kann somit nicht losgelöst vom Gesamtkontext menschlicher Kultur und Gesellschaft gesehen werden.[4]

Die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung erhält derzeit wichtige neue Impulse gerade auch aus der deutschsprachigen Wissenschaftslandschaft. Dieses Forschungsgebiet profitiert von einem interdisziplinären Diskurs der natur- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Der Literaturwissenschaftler Roland Borgards beschreibt das Tierbild aus der Sicht der aktuellen geisteswissenschaftlichen Forschung wie folgt: "Einerseits können Tiere als biologische Gegebenheiten verstanden werden. Andererseits jedoch erscheinen Tiere auch als Projektionsflächen für menschliche Vorstellungen: Das Tier ist das, was der Mensch daraus macht, es ist Produkt seiner Züchtungen, seiner Imaginationen, seiner Experimente, seiner Verwissenschaftlichung, seiner menschlichen Repräsentationen. Und schließlich sind Tiere auch immer wieder eigenständige Agenten innerhalb historischer, sozialer, kultureller Prozesse: Tiere haben vielleicht keine Geschichte (so wie Menschen geschichtliche Wesen sind), sie machen aber Geschichte, z.B. wenn der Hund an der Domestizierung des Menschen mitwirkt oder Hühner bei der globalen Verteilung von Krankheiten."[5]

Trotz hervorragender Forschung zum menschlichen und tierlichen Verhalten in den vergangenen 50 Jahren beeinflusst das veraltete Bild über das Tier, welches nur auf Reize reagiert, nach wie vor unser Handeln. Das Bild von einem Tier, welches nur bedingt leidensfähig sei, scheint uns Menschen vertraut und fördert die Akzeptanz eigener Interessen (beispielsweise Einzel-Heimtierhaltung, Intensivhaltung, Tierversuche) unabhängig vom Wohlbefinden des Tieres. Neueste Forschung im Bereich der Neuro- und Verhaltensbiologie zeigen jedoch, dass Tiere sehr wohl einen erheblichen Teil des affektiven Geschehens bewusst wahrnehmen und regulieren können, darüber hinaus mit umfangreichen Lern- und Gedächtnisfunktionen ausgestattet sind und daher auch die Voraussetzungen zur Reflexion besitzen können.[6] Der Unterschied von menschlichen und nicht-menschlichen Tieren besteht in ihren arttypischen Fähigkeiten. Die Möglichkeit, Emotionen zu empfinden, besitzen sowohl Mensch als auch Tier. Der Verhaltensbiologe Kurt Kotrschal sieht aufgrund seiner Kognitionsforschung bei Tieren eine weitere Gemeinsamkeit zwischen Mensch und Tier: Sie teilten "die Grundprinzipien der individuellen Sozialentwicklung, der Ausbildung unterschiedlicher Temperamente und Persönlichkeiten, sowie die besonders im sozialen Kontext wichtigen Stresssysteme".[7] Dies bedeutet auch, dass wir das menschliche Verhalten gegenüber dem Tier neu überdenken müssen, dass Intelligenz, soziale Interessen, Wohlbefinden, Stress und Leid nicht allein dem Tier Mensch vorbehalten sind.

Vom Wert und von der Würde der Tiere



Die Haltung von Heim- und Nutztieren, aber auch die Hege von Wildtieren kostet Geld, Raum und Zeit.[8] Neben dieser Kosten-Nutzen-Bilanz gibt es auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf der emotionalen und geistigen Ebene: Wie viel Empathie investiere ich in die Versorgung eines Tieres und welche Auswirkungen hat dies auf die Nachhaltigkeit meines Handelns und auf meine eigenen emotionalen Bedürfnisse?[9] Was sagen diese Investitionen über den ökonomischen beziehungsweise sozioemotionalen Wert des Tieres hinaus aus? Sehen wir das Tier als Objekt, als Sache, welches wir be- und ausnutzen können? Oder ist das Tier eher ein eigenständiges Subjekt mit Persönlichkeitsrechten?[10] Das Tierrecht bewertet dies in den deutschsprachigen Ländern sehr unterschiedlich.[11] Die neueren Ansätze der Tierethik betrachten hingegen das Tier bereits eindeutig als ein eigenständiges Subjekt: Da das Tier Entscheidungen trifft und Wertungen vollzieht, ist es selbst wertvoll, besitzt einen Eigenwert und eine Würde.[12] Die christliche theologische Ethik verweist auf Genesis 9, wo der Bund zwischen Gott und den Menschen die Tiere als autonome Bundesgenossen eindringlich und dreifach mit einschließt. Mensch und Tier sind hier wichtige Vertragspartner, wenn auch mit unterschiedlichen Rechten und Pflichten ausgestattet. So erhält der Mensch im sogenannten Schöpfungsauftrag (Genesis 1,28) nicht einen Freibrief, die Erde (und damit auch die Tiere) sich untertan zu machen, vielmehr erfahren wir von einem Bündnis, das Gott mit dem Menschen schließt und diesen auffordert, für die Tiere zu sorgen.[13] Dies schließt sogar das Sabbatgebot der Ruhe mit ein und hat bereits damals einen tierschutzrelevanten Rückzugsraum für die Tiere definiert. Der Moraltheologe Michael Rosenberger fordert zu einem Umdenken im Handeln gegenüber dem Tier auf: "Wenn wir dem Tier aber Eigenwert oder Würde zuerkennen müssen, dann ist der Mensch zugleich verpflichtet, es entsprechend zu behandeln: Den Träger von Würde gilt es in seiner Eigenständigkeit zu achten. Wer Würde hat, verdient Respekt und Ehrfurcht. Der Mensch darf ihn benützen, aber nicht ausschließlich unter Nutzenaspekten betrachten."[14]

Der Mensch: in sich gespaltenes Tier



Tiere sind für uns heute authentisches Kumpantier, verlässlicher Arbeitskollege, Ersatz für vermisste menschliche Beziehungen, mythisches Vorbild, aber auch exotischer und zirzensischer Adrenalinkick, eine Schuhsohle, ein Winterpelz oder ein in Plastik eingeschweißtes Nahrungselement. Tiere beeindrucken uns in Naturfilmen durch ihre Fähigkeiten des Überlebens, als Kunstfiguren und Akteure im Fernsehen. Sie sind uns häufig eher fremd in ihren eigenen natürlichen Verhaltensweisen und Ausdrucksformen, in ihrer Intelligenz, ihren arttypischen und individuellen Bedürfnissen. Der Mensch ist nicht so sehr in seiner Wahrnehmung gespalten, vielmehr in der Akzeptanz, was er von Urzeiten her in sich als sinnliches Wissen trägt, was er im Tier erkennen kann: Das Tier ist ein Geschöpf, das dem Menschen Gefährte und Konkurrent ist, letztlich aber immer auch Verwandter sein wird. Diese Vielfalt der Beziehungen zum Tier fordert den Menschen heraus, fordert, dass der Mensch sich seiner Verantwortung gegenüber seinem Mitgeschöpf (Mensch wie Tier) bewusst wird. Das Bewusstsein dieser Verantwortung ist die Grundlage seines achtsamen Handelns. Ein reifer Mensch wird den Bedürfnissen des Tieres gerecht werden, solange dieses Tier lebt. Und er wird die Tötung des Tieres als einen bewussten Akt des Handelns mit verantworten. Der Dank gegenüber dem Tier bei der Mahlzeit ist Ausdruck der Verantwortung der Beendigung des Lebens des Tieres und des Annehmens dieses Geschenkes.

Tierliche Präsenz in unserer Gesellschaft



Wie die Tabelle (siehe Tabelle der PDF-Version) zeigt, sind Tiere in vielen Bereichen der Gesellschaft präsent. In dieser Aufführung wird deutlich, dass Mensch und Tier sich gegenseitig beeinflussen.

Am Beispiel einiger ausgewählter gesellschaftlicher Bereich soll im Folgenden näher erläutert werden, welche Bedeutung die Mensch-Tier-Beziehung besitzen kann.

Tier am Arbeitsmarkt.
Mit einer Erneuerung von tierlichen Einsätzen im Arbeitsprozess wird nicht nur das Bild des Tieres aufgewertet: Ein Polizeihundeführer, ein Rettungshundestaffelleiter, ein Therapeut, der tiergestützt arbeitet oder ein Lehrer, der mit einem Hund seine Hauptschulklasse erfolgreich leitet, wird durchaus mehr beachtet als Kollegen ohne Tier. Das Führen von Tieren, mehr noch eine gute kollegiale Arbeitsweise mit Tieren, wird in der Gesellschaft durch soziale beziehungsweise mediale Aufmerksamkeit belohnt. Dies kann mitunter dazu führen, dass Menschen sich zu Tiereinsätzen verleiten lassen, um so ihre eigene Person aufzuwerten. Wichtiger sind jedoch die positiven Impulse, die durch Re-Integration des Tieres in unserem Arbeitsleben entstehen: Arbeitsschutzmaßnahmen für Mensch und Tier, Intensivierung sozialer und kommunikativer Fähigkeiten über die eigene Art hinaus sowie verstärkte Präsenz von Tieren mit einem Beruf in der Gesellschaft. Das Tier bleibt nicht arbeitslos, es erhält durch seinen Einsatz in einem Beruf die Möglichkeit, seine Persönlichkeit, seine Intelligenz, seine Fähigkeiten zu zeigen. Dies ermöglicht Menschen, das neue Tierbild im Alltag zu erleben, die Würde des Tieres für sich zu entdecken.

Wirtschaftsfaktor Tier.
Der Mensch ist aufgefordert, seine eigenen Interessen gegenüber denen der Tiere sowie der Erhaltung der Arten abzuwägen: beim Bau von Straßen und Brücken, die den Lebensraum der Tiere zerschneiden oder zerstören, bei der Gestaltung von Agrarflächen, die die Vielfalt der Nahrungspflanzen der Wildtiere reduzieren, bei der Förderung der Nutztierhaltung oder auch bei der Verbreitung von Lärm, Luft- und Lichtverschmutzung. Die Sicherung menschlicher Ressourcen kann nur vor dem Hintergrund langfristiger und nachhaltiger Konzepte gelingen, die unsere natürliche Umwelt und ihre Bewohner mit ins Boot nehmen.

Das Wirtschaftsprodukt "Lebensmittel vom Tier" (Milch, Fleisch, Eier sowie verarbeitete Produkte wie Kuchen, Nudeln etc.) hat in Deutschland einen hohen ökonomischen Stellenwert und ist gleichzeitig ein wichtiges Exportgut.[15] Dieses Produkt "Made in Germany" wird bisher überwiegend auf der Grundlage einer durch Hormone und Antibiotika unterstützten Intensivhaltung erzeugt und staatlich gefördert. Als Gesellschaft verharren wir nach wie bei einer Lebensmittelproduktion, die allein auf den finanziellen Gewinn schaut, statt auf eine vorausschauende und nachhaltige Erhaltung der Grundlage unserer Lebensmittel zu achten: gesunde Acker- und Weideböden, gesunde Tiere, die in artgemäßer und qualitätsvoller Haltung aufwachsen. Ländliche Strukturen und ökologisch nachhaltige landwirtschaftliche Betriebe laufen derzeit Gefahr, durch Genehmigung von Intensivmastanlagen zerstört zu werden.

Die Achtung vor dem Mitgeschöpf fordert von uns ein Nachdenken darüber, ob wir einem Landwirt Vertrauen schenken wollen, der seinen Tieren vor dem Schlachttod ein unwürdiges Dasein zumutet: zu enger Raum, Spaltenböden, fehlender Auslauf und Sozialkontakt, Verletzungen durch Stressverhalten etc. Es gibt bereits erfolgreiche und profitable Alternativen, die uns jedoch nötigen, umzudenken und unser Verhalten zu verändern. Unsere technikorientierte Lebensmittelindustrie ist herausgefordert, neue Wege des achtsamen Umgangs mit dem kostbaren Produkt Nutztier zu finden.

Es ist kein Luxus vom "immer mehr" produzieren zu einem "qualitätsvoll besser" erzeugen zu kommen. Es ist vielmehr eine soziale wie ökologische, damit auch eine ökonomische Notwendigkeit und die eigentliche Zukunft einer gewinnorientierten Wirtschaft.

Das Tier, dessen Fleisch auf unserem Teller liegt, sollte ein gutes Leben gehabt haben. Die Mahlzeit sollte uns wieder wertvoll werden. Dies bedarf aber auch einer Bemühung, Menschen heute wieder zu zeigen, wie man mit Lebensmitteln achtsam gute Mahlzeiten zaubert. Die Menschen in unserer Gesellschaft sind meiner Meinung nach reif, ein Tierwohllabel zu fordern und ausschließlich ökologisch nachhaltige Tierhaltung zu unterstützen. Es ist eine ethische wie zukunftsgerichtete ökologische und ökonomische Entscheidung unserer Gesellschaft, die weit über Landesgrenzen Impulse setzen und auch Deutschland als Exportnation langfristig positiv förderlich sein wird.

Der Heimtierbedarf ist ein weiterer wichtiger Wirtschaftsbereich in europäischen Ländern. Mit vielfältigen Produkten der Nahrung und des Zubehörs werben die Hersteller und der Zoofachhandel um die Gunst der Heimtierhalter. Auf Grund ihrer eigenen Bedürfnisse gestalten Menschen die Fürsorge für ein anderes Geschöpf gerne mit Fütterung und der Ausgestaltung des Nestes. Dieses menschliche Bedürfnis bedient die Heimtierbranche mit ihren Produkten. Qualitativ gute Produkte legen dabei mehr Wert auf die physiologischen und sozialen Bedürfnisse des Tieres, insbesondere auch seitdem erkannt wurde, dass Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung nicht zum Nachteil eines ökonomischen Gewinns führen müssen.

Technisches Vorbild Tier.
Das Tier ist seit jeher auch Vorbild für den Menschen und seine Träume (beispielsweise vom Fliegen, Tauchen, Bergsteigen). Der Mensch beobachtet tierliche Fähigkeiten und versucht, diese mit Hilfe der Technik für sich nutzbar zu machen. Im Rahmen der Bionik entstanden nach Vorbildern aus der Natur eine Vielzahl neuer künstlicher Oberflächen und technischer Konstruktionen. Das in der Natur vorhandene Wissen für sich zu entdecken und so umzustrukturieren, dass es für seine Interessen nutzbar wird, ist sicherlich eine der großen Stärken des Menschen. Eine grenzenlose Nutzung dieses Talentes ist jedoch gleichzeitig auch eine der großen Gefahren für den Menschen und seine natürliche Umwelt.

Beziehung zu Tieren als Grundbedürfnis des Menschen



Was erwarten Menschen in Deutschland von der Begegnung mit einem Tier? Welche Bedürfnisse haben sie in einer Beziehung zum Tier? In einer Studie zur Mensch-Tier-Beziehung in unserer Gesellschaft[16] hat sich unter anderem gezeigt, dass die meisten Menschen ein Tier besitzen möchten, dies auf Grund von Lebensumständen (unregelmäßige Arbeitszeit, Wohnsituation, andere Lebensprioritäten, finanzielle Situation) aber nicht realisieren. Der Kontakt und die Beziehung zu Tieren ist ein Grundbedürfnis des Menschen; das Thema Tier besitzt für Menschen einen hohen emotionalen Wert. Unabhängig von der Quantität oder Qualität der Erfahrung mit Tieren waren alle Teilnehmer der Studie hoch motiviert, sich zu äußern. Die Antworten zeigten, dass die Begegnung mit Tieren in großer Vielfalt gelebt werden kann. Dabei stehen die Beobachtung von Tieren in freier Wildbahn, die artgerechte Lebensweise von Heim- und Nutztieren und der Respekt gegenüber der eigenen Persönlichkeit des Tieres im Vordergrund. Hier spiegeln sich auch die Ansprüche des Menschen an sein eigenes Leben wider: Erhalt von natürlichen Ressourcen, Lebensqualität im Einklang mit den natürlichen Bedürfnissen des Menschen, Entwicklung der eigenen Persönlichkeit.

Das praktische Zusammenleben zwischen Mensch und Tier ist mangels alternativer Erfahrungen derzeit noch von alten Verhaltensmustern geprägt. Die Tendenz, mit dem Tier achtsam und respektvoll umgehen zu wollen, ist deutlich erkennbar. Hier bedarf es jedoch in der Gesellschaft einer eindeutigen Positionierung und vor allem deutlicher Vorbilder, die praktische Wege im achtsamen und respektvollen, vor allem im artgemäßen Umgang mit Tieren aufzeigen. Der Kontakt zu Tieren ist nicht auf einen Ersatz für menschliche Beziehung zu reduzieren. Es ist vielmehr ein Grundbedürfnis des Menschen, über die Beziehung zum Tier mit sich selber, mit einem anderen Lebewesen und mit der gemeinsamen natürlichen Umwelt in Kontakt zu treten.

In einer interkulturellen Gesellschaft wie Deutschland ist der Kontakt zu Tieren geprägt von vielfältigen sozialen, kulturellen und religiösen Einflüssen. In einer weiteren Studie[17] wurde nach dem Tierbild von Menschen aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Lebensräumen dieser Welt geforscht. Die Studie weist auf die Bedeutung kultureller, religiöser, sozialer und biografischer Aspekte in der Mensch-Tier-Beziehung hin und berücksichtigt kulturelle Traditionen, ethische Orientierung, soziokommunikative Verhaltensweisen und emotionale Bindungen. Es konnte aufzeigt werden, dass die individuelle Einschätzung einer Tierart abhängig ist von deren gängiger Bewertung im jeweiligen kulturellen Lebensraum des Menschen, dass aber darüber hinaus die individuelle Beziehung zu einem Tierindividuum geprägt ist von der Quantität und Qualität von Tierbeziehungen im Alltag (vor allem in der Kindheit). Die Teilnehmer dieser Studie erachten den Mensch-Tier-Kontakt als wichtig, da Tiere einen positiven Einfluss auf körperliche und seelische Befindlichkeit hätten, kommunikative und soziale Aktivitäten förderten und dem Menschen Freund und Arbeits- beziehungsweise Sozialpartner seien. Tiere sind ihrer Meinung nach nicht nur eine wichtige Nahrungs- und Rohstoffquelle, sie sind vor allem ein wichtiger Teil des ökologischen Gleichgewichts. Es ist somit weniger der Unterschied, wie man vor dem Hintergrund einer religiösen Tradition einem Hund oder einem Schwein begegnet, vielmehr steht im Vordergrund die Chance, das verbindende Element zu nutzen: Die Bewahrung des gemeinsamen Lebensraumes Natur im gemeinsamen Handeln von Mensch und Tier.

Resümee



Nicht das Tier hat sich verändert, vielmehr ist unser Bild vom Tier dabei, sich zu verändern. Das Tier wird zunehmend weniger als Sache, als Objekt wahrgenommen denn als individuelle Persönlichkeit und Subjekt, dem als Mitgeschöpf angemessen Sympathie und Mitgefühl entgegengebracht wird. Das Tier muss Tier bleiben dürfen, es wird seiner Art und seinen Bedürfnissen gemäß gehalten und mit ihm umgegangen. Nur dann kann es als Tier im Sinne einer Persönlichkeit wirken.

Ein präventiver Tierschutz baut auf nachhaltige Strukturen, die Leid von Tieren frühzeitig vermeiden helfen. "Erkenntnisse aus der Neuro- und Verhaltensbiologie legen nahe, dass Tierschutz heute nicht mehr allein Wert auf eine artgemäße physiologisch-ökologische Haltung legen darf, vielmehr die sozialen, mentalen und emotionalen Bedürfnisse der Tiere und den sozialen Kontext der Mensch-Tier-Beziehung nicht außer Acht lassen darf. Konkret: Das Wohlbefinden von Tieren in menschlicher Obhut ist entscheidend davon abhängig, dass es nicht nur satt, sauber und trocken gehalten wird. Das Tier braucht eine adäquate arteigene Sozialgemeinschaft und eine gute Beziehung zu seinem Kumpan-Menschen",[18] fordert der Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle Kurt Kotrschal.

Der Wandel im Tierbild läuft den ökonomischen, sozialen wie emotionalen Interessen des Menschen nicht selten zuwider; dies ist Teil natürlicher sozialer Interessenskonflikte, die sowohl innerartlich (zwischen Mensch und Mensch beziehungsweise Tier und Tier) wie artübergreifend (zwischen Mensch und Tier) bekannt sind. Diesen Interessenskonflikten müssen wir uns stellen, Lösungen im Sinne eines Schutzes des gemeinsamen Lebensraumes von Mensch und Tier, der Natur, finden. Nur wenn wir den Herausforderungen des Zusammenlebens von Mensch, Tier und Natur unter Einbeziehung wissenschaftlicher Erkenntnisse angemessen begegnen, können wir von einer Beziehung zu Tier und Natur profitieren. Nur wenn Tiere ihren Bedürfnissen gemäß leben können, werden Mensch und Tier ökologisch, emotional, sozial und letztlich auch ökonomisch voneinander profitieren können. Das sich verändernde Tierbild fordert somit eine soziale Kultur des Miteinanders, in der das Fremde (hier: das Tier) als potenzielle Bereicherung erforscht und begrüßt wird.

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Fußnoten

1.
Vgl. Industrieverband Heimtierbedarf, Der deutsche Heimtiermarkt 2010, online: www.ivh-online.de/fileadmin/user_upload/
Der_Deutsche_Heimtiermarkt_2010_A4.pdf (26.1.2012).
2.
Vgl. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/portal/
page/portal/agriculture/data/main_tables (2.2.2012)
3.
Der Begriff "tierlich" wird im Sinne von das Tier betreffend verwendet. Bewusst wird an dieser Stelle der Begriff "tierisch" vermieden, da dieser nicht selten in der Literatur missverständlich und wertend verwendet wird.
4.
Vgl. Carola Otterstedt, Kultur- und religionsphilosophische Gedanken zur Mensch-Tier-Beziehung, in: Erhard Olbrich/dies. (Hrsg.), Menschen brauchen Tiere. Grundlagen und Praxis der tiergestützten Pädagogik und Therapie, Stuttgart 2003, S. 15-31.
5.
Roland Borgards, Tiere in der Literatur, in: Herwig Grimm/Carola Otterstedt (Hrsg.), Das Tier an sich - Disziplinen übergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz, Göttingen 2012 (i.E.).
6.
Vgl. Jaak Panksepp, Affective consciousness: Core emotional feelings in animals and humans, in: Consciousness and Cognition, 14 (2005), S. 30-80; ders., Cross-Species Affective Neuroscience Decoding of the Primal Affective Experiences of Humans and Related Animals, online: www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/
journal.pone.0021236 (25.1.2012).
7.
Kurt Kotrschal, Argumente für einen wissens- und empathiegestützten Tierschutz: Biologie, Soziales und Kognition, in: H. Grimm/C. Otterstedt (Anm. 5).
8.
Vgl. Kostenpläne zur Tierhaltung, online: www.buendnis-mensch-und-tier.de/pages/bibliothek/was_kostet_mich
_mein_Tier.htm#Was_kostet_mich_mein_Tier (4.1.2012).
9.
Vgl. Monika Vernooij/Carola Otterstedt: Von Kosten und Nutzen der Mensch-Tier-Beziehung, in: Carola Otterstedt/Michael Rosenberger (Hrsg.), Gefährten-Konkurrenten-Verwandte. Die Mensch-Tier-Beziehung im wissenschaftlichen Diskurs, Göttingen 2009, S. 182-187.
10.
Vgl. Wechselnde Perspektiven - Das Tier als Subjekt und als Objekt. Dialog im Kolloquium, in: C. Otterstedt/M. Rosenberger (Anm. 9), S. 209-214.
11.
Vgl. Antoine F. Goetschel: Die Mensch-Tier-Beziehung im Recht, in: C. Otterstedt/M. Rosenberger (Anm. 9), S. 316-340; Christof Maisack, Tierschutzrecht, in: H. Grimm/C. Otterstedt (Anm. 5).
12.
Vgl. Tom Regan, The Case for Animal Rights, Berkeley-Los Angeles 2004; Michael Rosenberger: Mit Noach in der Arche - mit Jesus im Paradies. Neuere Ansätze der theologischen Tierethik, in: H. Grimm/C. Otterstedt (Anm. 5).
13.
Vgl. ders., Mensch und Tier in einem Boot - Eckpunkte einer modernen theologischen Tierethik, in: C. Otterstedt/M. Rosenberger (Anm. 9), S. 368-389.
14.
Ders., Ethik der Jagd und Fischerei, in: H. Grimm/C. Otterstedt (Anm. 5).
15.
Europaweit besitzt Deutschland die höchste Exportdichte bezüglich tierischen Lebensmitteln, vgl. Agrarstatistik online: http://epp.eurostat.ec.europa.eu.de (6.1.2012).
16.
Vgl. Carola Otterstedt, Die Mensch-Tier-Beziehung in der Gesellschaft, Studienbericht 2008, online: www.buendnis-mensch-und-tier.de (4.1.2012).
17.
Vgl. Carola Otterstedt, Interkultureller Vergleich zur Mensch-Tier-Beziehung, Studienbericht 2009, online: www.buendnis-mensch-und-tier.de (4.1.2012).
18.
K. Kotrschal (Anm. 7).