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ILLUSTRATION - Ein Schattenriss ist am Donnerstag (26.04.2012) in Düsseldorf beim Start des so genannten Wahl-O-Mat für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen auf einer Projektion mit der Startseite des Programmes zu sehen. Am Donnerstag (26.04.2012) wird in Nordrhein-Westfalen der Wal-O-Mat Online gestellt. Foto: Federico Gambarini dpa/lnw
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Schlagworte
Automat , Wahl-O-Mat , Wahlen , Programm , Monitor , Computer , Schriftzug , Bildschirm , Landtag , Landtagswahl , Politik
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Überschrift 
Wahl-O-Mat wird freig...  
Personen
 
Kontinent
-
Land
Deutschland  
Provinz
Nordrhein-Westfalen
Ort
Düsseldorf
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-
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picture alliance / dpa
Notiz zur Verwendung
(c) dpa
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6.2.2012 | Von:
Jan-Hinrik Schmidt

Das demokratische Netz?

Das Internet weckt häufig Hoffnungen auf eine Vitalisierung demokratischer Teilhabe, zuletzt bei den "Facebook-Revolutionen" in der arabischen Welt. Es wird diskutiert, inwiefern das Internet tatsächlich demokratisierend wirkt.

Einleitung

Im Vorfeld der G8-Tagung im Mai 2011 fand erstmals ein "eG8-Gipfel" statt, der sich mit der Rolle des Internets für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft befasste. Der Gastgeber, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, begrüßte auf der begleitenden Webseite mit euphorischen Worten: "In nur wenigen Jahren hat das Internet die Träume der Philosophen der Aufklärung verwirklicht und unser gesammeltes Wissen dem größten nur denkbaren Publikum zugänglich gemacht. Demokratie und Menschenrechte wurden gestärkt, Staaten zu größerer Transparenz angehalten, und in einigen Ländern konnten unterdrückte Menschen ihre Stimmen erheben, um gemeinsam im Namen der Freiheit zu handeln."[1] In den Ansprachen, unter anderem von Größen der Internetbranche wie Eric Schmidt (Google), Marc Zuckerberg (Facebook) oder Mitchell Baker (Mozilla Foundation), wurde zur Bestätigung immer wieder auf die Umwälzungen in Nordafrika verwiesen. War man nicht gerade erst Zeuge geworden, wie in Ägypten oder Tunesien digitale Informations- und Kommunikationstechnologien den sozialen Wandel nicht nur schleichend und schrittweise, sondern rasant und wahrhaft revolutionär vorantrieben?

Doch nicht alle Beobachter teilten die Euphorie. Angesichts der Redner und (wenigen) Rednerinnen, die überwiegend große Konzerne vertraten, fühlten sich journalistische Beobachter an "Kolonialherren des Internets"[2] erinnert. Hinter der Rhetorik von Demokratisierung, Fortschritt und Transparenz stünde letztlich doch nur der Wunsch nach Kontrolle und Profit. Vor knapp 15 Jahren hatte John Perry Barlow in der berühmt gewordenen "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" noch proklamiert: "Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. (...) Wir haben Euch nicht eingeladen. Ihr kennt weder uns noch unsere Welt. Der Cyberspace liegt nicht innerhalb Eurer Hoheitsgebiete."[3] 2011 hingegen twitterte Jeff Jarvis, als Journalistikprofessor und "public intellectual" einer der wenigen zivilgesellschaftlichen Vertreter auf der Veranstaltung: "At #eg8 I feel like a native American or African watching colonial powers sailing in to conquer our new land."[4]

Der "eG8-Gipfel" und seine Rezeption werfen exemplarisch zentrale Fragen der gegenwärtigen Medienentwicklung auf: Welche Rolle spielen digitale vernetzte Medien für politisches Handeln und gesellschaftlichen Zusammenhalt? Inwieweit unterstützen sie Prozesse und Strukturen der Teilhabe, inwieweit schaffen und bestärken sie Ungleichheiten oder Ausgrenzung? Pointiert: Ist das Internet demokratisch? Diese Fragen sollen im Folgenden mit einem besonderen Fokus auf den gegenwärtig beobachtbaren Wandel von Öffentlichkeit diskutiert werden.

Fußnoten

1.
Eigene Übersetzung; englisches Original unter www.eg8forum.com/en/speeches/editorial (4.1. 2012).
2.
Kai Biermann, Die Kolonialherren des Internets, 26.5.2011, online: www.zeit.de/digital/internet/2011-05/eg8-internet-sarkozy (4.1.2012).
3.
John Perry Barlow, Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace, 29.2.1996, online: www.heise.de/tp/artikel/1/1028/1.html (4.1.2012).
4.
Online: twitter.com/#!/jeffjarvis/status/
73284867168800769 (4.1.2012).