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Populismus und Massenmedien


26.1.2012
Populismus und Massenmedien haben ein enges Verhältnis: Personalisierung, Komplexitätsreduktion, Dramatisierung und Emotionalisierung prägen die massenmediale Kommunikation wie auch die Logik des Populismus.

Einleitung



Populistische Akteure des 20. und 21. Jahrhunderts haben ein besonders enges Verhältnis zu Massenmedien. Nicht, dass sie zwangsläufig mit Medienproduzenten und Medienbesitzern enge Beziehungen pflegen würden oder mit ihnen identisch wären, wie es beim ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zu beobachten war. Vielmehr scheint der Kommunikationsstil populistischer Akteure den massenmedialen Aufmerksamkeitsregeln besonders affin zu sein. Von Evita Perons Nutzung des Radios bis zur Dauerpräsenz Berlusconis im Fernsehen ist es ein langer Weg, auf dem sich der Populismus inzwischen mit anderen Phänomenen vermischt, neue Formen annimmt und mittlerweile nicht mehr die einzige Kategorie ist, mit der die sogenannten populistischen Akteurinnen und Akteure eindeutig identifiziert werden können. Die Grenzen des Populismus zum Politainment sind fließender geworden.[1] Aber auch wenn der Populismus des 21. Jahrhunderts immer hybrider wird, bleibt die Anpassung an die massenmedialen Aufmerksamkeitsregeln eine wichtige Konstante; man kann sogar behaupten, dass die Massenmedien Populismus befördern.[2] Es stellt sich daher die Frage, ob es die Populisten sind, welche die Massenmedien besonders gut nutzen können, oder ob es die Massenmedien sind, die durch ihre Aufmerksamkeitsregeln Politiker und Politikerinnen dazu bringen, sich populistisch zu verhalten. Womöglich kann zwischen beiden Kausalitäten nicht mehr genau unterschieden werden. Vielmehr ist davon auszugehen, dass sich Populismus und Massenmedien in manchen Punkten überschneiden und gegenseitige Abhängigkeiten erzeugen.


"Don't cry for me Argentina": Pop und Politik



Eva Peron ist ohne Zweifel das, was man einen medialen Mythos nennen kann. Der Soundtrack "Evita" aus dem Jahr 1976 ist in allen Musikläden erhältlich, und das Hauptlied "Don't cry for me Argentina" hat inzwischen zahlreiche Interpreten gefunden. Doch der Kult um "Evita" (alias Maria Eva Duarte) hat nicht nur mit ihrer politischen Rolle im peronistischen Argentinien zu tun, sondern ist eng mit ihrer Selbstinszenierung verknüpft. Denn "Evitas" Kommunikationsstil, Körpersprache und Imagekonstruktion waren auf die massenmedialen Aufmerksamkeitsregeln zugespitzt. Die Ehefrau von Juan Domingo Peron bedachte von Anfang an das massenmediale Publikum, vor allem des Radios, in ihrer Inszenierung. Darin liegt die Innovation ihres politischen Stils.

Andererseits war ihrem Kommunikationsstil eine populistische Logik eingeschrieben, nach der "Evita" sich als genuine Vertreterin des Volks und aus dem Volk präsentierte. Populistische Politiker von Hugo Chávez in Venezuela bis Jörg Haider in Österreich folgen beziehungsweise folgten dieser Logik: Sie stellen sich als die natürlichen Leader dar und begründen ihre Rolle mit einer besonders engen Verbindung zum Volk. Damit ist eine bestimmte Art der Inszenierung und der Diskursproduktion verknüpft, bei welcher der Ursprung aus dem Volk eines der wichtigsten Legitimierungselemente für die eigene Führungsposition darstellt. Dabei ist es unwichtig, ob sie tatsächlich aus populären Schichten stammen. Von Bedeutung ist eine direkte Identifikation mit dem Leader als Teil des Volkes - ein grundlegendes Element der populistischen Logik.

Wie ist die populistische Logik zu verstehen, und was macht die massenmedialen Aufmerksamkeitsregeln aus? Welche sind die gemeinsamen Elemente von Massenmedien und Populismus?

Populistische Logik



Die populistische Logik hat eine parasitäre Beziehung zur Demokratie. Eine ihrer Haupteigenschaften liegt im Verweis auf den demokratischen Anspruch auf Volkssouveränität. Bereits die Französische Revolution formulierte das Prinzip der Volkssouveränität ("Quelle der Souveränität ist das Volk") in der Menschenrechtserklärung von 1793 und verankerte es in der Verfassung. Auch die US-amerikanische Revolution brachte die Volkssouveränität auf unmissverständliche Weise zur Sprache. Demnach war die demokratische Regierung "A government by the people, of the people, for the people", wie Abraham Lincoln 1863 erklärte.

Populistische Politiker und Politikerinnen knüpfen an diesen demokratischen Anspruch an, verschieben aber seine Durchsetzung. Wenn sie sich zugleich auf "die Anrufung des, de(n) Appell an und die Berufung auf 'das Volk'" stützen,[3] erfährt die Idee einer Regierung durch das Volk eine Übersetzung, die auf die Figur eines charismatischen Leaders verengt wird. Denn in der populistischen Logik soll der Leader den Gemeinwillen zum Ausdruck bringen und das Volk repräsentieren. Populisten treten zwar für mehr Kontrolle der Repräsentanten ein, übertragen jedoch die demokratischen Anforderungen, die damit verbunden sind, auf das Vertrauen an den Leader und seine Führungsfunktion. Politik erfährt eine starke Personalisierung und beruht auf der emotionalen Beziehung zwischen Volk und Leader. Damit umgehen Populisten eben diejenigen Forderungen, für die sie plädieren: die Kontrolle der Repräsentanten und mehr Entscheidungsmacht für das Volk. Doch Populisten halten zugleich die Frage nach mehr Volksbeteiligung aufrecht und können dadurch revitalisierend auf die Demokratie wirken. Daher ist die Beziehung zwischen Populismus und Demokratie ambivalent. Die populistische Logik ist nicht per se antidemokratisch, sondern erhält vielmehr ein parasitäres Verhältnis zur Demokratie, das zu Verschiebungen der demokratischen Repräsentation führen kann.

Ein weiteres Element der populistischen Logik ist ein argumentativer Kurzschluss: Gemeinwille wird mit Mehrheitsbestimmung gleichgesetzt. Die Unterscheidung zwischen volonté générale und volonté de tous verschwindet, und der Volkswille wird auf eine momentane Entscheidung und Stimmung reduziert. Prozedural tendiert die populistische Logik zu plebiszitären und akklamatorischen Verfahren. Der Gedanke, das Volk müsse näher an die politischen Entscheidungen rücken, begünstigt sowohl die direkte Identifikation des Volkes mit dem Leader als auch die antiinstitutionelle Haltung der Populisten. Formale Prozeduren und etablierte Institutionen sind für Populisten ein Hindernis für die Volksbeteiligung beziehungsweise für die Durchsetzung des Volkswillens durch den Leader. Stattdessen wird Unmittelbarkeit als Garantie für das gute Funktionieren der Demokratie gesehen. Dies wiederum kann die herausragende Position des populistischen Leaders betonen und ihn als Medium für den Ausdruck des Gemeinwillens und als genuinen Vertreter des Volkes erscheinen lassen. Um sich zu legitimieren, müssen sich Populisten auf das Volk berufen. Sie geben an, das Volk besonders gut zu verstehen und es auf authentische Weise zu vertreten.

So war Eva Peron berühmt für ihre Reden vor der Arbeitergewerkschaft, für ihre Treffen mit Vertretern der Arbeiter und für ihre Sprechstunde im Arbeitsministerium, bei der sie unter anderem Besuche aus den ärmeren Schichten der Bevölkerung empfing.[4] Diese Situationen waren von Nähe geprägt und suggerierten, dass die Fragen und Forderungen des Volkes Gehör finden. Zum kommunikativen Stil der Unmittelbarkeit und Volksnähe gehört die emotionale und einfache Sprache, die an populäre Codes und simplifizierende Schemata anknüpft. Mit der Inszenierung von Unmittelbarkeit stellte sie sich als die Stimme des Volkswillens dar. Dass "Evita" nicht nur den Volkswillen zum Ausdruck brachte, sondern auch das Medium war, durch welches das Volk mit Juan Domingo Peron in Kontakt trat, macht den Peronismus der 1940er und 1950er Jahre einzigartig. Man erkennt die Dreiecksbeziehung zwischen dem Volk, Evita und Peron, die eine besondere Variante der direkten Beziehung zum populistischen Leader darstellt.[5]

Venezuelas Präsident Hugo Chávez bemüht sich ebenfalls um das Gefühl einer engen und unmittelbaren Beziehung zum Volk. Seine Sprache und Körperinszenierung entsprechen kaum der formalen Rolle des Präsidenten, sondern deuten eher auf einen guten Bekannten hin, der die Staatsangelegenheiten in einfacher Form erklärt. Dazu gehört auch eine Rhetorik der Gleichheit, welche die populistische Kommunikation prägt.[6] Die TV- und Radio-Sendung "Alo Presidente" ist dafür beispielhaft: Chávez lässt sich vor Naturlandschaften, Büros oder Bürgerversammlungen aufnehmen; in legerer Kleidung kommentiert er die politischen Aktualitäten, erzählt über künftige Staatsprojekte und erklärt die wirtschaftliche Strategie Venezuelas gegenüber den Nachbarländern. In der Sendung vom 5. Juni 2011 beginnt der Präsident mit "Also gut, wir gehen nach Brasilien" und zeigt auf einige Papiere auf dem Tisch: "Das ist Teil der Agenda. Wir informieren Euch mit Details schon jetzt und dann nach unserer Rückreise. Unsere trimestrale Besprechung mit Dilma und mit Lula ist sehr wichtig. Wir haben bis jetzt mehr als 20 Besprechungen gehabt und mehr als 200 Abkommen mit Brasilien abgeschlossen."[7]

Interessant ist hier nicht nur die Rhetorik, die Insider-Informationen aus Staatsgeschäften als allgemein zugänglich präsentiert und somit die Kontrolle des Volkes über die Regierung inszeniert, sondern vor allem der informelle Ton seiner Rede und die einfache und verständliche Sprache. Die Zuschauer bekommen das Gefühl, die Hierarchie zwischen Regierungschef und Publikum wäre fast inexistent. Dazu gehört auch die Anrede der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff mit ihrem Vornamen. Dies deutet nicht nur auf die Vertrautheit zwischen beiden Regierungschefs, sondern auch auf die Vertrautheit zwischen Chávez und den Bürgerinnen und Bürgern. Die egalitäre Sprache steht allerdings in Kontrast zu den Versuchen der Regierung, dem Präsidenten immer mehr Macht zu verschaffen.

Die direkte Identifikation mit der Person des Leaders ist nicht nur bei lateinamerikanischen Linkspopulisten, sondern auch bei europäischen Rechtspopulisten wie Jörg Haider oder Jean-Marie Le Pen zu beobachten. Oft bekommt sie eine mystische Note - der Leader erscheint als Auserwählter. Wenn Jörg Haider erklärte, dass er "auserkoren" sei, tat er nichts anderes, als sich als charismatischen Leader zu inszenieren und zu legitimieren: "Ich bin sozusagen eine Symbolfigur für den zivilen Widerstand gegen das Establishment in Österreich und Europa geworden (...), nicht jeder kann zur Symbolfigur werden. Ich bin auserkoren", erklärte er 2000 in einem Interview für "Der Tagespiegel".[8]

Zur populistischen Logik gehört auch eine antielitäre Haltung, die sich vor allem gegen die etablierten Parteien und die politische Klasse richtet. Die Ressentiments gegen die etablierte Elite sind an ein Narrativ gekoppelt, das die Geschichte eines Betrugs erzählt.[9] Der Vorwurf der Korruption wird oft erhoben, um die etablierten Politikerinnen und Politiker zu delegitimieren. Das Volk erscheint vor den Augen der Populisten als die moralisch gute Instanz, die von einer egoistischen und illegitimen Elite betrogen wird. Daher zeigen sich Populisten gerne als Außenseiter, als diejenigen, die außerhalb des Systems stehen und deswegen nicht korrumpiert sind. Sie zeigen dem Volk, dass "es betrogen wird", und mobilisieren den "Widerstand" gegen das System.[10]

Zentral für die populistische Logik ist die Selbstdarstellung des populistischen Leaders als jemand aus dem Volk. Eva Peron wurde nicht müde zu betonen, dass auch sie eine descamisada - Hemdenlose, wie die Peronisten das "wahrhaftige" Volk nannten - sei. Trotz ihrer extravaganten Kleidung, ihrem auffälligen Schmuck und ihrem blondierten Haar reproduzierte "Evita" keineswegs das Oberschichtmodell der première dame, sondern zeigte sich als ein Kind der Armut, das die Sorgen und Ängste des Volkes gut kannte. Doch ihre Körperinszenierung war mit einem zweiten Modell verknüpft: das des Medienstars. Sie präsentierte sich nicht nur als Politikerin, sondern auch als Celebrity und knüpfte an das Märchen des "Aufstiegs zum Star" an. Auch Berlusconis Selbstdarstellung als self-made man insistiert auf seinen populären Wurzeln und kombiniert diese mit dem Aufstiegsmärchen. Mit seinen Witzen und informellen Auftritten betonte Berlusconi zudem, dass er ein Außenseiter des politischen Geschäfts sei, und, indem er auf die Rhetorik der Gleichheit rekurrierte, dass er aus dem Volk stamme.

In der rechtspopulistischen Variante bekommt die demonstrative Zugehörigkeit des Leaders zum Volk eine ethnische Komponente. Das Volk wird hier nicht wie im Linkspopulismus im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht (das Kleinbürgertum und die Arbeiterschicht) konnotiert, sondern vorwiegend ethnisch definiert. Xenophobie und Rassismus stellen eine zusätzliche Abgrenzung nach außen dar. Das Volk des Rechtspopulisten hat daher zwei Gegenpositionierungen:[11] gegen die regierende Elite, die man als "die da oben" bezeichnen kann, und gegen diejenigen, die außerhalb der Gesellschaft positioniert werden wie etwa Ausländer, Migranten, Juden sowie Vertreter einer multikulturellen Gesellschaft oder eines anderen Lebensstils - die Liste kann jederzeit ausgedehnt werden. Dagegen tritt die schichtbezogene Opposition in den Hintergrund, was nicht heißt, dass sie nicht potenziell aufgerufen werden könnte. So warnte Jörg Haider noch im Jahr 1994 vor der "Fremdbestimmung" Österreichs durch den Eintritt in die EU, wo eine "sizilianische Verwaltung" und ein "portugiesisch(er) Notenbankpräsiden(t)" herrschten, im Gegensatz zu den "fleißigen und tüchtigen Österreichern".[12] Während die "Fremdbestimmung" durch die EU die antielitäre Haltung zum Ausdruck bringt, zielten die Bezeichnungen "sizilianisch" und "portugiesisch" sowie "fleißig" und "tüchtig" auf die Abgrenzung nach außen.

Populismus kann in Verbindung mit unterschiedlichen Ideologien erscheinen. Man beobachtet ihn nicht nur als Rechts- und Linkspopulismus, sondern auch in Kombination mit liberalen und neoliberalen Ideologien und sogar als "Populismus der Mitte" oder als "Mainstream-Populismus". Deswegen sprechen Populismus-Forscher von einer "dünnen" Ideologie, die eine bestimmte Struktur liefert und mit anderen stärkeren Ideologien verbunden werden kann.[13] Diese Struktur wurde hier als populistische Logik beschrieben. Wichtig ist hierbei der Rückgriff auf ein Freund-Feind-Schema, das der imaginären Konstruktion des Volkes seine Konturen gibt, ohne sie jedoch näher zu definieren.[14] Unabhängig von der Ideologie, mit der die populistische Logik kombiniert wird, stellen sich sogenannte Populisten als "Sprachrohr des Volkes" dar und beanspruchen, dieses auf legitime Weise zu vertreten.[15] Die damit verbundene starke Personalisierung und Emotionalisierung werden im Kommunikationsstil sichtbar. Dazu gehört die Inszenierung von Nähe und eine scheinbar flache Hierarchie zwischen Volk und Leader, die aber nicht zur Kontrolle des Leaders durch das Volk führt, sondern auf der Basis des Vertrauens- und Identifikationsverhältnisses des Volkes mit dem Leader beruht.

Massenmediale Aufmerksamkeitsregeln



Wie steht es mit den Regeln der massenmedialen Kommunikation? Welche Bedingungen stellen sie für die politische Kommunikation auf? An welchen Punkten überschneiden sich die populistische Logik und die Kommunikationsformen der Massenmedien? Seit der Einführung der ersten Tageszeitung ist eine Dynamik zu beobachten, die sich zunehmend beschleunigt: das Rennen um Aktualität. Die englische Bezeichnung "News" für Nachrichten bringt dieses Grundelement des massenmedialen Journalismus auf den Punkt. Auf die Titelseite von Tageszeitungen oder in die Hauptnachrichten von Radio und Fernsehen zu kommen, bedeutet für politische Akteurinnen und Akteure, eine Existenz in der politischen Öffentlichkeit zu erlangen und Einfluss auf das agenda setting - zumindest was den diskursiven Raum angeht - auszuüben. Neben dem Aktualitätsgebot sind Massenmedien auf die Aufmerksamkeit des Publikums angewiesen. Denn es ist das Publikum, das ihre Existenz legitimiert beziehungsweise finanziert.

An diesen beiden Grundbedingungen der Massenmedien orientieren sich die Medienproduzenten bei der Auswahl von Informationen, Personen und Bildern. Damit werden bestimmte Kommunikationsstrategien begünstigt. Man spricht daher von Aufmerksamkeits- und Selektionsregeln der Massenmedien, die Kriterien dafür liefern, was veröffentlicht und was nicht veröffentlicht wird, was gesendet und was nicht gesendet wird. Dazu gehören die Komplexitätsreduktion, die Fixierung auf Personen, die Emotionalisierung, die Tendenz zur Aufdeckung von Skandalen und unerwarteten Ereignissen sowie die Begünstigung von agonaler Strukturierung, Dramatisierung, Zuspitzung und Erzeugung von Events.[16]

Je stärker die Massenmedien auf den kommerziellen Erfolg angewiesen sind, desto entscheidender werden ihre Selektionskriterien in Bezug auf die Erhöhung der Publikumsaufmerksamkeit. Für die politischen Akteure heißt das: Je besser ihr Kommunikationsstil an diese massenmedialen Regeln adaptiert ist, desto höher ist die Chance auf Publizität. Die Personalisierung und die Emotionalisierung, zu denen vor allem visuelle Massenmedien tendieren, wurden bereits im deutschen Kaiserreich als politische Ressource entdeckt. Das Kaiserreich machte sich die Massenmedien zunutze, um Wilhelm II. dem Volk "näher zu bringen". Dazu gehörte die Selbstdarstellung auf Postkarten, Illustriertenfotos und Sammelbildern. Aber es war vor allem seine Inszenierung im Film, die große Popularität erlangte. Zu Recht kann man vom ersten deutschen Kinostar sprechen.[17]

Populisten perfektionieren die sinnliche Personalisierung durch die Massenmedien. Schon vor seiner Liaison mit "Evita" nutzte Juan Domingo Peron das Radio für die Intensivierung seiner affektiven Beziehung zum Volk. Im Zuge einer Blutspendenkampagne für Opfer eines Erdbebens im Jahr 1943 bat er um Solidarität. Dieser Auftritt ermöglichte die Inszenierung von Nähe, die stark emotionalisiert war, und steigerte seine Popularität. Mit anderen Worten: Peron war selbst schon ein massenmedialer Politiker, als er den Star der Radionovelas "Evita" traf.[18]

Auch Dramatisierung und Zuspitzung von Konflikten gehören zum Repertoire populistischer Akteure und machen deren Selbstinszenierung besonders medienkompatibel. Hier geht es um die Steigerung des Spannungsbogens. So ist zum Beispiel die kalkulierte Überfüllung von Räumen beim Auftritt populistischer Politikerinnen und Politiker eine effektive Art, ein massenmediales Event zu produzieren und Spannung zu erzeugen. Jörg Haiders Entscheidung für einen viel zu kleinen Saal eines Wiener Hotels für die Wahlversammlung der FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs) im Jahr 1986 ist dafür paradigmatisch. Hunderten seiner Anhänger wurde der Zugang zum Saal wegen Überfüllung verwehrt. Das Ergebnis war nicht nur die Wiederholung seiner Reden im Freien, sondern ein Medienevent, das viel öffentliche Aufmerksamkeit bekam.[19] Zur Dramatisierung und Zuspitzung von Konflikten gehört auch die Tendenz zu Tabubrüchen, Polemik und Skandal. Die Provokationen mit antisemitischen Anspielungen des verstorbenen FDP-Politikers Jürgen Möllemann oder Thilo Sarrazins Tiraden gegen türkeistämmige Deutsche sind in diesem Kontext zu verstehen. Eine Bevölkerungsgruppe pauschal als "Gemüseverkäufer" und "Produzenten von Kopftuchmädchen" zu bezeichnen, zielt auf den Medienevent, der durch den kalkulierten Tabubruch entsteht.

Populismus und Massenmedien überschneiden sich auch im Drang zur Komplexitätsreduktion. Der Soziologe Craig Calhoun sieht darin eine Antwort auf die Distanzierung des politischen Systems und seiner Institutionen vom Alltagsleben der Bürgerinnen und Bürger. Populisten unterspielen diese Distanz, indem sie politische Belange in lebensweltlichen Kategorien erklären.[20] Darin liegt sowohl eine Chance als auch eine Gefahr: Chance, da komplexe Probleme angesprochen werden können, und Gefahr, da die Komplexitätsreduktion den Sachverhalt verzerrt.

Neben den Aufmerksamkeitsregeln der Massenmedien gibt es einen weiteren Punkt, an dem sich Populismus und Massenmedien überschneiden: die Art der Adressierung des Publikums. Abgesehen vom Internet, in dem horizontale Foren sich selbst konstituieren können, ist der Kommunikationsprozess in den Massenmedien von Asymmetrie gekennzeichnet.[21] Das Publikum bekommt kaum die Möglichkeit, die Inhalte oder Form des Gesendeten zu bestimmen, sondern wird meistens nur aufgerufen, für oder gegen etwas zu votieren - sei es bei der Erhebung der Einschaltquoten oder bei der Wahl von "Superstars". Dies ist auch im Populismus oft der Fall. Die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger wird auf plebiszitäre oder akklamatorische Teilnahme reduziert. Darin liegt bereits die Verschiebung von einer partizipatorischen Anforderung zur plebiszitären und akklamatorischen Prozedur. Es wird zwar eine höhere Beteiligung an Entscheidungsprozessen gefordert, diese erschöpft sich aber in der Zustimmung zu oder Ablehnung von vorformulierten Fragen. Ein gutes Beispiel dafür ist die Wahlkampagne von Segolène Royal (Kandidatin der Sozialistischen Partei für die Präsidentschaftswahl in Frankreich) im Jahr 2007. Royal nutzte das Internet gezielt, um direkt mit ihren Anhängerinnen und Anhängern zu kommunizieren und zu mehr Partizipation" aufzurufen. Doch die sogenannte partizipative Demokratie, die Royal pflegte, reduzierte sich auf das Filtern von Unterstützungsbotschaften ihrer Sympathisanten auf ihrem Blog. Besucherinnen und Besucher ihrer Seite hatten die Möglichkeit, mit "ja" oder "nein" auf gezielte Fragen der sozialistischen Kandidatin zu antworten. Im Grunde partizipierten sie nicht am deliberativen Prozess, sondern lieferten - ähnlich wie bei Meinungsumfragen - die Stichworte für die Rhetorik der Kandidatin. Die populistische Nutzung der Massenmedien bemächtigt sich sogar jenes Mediums, in dem die Selbstorganisation der Nutzerinnen und Nutzer bis jetzt am besten gelingt - des Internets. Royales Nutzung des Internets zeigt, welche Möglichkeiten die populistische Logik im aktuellen massenmedialen System findet. Doch wenn sich die populistische Logik hier der massenmedialen Infrastruktur bedient, gibt es auch anders geartete Fälle.

Neue Tendenzen



Die postmoderne Selbstdarstellung des österreichischen Rechtspopulisten Heinz Christian Strache oder die dekonstruktivistische Inszenierung von Silvio Berlusconi liefern dafür gute Beispiele. Sie provozieren nicht nur, sondern beziehen massenmediale Hyperrealität und Unterhaltung in ihren eigenen Kommunikationsstil und Diskurs mit ein. Kennzeichnend für Hyperrealität ist die Unsicherheit bei der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion, zwischen Privatheit und Öffentlichkeit. Massenmediale Inszenierungen, die auf Hyperrealität bauen, sind von Selbstreferenzialität und Selbstdekonstruktion geprägt; das heißt, sie beziehen sich nicht primär auf die Realität, sondern auf die zirkulierenden Bilder innerhalb der Massenmedien. Als Unterhaltungsquelle verspricht Hyperrealität eine distanzierte Haltung des Publikums mit hohem Vergnügungswert. Für die Politik aber riskiert sie, den Bezug zum Politischen zu verlieren. Postmoderne Populisten mischen diese Logik in ihre Selbstdarstellung.

Wenn Strache sich mit Che-Guevara-Mütze zeigt und seine Plakate mit typografischen Veränderungen der Buchstaben CHE aus seinem Namen ausstattet, versucht er keineswegs, an die linke Ideologie des lateinamerikanischen Idols anzuknüpfen, sondern eignet sich den Konsumwert des Che-Mythos an, der schon längst seine politische Brisanz verloren hat und neben "Evita" oder Marylin Monroe zur Pop-Ikone geworden ist. Diese Aneignung gehört zur selbstreferenziellen Logik der Massenmedien und fungiert als Zitat des massenmedialen Mythos. Postmodern ist Strache auch insofern, als er unterschiedliche Symbole mit verschiedenen Ursprüngen kombiniert und divergente Lebensstile anspricht. So knüpft er an die Technoszene an und zeigt sich als Party-Besucher. Aber er präsentiert sich zugleich als xenophober Verfechter traditioneller Werte und appelliert an konservative Gemeinschaftsgefühle. Berlusconi geht auf die Selbstreferenzialität der Massenmedien auf eine andere Art und Weise ein: Er dekonstruiert sich selbst. Dem Publikum wird der Unterschied zwischen Berlusconi als Unterhalter und Berlusconi als Politiker nicht deutlich gemacht. So ist Berlusconi imstande, seine eigene politische Rede zu unterbrechen und an der Stelle einen Witz über sich selbst, über die Kulissen oder über die Regieanweisungen seines eigenen Auftritts zu machen.[22]

Beide Fälle sind typische Beispiele für Hybridphänomene. Sicherlich bedienen sich Strache und Berlusconi der populistischen Logik. Aber sie greifen auch auf Unterhaltung und hyperreale Techniken der Inszenierung zurück wie etwa das Selbstzitat oder das Zitat von anderen massenmedialen Produkten. Ihr Kommunikationsstil ist nicht nur das Ergebnis einer Anpassung an die Massenmedien. Vielmehr scheinen sie auf radikale Weise die neue Inszenierungsdynamik der Massenmedien voranzutreiben. Selbstreferenzialität und Dekonstruktion sind hier ebenso wichtig wie der Rückgriff auf die populistische Logik mit dem Appell an das Volk und der emotionalen Bindung an den Leader. Gerade weil politische Akteure zunehmend mehrere Logiken in ihrer Kommunikation kombinieren, werden sie immer wieder mit neuen Populismus-Kategorien gedeutet wie etwa "Medienpopulismus", "Telepopulismus" oder "postmoderner Populismus".

Hieran anschließend stellt sich eine andere Frage: Inwieweit ist die populistische Logik bestimmend? Denn obwohl der Populismus eine Verschiebung der demokratischen Repräsentation verursacht, erinnert er immer noch daran, dass das Volk der Souverän ist. Verliert man sich in Selbstzitaten und Dekonstruktionen, riskiert auch das Volk, als Adressat der politischen Kommunikation, zu bloßen Unterhaltungskonsumenten zu werden.

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Fußnoten

1.
Vgl. Paula Diehl, Populismus, Antipolitik, Politainment, in: Berliner Debatte Initial, 22 (2011) 1, S. 27-38.
2.
Vgl. Thomas Meyer, Populismus und Medien, in: Frank Decker (Hrsg.), Populismus, Wiesbaden 2006, S. 86ff.
3.
Martin Reisigl, "Dem Volk aufs Maul schauen, nach dem Mund reden und Angst und Bange machen". Von populistischen Anrufungen, Anbiederungen und Agitationsweisen in der Sprache österreichischer PolitikerInnen, in: Wolfgang Eismann (Hrsg.), Rechtspopulismus, Wien 2002, S. 149. Vgl. zum emotionalen Gehalt des Populismus: Cas Mudde, The Populist Zeitgeist, in: Government and Opposition, 39 (2004) 3, S. 541-563.
4.
Vgl. Marysa Navarro, The Case of Eva Peron, in: Signs, 3 (1977) 1, S. 234.
5.
Vgl. ebd., S. 235.
6.
Vgl. Niels Werber, Populism as a Form of Mediation, in: Lars Bang Larsen/Nicolaus Schafhausen/Cristina Ricupero (eds.), The Populism Reader, New York-Berlin 2005, S. 147-159.
7.
Alo Presidente, Sendung vom 5.6.2011, online: www.youtube.com/watch?v=qgPd2vVQCg4 (21.11.2011).
8.
Der Tagesspiegel vom 11.6.2000.
9.
Vgl. Paula Diehl, Die Komplexität des Populismus, in: Totalitarismus und Demokratie, (2011) 2, S. 273-292.
10.
Vgl. Margaret Canovan, Trust the People!, in: Political Studies, 47 (1999), S. 3ff.
11.
Vgl. Lars Rensmann, Populismus und Ideologie, in: F. Decker (Anm. 2), S. 66.
12.
Zit. nach: Der Standard vom 9.6.1994.
13.
Vgl. C. Mudde (Anm. 3).
14.
Vgl. Ernesto Laclau, Populism: What's in a Name?, in: Francisco Panizza (ed.), Populism and the Mirror of Democracy, New York 2005, S. 39.
15.
M. Canovan (Anm. 10), S. 4ff.; Karin Priester, Populismus, Frankfurt/M. 2007, S. 212f.; dies., Der populistische Moment, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, (2005) 3, S. 305f.
16.
Vgl. T. Meyer (Anm. 2), S. 82ff.
17.
Vgl. Martin Kohlrausch, Der Monarch im Skandal, Berlin 2005, S. 64, S. 74f.
18.
Vgl. Klaus Theweleit, Buch der Könige, Bd. 2, Frankfurt/M. 1994, S. 280f.
19.
Vgl. Fritz Plasser, Die populistische Arena, in: Anton Pelinka (Hrsg.), Populismus in Österreich, Wien 1997, S. 102f.
20.
Vgl. Craig Calhoun, Populist Politics, Communications Media and Large Scale Societal Integration, in: Sociological Theory, 6 (1988) 2, S. 220f.
21.
Vgl. Robert Huckfeldt, The Social Communication of Political Expertise, in: American Journal of Political Sciences, 6 (2001) 45, S. 425.
22.
Vgl. Paula Diehl, Dekonstruktion als Inszenierungsmethode, in: Andreas Dörner/Christian Schicha (Hrsg.), Politik im Spot-Format, Wiesbaden 2008, S. 313-335.