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Merlin Münch am 16.02.2016

Umbrüche: Arbeit war gestern, oder?

Die Arbeit verändert sich. Neue Arbeitsformen stellen alte Strukturen in Frage, lösen sie gar auf. Das hat nicht nur Folgen für die Arbeitnehmer/-innen, sondern auch für die Gesellschaft. Unsere Aufgabe wird es sein, diesen Wandel zu gestalten.

Change, Wandel, Mauer, GraffitiDie Arbeitswelt verändert sich rasant. Wie wollen wir den Wandel gestalten? Lizenz: cc by/2.0/de (dpa)

Trend- und Zukunftsforscher/-innen beobachten welche Entwicklungen sich in einer Gesellschaft abzeichnen, um mögliche Szenarien für die Zukunft zu entwerfen. Das soll uns auf bevorstehende Herausforderungen vorbereiten. Wenig überraschend sind die Vorhersagen oft sehr unterschiedlich. Bei allen Meinungsverschiedenheiten scheinen sich die Expert/-innen aber zumindest in einem Punkt einig zu sein: Unsere Rolle als Arbeitnehmer/-innen sowie unser Verhältnis zur Arbeit verändert sich derzeit fundamental. Das könnte in Zukunft auch die Funktion der Arbeit als soziales Bindeglied in Frage stellen.

Sascha Lobo sprach mit Bezug auf die Fragmentierung des Arbeitsmarktes einmal von der "Verflüssigung der Arbeitsverhältnisse". Auch die Zukunftsforscherin Beate Schulz-Montag glaubt: "Das Normalarbeitsverhältnis löst sich auf". Stattdessen, sagt sie, gäbe es künftig immer mehr "atypische Beschäftigungsverhältnisse". Nicht nur die Digitalisierung spiele dabei eine maßgebliche Rolle für die "Atomisierung des Arbeitsmarktes". Auch die fortschreitende Globalisierung und der demografische Wandel trügen ihren Teil dazu bei, dass sich der Arbeitsmarkt derzeit in einer Phase des Umbruchs befinde.

Weg von der klassischen Arbeitsgesellschaft, hin zur Tätigkeitsgesellschaft – diesen Wandlungsprozess hält Beate Schulz-Montag, Zukunftsforscherin am foresightlab und Dozentin an der FU Berlin, für unerlässlich. Allgemein mangelt es ihr an einem Bewusstsein für diese sich immer stärker aufdrängende gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Es sei an der Zeit, sich mit Strategien zu beschäftigen, mit deren Hilfe die aufkommenden Probleme bewältigt werden können.

Alte Modelle geraten ins Wanken

Während im Zuge der Digitalisierung ständig neue Arbeitsformen entstehen, geraten klassische Beschäftigungsfelder zunehmend unter Druck. "Alle geringer qualifizierten Berufe und zunehmend auch kognitive Berufe […], die ganze Sachbearbeiterebene: Da sind große Arbeitsplatzverluste zu befürchten", ist Schulz-Montag überzeugt. Die Digitalisierung - und mit ihr die Automatisierung von Arbeitsprozessen - erhöht den Druck auf jene, deren Tätigkeiten künftig kostengünstiger von Maschinen und Algorithmen erledigt werden könnten: Intelligente Logistiksysteme ersetzen Lagerarbeiter/-innen, selbstfahrende U-Bahnen machen Lokführer überflüssig. Zunehmend könnte das auch für administrative und kreative Berufe gelten. Mit Sorge verfolgt zum Beispiel manche/-r Sport- und Wirtschaftsjournalist/-in den Fortschritt von Algorithmen, die schon jetzt Fußballergebnisse oder Quartalszahlen selbstständig auswerten und in kurze Nachrichtenbeiträge verwandeln können.

Nach wie vor herrscht jedoch Uneinigkeit darüber, ob diese Entwicklung vor allem negativ zu bewerten sei. So betont auch Schulz-Montag: "Es ist durchaus offen, was wir mit dieser Situation machen, dahinter stecken viele soziale Aushandlungsprozesse, wie wir die verbleibende Arbeit neu und gerecht verteilen". Vor allem ginge es nun darum sich kritisch mit diesen Fragen auseinanderzusetzen. Und das viel radikaler, als wir es bisher getan haben.

Ein neues Prekariat?

Auf so genannten Crowdworking-Plattformen bieten heute bereits über eine Million Menschen weltweit ihre Arbeitskraft an. Genaue Zahlen gibt es zwar nicht, aber alleine Amazon's Plattform mechanical turk zählt 500,000 Auftragnehmer/-innen. Die deutsche Plattform clickworker.com vermittelt nach eigenen Angaben sogar Jobs an ca. 700,000 Mitglieder. Meist übernehmen diese digitale Kleinarbeiten wie Fehlerfindung und -behebung, Texterstellung, Redigate, oder die Qualitätsprüfung digitaler Inhalte. Mitunter werden aber auch durchaus anspruchsvollere Projekte, meist im Bereich Softwareentwicklung oder Grafikdesign, vermittelt. Je nach Auftrag kann der Lohn also von wenigen Cent bis hin zu gut bezahlten Projektarbeiten variieren.

Ein Modell, um den Lebensunterhalt zu verdienen, sei das hierzulande noch nicht, meint auch die Vorsitzende des Deutschen Crowdsourcing Verbandes, Claudia Pelzer. Kritiker wie der Journalist Thomas Thiel, oder der ehem. US-Arbeitsminister Robert Reich, betonen außerdem, dass wir es hier mit einem noch nicht regulierten Raum zu tun haben, der nicht an gültiges Arbeitsrecht gebunden ist. Die Rahmenbedingungen, unter denen die neue Form der Arbeit in den Arbeitsmarkt und unsere Sozial- und Rechtssysteme integriert werden sollen, sind bisweilen unklar.

Die Zukunft der Arbeit ist in ihren Grundzügen bereits sichtbar, meint Claudia Pelzer, Gründerin des deutschen Crowdsourcing Verbands. Der strukturelle Wandel, weg von der klassischen 40-Stunden-Woche, hin zu flexibleren Arbeitsmodellen ist in großen Teilen der Gesellschaft schon weiter, als oftmals vermutet. Auch der Staat müsse sich nun hinsichtlich Sozialleistungen und Versicherungsfragen flexibler zeigen.



Bisher bestimmen vor allem die Plattformbetreiber die Regeln. Zumindest rechtlich stehen sie dabei nicht in der Verantwortung für angemessene Arbeitsbedingungen zu garantieren.Unbezahlte Arbeit kommt vor und wer nicht genügend Aufträge an Land zieht, bleibt mit seinem Verdienst, auf die Stunde gerechnet, schnell unter dem Mindestlohnniveau.

Auch Claudia Pelzer erkennt das Problem: "Das ist eine riesige Herausforderung für den Sozialstaat, weil ich einfach nicht mehr die mit dem Normalarbeitsverhältnis einhergehenden sozialen Absicherungen habe." Letztlich, glaubt Pelzer, werde die Logik des freien Marktes eine treibende Kraft für die Schaffung guter Arbeitsbedingungen sein, denn "es ist auch das Kapital der Plattformen, dass die Arbeiter sich dort wohlfühlen".

Das Schaffen der nötigen rechtlichen Rahmenbedingungen ist natürlich nicht zuletzt Aufgabe der Politik. Viele sinnvolle Gesetze und Regelungen existieren bereits in anderen Bereichen, die sich auch auf die neuen Arbeitsmodelle übertragen ließen, meint zum Beispiel der Wirtschaftsinformatiker und Crowdsourcingexperte Jan Marco Leimeister. Regelungen, die beispielsweise für Selbstständige gelten, könnten auch auf die Crowdworker übertragen werden. "Hier kann eine politische Debatte ansetzen und aufzeigen, welche Mittel bereits vorhanden sind und wie diese zur Absicherung sowie zum Schutz der Crowdworker eingesetzt werden können – aber nur, wo dies notwendig ist, wenn keine fairen Spielregeln vorliegen."

Lohn ohne Arbeit

Seit es Arbeit gibt, fragen sich die Menschen was gute Arbeit ist. Das Verhandeln guter Arbeitsbedingungen, eines gerechten Lohns und einer gerechten Verteilung von Arbeit zählt zu den Kernaufgaben einer jeden Gesellschaft. In den Debatten und Auseinandersetzungen über diese Fragen tauchen hin und wieder radikale Neuerungsvorschläge auf.

Eine solche Idee, die hierzulande in den vergangenen Jahren häufig diskutiert wurde und über die in Finnland und der Schweiz noch in diesem Jahr abgestimmt werden soll, ist das Bedingungslose Grundeinkommen (BGE). Das Konzept: Der Staat überweist monatlich eine feste Summe auf das Konto eines jeden Bürgers, egal ob arbeitslos oder Millionär. So sollen die Grundbedürfnisse der Menschen abgedeckt werden. Sozialleistungen wie zum Beispiel das Arbeitslosengeld würden dafür wegfallen.

In Finnland testet man wohl ab dem kommenden Jahr eine "Light-Version" des Grundeinkommens. Zunächst sollen 10.000 Haushalte an dem Experiment teilnehmen, 1.000 Euro monatlich will die finnische Regierung ihren Bürgern überweisen. Die Hoffnung: Das oft wirre Sozialsystem vereinfachen und auf eine Zahlung reduzieren sowie neue Anreize für Arbeitslose schaffen, eine neue Beschäftigung zu suchen, in dem man den finanziellen Druck erleichtert. 


Statistik: Wie würden Sie sich bei einer Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in der Schweiz verhalten? | Statista
"Wie würden Sie ein Grundeinkommen nutzen?", fragte diese Umfrage in der Schweiz

Befürworter der Idee wie der Soziologe Michael Opielka halten das BGE für ein zeitgemäßes und zukunftsfähiges Modell: Es fördere den Abbau von Bürokratie und setze den Menschen frei um eigenverantwortlich das zu tun, was sie oder ihn erfüllt. Kritiker wie der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge sehen das anders. Das BGE würde die Errungenschaften der Sozialsysteme zunichtemachen. Außerdem sei es eine Gefahr für die Wirtschaft, wenn es plötzlich keinen Anreiz mehr gäbe sich eine Beschäftigung zu suchen.

Spannend an der Debatte über das Bedingungslose Grundeinkommen ist, dass sich Kritiker und Unterstützer der Idee nicht entlang der üblichen politischen oder ideologischer Trennlinien unterteilen lassen. "Kapitalisten und Sozialisten, Liberale und Konservative, Unternehmer und Gewerkschafter begeistern sich für den Vorschlag – und bekämpfen ihn.", schreiben die beiden Verfechter eines BGE Daniel Häni und Philip Kovce, die sich in ihrem Buch "Was fehlt, wenn alles da ist?" (Orell Füssli Verlag, 2015), intensiv mit dem Thema beschäftigt haben.

Mit Spannung dürfen wir also die Experimente in der Schweiz und in Finnland abwarten - vorausgesetzt, sie werden tatsächlich umgesetzt.

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