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Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.
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Die DDR im Museum

Geteilte Erinnerungen an einen untergegangenen Staat


29.6.2009
Die Historikerin Annette Leo beschreibt, wie eng die DDR-Vergangenheit im Osten mit der Verteidigung der eigenen Identität und Lebensleistung verbunden ist.

Der große Erfolg des Kinofilms "Good bye Lenin" aus dem Jahr 2003 beruht zweifellos auf einer Erfahrung, die Menschen in Ost und West bis zu einem gewissen Grade miteinander teilen: Es war das atemberaubend schnelle Verschwinden fast aller sichtbaren Attribute der Teilung sowie des Lebens im Osten. Die Berliner Mauer wurde so rasch abgerissen, dass ihr Verlauf an vielen Orten schon bald kaum noch nachvollziehbar war, Straßen wurden umbenannt, Denkmäler wie die Lenin-Statue in Berlin abgebaut. Auch die Trabis verschwanden von den ostdeutschen Straßen und DDR-Produkte aus den Läden. In einer Szene des Films jagt der Held vergeblich einem Glas "Spreewälder Gurken" nach, das sich seine aus dem Koma erwachte Mutter gewünscht hat, die – so der Plot – nicht wissen darf, was sich da draußen gerade verändert. Bei seinem Gang durch die Stadt türmen sich an den Straßenrändern Schrankwände und Couchgarnituren, Fernseher und Waschmaschinen, weil ihre Besitzer sie im hoffnungsfrohen Wendefieber gegen neue und schönere Westprodukte eingetauscht haben.
Filmplakat von "Good bye, Lenin!"Filmplakat von "Good bye, Lenin!" (© X Verleih AG)


Dieses einmalige Erlebnis der Plötzlichkeit, mit der die bisherigen Verhältnisse ins Wanken kamen und die Deutschen sich unvermittelt und unvorbereitet in einem vereinigten Land wieder fanden, gehört vermutlich zu den wenigen gemeinsamen Befindlichkeiten der Menschen in Ost und West. Jenseits davon verlaufen bis heute die Gräben, die sich bald nach der Vereinigung auftaten, als die Euphorie des Aufbruchs und der Gemeinsamkeit verebbte und der Alltag der Unterschiede hervortrat. Schließlich zeitigte der historische Bruch von 1989/90 in den unterschiedlichen Lebenswelten sehr verschiedene Konsequenzen.

Während sich die einen über den Abbau der Grenzanlagen und den Wegfall der Grenzkontrollen freuten und allenfalls den Verlust der Zonenrandgebietsförderung und die Einführung des Solidaritätszuschlags beklagten, erfuhren die anderen, wie sich ihre bisherigen Lebensverhältnisse schlichtweg völlig umkrempelten: Vom Arbeitsplatz über die Wohnung, das Schulsystem und die Verwaltung bis hin zu den neuen Freiheiten und Unsicherheiten, die die D-Mark mit sich brachte. Hatten sich die Ostdeutschen im Herbst und Winter 1989 als selbstbewusste Akteure der friedlichen Revolution gefühlt, so richteten viele von ihnen spätestens seit den Wahlen im März 1990 ihre Erwartungen vor allem auf die Politiker und Investoren aus dem Westen.

Auf die von der Mehrheit der Menschen durchaus gewünschte Vereinigung nach Artikel 23 des Grundgesetzes folgte eine für viele nicht vorhersehbare Lawine von Veränderungen. Viele Ostdeutsche sahen sich plötzlich in der Rolle von Verlierern im Systemwettbewerb und meinten, sich für ihr bisheriges Leben in der DDR erklären und rechtfertigen zu müssen. Im Gegenzug stellte sich bei Bürgern der alten Bundesrepublik, selbst wenn sie bis dahin kritisch mit ihrem Staat umgegangen waren, eine Art retrospektive Loyalität und Zufriedenheit mit den eigenen Lebensleistungen ein.

Es verwundert nicht, dass diese Asymmetrie von Veränderungserfahrungen und Selbstbewertungen deutlich unterschiedliche Perspektiven auf die DDR-Vergangenheit zur Folge hat. Eine Umfrage des Allensbach-Instituts zeigt, dass sich die Deutschen in Ost und West am Vorabend der Vereinigung noch weitgehend einig waren in der Verurteilung des SED-Regimes als willkürlich, undemokratisch und wirtschaftlich bankrott. Doch das Bild änderte sich schon bald. Während die Westdeutschen in den folgenden Jahren an ihrer negativen Bewertung im Großen und Ganzen festhielten, habe eine wachsende Zahl von Ostdeutschen begonnen, die DDR in immer milderem Licht zu sehen, kommentiert das Autorenduo Monika Schröder-Deutz und Klaus Schröder in der Publikation "Soziales Paradies oder Stasi-Staat" die Ergebnisse der demoskopischen Untersuchungen: Noch im Vereinigungsjahr 1990 hätten knapp drei Viertel der Ostdeutschen die Verhältnisse in der DDR als unerträglich bewertet. "Nach der Jahrtausendwende jedoch hat sich die Gruppe der Kritiker des SED-Staates nahezu halbiert und die Gruppe der mehr oder weniger mit dem damaligen Leben Zufriedenen verdoppelt". Allerdings zeigt ein genauer Blick auf die zitierten Umfragen, welche Probleme sich durch zu stark vereinfachte und standardisierte Fragestellungen ergeben können und wie vielschichtig und unterschiedlich interpretierbar die Ergebnisse letztlich sind. Beispielsweise stimmten der Feststellung "Die SED hat uns alle betrogen" im Jahr 1992 70 Prozent der Befragten zu, 2001 waren es nur 40 Prozent, 2004 noch 39 Prozent. Diese Zahlen lassen aber nicht zwangsläufig die Schlussfolgerung zu, dass die übrigen Befragten, durchweg unkritischer gegenüber der SED-Politik geworden sind. Das Ergebnis kann auch bedeuten, dass bei einem Teil von ihnen ein solches holzschnittartiges Erklärungsmuster einfach nicht mehr greift: Vielleicht weil das Wissen über die Vergangenheit größer geworden ist oder aber das komplexere Bild von Vergangenheit in einem solchen Satz nicht aufgeht. Eine andere, in der Allensbach-Umfrage angebotene Aussage lautete Am Anfang hat die SED so viele schwierige Probleme bewältigt, dass man ihr danach zunächst vertraut hat Im Jahr 1992 stimmten 44 Prozent der Befragten dem zu, 2001 waren es nur noch 31 Prozent, 2004 noch 28. Auch daraus ergibt sich keinesweg eindeutig eine Tendenz zur Verklärung der Diktatur. Dieser zweite Satz weist uns zudem auf ein weiteres Defizit vieler quantitativer Umfragen hin. So aufschlussreich sie für Momentaufnahmen zu gerade aktuellen Problemen auch sein mögen, sie stoßen häufig an ihre Grenzen, wenn es darum geht, historische Entwicklungsprozesse zu erfassen. Richard Schröder, Theologe und 1989 Mitbegründer der SDP in der DDR, machte in einem ZEIT-Artikel im Juni 2006, darauf aufmerksam, dass die DDR-Diktatur in den vierzig Jahren ihres Bestehens keineswegs immer gleich blieb: "Wir Älteren jedenfalls mussten sagen: Es war schon einmal schlimmer, nämlich unter Stalin und Ulbricht. Die wilden Verhaftungen und Haft ohne Gerichtsurteil gab es unter Honecker kaum noch (...)".



 

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