Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

15.4.2009 | Von:
Stefan Wolle

Sich dumm zu stellen, war eine Form von Opposition

Interview mit dem Geschichtswissenschaftler Stefan Wolle

Warum war die DDR schon 1953 am Ende? Und warum hatten es Stasi-Männer schwer, eine Freundin zu finden? Der Geschichtswissenschaftler Stefan Wolle im Interview.

ORIGINAL-BU: Jazz im Weinkeller Augusts des Starken - Auch "Staatsgeschäfte und ernste Dinge" nicht untersagt - ADN-ZB Häßler 26.11.1981 Die Dresdner Interessengemeinschaft Jazz im Kulturbund der DDR schuf sich in den Kellergewölben des am 13. Februar 1945 völlig zerstörten Kurländer Palais, das für den Wiederaufbau vorgesehen ist, mit dem Klub "Die Tonne" eine feste Bleibe.Zuerst verpönt, später als Musik der unterdrückten Schwarzen geduldet: Jazzmusik in der DDR. (© Bundesarchiv, Bild 183-Z1126-300, Foto: Ulrich Häßler)

Herr Wolle, war es nicht vielleicht eine gute Idee, nach dem Zweiten Weltkrieg mit den Ungleichheiten des Kapitalismus aufzuräumen und nach dem Faschismus mit der DDR eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen?

Eigentlich schon. Viele kamen ja aus dem Krieg zurück und stellten die Schuldfrage. Und da gab es weit über die Kreise der Kommunisten hinaus die Überzeugung, dass die Monopolkapitalisten, die Konzernherren und Junker, die Hitler 1933 in den Sattel gehoben haben, für das Desaster verantwortlich waren. Weil sie den Krieg gewollt hatten, um daran zu verdienen. Man sah also den Faschismus als die radikalste Ausprägung des Kapitalismus und hatte schon in weiten Kreisen der Gesellschaft den Willen, damit Schluss zu machen. Die neue Gesellschaft sollte sozialistisch sein – die Frage war nur, ob nach dem Vorbild der Sowjetunion.

Wurde diese Frage von der Besatzungsmacht beantwortet?

Ja, die Sowjetunion schuf schnell Fakten, die einen humaneren Sozialismus verhindert haben. Als eine der ersten Maßnahmen wurde die Bodenreform durchgezogen – also die Enteignung von Bauern mit mehr als 100 Hektar Land. 1946 kam es dann zur Zwangsvereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten, nach der die SED [Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, Amn. d. Red.] das Heft fest in der Hand hatte. Sozialdemokraten, die dagegen protestierten, wurden in die Sowjetunion verschleppt und in den Gulag gebracht. (Gulag ist der Begriff für die Hauptverwaltung der Besserungsarbeitslager und gleichzeitig das Synonym für ein umfassendes Repressionssystem in der Sowjetunion, bestehend aus Zwangsarbeitslagern, Straflagern, Gefängnissen und Verbannungsorten. [Amn. d. Red.])


War es da schon vorbei mit der besseren, gerechteren Gesellschaft?

Es gab ja auch gleich wirtschaftliche Schwierigkeiten. Viele Vertriebene, etwa aus Schlesien, konnten mit dem ihnen zugeteilten Land nichts anfangen. Die waren gar nicht mit den Techniken der modernen Landwirtschaft vertraut. Die größte Hypothek waren aber die Demontagen durch die Sowjetunion. Die Siegermächte hatten das Recht, Industrieanlagen abzubauen, um sich für die Kosten des Krieges entschädigen zu lassen. Und das hat die Sowjetunion im Gegensatz zu den Alliierten im Westen im großen Stil gemacht.

War nicht eh immer an allen Problemen der "Klassenfeind" schuld?

Das war natürlich ein nützliches Konstrukt. Man hat immer gesagt, dass das alles nur Anfangsschwierigkeiten sind, bald komme der wahre Sozialismus. Wenn der Westen nicht mehr reinfunkt und keine Agenten mehr schickt, um die Kühe zu vergiften.

Reine Propaganda? Oder war da auch etwas Wahres dran, schließlich hat der Westen massiv die Arbeiter abgeworben?

Das war ja gar nicht vonnöten, die strömten ja von allein in den Westen, als dort das Wirtschaftswunder begann.

Wurden sie auch durch die zunehmende Unfreiheit aus dem Land getrieben?

Nach der Gründung der DDR hat sich der Kurs zunehmend verschärft – so bis Juli 1952: die Kollektivierung, der Kampf gegen die Kirche, die Remilitarisierung der Gesellschaft, der wachsende Stalin-Kult. Erst nach Stalins Tod wurde diese ständige Verschärfung abgebremst und eine Politik des neuen Kurses verkündet. Das empfanden aber die meisten schon nicht mehr als Liberalisierung, sondern als den Anfang vom Ende der Regierung. Deswegen war ja auch der Protest am 17. Juni 1953 so massiv.

Kann man sagen, dass die Entfremdung der Menschen vom Staat einerseits und die Entfernung der Führung von der Realität andererseits schon 1953 so weit waren, dass das große Experiment gescheitert war?

Das kann man so sehen. Die ganze Geschichte der DDR war ja dadurch gekennzeichnet, dass es immer wieder Ansätze zu neuen Kursen gab, die dann wieder abgebremst wurden. Das war eine ständige Pendelbewegung zwischen Neuaufbruch und Zeiten der Repression, und diese Pendelbewegung erklärt auch, warum noch bis 1989 so viele Menschen dem System die Treue hielten und daran glaubten, dass die DDR letztlich doch die antifaschistische Alternative zur kapitalistischen BRD und auf lange Sicht der bessere Staat sei. Viele Kritiker der DDR haben ja das System nicht abschaffen, sondern verbessern wollen. Dem Sozialismus gehöre die Zukunft, hieß es, er müsse nur demokratisch erneuert werden. Wirtschaftlich effizienter und humaner sein.

In der benachbarten Tschechoslowakei wurde das im Prager Frühling 1968 sogar Regierungsprogramm.

Dort hat sich die Führung vom Steinzeitsozialismus der Sowjets abgewandt. Und dann kamen deren Panzerdivisionen und machten alles zunichte.

Warum ist die Führung in der DDR mit dem politischen Idealismus der Menschen so fahrlässig umgegangen? So haben Sie den Jungen das Rock 'n' Roll-Tanzen verboten, obwohl diese Jungen ja durchaus am neuen Staat mitarbeiten wollten.

Die Leute im Politbüro haben immer gesagt: Es ist noch nicht so weit. Wenn der Klassenfeind erst einmal einen Fuß in der Tür hat – und sei es durch seine Musik – ist er nicht mehr aufzuhalten. Das Schlimme ist ja, dass selbst die Intellektuellen, die sich für das Land eingesetzt haben, ständig vor den Kopf gestoßen wurden. Wolf Biermann war zum Beispiel ein überzeugter Kommunist, vom Marxismus tief geprägt und von der DDR als dem besseren deutschen Staat überzeugt. Dennoch wurde er 1976 ausgewiesen.

Hat die Unfreiheit nicht vor allem die Jugend zur Verzweiflung gebracht?

Es gab ja schon 1948 den Kampf gegen die Jazzmusik. Da wurde gesagt, das sei ein Ausdruck amerikanischer Unkultur. Plötzlich war Jazz aber die Musik der unterdrückten Schwarzen – dann wurde das geduldet. Später kam das Theater mit dem Rock'n'Roll. Da wurde gesagt, es sei unmoralisch, so mit der Hüfte zu wackeln und dass Deutsche nicht so tanzen. Und dann gab es 1963 die Beatles, die erst als Unkultur beschimpft wurden. Dann schrieben die Zeitungen, das seien Arbeiterjungs aus Liverpool, die gegen den Kapitalismus anspielten. Im Dezember 1965 erklärte schließlich Ulbricht, dass man nicht jeden Dreck aus dem Westen anhören müsse, und das "Yeah, yeah, yeah" der Beatles schon mal gar nicht. So ging das immer hin und her.

Warum war das Politbüro so kurzsichtig? Eltern wissen doch, dass die Kinder abhauen, wenn man ihnen alles verbietet.

Die Marxisten hatten halt die Weisheit mit den Löffeln gefressen, schlimmer als der Papst. Die Partei hat immer recht. Die Diktatur ist nun mal so gestrickt, dass sie niemals unrecht haben kann. Wenn sie einmal sagt, dass sie sich geirrt hat, ist das schon ein Teil Selbstaufgabe.

Konnte man angesichts des Mauerbaus 1961, der Mangelwirtschaft und der Spitzelei in so einem Leben überhaupt zufrieden sein?

Ja, konnte man. Aber man ist dabei verblödet. Das ging auch nur in bestimmten Berufen – als Schlosser zum Beispiel oder als Klempner, die als Handwerker in der Mangelwirtschaft natürlich Vorteile hatten, weil sie improvisieren konnten. Die konnten es sich leisten, sich nicht für Politik zu interessieren.


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