Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

15.4.2009 | Von:
Oliver Gehrs

Die Stille nach dem Schuss

Mehr als 1000 Menschen starben bei ihrem Fluchtversuch aus der DDR – mindestens 136 allein an der Berliner Mauer. Im allgemeinen Vereinigungsrausch fehlte oft der Platz für das Gedenken an die Maueropfer. Erst jetzt wird das Drama vieler Schicksale deutlich.

Besucher stehen am 18. Tag der Deutschen Einheit, Freitag, 3. Oktober 2008, an der thueringisch-bayrischen Grenze in Moedlareuth neben einem Beobachtungsturm im Deutsch-Deutschen Museum. Das unter dem Namen "Klein Berlin" bekannte Dorf war bis 1989 durch eine Betonmauer getrennt und stand symbolisch fuer die Teilung von Ost- und Westdeutschland.Beobachtungsturm im Deutsch-Deutschen Museum in Mödlareuth. (© AP)

Vielleicht ist man mit 18 einfach sorgloser. Vielleicht hat Marinetta Jirkowski an diesem Novembertag im Jahr 1980 gedacht, dass die Grenze gar nicht so unüberwindbar aussieht, ja, dass man in einem günstigen Moment schnell drüberklettern kann. Versteckt im Gebüsch hatte sie zusammen mit zwei Freunden über Stunden die Grenzer beobachtet, die am Todesstreifen patroullierten und sich dann entschieden, über die Mauer zu klettern. Vielleicht hat sie auch nur mitgemacht, um ihre Freunde nicht allein zu lassen und vor allem: um nicht selbst allein zu bleiben – in einem Land, in dem sie alle nicht mehr leben wollten. Man kann Marinetta nicht mehr danach fragen: Sie wurde in dieser Nacht, keine drei Monate nach ihrem 18. Geburtstag erschossen.

Ihr Freund hielt ihre Hand, da traf sie der Schuss



Gemeinsam mit ihrem Verlobten Peter W. und dem gemeinsamen Freund Falko V. ist sie um halb vier in der Nacht mithilfe einer Leiter bereits über die Hinterlandmauer geklettert und anschließend über den 2 Meter 50 hohen Signalzaun, an dem sie jedoch Alarm auslöst. An der zweiten, 3 Meter 50 hohen Mauer, sackt die Leiter tief in den morastigen Boden ein. Dennoch gelingt es den jungen Männern, die Mauerkrone zu erreichen. Peter W. versucht seine Verlobte hochzuziehen, als sie von den Grenzposten unter Beschuss genommen werden. Ihre Hand gleitet aus der ihres Freundes, einen Moment später fällt sie mit einem Bauchdurchschuss von der Leiter. Peter W. lässt sich auf die Westseite fallen, während Marinetta von den Soldaten geborgen und erstversorgt wird. Doch es ist zu spät – um 11 Uhr 30 des nächsten Tages stirbt sie im nahe gelegenen Kreiskrankenhaus Hennigsdorf. Marinetta Jirkowskis Ende könnte aus einem Hollywoodfilm stammen – so dramatisch waren die Ereignisse am 22. November 1980, gleichwohl war das Schicksal der Textilfabrikarbeiterin nur eins unter vielen. Auf mehr als tausend schätzt man die Zahl der Menschen, die an den Außengrenzen der DDR bei Fluchtversuchen umkamen, 136 sollen es allein an der Berliner Mauer gewesen sein. Die meisten von ihnen waren jung und träumten von einem Leben in Freiheit. Für diesen Traum schwammen sie durch die Ostsee oder die Spree, sie bauten sich U-Boote und Heißluftballone, sie buddelten Tunnel, brachen mit Autos durch die Schlagbäume oder versuchten in einem unbeobachteten Moment die Mauer zu überwinden. Vielen gelang tatsächlich die Flucht in den Westen, andere starben durch Schüsse oder sie ertranken erschöpft im deutsch-deutschen Niemandsland. Das Kapitel der Maueropfer ist die traurigste Hinterlassenschaft eines Landes, das sich seit 1961 nicht anders gegen den Wegzug seiner Bewohner zu wehren wusste, als mit dem Bau von Todesstreifen, Zäunen und Mauern. Gab es anfangs in Teilen der Bevölkerung sogar noch Verständnis für diese Maßnahme, die die DDR vor dem frühen Ende bewahren sollte, wurde ihnen und der ganzen Welt das Ausmaß der Menschenrechtsverletzung spätestens mit dem Tod des 18-jährigen Peter Fechter bewusst, der am 17. August 1962 eine Stunde lang angeschossen im Grenzstreifen lag und verblutete, weil weder aus dem Osten noch aus dem Westen Hilfe kam.

Am 17. August 1962 wurde Peter Fechner auf seiner Flucht in den Westen von ostdeutschen Grenzbeamten niedergeschossen. Er lag rund 50 Minuten auf dem Grenzstreifen bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde wo er seinen Verletzungen erlag.Am 17. August 1962 wurde Peter Fechner auf seiner Flucht in den Westen von ostdeutschen Grenzbeamten niedergeschossen. Er lag rund 50 Minuten auf dem Grenzstreifen bevor er ins Krankenhaus gebracht wurde wo er seinen Verletzungen erlag. (© AP)

Nach der Maueröffnung hieß es: Die Todesschützen hätten nur auf Befehl gehandelt

Und dennoch ist für das Gedenken an die Maueropfer nach der Wende wenig Raum. Im allgemeinen Vereinigungsrausch fehlt Platz für die Trauer, die Menschen wollen nicht so gern an das Unrecht erinnert werden, sondern erst einmal die neue Freiheit genießen. Später kommen die ersten Rufe nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit dazu, dann wieder überlagern die wirtschaftlichen Probleme die Erinnerung an die Gewaltherrschaft. Für die Trauer der Angehörigen gibt es keinen Halt, die meisten Holzkreuze zur Erinnerung werden privat errichtet. Erst als Anfang der 90er die ersten Prozesse gegen die Mauerschützen geführt werden, die zu DDR-Zeiten sogar Auszeichnungen für die Morde an der Grenze bekamen, regt sich bei vielen die Hoffnung, dass der Tod ihrer Familienmitglieder oder Freunde doch noch gesühnt werden könnte. Doch die wird schnell enttäuscht. Mit dem Urteil gegen die Beteiligten am Tod des vorletzten Maueropfers Chris Gueffroy, der noch im Februar 1989 mit 20 Jahren erschossen wurde, wird so etwas wie ein Präzedenzfall geschaffen: Das Gericht spricht drei der vier Tatbeteiligten frei, einer bekommt zwei Jahre Haft auf Bewährung. Begründung: Die schießenden Grenzer hätten auf Anordnung von oben gehandelt.


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