Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.
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Der Mauer um die Wette gedenken


10.1.2012
Historische Stätten haben und machen in Deutschland Konjunktur, wobei der Anteil privater Angebote steigt. Die Vorgänge am Checkpoint Charlie belegen die Entstehung einer Heritage-Industrie.

Touristen vor dem Mauermuseum am Checkpoint Charlie.Touristen vor dem Mauermuseum am Checkpoint Charlie. (© AP)

Einleitung



In Deutschland vollzieht sich seit einigen Jahren ein regelrechter Geschichtsboom: Städte reinszenieren und rekonstruieren aufwändig (wie Frankfurt am Main) ihre versunkenen Altstadtviertel oder bauen (wie Potsdam) ihre zerstörten Stadtschlösser wieder auf. Jeden zweiten Tag eröffnet ein neues Museum, wobei der Anteil privater Museen ständig steigt. Fast jeder Mensch ist wohl schon einmal über einen Mittelaltermarkt geschlendert, und viele mögen zudem einen der zahlreichen Histotainment-Parks besucht haben, in denen immer Mittelalter oder Römerzeit ist. Auch die jüngere Geschichte erfreut sich immer größerer Beliebtheit: An der Berliner Museumsinsel bietet ein privates DDR-Museum die "DDR zum Anfassen" an, und wer von Trabis und FKK genug hat, kann sich ein paar Straßenzüge weiter in der Stasi-Kneipe "Zur Firma" stärken.

Schon dieser kurze Aufriss zeigt, dass sich um das historische Erbe, um "Heritage", inzwischen eine erlebnisorientierte Heritage-Industrie rankt. Von ihr profitieren nicht nur kommunale, nationale und internationale öffentliche, sondern in zunehmendem Maße auch unterschiedlichste private Akteurinnen und Akteure. Historische Stoffe, begriffen als ein für die Gegenwart relevantes und daher erhaltenswertes Erbe, haben und machen in Deutschland Konjunktur.

Bis vor kurzem dominierte hierzulande eine fachwissenschaftlich geprägte Form der Vergangenheitsbetrachtung, die das materielle historische Objekt, das durch Vitrinen geschützte "Original", und eine quellenbasierte, textzentrierte Vermittlung historischer "Fakten" in ihr Zentrum stellte. Der amerikanische Geograph David Lowenthal hat diese westeuropäisch-modern geprägte Form der Vergangenheitsbetrachtung als "History" bezeichnet.[1] Seit dem Umbruch zu "Heritage" als neuer dominanter Vergangenheitsbetrachtungsform aber werden historische Stoffe, oft unter Zuhilfenahme von Rekonstruktionen und Mitmachangeboten, von einem sich immer weiter auffächernden Anbieterspektrum zunehmend als personalisierte, erlebnis- und emotionsorientierte, sich mit dem Alltag der Menschen eng verknüpfende, sinnstiftende Narrationen von der Vergangenheit präsentiert.

Dem Heritage-Boom steht eine große Zögerlichkeit der deutschen Politik und Wissenschaft gegenüber, sich mit den neuen, hierzulande oft vorschnell als "kommerziell", "populistisch" oder "disneyhaft" verpönten, touristisch jedoch enorm erfolgreichen, erlebnisorientierten Geschichtsvermittlungsangeboten zu beschäftigen.[2] Wie wichtig eine solche Auseinandersetzung allerdings wäre, da es in Deutschland längst zu einer "marktförmigen Strukturierung der Erinnerungskulturen"[3] gekommen ist, illustriert besonders eindrucksvoll das Beispiel des seit dem Fall der Mauer heftig als Erinnerungsort umkämpften Checkpoint Charlie.

Vom Checkpoint zum Scheckpoint



Der Checkpoint Charlie wurde im September 1961 von den in Berlin stationierten britischen, französischen und amerikanischen Truppen eröffnet. Er war für den innerberliner Grenzverkehr von Diplomatinnen und Diplomaten, Mitgliedern der Alliierten Streitkräfte und ausländischen Touristinnen und Touristen reserviert. Allerdings wurden nur letztere am Checkpoint Charlie kontrolliert, da Diplomaten sowie Mitarbeiter der Alliierten Streitkräfte in Berlin Freizügigkeit genossen.

Bis zum Fall der Mauer entwickelte sich der Checkpoint Charlie zum berühmtesten Grenzübergang der Stadt. Bereits im Oktober 1961 wurde er fast zum Schauplatz einer "heißen" Konfrontation im Kalten Krieg, als sich hier amerikanische und sowjetische Panzer mit laufenden Motoren gefechtsbereit gegenüberstanden. Ein Jahr später verblutete der 18-jährige Peter Fechter in der Nähe des Checkpoint Charlie bei einem gescheiterten Fluchtversuch. Zugleich konnte es der Kontrollpunkt wegen mehr als 1200 geglückter Fluchten zur Berühmtheit bringen, denn viele DDR-Bürgerinnen und -bürger nutzten seinen Sonderstatus, um den Grenzübergang, als Diplomaten oder Soldaten verkleidet, unkontrolliert zu passieren. 1963 eröffnete auf der westlichen Seite des Kontrollpunkts das Museum Haus am Checkpoint Charlie seine Türen. Es dokumentierte die Geschichte der Mauer sowie Fluchtschicksale und entwickelte sich innerhalb kürzester Zeit zu einem der meistbesuchten Museen West-Berlins. Nicht zuletzt war der Checkpoint Charlie auch deshalb international bekannt, weil er für ausländische Touristinnen und Touristen das Nadelöhr für ihre Einreise nach Ost-Berlin darstellte.

Mit dem Fall der Mauer wurde der Kontrollpunkt über Nacht obsolet. Bereits im Juni 1990 wurden die Grenzanlagen abgetragen; das plötzlich in der neuen Mitte der bald wiedervereinigten Stadt gelegene Gelände wurde zu einem attraktiven Anlageprojekt. Als Bewerberin trat die Central European Development Corporation (CEDC) auf, eine auf Immobilienprojekte in Osteuropa spezialisierte internationale Investmentgesellschaft, die am Checkpoint Charlie ein American Business Center errichten wollte. Bereits im Oktober 1991 wurde der Grundstein gelegt. Doch geriet die Investorin aufgrund des Überangebots von Büroflächen in Berlin bald in finanzielle Nöte. Als die CEDC im Jahr 2003 in die Insolvenz und der Checkpoint Charlie in den Besitz einer Bankaktiengesellschaft überging, waren nur drei der geplanten fünf Gebäude errichtet worden.

Angesichts der verbliebenen Brachen und der steigenden touristischen Nachfrage nach Zeugnissen der Berliner Teilungsgeschichte versuchten in den folgenden Jahren unterschiedliche Anbieter, den demontierten früheren Grenzübergang in den Stand des Erinnerungswürdigen zu erheben. Diese Versuche werden im Folgenden vorgestellt. Dabei wird gezeigt, dass der Checkpoint Charlie, international betrachtet, als typische Heritage-Industriestätte gelten kann. Dies belegt ein kurzer Exkurs zu einer ihrer Pioniereinrichtungen, der Plimoth Plantation an der Ostküste der USA. In der Nähe des heutigen Plymouth war einst die "Mayflower" angelandet.

Checkpoint Charlie als typische Heritage-Stätte



Bereits im 18. Jahrhundert war in Plymouth die Stelle, an der 1620 die erste Pilgerin ihren Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hatte, mit einer Gravur versehen worden (siehe die Abbildung 1 der PDF-Version). Der so markierte Plymouth Rock wurde 1920 mit einem kunstvoll gestalteten Portikus überbaut, der den Fels weithin sichtbar machen sollte. Um auch die Lebenswelt der Pilgerinnen und Pilger anschaulich werden zu lassen, wurde in den 1940er Jahren ganz in der Nähe die Plimoth Plantation eröffnet. Sie bestand aus einem Museum, das Fundstücke der Ausgrabungsstätte des alten Pilgerdorfs präsentierte, und Plimoth Village, einer Rekonstruktion des Dorfes, das mit epochengerecht kostümierten Schauspielerinnen und Schauspielern belebt war. Diese sollten den Besucherinnen und Besuchern vergangene Lebensweisen in Form kleiner Szenen näher bringen und zur Interaktion mit der Stätte auffordern. Die amerikanische Anthropologin Barbara Kirshenblatt-Gimblett hat den Mehrwert einer solchen Verknüpfung von topographisch genau markierten historischen Schauplätzen und künstlerischen Symbolen ("exhibition as knowledge") mit museal präsentierten Originalen und räumlichen Rekonstruktionen ("exhibition as museum display") sowie der Aufführung von Kultur als Heritage ("exhibition as performance"[4] ) wie folgt erklärt: "The 'actual' must be exhibited alongside the 'virtual' in a show of truth."[5]

Die hier vorgestellte Kombination ähnelt der am Checkpoint Charlie aufzufindenden auf frappierende Weise. Wie am Plymouth Rock findet sich am Checkpoint Charlie mit einer im Auftrag des Berliner Senats 1997 im Asphalt verlegten Doppelpflastersteinreihe eine topographisch genaue Markierung des ehemaligen Mauerverlaufs, also des "Themas", das für die internationale Bekanntheit des Ortes sorgte (siehe die Abbildung 2 der PDF-Version).

Eine im Jahr darauf eingeweihte Leuchtkasteninstallation mit den Porträts eines amerikanischen und eines sowjetischen Soldaten zeugt, wie der Portikus in Plymouth, vom Wunsch des Senats, die Mauermarkierung auf Höhe des früheren Grenzübergangs mit einem weithin erkennbaren zeitgenössischen Symbol anzureichern. Das bereits erwähnte Museum Haus am Checkpoint Charlie stiftete dem ehemaligen Kontrollpunkt im Jahr 2000 eine Rekonstruktion der 1990 demontierten Kontrollbaracke. Zusammen mit einer Kopie des mittlerweile im Museum ausgestellten berühmten Schildes "You are leaving the American Sector" dient sie, wie in Plymouth das rekonstruierte Plimoth Village, dazu, den früheren Grenzübergang auch räumlich erneut erlebbar zu machen (siehe die Abbildungen 3 und 4 der PDF-Version).

Seit 2004 finden sich am früheren Checkpoint Charlie zudem täglich als Grenzsoldaten kostümierte Schauspielstudierende ein, die vor der Kontrollbarackenkopie posieren und sich gegen Bezahlung mit Touristinnen und Touristen fotografieren lassen, Original-Grenzstempel in Pässe drücken oder auch "Bananenkontrollen" in Kofferräumen durchführen. Diese Aktion lässt sich als Versuch interpretieren, den bisher durch rekonstruierte Artefakte gekennzeichneten ehemaligen Grenzübergang anhand kleinerer Szenen und Interaktionen um die Erfahrung der sozialen Dimension der Berliner Teilungsgeschichte zu bereichern.

Die Initiativen des Senats ("exhibition as knowledge"), des Museum Haus am Checkpoint Charlie ("exhibition as museum display") und der Schauspielstudierenden ("exhibition as performance"[6] ) lassen sich also als Angebote verstehen, deren Zusammenspiel Heritage-Stätten weltweit charakterisiert.


Fußnoten

1.
David Lowenthal, "History" und "Heritage". Widerstreitende und konvergente Formen der Vergangenheitsbetrachtung, in: Rosemarie Beier (Hrsg.), Geschichtskultur in der Zweiten Moderne, Frankfurt/M. 2000, S. 71-94.
2.
Für einen strukturierten Überblick über die Stationen der im angloamerikanischen Raum lebhaft geführten Heritage-Debatte vgl. Sybille Frank, Der Mauer um die Wette gedenken. Die Formation einer Heritage-Industrie am Berliner Checkpoint Charlie, Frankfurt/M.-New York 2009, S. 25-149.
3.
Claus Leggewie/Erik Meyer, Visualisierung und Virtualisierung von Erinnerung. Geschichtspolitik in der medialen Erlebnisgesellschaft, in: zeitenblicke, 3 (2004) 1, online: www.zeitenblicke.de/2004/01/leggwie/
Leggewie.pdf (24.6.2011).
4.
Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Destination Culture. Tourism, Museums, and Heritage, Berkeley-Los Angeles-London 1998, S. 149.
5.
Ebd., S. 195.
6.
Ebd.

 

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