Denkmal für die Berliner Mauer
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Der Beitrag der Bürger auf dem Weg zur Einheit


30.3.2010
Montagsdemos, Massenflucht, Botschaftsbesetzung: Während die Weltpolitik die Einheit Deutschlands noch verhandelte, stimmten die Menschen in der DDR darüber mit den Füßen ab.
Oktober 1989: Tausende DDR-Flüchtlinge warten vor der westdeutschen Botschaft in Prag auf Züge, die sie in die BRD bringen sollen.Oktober 1989: Tausende DDR-Flüchtlinge warten vor der westdeutschen Botschaft in Prag auf Züge, die sie in die BRD bringen sollen. (© AP)

Aufbruch aus privatisierter Systemverdrossenheit



Ab Mitte der 80er Jahre befand sich der DDR-Staat innenpolitisch in einem Dilemma: Die Staatsführung lehnte den von Gorbatschow eingeleiteten sowjetischen Reformkurs ab und propagierte stattdessen einen "Sozialismus in den Farben der DDR". Die oppositionellen Gruppierungen im Land jedoch beriefen sich bei ihren Forderungen auf das Vorbild der Sowjetunion und konnten so – unter der Flagge des "großen Bruders" – Kritik an der politischen Stagnation des SED-Staates üben.

Auch in weiten Teilen der DDR-Bevölkerung, die nicht Oppositionsgruppen angehörten, machten sich in den 80er Jahren eine im Stillen schwelende Unzufriedenheit, Resignation und Passivität breit. Es gärte, weil die wahrgenommenen reformorientierten Veränderungen in den benachbarten mittel- und osteuropäischen Staaten mit der eigenen Lage verglichen wurden, die von einer sich verschlechternden Versorgung mit Konsumgütern und politischem Stillstand geprägt war (Fricke 1992: 61f.). Die fortwährende politische Entmündigung und gesellschaftliche Gängelung führten dazu, dass innerhalb der DDR-Bevölkerung die "fundamentale Entfremdung" (Jarausch 1995: 46) vom Staat und Neigungen zu einem Rückzug ins Private noch ausgeprägter wurden.

Die Systemverdrossenheit wurde mithin weitgehend privatisiert. Dies erklärt unter anderem, weshalb es in der DDR bis zum Jahr 1989 keine massenbasierte Oppositionsbewegung gab. Vielmehr entwickelte sich zunächst nur eine kleine politische Dissidentenbewegung, die vornehmlich den Umwelt- und Friedenskreisen entstammte und sich häufig im Schutz der evangelischen Kirchen (ver)sammelte (vgl. Wolle 1998: 254f., Meuschel 1992: 314f.). Drei zentrale Vorgänge waren dann jedoch der Auslöser dafür, dass sich – unter dem Schirm der außenpolitischen Entwicklungen – im Herbst 1989 eine massenhafte Opposition formierte, welche die DDR zusammenbrechen ließ. Zu diesen auslösenden Momenten gehören erstens die Ende der 80er Jahre einsetzenden Massenfluchten und Botschaftsbesetzungen in Warschau, Budapest und Prag, zweitens die im Laufe des Jahres 1989 zunehmenden Proteste in der DDR gegen die Fälschung der Kommunalwahlen vom Mai des gleichen Jahres sowie drittens die Gründung des "Neuen Forums", der ersten dezidiert politischen oppositionellen Gruppierung, die viele DDR-Bürger für einen politischen Umbruch mobilisierte.

"Abstimmung mit den Füßen" – Massenflucht und Botschaftsbesetzungen



Oktober 1989: Hunderte Bürger in Hof begrüßen die Flüchtlinge, die über Prag in die BRD geflohen sind.Oktober 1989: Hunderte Bürger in Hof begrüßen die Flüchtlinge, die über Prag in die BRD geflohen sind. (© AP)
Während viele Mitglieder der oppositionellen Bürgerbewegungen ab Mitte der 80er Jahre dafür eintraten, in der DDR zu bleiben und diese von innen heraus politisch umzugestalten, war dies für viele andere Menschen keine Alternative. Für die in den 80er Jahren wachsende Sehnsucht vieler Bürger, vom "Inselland" (Wolf Biermann) DDR in die Bundesrepublik überzusiedeln, spricht die stetig steigende Anzahl an Ausreiseanträgen, obwohl bereits die Antragstellung häufig staatliche Schikanen gegen die Ausreisewilligen zur Folge hatte (Wolle 1998: 286). So verfünffachte sich die Zahl der Ausreiseanträge von 24.900 auf 133.274 Fälle im Zeitraum von 1982 bis 1989 (vgl. Jarausch 1995: 34f.). Doch war dieser legale Weg nach Westdeutschland staatsbürokratisch erschwert und in den Erfolgsaussichten unwägbar. Deshalb versuchte besonders im Jahr 1989 eine wachsende Zahl von DDR–Bürgern, auf dem Umweg über benachbarte Bruderstaaten und durch Flucht in die Bundesrepublik nach Westdeutschland zu gelangen.

Die allgemeine Ausreisewelle wurde mit dem 10. September 1989 zu einer Massenfluchtbewegung. An diesem Tag ließen ungarische Grenzer ca. 7.000 DDR-Bürger die Grenze in Richtung Österreich passieren – die Öffnung des "Eisernen Vorhangs" hatte begonnen.

Auch die Bilder der besetzten und überfüllten bundesdeutschen Botschaften, insbesondere jener in Prag, gingen um die Welt. Über 8.000 DDR-Bürger verharrten über Wochen zusammengedrängt im Garten des Botschaftsgeländes in der tschechoslowakischen Hauptstadt und brachen in frenetischen Jubel aus, als der Außenminister der BRD, Hans-Dietrich Genscher, am 30. September 1989 abends die mit der DDR-Regierung ausgehandelte Ausreisegenehmigung bekanntgab.

Die historische Bedeutung der Flüchtlinge und Botschaftsbesetzer für die Wiedervereinigung Deutschlands wird bisweilen unterschätzt (vgl. Jesse 1992: 120). Manchen Beobachtern zufolge haben sie sich als "die eigentlichen Motoren aller gesellschaftlicher Veränderungen in der DDR" (Schneider zit. nach Thaysen 1990: 180) erwiesen und letztlich einer zügigen Wiedervereinigung vorgearbeitet. Tatsächlich kam es aufgrund der Ausreisewelle in der DDR einerseits zu zunehmenden Arbeitskräftemangel, was die Produktivität der Wirtschaft noch weiter senkte; andererseits wirkten die durch die DDR geführten, mit Ausreisewilligen gefüllten Züge, demoralisierend auf die verbliebenen Bürger – die sich nunmehr die Frage stellten, ob sie selbst weiterhin bleiben sollten.


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