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Langlebige regionale Disparitäten


30.3.2010
Die Systemdifferenz zwischen Ost und West entwickelte und verfestigte bestimmte Disparitäten. Aber: 20 Jahre nach der Einheit treten immer deutlicher regionale Unterschiede hervor, deren Entstehung sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.
Langlebige regionale Disparitäten.Langlebige regionale Disparitäten. (© Collage AP/bpb)


1. Regionale Ungleichheiten



Deutschland ist nicht überall gleich. Diese Tatsache spiegelt sich beispielsweise auch im Grundgesetz wider, das in Artikel 72 als einen dauernden Verfassungsauftrag für den Gesetzgeber formuliert, "gleichwertige Lebensverhältnisse" anzustreben.

Regionale Ungleichheiten (Disparitäten) in Deutschland sind Folge von Entwicklungen, die wir mit Zeithorizonten von langer, mittlerer und kurzer Dauer verbinden:
  • Entwicklungen von langer Dauer sind solche, die im Wesentlichen vor 1945 wirksam wurden;
  • Entwicklungen der mittleren Dauer beschreiben Prozesse, die in die Zeit der Gegensätze der Systeme und der deutschen Teilung zwischen 1945 bis 1990 fallen;
  • Entwicklungen von kurzer Dauer umschließen den Wandel nach der Wiedervereinigung.
Gegenwärtig stehen die Entwicklungen von kurzer Dauer ab 1990 im Blickfeld der allgemeinen Diskussion und der Fachöffentlichkeit. Zu wenig beachtet werden die Horizonte von langer und mittlerer Dauer. Deshalb wird im Folgenden auf statistische Daten seit dem 19. Jahrhundert aus acht Bundesländern (und deren historischen Vorläufern) zurückgegriffen. Je zwei dieser Länder stehen für den typischen nordostdeutschen, nordwestdeutschen, südostdeutschen und südwestdeutschen Sozial- und Wirtschaftsraum. Mit diesen Ländergruppen sind in Deutschland ungleich verlaufene Entwicklungen und regionale Disparitäten verbunden.
  • Nord/West: Niedersachsen, Schleswig-Holstein
  • Nord/Ost: Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern
  • Süd/West: Baden-Württemberg, Hessen
  • Süd/Ost: Sachsen, Thüringen
Langlebige regionale Disparitäten.Langlebige regionale Disparitäten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


2. Entwicklungen von langer Dauer (bis zum Zweiten Weltkrieg)



Die Entstehung regionaler Disparitäten lässt sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Aus dem Wirtschaftstyp der damals vorherrschenden Landwirtschaft erwuchsen bereits deutliche Unterschiede im sozialen Aufbau und in den Lebensformen zwischen Nordost- und Nordwest- sowie Südost- und Südwestdeutschland. Zu diesen Unterschieden gehören besondere Formen sozialer Ungleichheit, die sich in den vier Großregionen im jeweiligen Schichtungsmuster ausgeprägt haben.

Zu erkennen ist ferner: Je mehr wir uns vom Typus im Nordosten, wo historisch die Gutsherrschaft und landwirtschaftliche Großbetriebe vorherrschten, weg bewegen, desto geringer werden die strukturellen und mentalen Gegensätze zwischen sozialen Schichten, am deutlichsten als Folge eines breit gestreuten Kleinbesitzes im Südwesten. Und je verbreiteter der landwirtschaftliche Besitz war, desto höher sind die Anteile von Autonomie, d.h. die überlassenen Freiräume bei der Gestaltung des Tagwerks. Dieses ältere agrarhistorische Verteilungsmuster hat die spätere Entwicklung ab dem 19. Jahrhundert beeinflusst: Die südlichen Nebenerwerbsbetriebe sowie die klein- und mittelbäuerlichen Gebiete, z.B. in Baden, Hessen, Sachsen und Thüringen, setzten ein deutlich größeres Potential für gewerblich-industrielle Entwicklungen frei als die gutswirtschaftlich und großbäuerlich dominierten Gebiete in Norddeutschland, z.B. in Mecklenburg, Niedersachsen (Hannover), Pommern oder Schleswig-Holstein. Am Ende der Vorkriegsentwicklung von langer Dauer ist dieser regionale Unterschied deutlich erkennbar. Der Anteil der in Industrie und Gewerbe Beschäftigten schwankt in den vier südlichen Ländern zwischen 38,9 Prozent und 60,9 Prozent, in den vier nördlichen Ländern zwischen 22,5 Prozent und 33,5 Prozent (Tabelle "Berufs- und Gewerbestatistik in acht Gliedstaaten der Weimarer Republik").
Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts.Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


3. Entwicklungen von mittlerer Dauer (1945-1990)



Die beschriebenen regionalen Disparitäten lebten in der Zeit der Zweistaatlichkeit und der Konkurrenz zweier politischer und ökonomischer Systeme nach 1945 weiter fort. In Ostdeutschland wurden, wenngleich unter geändertem Systemvorzeichen, alte Strukturen der Gutswirtschaft in den nördlichen Bezirken der DDR konserviert. Und allgemein existierten die Produktionsformen der fordistischen, d.h. durch fließbandförmige Zerlegung der Produktion gekennzeichneten Industriegesellschaft weiter. Dies hatte einen hohen Beschäftigungsanteil der Landwirtschaft besonders im Norden zur Folge, höher als in den nördlichen Bundesländern im Westen.

Die sozialstatistischen Daten von 1991 (Tabelle "Erwerbstätige in der Landwirtschaft in je zwei Bundesländern Nordost- und Nordwestdeutschlands") zeigen für den Norden: 9,9 Prozent Erwerbstätigen in der Landwirtschaft in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern stehen 5,1 Prozent in Niedersachsen und Schleswig-Holstein gegenüber. Betrachten wir den Süden, so nehmen wir den größeren Anteil des Agrarsektors als einen Indikator dafür, dass Sachsen und Thüringen im Vergleich zum Süden in der alten Bundesrepublik wirtschaftlich zurückfielen. Hier zeigt ein Vergleich von 1991 (Tabelle "Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in je zwei Bundesländern Südost- und Südwestdeutschlands 1991"), dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Baden-Württemberg und Hessen – bei ähnlichem Ausgangsniveau vor 1945, und nach nicht einmal einem halben Jahrhundert – etwa drei Mal so groß ausfiel als in Sachsen und Thüringen.

In Westdeutschland hingegen vollzog sich, mit der ersten Strukturkrise in der Mitte der 1970er Jahre beginnend, ein Übergang zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft, der auf den Beschäftigungssektor, aber auch auf die Produktivität in der Landwirtschaft (z.B. Gentechnik) sowie im produzierenden Gewerbe (z.B. Automatisierungstechnik) zurückwirkte. Die unterschiedliche Entwicklung spiegelt sich noch deutlich in der Sozial- und Wirtschaftsstatistik zu Beginn der 1990er Jahre wider. Im Vergleich zu den Beschäftigtenzahlen stellen sich jedoch die Rückwirkungen wissenschaftsbasierter, kapitalintensiver Technik auf die Wertschöpfung (pro Erwerbstätigen) in allen drei Wirtschaftssektoren, wie die Tabelle "Beschäftigtenzahlen und Wertschöpfung" zeigt, fast schon dramatisch dar. Die beiden nordwestlichen Bundesländer übertreffen ihre nordöstlichen Nachbarländer in allen Bereichen um das zwei- bis dreifache, die südwestdeutschen ihre südostdeutschen Vergleichsländer sogar um das fast zwei- bis vierfache. Auch hinsichtlich der Arbeitsproduktivität zeigt sich (Tabelle "Arbeitsproduktivität ehemaliger DDR- Regionen"), dass der Abstand im sekundären, industriellen Sektor am größten ist und dass er im Süden größer ausfällt als im Norden. Aus diesen Daten ersehen wir eine Vernachlässigung der wirtschaftlichen Potentiale des Südens der DDR. Die politisch gewollte Besserstellung des Nordens führte deshalb dazu, dass die Entwicklung hier auf Kosten des Südens, von Sachsen und Thüringen, ging.


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