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Der entindustrialisierte Osten


30.3.2010
Die DDR war stark von ihrer Industrie geprägt. Nach 1990 brach diese Basis weg. Auch wenn es heute wieder einige Leuchtturm-Regionen gibt: Ostdeutschland ist immer noch weitestgehend entindustrialisiert.
1993: ABM-Schild vor dem Stahlwerk Maxhütte in Unterwellenborn.1993: ABM-Schild vor dem Stahlwerk Maxhütte in Unterwellenborn. (© Bundesregierung/Fassbender)

Fakten



Die Struktur der ostdeutschen Wirtschaft war zu Zeiten der DDR durch große industrielle Kombinate geprägt. Infolge des ökonomischen Umbruchs fehlen in Ostdeutschland große Industrieunternehmen, die ihre Produkte überregional absetzen, zugleich Arbeitsplätze vor Ort anbieten und so die Wirtschaftskraft der Regionen stärken könnten. Dieses Grundproblem eines entindustrialisierten Ostens ist bis heute ungelöst.

Das Ergebnis der ökonomischen Umgestaltung in Ostdeutschland nach 1990 war eine starke Entindustrialisierung. Diese Entwicklung zeichnete sich schon frühzeitig ab. Sozialwissenschaftler bezeichnen die Vorgänge, die mit der Entflechtung der Kombinate und der Privatisierung der Unternehmensteile verbunden waren, auch als eine "Verkleinbetrieblichung" der ostdeutschen Wirtschaftsstrukturen (Lutz/Grünert 1996). An diesem Zustand hat sich seitdem im Prinzip nichts verändert. Es dominieren insbesondere im verarbeitenden Gewerbe kleine Betriebe. Anders als beispielsweise in Bayern, das in den 1960er und 1970er Jahren ebenfalls einen "Strukturwandel der kleinen Form" vollzogen hat, ist damit in Ostdeutschland nicht eine erfolgreiche nachholende Industrialisierung verbunden, sondern eben eine krisenhafte Entindustrialisierung. Der Wirtschaftssoziologe Paul Windolf geht sogar soweit, dieses ostdeutsche Problem als bleibend anzusehen: "Innerhalb von zwei Jahren verlor Ostdeutschland fast die gesamte industrielle Basis, und es ist zweifelhaft, ob diese – unter den Bedingungen einer globalen Konkurrenz – jemals wieder aufgebaut werden kann." (Windolf 2001, S. 398)
Wirtschafts- und Strukturdaten für Ost- und Westdeutschland im Jahr 2006.Wirtschafts- und Strukturdaten für Ost- und Westdeutschland im Jahr 2006. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Ausgangslage und Entwicklung



Im Vergleich zu den alten Bundesländern entsprach die DDR 1988 in ihrer Beschäftigungsstruktur der Bundesrepublik von 1965. Industrielle Produktionssektoren insbesondere der Grundstoff- und Schwerindustrie hatten ein großes Gewicht. Ein wirtschaftlicher Strukturwandel in Richtung Dienstleistungen, die in modernen Gesellschaften in den Jahrzehnten vor dem Mauerfall immer wichtiger geworden waren, fand in der DDR kaum statt. Der 1990 einsetzende Umbruch der DDR-Wirtschaft leitete diesen Wandel dann rasant ein. Zieht man die Beschäftigungsstrukturen in Deutschland von 1996 und 2006 als Vergleichsbasis heran, lässt sich allgemein ein stärker wachsender Anteil des Dienstleistungssektors und eine Angleichung des Ostens an den Westen feststellen. Doch mit dem Begriff der Entindustrialisierung ist nicht dieser Strukturwandel zum tertiären bzw. quartären Sektor der modernen Dienstleistungen gemeint, sondern das Wegbrechen einer industriellen Basis, die mit ihrer Wirtschaftskraft die Kaufkraft und Nachfrage in der Region geprägt hat. In einer "Zwischenbilanz der Wirtschaftsentwicklung in Ostdeutschland" haben Ewaldt u.a. (1998) diese Form der Entindustrialisierung in Ostdeutschland anhand der Beschäftigtenzahlen, der Arbeitsplatzverluste in der Industrie und der Forschungs- und Entwicklungsschwäche ostdeutscher Unternehmen beschrieben: Es fand ein allgemeiner Rückgang der Beschäftigung in Ostdeutschland von 10 Mio. Erwerbstätigen auf 6 Mio. im Jahre 1992 statt. Diese rückläufige Entwicklung setzt sich in abgeschwächtem Tempo bis heute fort: 1996 waren immer noch 6 Mio. Personen in Ostdeutschland erwerbstätig, 2006 lag die Zahl bei 5,6 Mio.

In der ostdeutschen Industrie blieben in den 1990er Jahren nur 20 bis 25 Prozent der Arbeitsplätze erhalten. Gleichzeitig lag und liegt die Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe in Ostdeutschland seit Mitte der 90er Jahre konstant bei ca. 12 Prozent des westdeutschen Wertes. Das ostdeutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP), das den Maßstab für die Produktivkraft der entsprechenden Region darstellt, steigerte sich von 7,2 Prozent des gesamtdeutschen BIP im Jahr 1991 bis auf 11,5 Prozent im Jahr 1995. Seitdem ist dieser Anteil aber ungefähr gleich geblieben.

Forschung und Entwicklung (FuE), die unternehmensnah betrieben werden, um neue Produkte auf den Markt zu bringen, sind wichtige Faktoren eines eigenständigen wirtschaftlichen Aufstiegs. Die Beschäftigung in der Industrieforschung der DDR bzw. Ostdeutschlands fiel von 85.800 Personen im Jahre 1989 auf ca. 15.000 im Jahr 1993. Etwa ein Drittel dieser privatwirtschaftlichen FuE wurde damals (1993) vom Staat finanziert. Das Verhältnis in der Personalstärke betrug in dem Jahr 1993 West zu Ost 15:1. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2006 in den neuen Bundesländern ohne Berlin 19.300 Personen im Bereich Forschung und Entwicklung von Unternehmen tätig. Dies entsprach 6,4 Prozent des westdeutschen Personals oder einem Verhältnis West zu Ost von 15,6:1 (Statistisches Jahrbuch 2008, S. 164). Die Verhältnisse haben sich also seit den 90er Jahren kaum verändert, jedenfalls nicht zugunsten Ostdeutschlands verbessert.


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