Denkmal für die Berliner Mauer

30.3.2010 | Von:
Bernd Martens

DDR-Betriebe im Übergang

Die "Verbetrieblichung des sozialen Lebens" in der DDR

Die Betriebe wurden, gerade im Gegensatz zu "schlanken" Unternehmen im Westen, in der DDR zu einer weiten Hineinnahme ("Insourcing") von sozialen Funktionen angehalten. Der Anteil der Beschäftigten im Kultur- und Sozialbereich, bezogen auf die Gesamtzahl der Beschäftigten, lag bei durchschnittlich ca. 6 Prozent (vgl. Deich/Kohte 1997, S. 209). Die Summe der Zuwendungen für kulturelle und soziale Aktivitäten unterschied sich bei den einzelnen Volkseigenen Betrieben (VEB). Hier spielten u.a. Branchenzugehörigkeit, Zusammensetzung der Belegschaft, Betriebsstandort aber auch Unternehmenstraditionen eine Rolle. So war für die kulturellen Aktivitäten des VEB Carl Zeiss Jena (u.a. eine Stadtbibliothek, ein philharmonisches Orchester sowie insgesamt 108 Volkskunstkollektive, Arbeitsgemeinschaften und Zirkel, Stand 1979, Zeiss-Archiv, VA03224) wichtig, dass der Unternehmensgründer Ernst Abbe schon 1903 den Jenaer Bürgern ein Kulturhaus gestiftet hatte. Durchschnittlich wurden bezogen auf die Betriebe und die Beschäftigten jährlich ungefähr Zuwendungen in der Größenordnung eines halben Monatsgehalts gewährt (Deich/Kohte 1997, S. 131).
Freizeitgestaltung mit Arbeitskollegen in einem Thüringer Unternehmen.Freizeitgestaltung mit Arbeitskollegen in einem Thüringer Unternehmen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



"Von der Betriebs- zur Zweckgemeinschaft"

Mit der Wende von 1990 veränderte sich die Situation grundlegend. In einer frühen Darstellung werden diese Vorgänge treffend mit der Formel "von der Betriebs- zur Zweckgemeinschaft" beschrieben (Aderhold u.a. 1994). Die neuen ostdeutschen Unternehmen konnten durch die "thematische Reinigung" erstmals nach rein ökonomischen Effizienzkriterien operieren. Dies sozialverträglich zu gestalten, war jedoch nur möglich, weil zeitgleich ein umfassender Institutionentransfer stattfand, der für die Bereitstellung der weiterhin notwendigen wohlfahrtsstaatlichen Leistungen sorgte.

Die "thematische Reinigung" der ursprünglich ganzheitlichen DDR-Betriebe bewirkte jedoch soziale Probleme, die bis heute nicht gelöst sind. Der Wegfall betrieblicher Leistungen ist nicht überall durch Institutionen aufgefangen worden. So konnten beispielsweise landwirtschaftliche Betriebe zwar nach der Wende ökonomisch "durchstarten". Es verbesserten sich aber nicht die allgemeinen Lebensbedingungen in ländlichen Regionen, weil vormalige Verpflichtungen der Betriebe z.B. für Infrastrukturangebote ersatzlos wegfielen.

Für die Belegschaften hatte der Umbruch einschneidende Folgen. Zusätzlich zum Verlust des Arbeitsplatzes brach die herkömmliche Betriebsgemeinschaft zusammen. Schmidt (1995a, S. 307) schreibt auf der Grundlage der Auswertung von Interviews, die er in ostdeutschen Betrieben geführt hatte, dass in der Rückschau von Betroffenen "weniger die Gratifikationen der 'zweiten Lohntüte' [d.h. der betrieblichen Zuwendungen von den Mitarbeitern] vermisst werden, sondern der die Lebenswelt integrierende Charakter der Betriebe und die 'warmen', ganzheitlichen betrieblichen Sozialbeziehungen". Diese Verlusterfahrungen lassen sich an einer merklichen Veränderung des Freizeitverhaltens und einer Einschränkung der Kontakte zu Kollegen ablesen.

Schlägt man den Bogen zurück zu dem langfristigen Trend der "Verzweckung von Betrieben", so können die Folgen des ökonomischen Umbruchs in Ostdeutschland noch längst nicht als geklärt gelten. Man kann die Frage stellen, ob "die extreme Scheidung zwischen hochgradig bereinigten und verschlankten betrieblichen Produktions- und Arbeitsprozessen auf der einen Seite und privater Lebensführung wie öffentlicher Daseinsvorsorge auf der anderen Seite" (Lutz 1995, S. 157) nachhaltig sein wird. Die Antworten auf diese Frage fallen bis heute gegensätzlich aus.

Von den Betrieben berücksichtigte Positionen
bei der Planung der Kultur- und Sozialausgaben

  • Verbesserungen der Arbeitsbedingungen
  • Maßnahmen der Arbeiterversorgung
  • Kinderbetreuung
  • Entwicklung des geistig-kulturellen Lebens
  • Gesundheitliche Betreuung
  • Arbeitserleichterungen für werktätige Frauen und Mütter
  • Sportliche Beteiligung der Werktätigen
  • Unterstützung der Verteidigungsbereitschaft
  • Kulturelle, sportliche und touristische Betätigung der Jugend
  • Betriebliches Erholungswesen
  • Betriebliches Wohnungswesen
  • Betreuung der Veteranen
  • Zuwendungen für Arbeitsjubiläen
Quelle: Formular 826 für VEB, Bildung und Verwendung des Kultur- und Sozialfonds, Carl Zeiss Archiv Jena, Signatur VA 5227


Planungen des VEB Freiberger Präzisionsmechanik für das Jahr 1990
Essenteilnehmer, Versorgungsgrad 80 %* 635
Kulturgruppe, 12 Mitglieder 1
Krippenplätze 32
Kindergartenplätze 56
Übernachtungsplätze in betrieblichen Erholungseinrichtungen 54
Reisen in betriebliche Erholungseinrichtungen 240
Plätze in Kinderferienlager, Versorgungsgrad 66,9 % 75
Anträge auf Wohnungen 73
Insgesamt waren für das Planjahr 1990 Ausgaben in Höhe von 598.000 M vorgesehen, das entsprach einem Durchschnitt von
847 M/Beschäftigtem. Im Durchschnitt verdiente 1989 ein Beschäftigter in der DDR 1.311 M.
* Bei einem Versorgungsgrad von 80 % essen voraussichtlich 4/5 der Belegschaft in der Betriebskantine und 20 % speisen außerhalb.
Quelle: Carl Zeiss Archiv Jena, Statistisches Jahrbuch der DDR 1990, S. 144


Literaturhinweise

  • Aderhold, J. u.a., Von der Betriebs- zur Zweckgemeinschaft, Berlin 1994.
  • Deich, I./Kohte, W., Betriebliche Sozialeinrichtungen, Opladen 1997.
  • Kohli, M., Die DDR als Arbeitsgesellschaft? Arbeit, Lebenslauf und soziale Differenzierung, in: Kaelble, H./Kocka, J./Zwahr, H. (Hrsg.), Sozialgeschichte der DDR, Stuttgart 1994, S. 31-61.
  • Lutz, B., Betriebe im realen Sozialismus als Lebensraum und Basisinstitution, in: Schmidt, R./Lutz, B. (Hrsg.), Chancen und Risiken der industriellen Restrukturierung in Ostdeutschland, Berlin 1995, S. 135-158.
  • Schmidt, R., Die Bedeutung der sozialen Beziehungen für die ostdeutsche Produktionsmodernisierung 6 (1995), S. 455-462.
  • Schmidt, W., Metamorphosen des Betriebskollektivs, in: Soziale Welt 46 (1995a), S. 305-325. Tyrell, H., Soziale und gesellschaftliche Differenzierung, Wiesbaden 2008.

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