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Kirchennähe und -ferne


30.3.2010
Gut 60 Prozent der DDR-Bürger gehörten im Jahr der Einheit keiner Religion an. Bis heute spielt im Osten Religion eine untergeordnete Rolle. Aber auch im Westen verlieren die Kirchen an Bindungskraft. Was sind die Gründe dafür?
Nur eine Minderheit der Ostdeutschen gehört einer Kirche an (Gottesdienst bei Dresden, 2003).Nur eine Minderheit der Ostdeutschen gehört einer Kirche an (Gottesdienst bei Dresden, 2003). (© AP)

Fakten



Das Ausmaß der Religionszugehörigkeit in Ost- und Westdeutschland spiegelt die unterschiedliche kulturelle Entwicklung wider, die beide Teile Deutschlands während der Zeit der Teilung genommen haben.

Wenn man sich fragt, was von der DDR auf absehbare Zeit bestehen bleiben wird, fallen zwei Merkmale ins Auge: Die Strukturen in der Landwirtschaft und eine Gesellschaft, in der religiöse Bindungen nur eine untergeordnete Rolle spielen. Dies ist ein Gegensatz zu den alten Bundesländern, der sich auch in 20 Jahren gesellschaftlicher Umgestaltung in Ostdeutschland nicht merklich abgebaut hat. Stattdessen ist eher eine langsame Angleichung des Westens an den Osten "im Sinne gemeinsamer Kirchenferne als Kirchennähe zu erwarten" (Datenreport 2008, S. 380).

Ähnliche Ausgangsbedingungen 1945



Bindung an Religionsgemeinschaften.Bindung an Religionsgemeinschaften. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Nach dem 2. Weltkrieg lagen ähnliche Ausgangsbedingungen hinsichtlich der allgemeinen Kirchenbindung vor. Der Volkszählung von 1950 zufolge gehörten 80,5 Prozent der Gesamtbevölkerung in der DDR der evangelischen Kirche an. Der Anteil der Katholiken betrug 11 Prozent (Pollack 1994, S. 271). Die entsprechenden Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland lauteten bei deren Gründung im Jahr 1949 50,6 Prozent für die evangelische und 45,8 Prozent für die katholische Kirche. In beiden deutschen Staaten gab es also eine ähnliche Kirchenbindung, wenngleich die DDR gerade die Kernländer der Reformation umfasste und dementsprechend stark evangelisch geprägt war. In der BRD wiederum existierte "zum ersten Mal in der neueren deutschen Geschichte ein tendenzielles Gleichgewicht der beiden Varianten des Christentums", das vermutlich erst die Entstehung einer überkonfessionellen christlichen Partei mit einem großen politischen Gewicht ermöglichte (Wehler 2008, S. 205).

In der DDR wandelte sich innerhalb von zwei Generationen die anfänglich starke evangelische Volkskirche zu einer Minderheitenkirche. Man muss davon ausgehen, dass nach 40 Jahren DDR, also 1989, der Anteil der Konfessionslosen zwischen 60 und 70 Prozent lag, während die Prozentsätze für die evangelischen und katholischen Christen nur noch 25-30 bzw. 4-5 Prozent betrugen (Pollack 1994, S. 271; Statistisches Jahrbuch der DDR). Die Kirchenbindung in der BRD war im Vergleich dazu relativ konstant und sehr viel stärker geblieben. Genaue Zahlen sind aber schwierig anzugeben. Es bestehen Differenzen zwischen Hochrechnungen des Statistischen Bundesamtes auf der Grundlage der Volkszählung von 1987 und repräsentativen Bevölkerungsumfragen, die einen ähnlichen Zeitraum abdecken. Vermutlich wird durch die Art der Stichprobenziehung dieser Befragungen die Kirchenbindung in Westdeutschland eher überschätzt.

Gründe für den starken Einbruch der Kirchen in der DDR



Religionszugehörigkeit in Ost- und Westdeutschland.Religionszugehörigkeit in Ost- und Westdeutschland. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
1. In der DDR gab es einen staatlich organisierten "Kirchenkampf" insbesondere in der Anfangsphase der DDR, der sich auf die Kirchenbindung auswirkte. So waren die 50er Jahre durch hohe Austrittshäufigkeiten gekennzeichnet. Entscheidend war aber, dass die Eintrittsbereitschaft während der gesamten Geschichte der DDR niemals merklich anstieg. Die Fähigkeit der Kirchen zur Selbstergänzung über Taufe und Konfirmation war immer eingeschränkt und konnte die Austritte nie ausgleichen (Pollack 1994, S. 276). Zwar stieg die Bereitschaft beispielsweise zur Taufe seit den 70er Jahren wieder leicht an. Aber auch Entspannungsphasen im Verhältnis von Kirche und Staat in den 70er und 80er Jahren konnten den Mitgliederschwund nicht aufhalten.

2. Unabhängig von staatlicher Repression könnte die mangelnde Anziehungskraft der Kirchen in der DDR auch in säkularen Tendenzen begründet sein, die verschiedentlich auch in Kirchenkreisen so interpretiert wurden, dass in modernen Gesellschaften Christen generell in eine Minderheitenposition kämen. So sagte der langjährige Vorsitzende des Kirchenbundes in der DDR, Albrecht Schönherr, im Jahre 1988: "Das Schicksal, dass wir Christen zur Minderheit werden, teilen wir mit den meisten Industriestaaten der Welt" (zit. n. Pollack 1994, S. 271ff.). Dies stimmt für die Kirchen in Ostdeutschland; und es lässt sich durchaus für das wiedervereinigte Deutschland die These begründen, dass es "Religion und Kirche besonders schwer fällt, ihre Funktion für die moderne Gesellschaft und den in ihr lebenden Menschen plausibel zu machen" (Pollack 1994, S. 280). Doch trotz dieser Probleme befinden sich die christlichen Kirchen in Westdeutschland bislang nicht in der Minderheit. Allgemeiner gesehen, widerspricht der Annahme eines generellen Zusammenhangs zwischen technischem Fortschritt ("Modernität" einer Gesellschaft) und geringer Kirchenbindung auch, dass sich die DDR gerade durch Modernisierungsdefizite auszeichnete; und ferner lässt sich im globalen Maßstab beobachten, dass Religiosität relativ unabhängig vom wissenschaftlich-technischen Fortschritt auftritt. Dass es einen generellen säkularen Trend moderner Gesellschaften gibt, lässt sich also nicht belegen, doch in einzelnen Ländern insbesondere Europas nahm und nimmt die Bindungskraft der Kirchen ab.

"Möchten Sie, dass Ihre Kinder getauft werden?""Möchten Sie, dass Ihre Kinder getauft werden?" Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Schlussfolgerung lautet also, dass sowohl staatliche Unterdrückung als auch säkulare Tendenzen die gesellschaftliche Stellung der Kirchen in der DDR unterminierten. Die Repressionen des Staates schwächten entscheidend die Fähigkeit der Kirchen, alte Anhänger zu binden und neue zu gewinnen. Kirchenzugehörigkeit wurde immer mehr zur bewussten Entscheidung. Doch einmal in der Minderheitenposition angelangt, wirkte sich dies negativ verstärkend auf die Kirchenbindung aus, weil die Volkskirche in hohem Maße gerade davon lebt, "dass die Mitgliedschaft in ihr nicht ausdrücklich zum Gegenstand persönlicher Entscheidungen gemacht wird" (Pollack 1994, S. 279).

Die gesellschaftlichen Bedingungen in der DDR kamen erschwerend hinzu. So lässt sich anhand sozialwissenschaftlicher Studien des Zentralinstituts für Jugendforschung (Leipzig) von 1988 nachweisen, dass die statistische Wahrscheinlichkeit für die Weitergabe elterlicher Weltanschauungen an die Kinder in atheistisch geprägten Familien weitaus größer war als in christlich orientierten (Pollack 1994, S. 282). Dies erstaunt deshalb, weil in dieser Zeit, gegen Ende der DDR, die Attraktivität der Kirchen für jüngere Menschen wuchs. Die Kirchen boten eine Alternative zur "Perspektivlosigkeit des offiziellen Systems" (Pollack 1994, S. 288). Diese Kirchennähe schlug sich statistisch aber nicht in einem merklichen Ausmaß nieder.


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