Denkmal für die Berliner Mauer

29.11.2010 | Von:
Michael Fritsch / Michael Wyrwich / Yvonne Schindele

Anpassungsprobleme in der ostdeutschen Unternehmenslandschaft

2. Transformation "von unten"

Neben der Umstrukturierung der DDR-Altbetriebe "von oben" fand auch eine Transformation "von unten" statt. Hierbei handelte es sich um die Gründung neuer Unternehmen. Diese Unternehmen fanden in den frühen 1990er Jahren günstige Ausgangsbedingungen vor, da in der Frühphase der Transformation nur relativ wenige Anbieter vorhanden waren. Trotz dieser vorteilhaften Ausgangssituation (siehe Item "Von (fast) Null auf Hundert - Selbstständigkeit nach der Wiedervereinigung") hatten ostdeutsche Neugründungen jedoch oftmals mit Problemlagen zu kämpfen, die denen der Altbetriebe nicht unähnlich waren.

Ein wesentliches Problem ostdeutscher Gründer waren mangelnde Kenntnisse und Erfahrungen mit den Anforderungen einer Marktwirtschaft. Vor allem fehlende Fertigkeiten im Managementbereich stellten ein Wachstumshemmnis dar (Wyrwich, 2010) und erhöhten das Risiko des Scheiterns (Hinz und Wilsdorf, 1999). Außerdem verfügten ostdeutsche Gründer in der Regel über nur geringes Eigenkapital. Die mangelnde Ausstattung mit Eigenkapital vieler Ostdeutscher lässt sich u.a. anhand des soziökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in einem Ost-West Vergleich, vor allem für die frühen 1990er Jahre, zeigen. [1]

3. Fazit

Alles in allem ist festzuhalten, dass sowohl die Transformation "von oben" als auch die Transformation "von unten" mit spezifischen Problemen verbunden waren. Beide Entwicklungen führten zu dramatischen Verschiebungen der Eigentümerstruktur. Während gegen Ende der DDR nahezu alle Beschäftigten in staatlichen Großbetrieben tätig waren, belief sich der Anteil der in DDR-Altbetrieben Beschäftigten im Jahr 2000 auf weniger als 35 Prozent (alte DDR-Staatsbetriebe).

Die durch die Transformation "von unten" geschaffenen Arbeitsplätze konnten die mit der Transformation "von oben" verbundenen Arbeitsplatzverluste während der ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR nicht ausgleichen. Trotz massiver Abwanderungen von Arbeitskräften ist die Arbeitslosenquote im Gebiet der ehemaligen DDR im Jahr 2009 immer noch doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern.
Entwicklung des Anteils an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.Entwicklung des Anteils an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Durch den massiven Arbeitsplatzabbau in den Altbetrieben und aufgrund des "Kleinbleibens" vieler Gründungen besteht die ostdeutsche Wirtschaft heute fast ausschließlich aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Großunternehmen fehlen weitestgehend. Die Unternehmenszentralen sind nach wie vor fast ausnahmslos in Westdeutschland angesiedelt. Nur wenige Unternehmen sind exportorientiert. Was einerseits ein Anzeichen für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ist, stellt andererseits einen Vorteil dar, da ostdeutsche Unternehmen durch die Fokussierung auf lokale Märkte die Folgen einer Krise der Weltmärkte im Durchschnitt besser abfedern können.

Literaturhinweise

  • Fritsch, Michael (2004), Entrepreneurship, Entry and Performance of New Businesses Compared in two Growth Regimes: East and West Germany, Journal of Evolutionary Economics, 14, 525-542.
  • Hinz, Thomas und Wilsdorf, Steffen H. (1999), Das Scheitern von Betriebsgründungen in den neuen Bundesländern, in: Bögenhold, Dieter und Dorothea Schmidt (Hrsg.), Eine neue Gründerzeit? Die Wiederentdeckung kleiner Unternehmen in Theorie und Praxis, Amsterdam: G+B Verlag Fakultas, S. 263-282.
  • Seibel, Wolfgang (2005), Verwaltete Illusionen: Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990-2000, Campus Verlag: Frankfurt a.M.
  • Wyrwich, Michael (2010), Assessing the role of strategy and "socioeconomic heritage" for rapidly growing firms: evidence from Germany, International Journal for Entrepreneurial Venturing, Vol.1, No. 3, 245-63.

Fußnoten

1.
Beim SOEP handelt es sich um eine jährlich wiederholte Befragung eines festen Personenstamm zu verschiedenen soziökonomischen Aspekten.
Creative Commons License

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