Denkmal für die Berliner Mauer
1|2 Auf einer Seite lesen

29.11.2010 | Von:
Michael Fritsch / Michael Wyrwich / Yvonne Schindele

Ein langer Weg

Anpassungsprobleme in der ostdeutschen Unternehmenslandschaft

Von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft: Innerhalb kürzester Zeit mussten sich die Betriebe und Unternehmen in Ostdeutschland den neuen Bedingungen anpassen. Diese Umwandlung führte zu dramatischen Verschiebungen der Eigentümerstruktur.
Viele Verbraucher in den neuen Ländern bevorzugen "Ostprodukte".Viele Verbraucher in den neuen Ländern bevorzugen "Ostprodukte". (© AP)


Fakten

Als vor fast 20 Jahren die Bundesrepublik die Volkwirtschaft der DDR "erbte", kam es zur Umwandlung (Transformation) der damaligen DDR-Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür war die Privatisierung der ehemaligen Volkseigenen Betriebe (VEB), die als Transformation "von oben" ("top down") umgesetzt wurde. Parallel hierzu fand eine große Anzahl von Gründungen neuer Unternehmen statt; diese Transformation geschah, spiegelbildlich gesehen, "von unten" ("bottom up").

1. Transformation "von oben"



Die Organisation der Privatisierung staatlicher DDR-Betriebe oblag der noch zu DDR-Zeiten gegründeten Treuhandanstalt. Ziel war es, die VEB der DDR nach den Grundsätzen einer Marktwirtschaft zu privatisieren und so die "Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern" (§ 8 Treuhandgesetz) oder, sofern dies nicht möglich war, die betreffenden Betriebe stillzulegen. Die Praxis der Treuhandanstalt stütze sich auf die von Detlev Karsten Rohwedder, ihrem zweiten Präsidenten, formulierte Leitlinie: "Schnelle Privatisierung, entschlossene Sanierung, behutsame Stilllegung".


Am 1. Juli 1990 waren der Treuhandanstalt etwa 8.500 Betriebe mit mehr als 4 Millionen Beschäftigten unterstellt. Durch die Entflechtung von Kombinaten stieg die Zahl der Betriebe mit der Zeit zunächst noch deutlich an. Bis zur Selbstauflösung der Treuhand am 31. Dezember 1994 wurden 8.134 Betriebe an private Investoren veräußert oder reprivatisiert, ferner 310 Betriebe in kommunale Hände überführt und 3.718 Betriebe stillgelegt. Die hohe Anzahl der Schließungen war sowohl auf das Erbe der sozialistischen Planwirtschaft wie auch auf die dramatisch geänderten Rahmenbedingungen zurückzuführen. Als erklärende Faktoren sind hier insbesondere zu nennen:
  • Geringe Arbeitsproduktivität: Gegen Ende der DDR lag die Arbeitsproduktivität der ostdeutschen Betriebe im Durchschnitt bei nur knapp 30 Prozent des westdeutschen Niveaus. Auch zwanzig Jahre nach der Wende, im Jahr 2009, sind im Schnitt lediglich ca. 80 Prozent des westdeutschen Produktivitätsniveaus erreicht. Die Gründe für die geringere Arbeitsproduktivität der ostdeutschen Betriebe sind vielfältig. Während die in der Regel veralteten Produktionsanlagen nicht zuletzt aufgrund großzügiger Investitionshilfen relativ zügig ausgetauscht werden konnten, war die erforderliche Anpassung der Fachkenntnisse und Qualifikationen der Beschäftigten weitaus schwieriger und langwieriger. Insbesondere fehlte es den meisten ostdeutschen Führungskräften oftmals an Kenntnissen der Funktionsweise einer Marktwirtschaft sowie an Wissen in zentralen Bereichen des Managements, wie Marketing oder Rechnungswesen.
  • Durch die Einführung einer einheitlichen Währung am 1. Juli 1990 im Gefolge der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion stiegen die Löhne in Ostdeutschland innerhalb weniger Jahre von 7 Prozent des westdeutschen Niveaus auf ca. 80 Prozent. Da sich die Arbeitsproduktivität in ostdeutschen Unternehmen aber nicht im gleichem Maße erhöhte, führte dies zu Arbeitsstückkosten, die im Vergleich zu westdeutschen Unternehmen höher waren, was sich negativ auf Wettbewerbsfähigkeit und Gewinne der ostdeutschen Betriebe auswirkte.
Während zur Zeit der DDR zwei Drittel der ostdeutschen Exporte in andere osteuropäische Länder des ehemaligen RGW (= Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) gingen, zogen die Preise der ostdeutschen Produkte mit der deutschen Währungsunion zum 1. Juli 1990 drastisch an. Dies führte dazu, dass die Absatzmärkte innerhalb der RGW wegbrachen. Zudem erschwerte die negative Reputation vieler ostdeutscher Produkte, denen der Ruf minderer Qualität anhing, den Absatz auf dem ostdeutschen Markt. Daher verloren viele ostdeutsche Unternehmen ihren gesamten Kundenstamm und waren gezwungen, neue Geschäftsbeziehungen zu Kunden und Lieferanten aufzubauen. Diese Faktoren führten insgesamt dazu, dass die Transformation "von oben" mit einem immensen Arbeitsplatzabbau einherging.

2. Transformation "von unten"

Neben der Umstrukturierung der DDR-Altbetriebe "von oben" fand auch eine Transformation "von unten" statt. Hierbei handelte es sich um die Gründung neuer Unternehmen. Diese Unternehmen fanden in den frühen 1990er Jahren günstige Ausgangsbedingungen vor, da in der Frühphase der Transformation nur relativ wenige Anbieter vorhanden waren. Trotz dieser vorteilhaften Ausgangssituation (siehe Item "Von (fast) Null auf Hundert - Selbstständigkeit nach der Wiedervereinigung") hatten ostdeutsche Neugründungen jedoch oftmals mit Problemlagen zu kämpfen, die denen der Altbetriebe nicht unähnlich waren.

Ein wesentliches Problem ostdeutscher Gründer waren mangelnde Kenntnisse und Erfahrungen mit den Anforderungen einer Marktwirtschaft. Vor allem fehlende Fertigkeiten im Managementbereich stellten ein Wachstumshemmnis dar (Wyrwich, 2010) und erhöhten das Risiko des Scheiterns (Hinz und Wilsdorf, 1999). Außerdem verfügten ostdeutsche Gründer in der Regel über nur geringes Eigenkapital. Die mangelnde Ausstattung mit Eigenkapital vieler Ostdeutscher lässt sich u.a. anhand des soziökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in einem Ost-West Vergleich, vor allem für die frühen 1990er Jahre, zeigen. [1]

3. Fazit

Alles in allem ist festzuhalten, dass sowohl die Transformation "von oben" als auch die Transformation "von unten" mit spezifischen Problemen verbunden waren. Beide Entwicklungen führten zu dramatischen Verschiebungen der Eigentümerstruktur. Während gegen Ende der DDR nahezu alle Beschäftigten in staatlichen Großbetrieben tätig waren, belief sich der Anteil der in DDR-Altbetrieben Beschäftigten im Jahr 2000 auf weniger als 35 Prozent (alte DDR-Staatsbetriebe).

Die durch die Transformation "von unten" geschaffenen Arbeitsplätze konnten die mit der Transformation "von oben" verbundenen Arbeitsplatzverluste während der ersten zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR nicht ausgleichen. Trotz massiver Abwanderungen von Arbeitskräften ist die Arbeitslosenquote im Gebiet der ehemaligen DDR im Jahr 2009 immer noch doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern.
Entwicklung des Anteils an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten.Entwicklung des Anteils an sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Durch den massiven Arbeitsplatzabbau in den Altbetrieben und aufgrund des "Kleinbleibens" vieler Gründungen besteht die ostdeutsche Wirtschaft heute fast ausschließlich aus kleinen und mittelgroßen Unternehmen. Großunternehmen fehlen weitestgehend. Die Unternehmenszentralen sind nach wie vor fast ausnahmslos in Westdeutschland angesiedelt. Nur wenige Unternehmen sind exportorientiert. Was einerseits ein Anzeichen für mangelnde Wettbewerbsfähigkeit ist, stellt andererseits einen Vorteil dar, da ostdeutsche Unternehmen durch die Fokussierung auf lokale Märkte die Folgen einer Krise der Weltmärkte im Durchschnitt besser abfedern können.

Literaturhinweise

  • Fritsch, Michael (2004), Entrepreneurship, Entry and Performance of New Businesses Compared in two Growth Regimes: East and West Germany, Journal of Evolutionary Economics, 14, 525-542.
  • Hinz, Thomas und Wilsdorf, Steffen H. (1999), Das Scheitern von Betriebsgründungen in den neuen Bundesländern, in: Bögenhold, Dieter und Dorothea Schmidt (Hrsg.), Eine neue Gründerzeit? Die Wiederentdeckung kleiner Unternehmen in Theorie und Praxis, Amsterdam: G+B Verlag Fakultas, S. 263-282.
  • Seibel, Wolfgang (2005), Verwaltete Illusionen: Die Privatisierung der DDR-Wirtschaft durch die Treuhandanstalt und ihre Nachfolger 1990-2000, Campus Verlag: Frankfurt a.M.
  • Wyrwich, Michael (2010), Assessing the role of strategy and "socioeconomic heritage" for rapidly growing firms: evidence from Germany, International Journal for Entrepreneurial Venturing, Vol.1, No. 3, 245-63.
1|2 Auf einer Seite lesen

Fußnoten

1.
Beim SOEP handelt es sich um eine jährlich wiederholte Befragung eines festen Personenstamm zu verschiedenen soziökonomischen Aspekten.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Was Kathrin erlebt, erzählt sie im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich".

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990
Dossier

Ostzeit

Die Fotografen der Agentur Ostkreuz erzählen in ihren Bildern Geschichten aus einem vergangenen Land – authentisch und ungeschönt. Sie zeigen den Alltag, die Arbeit und die Menschen hinter der DDR.

Mehr lesen

Stacheldrahtsperre in der Bernauer Straße: Volkspolizisten halten Ost-Berliner in Schach, 13. August 1961
Online-Angebot

Chronik der Mauer

28 Jahre war die Berliner Mauer Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. In zeitlicher Abfolge werden Ursachen, Verlauf und Folgen von Mauerbau und Mauerfall durch Texte, Film- und Tonmaterial, Fotos und Zeitzeugeninterviews dargestellt.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Bildwortmarke BReg
Angebote der Bundesregierung

Freiheit und Einheit

"Freiheit und Einheit" ist die Internetseite der Bundesregierung zur Erinnerung an die Ereignisse rund um Friedliche Revolution und Wiedervereinigung. Hier finden Sie eine Chronik der Ereignisse, Veranstaltungshinweise sowie eine umfangreiche Mediathek.

Mehr lesen auf freiheit-und-einheit.de