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Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland


30.3.2010
Wie hat sich die Zahl der Arbeitslosen in den vergangenen Jahren in Deutschland entwickelt? Welche Unterschiede bestehen zwischen Ost und West? Und welche Personengruppen tragen ein hohes Risiko, arbeitslos zu werden?
"Umbruchsarbeitslosigkeit": Schlagartig wurden im Osten Millionen von Arbeitskräften entlassen. - Menschen am Eingang der Agentur für Arbeit."Umbruchsarbeitslosigkeit": Schlagartig wurden im Osten Millionen von Arbeitskräften entlassen. (© AP)

Fakten



Das Thema Arbeitslosigkeit prägt wie kaum ein zweites seit Jahrzehnten die öffentlichen Debatten. Der Zugang zum Arbeitsmarkt entscheidet trotz eines entwickelten Sozialstaats immer noch maßgeblich über die Verteilung von Erwerbs- und Lebenschancen. Wer einer entlohnten Erwerbsarbeit nachgeht, verfügt in der Regel nicht nur über ein höheres Einkommen, sondern hat auch größere Chancen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen (u.a. Manske 2005, Kraus 2006).

Im Umkehrschluss ist Arbeitslosigkeit für die Betroffenen und ihre Angehörigen mit einer Reihe von Problemen verbunden. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist die Entwicklung der Arbeitslosenzahlen ein wichtiger Indikator für den Stand der gesellschaftlichen Integration. Im Herbst 2009 galten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) rund 3,4 Millionen Menschen als arbeitslos. Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise rechnen Experten mit einem starken Anstieg in den nächsten Jahren. Die höchste Arbeitslosenquote in Deutschland weist zurzeit die mecklenburg-vorpommersche Stadt Demmin auf (19,7 Prozent im Jahre 2008), die wenigsten Arbeitslosen finden sich im bayrischen Eichstätt (1,6 Prozent). Diese zwei Städte stehen exemplarisch für ein auffälliges Phänomen: Auch 20 Jahre nach der Einheit ist die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland mit 12,9 Prozent immer noch fast doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern (6,9 Prozent). Neben dem Ost-West-Unterschied fällt vor allem die unterschiedliche Betroffenheit einzelner Bevölkerungsgruppen auf: Frauen, Jugendliche und gering Qualifizierte haben ein deutlich erhöhtes Risiko, arbeitslos zu werden.
Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik in den Jahren 1950 bis 1990.Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik in den Jahren 1950 bis 1990. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)

Die Entwicklung der Arbeitslosigkeit im geteilten Deutschland



Nach 1949 gab es in beiden Teilen Deutschlands zwei sehr unterschiedliche Wirtschaftssysteme: Eine Planwirtschaft in der DDR und eine Marktwirtschaft in der Bundesrepublik. Trotzdem entwickelte sich auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze zunächst eine gleichermaßen hohe Nachkriegsarbeitslosigkeit. Beide deutschen Teilstaaten nahmen den Abbau dieser Arbeitslosigkeit als besondere politische Herausforderung wahr. Zumindest anfangs gelang dies auch: Für wenige Jahre herrschte Vollbeschäftigung. Allerdings unterschieden sich die beiden Systeme erheblich, was die Dauer dieser Phase niedriger Arbeitslosigkeit anbetrifft. Die von staatlicher Seite postulierte Vollbeschäftigung blieb bis 1989 ein wesentliches Merkmal der zentralen Planwirtschaft der DDR. Hingegen war das westdeutsche Wirtschaftsmodell deutlich anfälliger für krisenbedingte Schwankungen, weshalb sich seit Mitte der 1970er Jahre eine hartnäckige und konjunkturresistente, strukturelle Arbeitslosigkeit herausbildete (Vogel 1995).

In der Bundesrepublik konnte die anfängliche Arbeitslosigkeit von rund 1,9 Mio. (Arbeitslosenquote: 11 Prozent) schnell reduziert werden, nachdem die Stabilisierungskrise infolge der Währungsreform vom Juni 1948 abgeflaut war. Im Zuge der sogenannten Wirtschaftswunderzeit – einer Phase dynamischen Wirtschaftswachstums, die von Beginn der 1950er Jahre bis zum Beginn der 1960er Jahre reichte – lagen die Arbeitslosenquoten zwischen 0,7 und 2,1 Prozent. Dieses historisch einmalig niedrige Niveau wurde erst ab dem Anfang der 1970er wieder überschritten.

Von den Rezessionen im Gefolge der beiden Ölpreiskrisen (1973 und 1980/81) wurde die Bundesrepublik dann stark getroffen. Binnen weniger Jahre nahmen die Arbeitslosenzahlen deutlich zu. Nicht nur die hohen Zugangszahlen, sondern auch die ansteigende Verweildauer im Erwerbslosenstatus begründeten die Zunahme der Arbeitslosigkeit (Rudolph 1992). In der Folge verfestigte sich in der alten Bundesrepublik in den Jahren bis zur Wiedervereinigung eine Sockelarbeitslosigkeit. Insbesondere die Gruppe der Langzeitarbeitslosen wuchs an. Obwohl die Arbeitslosigkeit infolge eines deutlichen Beschäftigungsaufbaus in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre leicht zurückging, waren zum Zeitpunkt der Einigung in Westdeutschland etwa 2 Mio. Menschen (Arbeitslosenquote: 7,9 Prozent) ohne Arbeit (vgl. Diagramm "Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik in den Jahren 1950 bis 1990").

Offiziell stellte Arbeitslosigkeit in der DDR kein Problem dar. Bereits kurz nach ihrer Gründung trat hier ein Mangel an Arbeitskräften auf, weil es eine Bevölkerungsabwanderung in die Bundesrepublik gab und auch die sowjetische Besatzungsmacht Arbeitskräfte brauchte (Kretzschmar 1992). Die beschäftigungspolitischen Bemühungen richteten sich also auf eine maximale Ausschöpfung aller Arbeitskräfte (Grünert 1996). So erklärt sich auch, weshalb in der sozialistischen Arbeitsverfassung nicht nur das Recht auf Arbeit, sondern auch die Pflicht zur Arbeit gesetzlich verankert wurde.

Das Missverhältnis zwischen Arbeitsplätzen und Arbeitskräften führte bereits wenige Jahre nach dem Mauerbau des 13. August 1961 dazu, dass offene Arbeitslosigkeit in der DDR als eine absolute Randerscheinung galt. Obgleich einige Anhaltspunkte dafür sprechen, dass es auch in der DDR trotz oder gerade wegen des im Artikel 24 Abs. 1 der Verfassung festgeschriebenen Rechts auf Arbeit eine gewisse verdeckte Arbeitslosigkeit gegeben hat – Gürtler, Ruppert und Vogler-Ludwig (1990) verorten diese bei rund 15 Prozent [1] – fiel die Arbeitslosigkeit im Vergleich mit der BRD dennoch gering aus. Eine offizielle Arbeitslosenstatistik wurde in der DDR zwar nicht geführt, die Entwicklung des Arbeitsmarkts lässt sich jedoch indirekt an mehreren Indikatoren ablesen. Zum einen deutet die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen auf eine niedrige Arbeitslosigkeit hin. In den 40 Jahren ihres Bestehens stieg die Zahl der Erwerbstätigen in der DDR von 7,2 auf 8,6 Mio. an. Gleichzeitig sank die Bevölkerungszahl um fast 2 Mio. Zum anderen konnte die Zahl der Arbeitssuchenden bereits in den Anfangsjahren auf ein Minimum von 43.000 (1955) reduziert werden. Aufgrund dessen galt Arbeitslosigkeit auch in den ostdeutschen Sozialversicherungssystemen bald als Randerscheinung: Die Arbeitslosenversicherung verlor bereits in den frühen 1950er Jahren weitgehend an Bedeutung (Pierenkemper 2006) und wurde 1977 schließlich vollständig abgeschafft (Schmidt 2004).

Die Wiedervereinigung – umbruchsbedingte Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland und anziehende Konjunktur in Westdeutschland



Nach 1989 veränderte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt. In den alten Bundesländern zog bedingt durch den Wiederaufbau Ost die Konjunktur an und drückte die Arbeitslosigkeit auf das Niveau von 1981 (das entsprach einer Arbeitslosenquote von rund 6 Prozent). Hingegen verloren in den neuen Ländern im Zuge einer rasanten Deindustrialisierung – allein von den 14.000 von der Treuhand verwalteten Betrieben wurden 4.000 bis 1994 aufgrund mangelnder Rentabilität geschlossen (Schubert/Klein 2006) – binnen weniger Jahre mehrere Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz. Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) wurden zwischen 1989 und 1991 mehr als 2,5 Mio. Menschen arbeitslos (Bielenski/Magvas/Parmentier 1992).

Die Gesamtzahl der Erwerbstätigen im neuen Bundesgebiet ging von fast 9 auf 6.7 Mio. zurück. Durch die schlagartige Entlassung von Millionen von Arbeitskräften bildete sich in den neuen Ländern die charakteristische "Umbruchsarbeitslosigkeit" heraus (Vogel 1999). Die öffentliche Hand reagierte mit umfassenden Transferzahlungen und einem aufwendigen Einsatz arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen. Neben Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) – allein im Zeitraum von Oktober 1990 bis Ende 1991 wurden nach Angaben des IAB 440.000 ABM vergeben (Bielenski/Magvas/Parmentier 1992) – waren es vor allem Kurzarbeits- und Vorruhestandsregelungen, mit denen der Arbeitsmarkt entlastet werden sollte. Ohne derartige Instrumente wären die ohnehin stark ansteigenden Arbeitslosenquoten in den Jahren des Systemumbruchs noch höher ausgefallen. Nichtsdestotrotz war die Situation in den neuen Bundesländern durch stetig steigende Arbeitslosenzahlen gekennzeichnet: Bis zum Jahr 2000 wuchsen diese bis auf 18,7 Prozent. In den 20 Jahren seit der Wiedervereinigung überstieg der ostdeutsche Wert das westdeutsche Niveau damit konstant um das Doppelte (vgl. Diagramm "Die Entwicklung der Arbeitslosenquote in den Jahren 1991 bis 2008"). Während sich Ost- und Westdeutschland in der Höhe der Arbeitslosigkeit immer noch deutlich unterscheiden, gibt es bezüglich etlicher Strukturmerkmale Übereinstimmungen: Frauen, ältere Arbeitskräfte und gering Qualifizierte sind in beiden Teilgesellschaften von Arbeitslosigkeit besonders betroffen. Zudem bleibt die Langzeitarbeitslosigkeit trotz abnehmender Dauer der Arbeitslosigkeit ein zentrales Problem.

Diese strukturellen Ausprägungen der Erwerbslosigkeit stellen sich wie folgt dar: Auch 2008 lag die Frauenarbeitslosenquote trotz einer schrittweise erfolgten Angleichung mit 8,9 Prozent noch leicht über der der Männer (8,6 Prozent). In Ostdeutschland haben Frauen schlechtere Erwerbschancen. Ihre Arbeitslosenquoten liegen nicht nur merklich über dem westdeutschem Vergleichswert, auch der Abstand zwischen männlichen und weiblichen Arbeitslosenquoten in den neuen Bundesländern fiel in den 90er Jahren viel länger und in spürbar größerem Umfang zuungunsten der Frauen aus. Deren Arbeitslosenquoten lagen zeitweise um mehr als neun Prozent höher als die der Männer.


Fußnoten

1.
Diese hohe verdeckte Arbeitslosigkeit ergibt sich aus dem Umstand, dass Unternehmen in der DDR in großem Umfang auch dann Personen beschäftigten, wenn diese im Prinzip nicht gebraucht wurden. Im Unterschied zur BRD wurden diese Personen nicht arbeitslos, sondern waren weiterhin in die Betriebe integriert.
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