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Blick zurück ohne Zorn?

Heutige Bilder von der DDR


18.8.2010
Seit 20 Jahren ist die DDR Geschichte. Doch sie lebt zugleich weiter in Erinnerungen, Vorstellungen und Erzählungen. Welche Bilder von der DDR haben die Menschen heute?
Ostalgie: DDR-T-Shirts in der Auslage eines Geschäfts.Ostalgie: DDR-T-Shirts in der Auslage eines Geschäfts. (© AP)


1. Nur Ostalgie oder was? Die DDR lebt im Gedächtnis weiter



Die DDR ist seit fast 20 Jahren untergegangen. Doch sie lebt "virtuell" in Erinnerungen, Vorstellungen, Erzählungen weiter. Oder sie überdauert, beispielsweise im Schulunterricht oder in den Medien, als – oft lückenhaft oder verzerrt – übermitteltes Wissen über historische Zustände und Prozesse. Häufig ist die DDR auch Gegenstand eines ganz persönlichen Systemvergleichs: Wo war sie besser, wo schneidet sie schlechter ab als die Bundesrepublik, der sie im Oktober 1990 weichen musste? – Gewisse Verklärungen sind, wie aktuelle Erhebungen dokumentieren, unübersehbar (vgl. Diagramm "Systemvergleich DDR und BRD").
Systemvergleich DDR und Bundesrepublik.Systemvergleich DDR und Bundesrepublik. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)



Der Sozialwissenschaftler Thomas Ahbe hat die inzwischen wieder etwas abgeebbte "Ostalgie"-Welle in ihren kulturellen Ausformungen analysiert. Er charakterisiert sie als "Laiendiskurs von Ostdeutschen", der dazu dient, "unangenehme Wahrheiten über die Eigengruppe oder das eigene Leben" zurückzuweisen; als "Selbsttherapie" und als kommerzielles Konzept (Ahbe 2005, S. 65). Die Vermarktung ist augenfällig an Versandgeschäften wie ossiladen.de, ostalgie-shop.de oder ostalgie.com, die "alte" Ostprodukte anbieten, nostalgische Gefühle befriedigen und altes Design für neue Stilisierungen bereithalten (vgl. Foto "DDR-Shirts").

Im Folgenden wird ein anderer Ansatzpunkt gewählt, um den alltäglichen heutigen Blick zurück auf die DDR schärfer zu zeichnen. Es werden Befragungsergebnisse zu nachträglichen Einschätzungen der DDR, also der Vergangenheit zugewandte Einstellungen herangezogen. Diese retrospektiven Bilder von der DDR machen tiefgehende und stabile Ost-West-Differenzen deutlich, die sogar Generationen übergreifen. In diesen unterschiedlichen Sichtweisen auf die DDR spiegeln sich gesellschaftliche Problemlagen der letzten beiden Jahrzehnte wie auch der Gegenwart wider. Nachstehend werden diese Zusammenhänge exemplarisch anhand von drei empirischen Zugängen dargelegt.

2. Das DDR-Bild der deutschen Bevölkerung



Bewertung der DDR in den Jahren 1994 - 2004.Bewertung der DDR in den Jahren 1994 - 2004. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Die in vielem positive Bewertung der DDR durch die ostdeutsche Bevölkerung ist relativ konstant (vgl. Diagramm "Bewertung der DDR"). Diese wohlwollende Einschätzung der DDR, die "mehr positive als negative Seiten" gehabt habe, wird von einer Mehrheit von Ostdeutschen auf einen stärkeren Zusammenhalt zwischen den Menschen, ein höheres Maß an sozialer Sicherheit, einen besseren persönlichen Lebensstandard, weniger soziale Ungleichheit und eine höhere soziale Gerechtigkeit zurückgeführt (Neller 2006, S. 83). Ganz allgemein deuten Befragungsergebnisse seit den 90er Jahren darauf hin, dass die Attraktivität der "politischen Gemeinschaft 'Gesamtdeutschland'" im Osten "eher nachgelassen als zugenommen hat". Zudem identifiziert sich immerhin etwa ein Fünftel der Ostdeutschen weder mit dem neuen noch mit dem alten politischen System, ist also in gewisser Weise politisch "heimatlos" (Neller 2006, S. 192, 296). Eine Rückkehr zur sozialistischen Ordnung der DDR wünscht sich indes die überwältigende Mehrheit der ostdeutschen Bevölkerung nicht herbei (vgl. Holtmann u.a. 2009). Ein Ergebnis von Bevölkerungsbefragungen ist, dass die Ostdeutschen mehrheitlich unzufrieden mit ihrem Anteil am gesellschaftlichen Reichtum sind (Klein/Heitmeyer 2009).

Verbundenheit mit der BRD und der DDR.Verbundenheit mit der BRD und der DDR. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
Sozialwissenschaftlich ausgedrückt, weisen Ostdeutsche im Vergleich zu Westdeutschen ein größeres Ausmaß an sozialer Deprivation auf; sie fühlen sich eher sozial zurückgesetzt. Um Deprivation zu messen, gibt es standardisierte Fragen nach dem gerechten Anteil (am Lebensstandard), von dem man glaubt, dass man ihn erhält oder auch nicht bekommt. Dieses Deprivations-Gefühl kann genutzt werden, um die jeweilige Verbundenheit in der Bundesrepublik oder der DDR mit Hilfe statistischer Zusammenhänge zu erklären. Der zeitliche Vergleich der Deprivation weist auf regionale Besonderheiten hin (vgl. Grafik "Verbundenheit mit BRD und DDR in Beziehung zu gerechtem Anteil am Lebensstandard"). Im Westen ist sie von 29,4 Prozent im Jahre 1991 auf 42,1 Prozent 2008 gestiegen. Gleichzeitig sank die Verbundenheit mit der alten Bundesrepublik für diese Personengruppe. Die empfundene "Gerechtigkeitslücke" erklärt also eine geringere Verbundenheit mit der Bundesrepublik oder umgekehrt formuliert: die Verbundenheit und ein fehlendes Deprivationsgefühl hängen zusammen. Die statistischen Beziehungen zwischen sozialer Deprivation und der Verbundenheit mit dem wiedervereinigten Deutschland als Ganzem weisen in die gleiche Richtung: ein als gerecht angesehener Anteil geht mit höherer Verbundenheit einher, die jedoch immer mehr als 60 Prozent der Befragten in West und Ost umfasst. Für die DDR lassen sich aber andere Zusammenhänge nachweisen. Im Zeitraum 1991-2008 fiel der Anteil der Ostdeutschen, die sich depriviert fühlen, von 83,2 auf 72,8 Prozent. Zwar ist die Verbundenheit mit der DDR allgemein gewachsen, doch in der sich depriviert empfindenden Gruppe stärker, so dass zum Teil die Verbundenheit mit dem untergegangenen deutschen Staat durch das gegenwärtige Gefühl der Zurücksetzung erklärt werden kann. Die Besonderheiten der ostdeutschen Situation werden auch in den "DDR-Bildern" sichtbar, die junge Menschen äußern, welche die DDR selbst nicht mehr bewusst erlebt haben.

3. Wie sehen Schüler heute die DDR?



Gesamtbild der DDR unter Schülern nach Ländern/Regionen.Gesamtbild der DDR unter Schülern nach Ländern/Regionen. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)
2006/07 wurde seitens einer Forschergruppe an der Freien Universität Berlin eine großangelegte Befragung durchgeführt, um das DDR-Bild ost- und westdeutscher Schüler zu beschreiben (Schroeder-Deutz/Schroeder 2008). Insgesamt wurden 5.219 Schüler befragt, von denen ungefähr ein Drittel in Ostdeutschland und zwei Drittel im Westen lebten. 18 Prozent waren jünger als 16 Jahre, 82 Prozent 16 Jahre und älter. Diese Schüler haben also keine bewussten Erinnerungen an die Zeit vor der Wende. Die beiden Autoren der Studie Monika Schroeder-Deutz und Klaus Schroeder (2008, S. 374) fassen eine Fülle von Ergebnissen – Einschätzungen der DDR und BRD in Bezug auf diverse Lebensbereiche – zu einem "Gesamtbild der DDR" zusammen (vgl. Diagramm "Gesamtbild der DDR nach Ländern/Regionen"). Dieses Gesamtbild berücksichtigt folgende Dimensionen: Sozialpolitik, Wirtschaftspolitik, Jugend und Familie, Schule und Alltag, Außenpolitik, Merkmale einer Diktatur sowie Repression. Es wurde anhand der Schüler-Bewertungen in Hinsicht auf 24 Aussagen (Meinungsitems) gemessen (Schroeder-Deutz/Schroeder 2008, S. 176 f.). Im Osten dominiert eine neutrale Bewertung der DDR. Im Westen kommt hingegen eine klare Mehrheit von Schülern zu negativen Gesamtbildern der DDR. Werden diese Einordnungen weiter aufgeschlüsselt, beispielsweise nach den Parteipräferenzen der Schüler, so wird deutlich, dass die regionale Herkunft das Urteil über die DDR stärker bestimmt als die jeweilige Vorliebe für die Wahl einer Partei. Die unterschiedliche Bewertung der DDR ist dabei auch unabhängig von der überwältigenden Befürwortung der Wiedervereinigung mit 85 Prozent im Osten und 71 Prozent im Westen.


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